Eine Billion Dollar
893 Seiten

John Fontanelli hat gerade seinen Job verloren, als die Familie Vacchi ihm verkündet, dass er der Erbe eines gigantischen Vermögens ist. Vor fünfhundert Jahren hat sein Vorfahre es gestiftet, damit sein Nachfahre den Menschen ihre verlorene Zukunft wiedergeben kann. Dieses Vermögen ist im Jahr 1995 auf inzwischen eine Billion Dollar angewachsen, die ganz allein John gehören. John, völlig überfordert, gewöhnt sich zwar recht schnell an den Reichtum, weiß aber nicht, wie er damit die Zukunft der Menschheit verbessern soll. Bis ein mysteriöser Mann ihn anruft, der einen Plan zu haben scheint. John traut ihm zunächst nicht, aber nachdem der Mann ihm aus der Patsche hilft, trifft er sich mit ihm. Malcolm McCaine hat tatsächlich einen Plan – und John, der entschlossen ist, sein Erbe auf die bestmögliche Weise zu nutzen, gründet mit ihm seine eigene Firma, die das Weltgeschehen kontrollieren soll …

Dieser fast neunhundert Seiten starke Wirtschaftsthriller illustriert die Macht des Geldes wirklich hervorragend – und das, obwohl er vor über zwanzig Jahren geschrieben wurde und die Handlung in den späten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts spielt. Es hat mich tatsächlich sehr beeindruckt, wie leicht es Andreas Eschbach gelungen ist, eine packende Handlung mit wichtigen Themen zu verbinden, die immer noch aktuell sind. Denn neben dem Geld, das natürlich stets ein Thema bleibt, geht er auch auf Dinge wie den Klimawandel und den Naturschutz ein, und warum es so schwierig ist, die richtigen Maßnahmen zu finden, um die Situation zu verbessern. Ein Teil der Geschichte, der mich dabei besonders beeindruckt hat, war Johns Besuch auf den Philippinen, weil er ihm mehr als alles Andere verdeutlichte, wie die Dinge miteinander verwoben sind – und dass selbst diejenigen, die er für skrupellos hielt, nur das tun, was sie können, um sich selbst und ihre Familie zu ernähren.

Besonders spaßig war die Geschichte aber tatsächlich am Anfang, als John in die Welt der Reichen eingeführt wurde, ohne zu wissen, was er mit dem Geld anfangen soll. Hier konnte ich mich sehr gut in ihn hineinversetzen, weil ich mindestens genau überfordert gewesen wäre wie er. Auch der Aufbau seines Imperiums war interessant, weil er so hervorragend illustriert, wie viel Geld er tatsächlich besitzt. Danach muss ich zugeben, dass die Geschichte mir etwas zu langsam verlief. Es werden viele Informationen geteilt und obwohl es natürlich ein paar interessante Szenen gibt, wurde es erst gegen Ende wieder etwas spannender.

Was mich nämlich ab dem Aufbau von Fontanelli Enterprises gestört hat, war Johns massive Naivität. So gibt es zum Beispiel eine frühe Stelle, als sein Mitgründer McCaine ihn im Grunde hereinlegt, aber auch ausführlich beschreibt, wie genau er John dazu brachte, zu tun, was er will – und trotzdem lernt John nichts daraus, sondern bleibt für den Großteil des Romans (trotz manch neuer Erkenntnisse) naiv genug, um auf einige offensichtliche Manöver hereinzufallen. Dass John sich in dieser Hinsicht so gar nicht entwickelte, fand ich persönlich sehr traurig. Hier hätte es mir besser gefallen, wenn er mehr für sich eingestanden und aus seinen Fehlern gelernt hätte.

Zum Ende hin gibt es noch mal einige überraschende Entwicklungen und das Ende selbst hat mir ebenfalls gut gefallen. Die Geschichte ist besonders gut für diejenigen geeignet, die einen spannenden Wirtschaftsthriller lesen wollen!

Sie wird dich finden
432 Seiten

Millie ist inzwischen glücklich verheiratet und hat zwei Kinder. Zusammen mit ihrer Familie zieht sie in ihr absolutes Traumhaus, froh, ein neues Leben anfangen zu können. Doch so friedlich, wie es den Anschein hatte, ist die Gegend nicht. Ihre Nachbarin macht sich an Millies Ehemann Enzo ran, ihr Sohn Nico zieht sich von ihr zurück und ihre Tochter Ada scheint ebenfalls nicht glücklich zu sein. Was haben die Nachbarn zu verbergen? Warum gibt es in ihrem Haus ein geheimes Zimmer? Was will die Haushaltshilfe, die bei Millie aufräumt? Diese und viel mehr Fragen muss Millie beantworten – vor allem, als dann noch eine Leiche gefunden wird …

Mit „Sie wird dich finden“ findet die Geschichte um Millie einen zufriedenstellenden und sehr spannenden Abschluss. Und obwohl es kleine Referenzen an die vorigen Bücher gibt, lässt sich auch dieser Band unabhängig von den anderen lesen (wobei es aber natürlich nicht schadet, sie chronologisch anzugehen).

Was Freida McFadden einfach großartig hinbekommt, ist es, uns Leser:innen in die Irre zu führen. Die falschen Fährten, die sie einbaut, sind gerade subtil genug, um auf sie hereinzufallen, was mir hier mehr als einmal passierte. Ich war absolut überzeugt von einer bestimmten Theorie, die ich mir im Lauf des Thrillers bildete, weil sie auf genau die richtige Art und Weise angedeutet wurde – nur, um komplett überrascht zu werden, als die Wahrheit herauskam. Ich liebe es einfach, wie es der Autorin immer wieder gelingt, einen Plot zu schmieden, der zunächst offensichtlich scheint, aber dann mit einer großen Überraschung das, was davor kam, in einem anderen Licht darstellt.

Der Schreibstil liest sich flott und flüssig, die Hauptcharaktere sind sehr sympathisch. Tatsächlich gehörten die persönlichen Probleme, mit denen Millie und ihre Familie sich konfrontiert sahen, zu meinen persönlichen Highlights, weil ich mich so aufrichtig um alle Familienmitglieder sorgte. Dadurch, dass auch die Spannung stets erhalten blieb, brauchte ich nur etwas mehr als einen Tag, um die Geschichte in mich aufzusaugen.

Wer die anderen Millie-Thriller gelesen hat und/oder allgemein einen spannenden Thriller mit vielen falschen Fährten lesen möchte, darf hier beherzt zugreifen!

