Camp Rainbow - Zwischen uns die Wolken
432 Seiten

Nachdem Lila ihre beste Freundin küsst, unterbricht diese jeglichen Kontakt zu ihr. Lila ist am Boden zerstört und es ist ausgerechnet ihre Zwillingsschwester Malin, die ihr weiterhilft: Sie schlägt vor, dass Lila sie ins Camp Rainbow begleitet. Lila stimmt zu, auch wenn sie erwartet, es zu hassen. Und tatsächlich ist der Anfang sehr schwer – bis Lila langsam aber sicher auftaut und sich nicht nur ihren Freundinnen und Freunden, sondern auch ihrer Schwester Malin anvertraut …

Wie immer liefert uns Alicia Zett eine emotionale, lebensnahe Geschichte, dieses Mal jedoch mit einer zunächst unsympathischen Protagonistin: Lila machte es gerade im ersten Drittel nicht leicht, sie zu mögen, weil ihr Verhalten so abweisend war und ich mich überhaupt nicht in sie hineinversetzen konnte. Zwar bekommen wir auch Malins Sichtweise zu lesen (die in diesem Aspekt schon sehr viel angenehmer war), doch geht es in diesem Band definitiv um Lila und die Probleme, die sie plagen. Tatsächlich hätte man vermutlich sogar auf Malins Sichtweise verzichten können, ohne allzu viel zu verlieren, doch bin ich dankbar, dass wir auch ihre Sichtweise und den Handlungsstrang mit ihrem Vater erleben durften.

Nachdem Lila im Camp angekommen ist, sich etwas eingelebt hat und neue Freundinnen und Freunde kennenlernt – darunter Emily, zwischen denen es schnell funkt –, war ihre Sichtweise um einiges entspannter zu lesen und auch ihre Probleme gingen mir viel näher. Doch es war nicht die Romanze mit Emily, die mich so packte, sondern Lilas Beziehung zu ihrer Schwester Malin. Die Romanze mit Emily spielt sogar eher eine untergeordnete Rolle, was in diesem Fall aber etwas Positives ist, weil es der Geschichte erlaubt, sich ganz auf die beiden Schwestern zu konzentrieren, sogar mit einer wunderbaren Parallele zu Frozen, die gut zeigt, wie ihre frostige Beziehung nach und nach auftaut. Für mich war sie definitiv das Highlight des Buches und ich mochte es, dass den beiden Schwestern genug Zeit gewidmet wurde, um ihre Beziehung realistisch zu reparieren.

Die Geschichte selbst entwickelt sich recht langsam und cozy, hat nicht die „klassische“ Spannung, sondern fokussiert sich vor allem auf die Charaktere und die Entdeckungen, die sie über sich selbst machen. Als jemand, der charakterfokussierte Geschichten liebt, war das ideal – und gab mir wieder einmal einen wunderbaren Roman aus Alicia Zetts Feder! Ich hoffe, dass auch andere Leserinnen und Leser sich an ihm erfreuen, denn ich habe ihn wirklich sehr genossen :)

Feenfluch – Dein Wunsch soll erfüllt werden ...
384 Seiten

Fast sieben Jahr ist es her, dass ein Fluch die Schlossbewohner in einen verzauberten Schlaf versetzt hat. Damals ist die Bedienstete Kaelith, beste Freundin der Prinzessin, dem Fluch nur deshalb entkommen, weil sie sich nicht im Schloss aufgehalten hat. Sie hat nie die Hoffnung aufgegeben, den Schlaffluch zu brechen – und tatsächlich bietet sich ihr nach all der Zeit endlich eine Möglichkeit: Zusammen mit dem Magier Thorn macht sie sich auf ins Reich der Feen, um sich den Prüfungen zu stellen, die ihr erlauben werden, den Fluch durch einen Wunsch zu brechen – doch zu welchem Preis?

Ich liebe Christian Handels Märchenadaptionen und diese hier beweist einmal mehr, wie gut sie ihm gelingen! Ich liebe seinen wunderschönen Schreibstil, der sehr angenehm zu lesen ist und die märchenhafte Atmosphäre des Buches fantastisch einfängt. Von allen Büchern, die er geschrieben hat, haben mir seine Märchenadaptionen hauptsächlich wegen ihres Schreibstils am besten gefallen.