Das kleine Café der zweiten Chancen
240 Seiten

Nach einem Unfall kann Hima Misaki nicht mehr professionell Klavier mehr spielen, aber darüber ist sie eigentlich ganz froh. Doch hat sie Angst, als Neue in der Mittelschule gemobbt zu werden. Auf dem Schulweg begegnet sie einer Frau mittleren Alters namens Sugiura, die sie dazu inspiriert, in die Schule zu gehen und bei Gelegenheit das Café Tacet zu besuchen. Dort gibt es einen ganz speziellen Service: Für 4 Minuten und 33 Sekunden kann die Besitzerin einen ganz besonderen Kaffee machen, der es erlaubt, während dieser Zeitspanne zu einem speziellen Moment der Vergangenheit zu reisen, um eine tief bereute Entscheidung rückgängig zu machen. Als Sugiura und ihr Haus über Nacht spurlos verschwindet, ohne dass sich jemand an sie erinnern kann, sucht Misaki das Café auf – und erlebt, wie verschiedene Menschen dort versuchen, ihr Leben zum Positiven zu verändern. Allerdings können diejenigen, die sich an die alte Realität erinnern, nicht selbst zurück in ihr Leben reisen, um etwas zu ändern. Für Misaki heißt das, dass sie mit ihren Fehlern und Verlusten leben muss – außer, sie ist bereit, den Preis dafür zu zahlen …

Dieses Buch war um einiges dramatischer, als ich es erwartet habe! Natürlich deutet die Kurzbeschreibung bereits auf dramatische Vergangenheiten hin, doch aus irgendeinem Grund hatte ich nicht damit gerechnet, wie dramatisch es tatsächlich werden würde – und dass auch die Gegenwart so einiges an Tragödien bereithält. Deshalb fällt es mir tatsächlich schwer, dieses Buch für diejenigen zu empfehlen, die eine Wohlfühlgeschichte haben wollen – denn obwohl es einige wirklich süße zweite Chancen und glückliche Zukunftsversionen gibt, wird speziell im letzten Kapitel betont, dass man manchmal ein großes Opfer dafür bringen muss.

Doch wenn man weiß, worauf man sich einlässt, bekommt man eine großartige, teils herzzerbrechende, aber letztendlich wunderschöne Geschichte über zweite Chancen und einmalige Gelegenheiten, über Freundschaft, Liebe und Familie. Die Geschichten der einzelnen Personen, die das Café besuchen, war sehr berührend, vor allem, als sie die Gelegenheit bekamen, ihren vergangenen Fehler wiedergutzumachen. Was mir hier positiv aufgefallen ist, ist, dass eine Zeitreise als etwas Gutes dargestellt wird. Diese Menschen müssen nichts opfern, sondern dürfen ein glücklicheres Leben führen, was einfach schön zu lesen war. Speziell, wenn man bedenkt, wie tragisch deren Vergangenheit zum Teil ist, war es umso zufriedenstellender, dass sie eine gute Zukunft haben durften.

Wie gesagt war es hauptsächlich das letzte Kapitel, das mich ein wenig schockierte, obwohl es gleichzeitig wunderschön war. Das Ende ist positiv, hinterlässt aber auch einige offene Fragen, die nicht beantwortet werden. Ich glaube, das war auch das Einzige, was mich ein wenig störte: Dass das Ende ein wenig ZU offen war und ich gerne erfahren hätte, was danach passiert. Zwar bleibt das Gefühl, dass am Ende alles gut wird, aber es ist eben nur ein Gefühl. Hier hätte mir ein Ende gefallen, das denen der vorigen Kapitel ähnlich ist, anstatt in einer Art Cliffhanger zu enden.

Etwas, das ich dafür positiv erwähnen will, ist der Fokus auf Misakis Leben. Die Menschen des Cafés spielen zwar auch eine wichtige Rolle, aber die eigentliche Handlung besteht aus Misakis Erlebnissen. In vielen anderen Geschichten, die die Schicksale mehrerer Charaktere zeigen, gibt es keinen richtigen Hauptcharakter, aber diese Geschichte hat gezeigt, wie effektiv es sein kann, eine zentrale Figur einzubauen, die mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen hat.

Zusammengefasst ist das eine wunderschöne, emotionale Geschichte, die mir sehr gefallen hat, bei der man aber auch beachten muss, dass sie nicht immer etwas zum Wohlfühlen ist!

Murdle: The School of Mystery
240 Seiten

Als Erstsemester fängt Logico frisch am Deduction College an, doch bereits in seinem ersten Jahr ereignen sich mehrere Mordfälle, die es zu lösen gilt. Wer steckt dahinter und warum? Und was hat es mit dem mysteriösen Jungen auf sich, der regelmäßig auftaucht? In jedem Jahr gibt es neue Mysterien zu lösen, die Logico klar machen, dass er niemandem trauen kann – vor allem nicht den Menschen, denen er vertraut …

Ich hatte um ehrlich zu sein nicht erwartet, dass „Murdle – The School of Mystery“ mehr als ein nettes Prequel sein würde, doch zu meiner Überraschung war dieses Rätselbuch nicht nur absolut grandios, sondern wurde sogar zu meinem bisher liebsten Murdle-Teil!

Das liegt hauptsächlich daran, dass sowohl der Rätsel-Faktor als auch die Story wunderbar umgesetzt war. Die Deduktionsgitter ist von der Schwierigkeit diesmal passender gestaltet: Jahr 1 und Jahr 2 haben jeweils drei Verdächtige (mit vier im letzten Fall), Jahr 3 hat vier Verdächtige, Jahr 4 hat drei Verdächtige (mit vier im letzten Fall), unter denen man zusätzlich den Lügner bestimmen muss und in der Zeit nach dem College gibt es vier Verdächtige, von denen einer ein Lügner ist. In vorigen Murdles fiel mir die Suche nach dem Lügner definitiv am schwersten, weshalb ich es passend fand, dass diese Art des Rätsels diesmal ans Ende gesetzt wurde.

Doch das ist noch nicht alles: Zusätzlich gibt es eine Karte des Colleges, eine Karte der Tunnel darunter, Muster in einem Glasfenster, Sternbilder am Himmel, verschiedene Arten, mysteriöse Zeichen zu entschlüsseln und noch einiges mehr. Diese Varietät an Rätseln hat mir sehr viel Spaß gemacht, wobei meine Lieblingsrätsel das Ersetzen von Symbolen durch Buchstaben und das Finden von Bildern im Glasfenster/am Himmel waren. Selbst etwas zu machen, statt z. B. etwas abzulesen, hat hier den Reiz ausgemacht.

Dann ist da noch die packende Handlung, deren einzelne Handlungsstränge mich gleichermaßen fesselten: Die ersten Morde am Deduction College; die Einladung von Dame Obsidian; das Schachbox-Turnier; das Enttarnen der geheimen Gesellschaft; und Logicos persönliches Ansinnen am Ende. Hier hat G. T. Karber mehrere Methoden verwendet, um die Handlung spannend zu gestalten: Die Fälle der einzelnen Handlungsstränge durch Hinweise miteinander verbunden; Fälle eingebaut, die verlangten, zu früheren Fällen zurückzugehen; mehrere Plot-Twists, darunter mindestens einen, der absolut genial war; und, am allerwichtigsten: eine wichtige Charakterentwicklung für Logico und ein stärkerer Fokus auf seine Beziehung zu Irratino. Die letzten beiden Punkte waren es, die den ersten Murdle-Band so besonders gemacht haben und die in den zwei Bänden danach schwächer thematisiert wurden; aus diesem Grund war ich sehr glücklich darüber, hier im Prequel wieder mehr Szenen zwischen den beiden zu lesen.

Aus all diesen Gründen ist dieser Murdle-Band mein liebster geworden und ich kann ihn allen empfehlen, die nicht nur wunderbare Rätsel lösen, sondern gleichzeitig einer spannenden Handlung folgen wollen!

NSA - Nationales Sicherheits-Amt
796 Seiten

In einem Nazi-Deutschland, das früh Mittel zur Überwachung entwickelt hat, inklusive Komputer und ausschließlich bargeldlose Zahlung, ist Helene eine Programmiererin im Nationalen Sicherheits-Amt. Hier entwickelt sie neue Programme, um das Sammeln und Interpretieren von Daten zu erleichtern. Doch sie hat ein Geheimnis: Sie ist in den Deserteur Arthur verliebt, dessen Aufenthaltsort mithilfe ihrer Programme ans Licht kommen könnte. Notgedrungen tut sie alles, um ihn zu beschützen und die Daten zu manipulieren. Zugleich folgen wir Eugen Lettke, der sich auf die Suche nach mehreren Frauen macht und dabei Helenes Hilfe in Anspruch nimmt, weil seine Taten genauso wenig ans Licht gelangen dürfen wie ihre …

Dieser Roman hat es in sich, denn das deprimierende Horrorszenario, das er darstellt, ist erschreckend realistisch. Es macht einem auf unangenehme Weise bewusst, wie leicht es ist, anhand nur weniger Daten alles über eine Person herauszufinden – und wie unmöglich es in der Nazizeit gewesen wäre, sich unter diesen Umständen gegen den Staat aufzulehnen. Die Art und Weise, wie die verschiedenen Methoden zur Überwachung dargestellt wurden, hat mir sehr gut gefallen, weil hier wirklich an alle möglichen Verbindungen gedacht wird.

Der Roman besteht aus zwei Handlungssträngen, die sich schließlich treffen: Zum einen ist da Helenes Leben zusammen mit den vielen Veränderungen und Herausforderungen, denen sie sich stellen muss: Der Verlust einer jüdischen Freundin und eines Familienmitglieds, das Erlernen des Programmierens und ihre Nutzung in der NSA, die Beziehung zu ihrer großen Liebe Arthur und ihre Bemühungen, seine Existenz zu verschleiern, die notgedrungene Zusammenarbeit mit Lettke und das Offenbaren feindlicher Pläne, gefolgt von noch mehr Problemen, die sie niederzuringen drohen. In diesen Handlungsstrang war ich sehr investiert, weil es leicht war, sich in Helene hineinzuversetzen und zu verfolgen, wie sie versucht, die verschiedenen Probleme in ihrem Leben zu lösen. Die Tatsache, dass es hier auch eine große Varietät an Problemen gab, hat die Handlung stets frisch gehalten und ihre Kapitel und Szenen flogen geradezu an mir vorbei. Nur das Ende entsprach nicht meinem Geschmack, weil ich es vergleichsweise unrealistisch fand und deshalb ein realistischeres Ende bevorzugt hätte.

Zum anderen haben wir Lettke, der nach einem Abend als Jugendlicher, in dem er gedemütigt wird, es sich zum Lebensziel macht, die Mädchen von damals zu finden und sich an ihnen zu rächen, sprich: Sie zu vergewaltigen. Tatsächlich besteht fast drei Viertel seines Handlungsstrangs daraus, dass er nach Frauen sucht, die er vergewaltigen kann, unabhängig von ihrer Beziehung zu ihm, sondern einfach, weil es ihn erregt. Und ich muss sagen, dass mir seine Kapitel und Szenen überhaupt nicht gefallen haben und ich es tatsächlich besser gefunden hätte, sie komplett wegzulassen; aber nicht unbedingt deshalb, weil Lettke aufgrund seiner Taten so abstoßend und ekelerregend war, sondern vor allem, weil seine Taten erst nach drei Viertel der Handlung überhaupt plotrelevant waren. Alles, was in dieser Zeitspanne passierte, las sich wie unnötiger, sich immer wiederholender Filler, der um der Grausamkeit wegen grausam und sonst nicht von Belang war. Ja, auch hier lernen wir Möglichkeiten der Überwachung kennen, aber da diese eher das Framing für Lettkes Handlungen sind und nicht im Fokus stehen, hätte ich sie lieber in Helenes Geschichte gelesen. Zudem wäre das Pacing der Geschichte und der ganze Kontext hinter Lettkes Charakter meiner Meinung nach besser gewesen, wenn wir für den Großteil der Handlung nicht gewusst hätten, was er tut. Eine Ausnahme bildet das letzte Viertel, das Lettke endlich etwas Anderes zu tun gibt und sich sehr spannend las, mit dem Bonus eines passenden, aber nicht vorhersehbaren Schlusses.

Zusammengefasst liebte ich Helenes Geschichte also sehr, während mir Lettkes Geschichte überhaupt nicht zusagte. Glücklicherweise steht Helene eher im Fokus, sodass ich den Roman insgesamt betrachtet (und vor allem auf die Schrecken der Überwachung bezogen) sehr empfehlenswert fand. Wobei ich trotzdem eine Kritik habe beziehungsweise etwas, das mir fehlte: Programmierfehler. Computer (oder, in diesem Fall, Komputer) mögen nicht so fehleranfällig wie Menschen sein, aber Fehler machen sie trotzdem. Die Tatsache, dass alle Maßnahmen, die der Staat in die Wege leitete, reibungslos funktionierten und es niemals irgendwelche Programmierfehler gab, kam mir unrealistisch vor. Es ist durchaus realistisch, dass die vorgestellten Komputer so gut funktionieren, dass sie eine nahezu perfekte Überwachung ermöglichen, aber dass niemals auch nur ein unvorhergesehener Fehler unterläuft, kam mir wie fehlendes Plotpotenzial vor. Hier hätte ich es interessanter gefunden, diese einzubauen, um die Handlung noch realistischer und gleichzeitig spannender zu gestalten.