Aber natürlich nicht nur deswegen, sondern auch wegen den Charakteren und ihrem Abenteuer. Sowohl Kaelith als auch Thorn waren unglaublich sympathisch, ich konnte mich sehr gut in Kaelith hineinversetzen und mochte ihre süße Romanze mit Thorn. Die Art und Weise, wie die Erlebnisse sie einander näherbringen, sie ihre persönlichen Wahrheiten miteinander teilen und ihre Traumata bewältigen, war einfach großartig. Gerade bei Kaelith hat es mich positiv überrascht, wie ihr Trauma ihr anfängliches Verhalten erklärt hat. Sie weigerte sich nämlich beharrlich, die einfachen Wege zum Feenreich zu gehen und bestand darauf, lieber die schwierigen Pfade zu beschreiten. Dadurch wirkte sie zunächst unnötig schwierig, doch sobald man den Grund für ihre Entscheidungen herausfand, fiel alles an seinen Platz.

Thorns Trauma hängt mit ein paar Twists zusammen, von denen man einige sicher vorausahnen kann, andere dagegen umso überraschender waren. So oder so haben sie die Handlung bereichert und mir sehr gefallen.

Die Handlung ist in zwei Teile geteilt: Zum einen Kaeliths und Thorns Reise sowie ihre ersten wichtigen Annäherungen, zum anderen die Prüfungen der Feen. Gerade die Prüfungen waren ein Highlight und sehr gut umgesetzt, aber auch die Reise zu den Feen hat mir gut gefallen, weil sie es Kaelith und Thorn erlaubte, sowohl sich selbst als auch die Welt besser kennenzulernen.

Womit wir bei einer anderen Stärke des Romans wären: Die pure Kreativität der Welt und der Wesen, die sie bewohnen. Allein die einzelnen Feen waren alle fantasievoll beschrieben, aber auch die restlichen Wesen hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Jeder bekommt genug Zeit, um herauszustechen, wobei der beste Nebencharakter allerdings leicht zu nennen ist: Rufus, das Werkaninchen, das Kaelith und Thorn bei ihrer Reise und den Prüfungen hilft.

Neben diesen vielen positiven Punkten gibt es aber durchaus einen wichtigen negativen: Das Ende wurde meiner Meinung nach zu schnell abgehandelt. Sowohl das Finale als auch das eigentliche Ende sind erstaunlich kurz und ich hätte mir gerne mehr Zeit gewünscht, um beides zu verdauen. Doch davon abgesehen haben wir hier eine großartige Dornröschen-Adaption mit vielen kreativen Elementen, einer süßen Romanze und spannenden Prüfungen!

Drei Tage im Schnee
176 Seiten

Hannah braucht dringend eine Auszeit und nimmt sich deshalb ein paar Tage frei, die sie in einer einsamen Hütte mitten im Schnee verbringt. Ihr Alltag wird durch das Auftauchen der kleinen Sophie durcheinandergewirbelt: Das Mädchen bringt Hannah dazu, ihr bisheriges Leben infrage zu stellen – und herauszufinden, welches sie wirklich führen will …

Dieser kurze Roman ist wunderschön und gut zu lesen, inspirierend und zum Nachdenken anregend. Während der drei Tage, in denen wir Hannah folgen, kommen ihr viele Erkenntnisse, teils von selbst und teils mit Sophies Hilfe, und sie alle waren auch für mich als Leserin unglaublich bereichernd.

Ich war tatsächlich sehr überrascht darüber, wie viele neue Ideen und Fragestellungen eingebaut wurden und wie erfrischend die bereits bekannten wirkten. Besonders mochte ich die Metapher des Einweckglases, das mit Steinen, Kieseln und Sand gefüllt wird und während des gesamten Romans eine wichtige Rolle spielt, sowie Hannahs Erkenntnis darüber, dass die meisten Produkte dazu da sind, etwas an sich selbst zu verändern. Selbst bei den offensichtlicheren Erkenntnissen (z.B. dass man das, was man gerade tut, genießen sollte, oder dass man seine irrationalen Ängste durch eine direkte Konfrontation überwinden sollte) gefiel es mir, wie Hannahs eigene Gedanken und Gefühle ihnen etwas Einzigartiges verliehen. Es werden sehr viele Themen angesprochen, wie das Staunen, das Wundern und das Genießen, sodass jeder etwas finden wird, das ihn oder sie persönlich betrifft. Ich selbst hatte sehr oft das Verlangen, mir bestimmte Sätze zu markieren, weil ich sie so schön fand! Es ist mühelos die größte Stärke des Romans: Dass man sich so gut in Hannah hineinversetzen kann.