Trotz der erwähnten Kritik hat mir dieser Roman sehr gut gefallen. Tatsächlich ist der einzige Grund, aus dem mir die kritischen Punkte so deutlich ins Auge fielen, die Tatsache, dass Helenes Handlungsstrang so positiv hervorgestochen ist. Das ist sogar noch zu schwach ausgedrückt – er ist wirklich positiv hervorgestochen, hat mich durch den ganzen Roman getragen und stets Lust auf mehr gemacht. Aus diesem Grund ist der Roman für alle Fans spekulativer Geschichte, die realistisch geschrieben ist, eine klare Empfehlung – selbst, wenn man wie ich Lettkes Handlungsstrang nicht viel abgewinnen kann.

Die Analphabetin, die rechnen konnte
448 Seiten

Nombeko wächst im Südafrika der 60er Jahre auf, was nicht gerade eine gute Ausgangsbedingung für ein gesundes und glückliches Leben ist. Zudem ist sie gezwungen, nach einem Autounfall, bei dem sie selbst überfahren wird, danach für den Autofahrer zu arbeiten: Engelbrecht van der Westhuizen, der als Ingenieur mit Atomwaffen zu tun hat. Nombeko, die ein wahres Rechengenie ist, versucht, ihn so lange wie möglich hinzuhalten, was auch ganz gut funktioniert … bis sie und eine Atombombe, die nicht hätte existieren sollen, in Schweden landen, wo Nombeko nach einem Weg sucht, den König auf sie aufmerksam zu machen – was sich natürlich als nicht ganz so leicht erweist …

Dieser humorvolle Roman schafft es nicht nur, ausgesprochen unterhaltsam zu sein, sondern gleichzeitig auf wichtige Themen einzugehen. Dazu nutzt er einen fantastischen schwarzen Humor, den man natürlich mögen muss, den aber zumindest ich sehr genossen habe. Es hat einfach Spaß gemacht, den Roman zu lesen, eben weil er nicht nur lustig war, sondern auf elegante Weise Kritik an Politik und Gesellschaft übte. Elegant deshalb, weil der Roman nicht mit erhobenen Zeigefinger seine Themen anspricht, sondern mit seinem Humor.

Nombeko ist dabei eine äußerst sympathische Protagonistin, die übrigens gegensätzlich zum Titel keine Analphabetin ist (aber tatsächlich fantastisch rechnen kann). Am meisten hat mich hier überrascht, dass ihre außergewöhnlichen Rechenkünste noch nicht einmal so oft zum Einsatz kommen, sondern nur wenige Male innerhalb der Geschichte relevant sind. Sehr viel wichtiger ist Nombekos allgemeine Intelligenz und ihre Entschlossenheit, etwas gegen die Atombombe zu tun. Ich habe sehr mit ihr mitgefühlt, vor allem, als immer mehr und mehr Hindernisse ihren Weg zum Ziel erschwert haben. Es war auf genau die richtige Weise frustrierend, weil man unbedingt will, dass Nombeko ihr Ziel erreicht und zusammen mit ihr darauf fiebert, dass nichts schief geht.

Faszinierend waren zudem die vielen Nebengeschichten, die in die Hauptgeschichte eingewoben waren. Viele Nebencharaktere, die eigentlich nicht für die Handlung relevant sind, bekommen ihre eigene Geschichte, was ich sehr einnehmend fand. Die eigentliche Handlung war mir nämlich manchmal zu ausschweifend, aber ausgerechnet die Hintergrundgeschichten mochte ich dafür sehr. Obwohl die wichtigeren Charaktere eher eindimensional sind, war es faszinierend, ihrer Hintergrundgeschichte zu lauschen. Besonders möchte ich Holger 2 betonen, Nombekos Love Interest, der, wie man seinem Namen schon entnehmen kann, eine sehr ungewöhnliche Geschichte hat.

Zusammengefasst ein sehr unterhaltsamer Roman, der mich mit seinem einzigartigen Humor und seinen Themen sehr begeistern konnte!

Der schlauste Mann der Welt
222 Seiten

Jens Leunich hat noch zehn Tage zu leben, weshalb er die Gelegenheit nutzt, aus seinem Nichtstun auszubrechen und seine Geschichte aufzuschreiben – speziell, wie er es schaffte, an ein Millionenvermögen zu kommen und wie er es danach nutzte, für den Großteil seines Lebens um die Welt zu reisen und nur in Luxushotels zu leben. Doch vor allem: Wieso entschied er sich irgendwann dazu, Nichts zu tun? Und geht das überhaupt?

Dieser kurze Roman war sehr unterhaltsam und regte gleichzeitig zum Nachdenken an. Aufgrund der Länge war ich neugierig, wie ausführlich Jens’ Erlebnisse beschrieben werden würden und war insgesamt zufrieden mit der Darstellung seiner Reisen. Es gibt einen starken Fokus auf den Anfang und wie er an sein Vermögen kam sowie auf die Zeit, die dazu beitrug, dass seine Tage irgendwann gezählt waren. Besonders der Weg zu seinem Geld hat mir sehr gut gefallen, doch auch all die angedeuteten Erlebnisse, die er zwischendurch und vor allem am Ende teilte, weckten meine Aufmerksamkeit. Gerade die angerissenen Abenteuer gegen Ende könnten sicher ein ganzes Buch mit mehreren hundert Seiten füllen, doch so sehr ich gerne von ihnen gelesen hätte, war ich letztendlich doch froh, dass der Fokus auf den wichtigsten Momenten seines Lebens lag. Denn gerade die Tatsache, dass die anderen Momente eben nicht ausführlich beschrieben und stattdessen nur angedeutet wurden, machte sie so besonders.

Was die Botschaft des Romans angeht, kann man sich definitiv darüber streiten, denn so richtig wird sie nicht umgesetzt. Das mag auch an der Länge liegen, die es nicht erlaubt, jedes Thema ausführlich zu besprechen, aber definitiv nicht nur; der Roman selbst widerspricht sich, was seine Botschaft betrifft, nämlich auch. Am Ende war ich mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt eine Botschaft gibt, aber zugegeben stört mich das auch nicht – allerdings wünschte ich, dass es dann auch keine angerissen hätte.

Insgesamt hat mir die kurzweilige Lektüre aber immer noch sehr gefallen, sodass ich mich schon darauf freue, noch mehr von Andreas Eschbach zu lesen!

Monas Augen – Eine Reise zu den schönsten Kunstwerken unserer Zeit
496 Seiten

Als die zehnjährige Mona für eine Stunde ihr Augenlicht verliert, machen sich ihre Eltern Sorgen, dass sie bald für immer erblinden könnte. Ihr Großvater Henry soll sie wöchentlich zu einem Kinderpsychiater bringen, doch dieser möchte Mona stattdessen die Schönheit der Welt zeigen. Jeden Mittwoch geht er mit ihr ins Museum und schaut mit ihr genau ein Kunstwerk an. So lernt sie nicht nur die Geschichte der Kunst kennen, sondern mit jedem Kunstwerk auch etwas über das Leben …

Dieser wunderschöne Roman wird als „Sofies Welt für die Kunst“ beschrieben und das ist tatsächlich sehr akkurat: Von der Renaissance bis zu unserer Zeit lernen wir 52 verschiedene Kunstwerke kennen, die praktischerweise im Vor- und Nachsatz des Buches abgedruckt sind. Zwar zeigen sie aufgrund des kleinen Formats nicht immer alle Details, weshalb ich sie ab und an online recherchierte, aber immer noch genug, um einen sehr guten Eindruck von ihnen zu bekommen.

Hier hat es mich sehr beeindruckt, wie die Zusatzinformationen zu den Kunstwerken und den Erschaffern meinen eigenen Eindruck veränderten. So ist zum Beispiel das allererste Kunstwerk – Botticellis „Venus und die drei Grazien übergeben einem jungen Mädchen Geschenke“ – nicht unbedingt eins, das ich ausführlich betrachtet hätte, doch sobald ich las, wie viel Hintergrund in diesem Fresko steckt, war ich unglaublich fasziniert davon. So ging es mir auch mit anderen Kunstwerken, wie de Champaignes „Ex voto“, de Goyas „Stillleben mit Schafskopf und Rippenstücken“, Duchamps „Flaschentrockner“ und Pollocks „Silber über Schwarz, Weiß, Gelb und Rot“. Sie gehörten zu denen, die mich beim puren Anschauen nicht beeindruckten, aber durch die näheren Informationen, die Henry gab, sogar zu meinen Lieblingsstücken wurden.

Davon abgesehen gibt es natürlich Kunstwerke, die mich sowohl ästhetisch als auch von der Bedeutung her ansprachen: So zum Beispiel Hals’ „Junge Frau“, Gérards „Die interessante Schülerin“, Camerons „Mrs Herbert Duckworth“, Hammershøis „Ruhepause“, Magrittes „Das rote Modell“ und noch viele mehr. Vor allem die Kunstwerke aus den ersten zwei Museen, die die Kunstarten von der Renaissance bis zu den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts abdeckten, konnten mich begeistern, weil mein persönlicher Geschmack den Kunstarten entsprach. Mit anderen Worten: Jeder wird hier wohl Kunstwerke finden, die ihn ansprechen, teils aufgrund ihres Aussehens, aber definitiv auch wegen ihrer Bedeutung.

Eine kleine Kritik, die ich für die Geschichte habe, ist, dass jedes Kapitel sehr ähnlich gestaltet ist. Zunächst bekommen wir einen Einblick in Monas Leben, danach schaut sie sich mit Henry ein Bild an und danach reden sie darüber, wobei Henry ihr sowohl vom Künstler als auch von der Bedeutung des Werks erzählt. Zwar mochte ich sämtliche Ereignisse und Henrys Ausführungen, hätte mir aber trotzdem ein wenig mehr Varietät in der Reihenfolge der Ereignisse gewünscht.

Dieser Roman ist nicht nur für Kunstbegeisterte geeignet, sondern auch für alle, die eine schöne Geschichte lesen und etwas aus ihr mitnehmen wollen. Aber natürlich schadet es mitnichten, ein gewisses Interesse an Kunst zu haben!

Nachtfahrt
400 Seiten

Als Katha hört, dass ihr Vater, ein talentierter Fahrlehrer, von der Straße abgekommen sein soll, will sie es nicht richtig glauben. Von ihrer Familie ist jetzt nur noch ihre Nichte Ronja übrig – doch möglicherweise nicht für lange. Denn jemand hat Ronja entführt, und verlangt, dass Katha innerhalb von 48 Stunden "die Wahrheit" finden soll. Während sie zusammen mit dem Fahrlehrer Delf panisch nach einem Grund sucht, warum es jemand auf ihre Familie abgesehen haben könnte, läuft nicht nur ihre Zeit, sondern auch die der Entführten immer weiter ab ...

Dieser Thriller ist spannend und durch seine kurzen Kapitel sehr flüssig zu lesen, vor allem, weil er uns Leser:innen ordentlich auf Trab hält. Neben Kathas Geschichte, die durch das Zeitlimit bereits spannend genug ist, folgen wir auch Corinna, einer weiteren Entführten, die sich mehreren "Prüfungen" stellen soll. Die Abwechslung war hier sehr gut, weil sie mich zusätzlich hat fragen lassen, wie genau die beiden Geschichten zusammenhängen – wobei ich allerdings Kathas Geschichte deutlich mehr mochte.

Denn zwar sind beide Geschichten gleichermaßen spannend und beide Protagonistinnen sympathisch, doch Corinnas Geschichte enthielt leider auch eine große Schwäche: Nämlich, dass ihr Entführer lächerlich böse war. Ich konnte ihn während des gesamten Romans nicht ernst nehmen, weil er so klischeehaft und kindlich war; selbst, wenn solche Menschen tatsächlich existieren, lesen sie sich in der Fiktion eher bedauernswert als bedrohlich. Zwar hatte auch dieser Handlungsstrang Szenen, die ich sehr mochte, aber die ganze Zeit habe ich mir einen ernstzunehmenderen Antagonisten gewünscht.

Dafür war ich umso begeisterter von Kathas Geschichte. Zwar habe ich den Twist relativ früh vorhergesehen, was ich schade fand, aber dennoch gab es ein paar gute falsche Fährten, in die ich vorher tappte. Und vor allem: Die ganze Zeit fieberte ich mit ihr mit und war neugierig, was als nächstes passieren und was sie als nächstes planen würde. Schön war auch, dass ihre persönliche Geschichte beleuchtet wird, sodass wir sie noch näher kennenlernen.

Beide Handlungsstränge münden in ein fantastisches, atemloses Finale, das ich trotz der oben genannten Schwächen als Highlight empfand. Der Thriller selbst war ja schon spannend geschrieben, doch das Finale setzt noch mal eine ordentliche Schippe obendrauf. Zusammen mit dem zufriedenstellenden Ende ging ich letztendlich positiv aus dem Buch hervor.

Wer also nichts gegen Klischee-Bösewichte hat und einen kurzweiligen, packenden Thriller sucht, ist hier an der richtigen Adresse!