Zu meiner Überraschung kam Sophie vergleichsweise selten vor. Zwar hilft sie Hannah natürlich dabei, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen und hinterfragt viele Dinge, die Hannah für selbstverständlich hält, aber letztendlich macht Hannah viele Erkenntnisse selbst und wir erfahren gar nicht so viel über Sophie. Ich hatte ihr bezüglich so einige Theorien, weil ihr Auftauchen so surreal erschien, aber tatsächlich bleibt ihre Herkunft offen, sodass man seine eigenen Theorien entwickeln kann.

Auch das Ende selbst wird offen gelassen, was ich sehr passend fand – schließlich kommt es nicht darauf an, ob Hannah ihre neuen Erkenntnisse umsetzen kann, sondern darauf, dass sie es versucht. Insofern hat mich der Roman sehr zufriedengestellt und mich gleichzeitig wunderbar inspiriert, sodass ich ihn mit sehr viel Freude weiterempfehlen kann!

Matcha-Tee am Montag
208 Seiten

Normalerweise hat das Café Marble montags geschlossen, doch ab und an findet ein Matcha-Event statt, das zufälligen Besuchern die Gelegenheit gibt, sich auszuruhen und ihre Sorgen für eine Weile hinter sich zu lassen. Nicht alle Menschen finden in das Café, doch sie alle sind mit ihm – und miteinander – verbunden. Und sie alle brauchen eine Lebensweisheit, die ihnen bei ihren Problemen weiterhilft …

Die vorigen zwei Romane von Michiko Aoyama, von denen eins das Café Marble bereits thematisierte, haben mir sehr gut gefallen, doch muss ich zugeben, dass der Zauber mit dem dritten Buch ein wenig verflogen ist. Vielleicht habe ich es auch einfach in der falschen Stimmung gelesen, aber letzten Endes mochte ich es nicht so sehr wie seine Vorgänger.

Das lag vor allem daran, dass die zwölf Sichtweisen kaum Gelegenheit bekommen, einen Eindruck zu hinterlassen. Zwar hatte schon der erste Café-Marble-Band viele Charaktere, aber diese kamen mir trotz ihrer kurzen Screentime ausgereifter vor als die Hauptcharaktere in diesem Band. Nur sehr wenige sind mir in Erinnerung geblieben, tatsächlich merkte ich mir eher die Verbindungen zwischen den Charakteren als die Charaktere selbst.

Diese waren nämlich nach wie vor großartig und schufen aus den kleinen Geschichten ein großes, zusammenhängendes Ganzes. Ich mochte die Momente, in denen ich realisierte, wie der derzeitige Sichtcharakter in Kontext zu den anderen steht – nur den Sichtcharakter selbst konnte ich selten lieb gewinnen, weil einfach nicht genug Zeit dafür blieb.

Aber das, was mich am meisten störte, war die Tatsache, dass alle Kapitel auf eine ähnliche Botschaft hinauslaufen, ohne eine große Überraschung und ohne großen Mehrwert. Entweder realisieren die Charaktere, dass ihre derzeitige Situation doch nicht so schlimm ist wie befürchtet oder sie kommen zu einer wirklich sehr offensichtlichen Erkenntnis, wie sie sie verbessern können, was in beiden Fällen ein wenig frustrierend war. Gerade bei ersterem, bei dem die Charaktere ihre Situation schlicht anders framen, kam es mir sehr gezwungen vor, weil man das schließlich bei absolut jeder Situation machen kann und der Confirmation Bias sein Übriges tut.

Obwohl es also ein paar herausstechende Szenen gab, war ich letztendlich ein wenig enttäuscht von der Lektüre, weil ich mir mehr Tiefe erhofft hatte. Für einen Read für zwischendurch eignet sich das Buch immer noch großartig, aber für mehr leider nicht.