Die Abschaffung des Todes
655 Seiten

James Windover ist Chefredakteur der teuersten Tageszeitung der Welt, weil sein Team sich darum bemüht, das Weltgeschehen möglichst objektiv darzustellen. Sein Interesse ist geweckt, als er hört, dass drei berühmte Unternehmer die Firma Youvatar gegründet haben, deren Zweck unter strenger Geheimhaltung steht. Bei der Einführungsveranstaltung kommt dieser Zweck schließlich heraus: Die Gründer von Youvatar möchten den Tod abschaffen. Die Pläne dazu hören sich beeindruckend realistisch an und James soll untersuchen, ob sie es auch wirklich sind. Es dauert nicht lange, ehe er auf einen Schriftsteller stößt, dem einer der Youvatar-Gründer über eine Million für das Löschen einer Kurzgeschichte gezahlt hat, die sich mich genau diesem Thema beschäftigt. Was versucht das Unternehmen, zu verbergen? James ist entschlossen, es herauszufinden, selbst, wenn es ihn selbst in Gefahr bringt …

Dieser Roman war mein erster Thriller von Andreas Eschbach, wird aber mitnichten mein letzter sein, weil er mich sehr begeistert hat! Dabei fiel es mir am Anfang tatsächlich schwer, reinzukommen, weil wir sehr viele Informationen zu den Charakteren und anderen Handlungsdetails bekommen, die sich nicht immer interessant lasen. Doch sobald man den Anfang überwunden hat, kommt die Geschichte ordentlich ins Rollen und war eine wahre Achterbahnfahrt. Besonders gut fand ich, wie ausgeglichen hier die Mischung aus Spannung und Informationen war – während ich die Verfolgungsjagd, der James sich stellte, angespannt verfolgte, nahm ich gleichzeitig die Informationen über die Gehirnforschung neugierig auf. Zugegeben habe ich mitnichten alles verstanden, aber die Gedankenexperimente machten es einfach, zumindest die Grundzüge zu begreifen.

Die spannendsten Szenen waren für mich diejenigen, in denen die Kurzgeschichte erzählt wurde, weil das über einen längeren Zeitraum mit vielen Unterbrechungen erfolgte, die mich (auf positive Weise) wahnsinnig gemacht haben. Andreas Eschbach gab ihr ein hervorragendes Build-Up, das sich ordentlich auszahlte und mich zum Nachdenken brachte. Zusammen mit den vielen anderen spannenden Szenen hatte ich ein sehr einnehmendes und gleichzeitig bereicherndes Leseerlebnis.

Was ich ebenfalls sehr mochte, waren die persönlichen Probleme, die James plagten – sowohl die Beziehung zu seiner Partnerin als auch die Beziehung zu seinem Vater. Für die Haupthandlung spielen diese, wenn überhaupt, zwar nur eine geringe Rolle, brachten mir dafür aber James als Hauptcharakter umso näher. Hier hilft es auch, dass ich den Fokus auf die Probleme genau richtig gesetzt fand – nicht so viel, dass es von der Haupthandlung ablenkt, aber genug, um in sie investiert zu werden.

Das Ende war ein wenig plötzlich und wirkte so, als würde etwas fehlen, ohne, dass ich genau sagen konnte, was es war. Letztendlich fand ich es zwar trotzdem gut, weil es noch einen letzten interessanten Twist gab, aber eben keinen, den ich erwartet hatte.

Speziell Lesende von spannenden Politikthrillern werden hier sowohl viele Informationen als auch viele packende Momente finden, während Lesende von eher „klassischen“ Thrillern damit rechnen müssen, dass die Spannung ein wenig später losgeht – aber dann umso fesselnder ist!

Frau Komachi empfiehlt ein Buch
304 Seiten

Eine Verkäuferin, die den Sinn ihrer Arbeit hinterfragt. Ein Buchhalter, der einen Antiquitätenladen eröffnen will. Eine ehemalige Zeitschriftenredakteurin, die ihren Job und ihre Familie unter einen Hut bringen möchte. Ein arbeitsloser Mann, der nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen will. Und ein Rentner, der nach einer neuen Beschäftigung sucht. Sie alle besuchen Frau Komachis Bibliothek, um ein Buch auszuleihen – und sie alle bekommen eins, das ihnen auf ganz persönliche Weise weiterhilft …

Dieser Roman besteht aus fünf Geschichten, die zwar durch Frau Komachi und ein paar grobe Referenzen verbunden sind, ansonsten aber für sich stehen. Beeindruckend fand ich es, dass sie sich trotz ihrer Länge (ca. 50-60 Seiten) vollständig anfühlten. Manchmal zwar etwas langsam, aber insgesamt lang genug, dass man in die jeweilige Geschichte investiert wird, aber auch kurz genug, um die Handlung nicht bzw. nicht zu sehr in die Länge zu ziehen.

Deshalb mochte ich jede Geschichte auf ihre Weise, aber die erste am meisten, weil sie eine Botschaft etablierte, die sich auch durch die anderen Geschichten zog: Dass man andere Menschen nicht vorschnell beurteilen soll, weil sie möglicherweise nicht so sind, wie man es erwartet. In der ersten Geschichte spürte ich dieses Thema am meisten, war aber froh, es auch bei den anderen Geschichten zu sehen.

Was ich mir dafür gewünscht hätte, wären mehr Verbindungen zwischen den Geschichten gewesen, sowie mehr zu Frau Komachi selbst. Wie gesagt gibt es ein paar (sehr grobe) Verbindungen, aber sie waren für mich viel zu wenig und ich hätte es begrüßt, wenn die fünf Geschichten sich ein wenig mehr wie eine angefühlt hätten – zum Beispiel, indem die Charaktere sich gekannt hätten oder aufeinander getroffen wären. Zwar treffen sie alle auf Frau Komachi, aber für mich war das leider nicht genug.

Zudem hätte ich mir gerne mehr von Frau Komachi selbst erhofft. Mit jeder Geschichte bekommt sie ein wenig mehr Screentime, aber sie bleibt die gesamte Geschichte über mysteriös und wir erfahren nicht allzu viel von ihr. Selbst die Bücher, die sie vorschlägt, tragen nur teilweise dazu bei, dass die Leben der Charaktere sich ändern, weil es auch andere Faktoren gibt, die sie beeinflussen. Deshalb hätte ich mir gerne gewünscht, auch ein Kapitel zu Frau Komachi zu bekommen, um sie besser kennenzulernen.

Letztendlich begeisterte mich „Donnerstags im Café unter den Kirschbäumen“ zwar mehr, aber trotzdem gefiel mir, auf welche unterschiedliche Weisen Bücher das Leben der Charaktere positiv beeinflusst haben!

Das Geheimnis der Glasmacherin
464 Seiten

Orsola Rosso gehört einer Familie von Glasmachern an, die nach dem Tod des Familienvaters das Erbe selbständig weiterführen müssen. Auch Orsola möchte in das Familienunternehmen einsteigen und beginnt trotz dem Widerwillen der anderen Familienmitglieder heimlich damit, das Herstellen von Perlen zu lernen, um mit ihrem Verkauf der Familie zu helfen. Über die Jahrhunderte hinweg stellt sich die Familie mehreren Herausforderungen, die sie entweder zusammenschweißen – oder voneinander trennen …

Dieser Roman liest sich unglaublich flüssig und beschreibt die Ereignisse um die Rosso-Familie überraschend fesselnd. Als jemand, die sich für Glasbläserei nicht interessiert, war ich fasziniert von den Beschreibungen der Perlenmacherei und den damit zusammenhängenden Problemen, mit denen Orsola und die anderen Familienmitglieder sich konfrontiert sahen. Tracy Chevalier schaffte es hervorragend, das Thema so interessant zu gestalten, dass ich neugierig ihre Beschreibungen verfolgte.

Das liegt teils daran, dass wir alle zentralen Charaktere über fünfhundert Jahre verfolgen – ja, dieselben Charaktere über fünfhundert Jahre hinweg. Die Erklärung ist technisch gesehen magisch (die Geschichte etabliert, dass die Zeit für Orsola und diejenigen, die ihr am Herzen liegen, sehr viel langsamer vergeht), aber sie las sich überraschend natürlich und ich mochte es, sowohl die Familie als auch die Veränderungen in Venedig zu verfolgen. Es war im Grunde die Antwort auf die Frage, wie dieselben Mitglieder einer Glasbläser-Familie während verschiedener Zeiten leben würden, während die Welt sich immer weiterentwickelt. Die Leser, für die das zu übernatürlich klingt, müssen sich jedoch keine Sorgen machen; die Autorin hat diesen Aspekt der Handlung so natürlich eingebaut, dass ich ihn gar nicht infrage gestellt, sondern einfach als gegeben akzeptiert habe. Tatsächlich war ich sehr beeindruckt davon, wie normal die Zeitsprünge in die Handlung eingebaut wurden!

Jedem gezeigten Jahr wird dabei sehr viel Zeit gewidmet, was ich an sich gut fand, in der praktischen Umsetzung jedoch verbesserungswürdig. Einerseits war es natürlich hervorragend, in jedem Jahr tief versinken zu können, doch andererseits hätte ich mir wirklich gewünscht, dass sie in mehrere Kapitel unterteilt gewesen wären. Jede wichtige Zeitspanne bekommt nämlich ein eigenes Kapitel, was im Durchschnitt etwa sechzig Seiten pro Kapitel waren. Eine abschreckende Länge, die hätte aufgelockert werden können, wenn man einige der Absätze, denen eine Leerzeile folgte, zu einem Kapitelende gemacht hätte. Zwar las sich die Geschichte trotzdem flüssig, doch selbst ich als fleißige Leserin fand die Länge der Kapitel viel zu lang.

Von den Charakteren gab es zwar nur wenige, die hervorstachen, doch die, die es taten, taten es dafür umso besser. Speziell Orsola, Antonio, Klingenberg, Domenego und Stella mochte ich sehr und freute mich, sie über all die Jahre zu verfolgen, obwohl manche von ihnen nicht einmal zentral für die eigentliche Handlung waren, aber dennoch einen bleibenden Eindruck hinterließen. Andere Charaktere blieben blasser, aber die Veränderungen, die sie erlebten, waren stets interessant.

Ein wenig verwirrend war das Italienisch, das im Text verwendet wurde. Dadurch, dass die Charaktere ja eigentlich italienisch reden und wir ihre Geschichte übersetzt zu lesen bekommen, machte es für mich keinen Sinn, wenn ihr Text dann doch in Italienisch wiedergegeben wurde. Allerdings ist das nur eine Kleinigkeit, die mich zwar verwirrt, aber nicht gestört hat.

Insgesamt eine flüssig zu lesende Geschichte, die nicht nur für historisch interessierte Leser:innen geeignet ist, sondern auch für alle, die einfach einen guten Roman lesen wollen!

Akikos stilles Glück
384 Seiten

Als Akiko hört, dass ihre beste Freundin eine Solo-Hochzeit feiert, ist sie überrascht. Davor war ihr das Prinzip gänzlich unvertraut und nun überlegt sie, ob so etwas auch für sie in Frage kommen könnte. Doch als sie auf ihren ehemaligen Klassenkameraden Kento trifft, bekommt sie Zweifel, denn er stellt ihr zwei zentrale Fragen: Kennt sie sich? Mag sie sich? Diese Fragen sollten vor einer Solo-Hochzeit doch geklärt werden, meint Kento. Er selbst ist inzwischen ein Hikikomori geworden und lebt als solcher abseits der Gesellschaft, hat keinen Kontakt zu Menschen und geht nur nachts raus. Nur Akiko findet Zugang zu ihm und zwischen ihnen startet eine zögerliche Freundschaft. Diese hilft Akiko nicht nur, über den Tod ihrer Mutter hinwegzukommen und das Mysterium ihres Vaters zu lösen, sondern auch, sich selbst immer besser kennenzulernen: Kennt sie sich? Mag sie sich? Und was will sie mit ihrem Leben anfangen?

Dieser ruhige Roman hat viele inspirierende und emotionale Szenen, die sowohl Akikos als auch Kentos Leben und die Schwierigkeiten, denen sie sich stellen müssen, sehr gut beschreiben. Am liebsten gefielen mir die Erzählungen aus ihrer jeweiligen Vergangenheit, weil diese so gut erklärten, warum sie zu den Personen wurden, die sie in der Gegenwart waren. Zusätzlich liebte ich Akikos Geschichtsideen und Kentos vorgelesene Haikus, weil beides so inspirierend war. Allgemein lernt man die beiden Charaktere überraschend gut kennen, obwohl speziell Kento sehr verschlossen ist. Eine Charakterentwicklung findet zwar eher bei Akiko als bei Kento statt, aber auch so mochte ich beide.

Doch neben den schönen Szenen, philosophischen Gedankengängen und sympathischen Hauptcharakteren hat der Roman trotzdem eine Schwäche: Das Pacing. An sich genieße ich es durchaus, ab und an langsamere Geschichten zu lesen, doch in diesem Fall war sie mir ein wenig ZU langsam. Ich habe mich zwar nicht unbedingt gelangweilt, mich aber doch gefragt, wann es wieder richtig weitergeht. Vor allem, weil es Handlungsstränge gibt, die letztendlich offen gelassen werden – darunter die Solo-Hochzeit, die Akiko irgendwann wieder verwarf, ohne dass ich es als Leserin bewusst mitbekommen hätte. Im Nachhinein waren die verworfenen Handlungsstränge wahrscheinlich Akikos Ideen für ihre Zukunft, bevor sie schließlich die fand, die sie glücklich machte, aber zumindest während des Lesens ist es verwirrend, wenn wichtige Plotpunkte später nicht mehr erwähnt werden.