Geister
864 Seiten

Samuel ist schockiert, als er hört, dass seine Mutter Faye, die er seit zwanzig Jahren nicht gesehen hat, einen Gouverneur mit Steinen beworfen hat und deshalb vors Gericht soll. Ihr Anwalt möchte, dass Samuel ihr bei der Verteidigung hilft, während gleichzeitig sein Lektor verlangt, dass er ein Buch schreibt, das sie schlecht darstellt. Samuel selbst ist tief verletzt, weil seine Mutter ihn als Kind im Stich gelassen hat, während damals gleichzeitig seine große Liebe wegzog. Als er jedoch mehr über Fayes Vergangenheit herausfindet, ahnt er, dass die ganze Situation um einiges komplexer ist, als er es vermutete …

Nathan Hills Roman „Wellness“ hat mir ausgesprochen gut gefallen, weshalb ich unbedingt seinen ersten Roman „Geister“ lesen wollte. Doch so ganz hat er meine Erwartungen leider nicht erfüllt und stellenweise sogar enttäuscht. Dabei war der Großteil der Handlung wirklich hervorragend umgesetzt; allerdings hat das Ende mir wirklich nicht gefallen, was der ganzen Geschichte einen sehr bitteren Beigeschmack gegeben hat.

Aber fangen wir am Anfang an: Diese Geschichte ist zwar einfacher als „Wellness“ gestrickt, schafft es aber fantastisch, Samuels und Fayes Gegenwart durch die Ausführungen ihrer Vergangenheit in einen anderen Kontext zu rücken. Gerade Samuels Freundschaft mit Bishop und seine Gefühle für Bethany waren fantastisch geschrieben, und auch Fayes Kindheit und Jugend (vor allem vor den Aufständen in Chicago) konnten mich mühelos packen. Besonders effektiv war die Art und Weise, wie der Kontext von Bishops Vergangenheit Samuels Gegenwart beeinflusste, weil ich das nicht kommen sah und mich dieser „Oha!“-Moment sehr beeindruckte. Das war definitiv der stärkste Teil der Geschichte, der es schaffte, die vergangenen Ereignisse packend zu beschreiben.

Die separaten Storylines von Pwnage und Laura sind ebenfalls großartig. Leider kommen sie eher seltener vor und haben keine allzu starke Verbindung zu der Haupthandlung (beziehungsweise haben sie natürlich schon eine, aber eine vergleichsweise schwache), aber die Nebengeschichten an sich haben mir trotzdem sehr gut gefallen.

Bei Fayes Vergangenheit war ich froh, dass hier gewisse Klischees glücklicherweise vermieden wurden, aber die letzten hundertfünfzig Seiten, die sich teils den Aufständen in Chicago und teils dem Ende widmen, waren recht verwirrend, stellenweise langatmig und hatten einen vergleichsweise enttäuschenden Twist. Und dann ist da das Ende selbst, was mich überhaupt nicht zufriedenstellte, weil verschiedene Handlungsstränge entweder offen gelassen oder unbefriedigend abgeschlossen werden. Es gibt auch viele offene Fragen, die teils sogar zentral für die Handlung sind und nicht beantwortet werden. Ich habe mich am Ende gefühlt, als hätte ich gerade einen ganzen Roman gelesen, dem das Ende fehlt. So viele zentrale Handlungselemente kriegen keinen oder keinen guten Abschluss, was meine Meinung über den Roman im Gesamten leider negativ beeinflusste.

Ich persönlich würde anderen Leser:innen eher empfehlen, „Wellness“ zu lesen, das es hervorragend schafft, eine komplexe Handlung zu entwerfen, großartige Twists einzubauen und ein zufriedenstellendes Ende zu bieten.

Very Dangerous Things - Mord nach Plan
464 Seiten

Jährlich findet auf der J. Everett High ein Krimispiel statt, das die Schülerinnen und Schüler für ein Preisgeld lösen können. Dieses Mal jedoch ist die Leiche echt: Xavier Torres, das für das Spiel auserwählte Opfer, wird von seiner Exfreundin Sierra tot aufgefunden. Sofort gilt sie als Hauptverdächtige und jeder sieht den Fall als so gut wie gelöst an. Auch Dulce liegt nicht viel daran, zu ermitteln, weil Sierra sie einst in einer wichtigen Angelegenheit verraten hat. Dulces beste Freundin Emi überredet sie, sich des Falles trotzdem anzunehmen, doch das macht es nicht leichter, den Täter zu finden. Ist es der Neue Zane, der ständig mit Dulce flirtet? Ist es die unschuldig wirkende Rose, mit der Emi gerade viel Zeit verbringt? Ist es Enzo, Xaviers Bruder, der ihn nicht ausstehen konnte? Oder doch Sierra, die sie alle anlügt? Dulce macht sich daran, den Fall zu lösen …