Von daher empfehle ich den Roman denjenigen, die ruhige Geschichten mit offenen Fragen mögen, während andere den Roman als zu langsam empfinden könnten.

Donnerstags im Café unter den Kirschbäumen
185 Seiten

Jeden Donnerstag kommt eine junge Dame ins Café Marble, bestellt sich einen Kakao und schreibt dort in englischer Sprache Briefe. Wataru ist fasziniert von der Frau, die er Kakao-san nennt und fragt sich, was wohl ihre Geschichte ist. Doch sie ist nicht die einzige Besucherin des Cafés: Es zieht auch eine verzweifelte Mutter, eine Kindergärtnerin, eine frisch Verheiratete, eine Künstlerin und noch viele mehr an: Menschen, deren Schicksale miteinander verwoben sind, oft ohne, dass sie es wissen. Doch neben dem Café Marble haben sie alle eine Gemeinsamkeit: Sie suchen nach ihrem Weg zum Glück …

Dieser wunderschöne Roman zeigt, dass man keine hunderten von Seiten braucht, um ein erinnerungswürdiges Leseerlebnis zu erschaffen. In weniger als zweihundert Seiten erschafft Michiko Aoyama eine Geschichte, die mich sehr berührte und mich am Ende mit einem Lächeln entließ. Die Art und Weise, wie die einzelnen Geschichten erzählt und miteinander verbunden waren, war schlicht ergreifend schön. Der Stil sticht hier besonders hervor: Er ist einfach, aber bildlich und schafft es so, einen leicht in die Geschichte hineinzuziehen. Besonders beeindruckend fand ich, wie gut Michiko Aoyama beschriebene und gezeigte Szenen balanciert hat, sodass beide Arten von Szenen mich gleichermaßen packten!

Dadurch, dass jedes Kapitel aus einer anderen Perspektive erzählt wird, haben die einzelnen Charaktere nur wenig Zeit, hervorzustechen, doch wird diese Zeit sehr gut genutzt: Man bekommt trotzdem einen guten Einblick in sie, und wann immer sie in anderen Kapiteln auftauchten, musste ich lächeln. Die Verbindungen zwischen den Charakteren waren letztendlich der beste Teil des Romans, weil sie zeigten, wie nahe selbst Fremde zueinander stehen können.

Wenn ich mir allerdings etwas wünschen würde, wäre es ein stärkerer Fokus auf das Café Marble gewesen. Mit jeder Sichtweise entfernen wir uns immer weiter davon, was ich schade fand. Es wird zwar oft genug referenziert und wir kehren am Ende auf wundervolle Weise dahin zurück, aber dazwischen liegt der Fokus auf Australien. Das hat zwar einen wichtigen Grund, der mir sehr gefiel, aber dennoch hätte ich gerne noch mehr vom Café selbst gesehen.

Letztendlich ist dieser Roman wunderschön und wohltuend, der sich für alle eignet, die mal wieder einen Roman fürs Herz brauchen!

Murdle: Volume 3
384 Seiten

Nach den ersten beiden Volumes von Murdle war mein Verlangen nach mehr Logikrätseln noch lange nicht befriedigt, weshalb ich beschloss, das dritte Volume auf Englisch zu kaufen – was glücklicherweise sehr viel Spaß gemacht hat!

Das Prinzip bleibt das gleiche: Vier verschiedene Schwierigkeitsstufen mit vier verschiedenen Handlungssträngen, die grob miteinander zusammenhängen. Der erste Teil macht seine Einfachheit durch seine Handlung wett, weil hier der Twist in verschiedenen Fällen geforeshadowt wird, wodurch es Spaß machte, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Ich liebe es einfach, wenn die Details in Beschreibungen sich letztendlich als relevant herausstellen!

Im zweiten Teil, in dem Logico und Irratino um die Welt reisen und nach einem geeigneten Versteck suchen, müssen wir wieder den Lügner unter den Verdächtigen finden. Vom Schwierigkeitsgrad her hat es mir sehr gefallen, weil die Fälle weder zu einfach noch zu schwer waren. Außerdem war die Vorstellung, dass Logico und Irratino überall, wo sie hingehen, zufällig auf eine Leiche treffen, überraschend witzig!

Im dritten Teil sollen die beiden einen geeigneten Bauort für TekTopia finden, wobei hier nicht nur der Twist sehr gut war, sondern auch die Fälle an sich. So war der Schwierigkeitsgrad angenehm und ich mochte es, dass der gesuchte vierte Aspekt (neben Charakteren, Orten und Gegenständen) jedes Mal ein anderer war. Die Variation ändert zwar nicht die Art und Weise, wie das Lösen der Fälle funktioniert, ist aber trotzdem eine nette Abwechslung.

Im vierten Teil müssen Logico und Irratino die wahre Identität hinter der künstlichen Intelligenz MORIARTY enthüllen. Dieser Teil war definitiv am schwierigsten und mehr als einmal musste ich überlegen, wo der Widerspruch bei den Zeugenaussagen steckt. Als Belohnung gab es die dramatischsten Szenen der Handlung, die mich so haben mitfiebern lassen, dass ich sehr motiviert war, die einzelnen Fälle zu lösen.

Was Verbesserungsvorschläge angeht, hätte ich gerne mehr verschiedene Hinweise. Neben den Codes gibt es die Entweder/Oder-Hinweise und diejenigen, die verschiedene Charaktere verschiedenen Clubs zuordnen, um dann in einem späteren Hinweis zu spezifizieren, was genau das bedeutet. Von diesen Hinweisarten hätte ich gerne mehr gehabt, weil es spaßig war, sie zu untersuchen.

Zudem hoffe ich, dass Logicos und Irratinos Beziehung in späteren Murdle-Teilen mehr Fokus bekommt. Im ersten Volume verbrachten die beiden viele Szenen miteinander, in denen sie sich näher kamen, im zweiten Volume waren es deutlich weniger und hier im dritten Volume wieder mehr. Allerdings bleibt ihre Beziehung seltsam in der Schwebe, was ich dann doch irritierend fand, weshalb ich hoffe, dass die Hintergrundgeschichte in zukünftigen Murdles nicht nur interessante Twists, sondern auch eine Charakter- und Beziehungsentwicklung beinhalten wird.

Zusammengefasst sehr coole Logikrätsel gemixt mit einer erstaunlich packenden Handlung, die sicher auch anderen Rätselfans Spaß machen wird!