Diesem Jugendthriller gelingen einige Dinge ganz hervorragend – und einige leider nicht. Der Kriminalfall selbst ist großartig, weil absolut alle auf ihre Art verdächtig erschienen, valide Motive für den Mord haben und verdächtiges Verhalten an den Tag legen. Aus diesem Grund war ich auch für einige Zeit unsicher, wer letztendlich der Täter oder die Täterin sein wird, obwohl ich durchaus Vermutungen hatte. Nur leider war der Täter leider sehr, sehr offensichtlich – sogar so sehr, dass ich wirklich hoffe, dass die Geschichte einen anderen Weg einschlagen wird. Leider wurde ich diesbezüglich enttäuscht, was dem ganzen Fall einen unangenehmen Nachgeschmack gegeben hat. Vielleicht bin ich inzwischen einfach zu genre-savvy, aber dieser Aspekt des Falls hat mich persönlich sehr enttäuscht.

Auch, was die Charaktere angeht, brauchte ich eine ganze Weile, um mich für sie aufzuwärmen. Am Anfang waren mir fast alle unsympathisch, weil ihr Verhalten gegenüber Dulce bestenfalls herablassend und schlimmstenfalls antagonistisch war. Das schließt auch Charaktere ein, die sympathisch wirken sollen, wie Emi und Zane. Allein dadurch, dass so viele Charaktere verletzende Geheimnisse vor Dulce hatten, brillierten sie nicht gerade durch ihre Freundlichkeit. Im Lauf der Handlung wurde das allerdings besser, Dulce und Zane entwickelten eine sehr süße Romanze, Emi zeigte ihre Qualitäten als beste Freundin und auch andere zunächst unsympathische Charaktere – wie Sierra und Enzo – bekamen Momente, in denen sie ihre Vielschichtigkeit präsentieren konnten. Mit anderen Worten: Die Charaktere waren zunächst ein Kritikpunkt, entwickelten sich dann aber zu einem positiven Aspekt der Handlung.

Jemand, der zum Glück stets sympathisch war, war Dulce selbst. Sie macht zwar auch Fehler, ist ausgesprochen stur und ein wenig zu entschlossen, gewisse Charaktere (nicht) zu beschuldigen, aber nicht nur wird ihr Verhalten sehr gut erklärt, sie entwickelt sich während der Handlung auch und sieht ein, dass sie sich nicht immer richtig verhalten hat. Zudem schafft die Geschichte es großartig, ihre Beobachtungs- und Kombinationsgabe tatsächlich zu zeigen, während sie gleichzeitig realistische Fehler macht und den Fall nicht komplett im Alleingang löst. Das alles hat sie nur noch sympathischer gemacht und sie war neben Zane mein Lieblingscharakter.

Alle Charaktere haben natürlich ein Geheimnis, von dem sie auf keinen Fall wollen, dass es herauskommt – aber wie schon beim Haupttäter selbst fand ich es stellenweise erschreckend einfach, den Großteil ihrer Geheimnisse (und damit einen Teil der Twists) zu erraten. Natürlich nicht alle, aber doch einen erwähnenswerten Teil. Es kommen teils recht vorhersehbare Handlungsstränge vor, die diejenigen, die bereits viele Krimis bzw. Thriller gelesen haben (vor allem im Jugendbereich) relativ leicht kommen sehen können. Zum Glück gibt es auch welche, die überraschender sind, aber eben nicht nur.

Letztendlich war ich hin- und hergerissen, weil der Kriminalfall an sich sehr gut gemacht ist, seine Verdächtigen fantastisch vorstellte, aber auch Handlungselemente hatte, die man sehr leicht vorhersehen kann – andere Leser:innen vielleicht sogar noch besser als ich. Gleichzeitig war der Roman aber mitnichten schlecht, weil die vielen Geheimnisse mich gut durch die Handlung trieben und ich selbst die vorhersehbaren gut eingebracht fand. Von daher würde ich diesen Jugendthriller vor allem denjenigen empfehlen, die noch nicht so viele gelesen haben.

Don't Let Me Go
400 Seiten

Als Riley Jackson zum ersten Mal begegnet, wird er ohnmächtig und träumt von einem Leben in Pompeji, in dem er und Jackson ein Paar waren. Das verunsichert ihn sehr, und Jackson scheint zunächst auch nicht besonders sympathisch zu sein, weil er ignorante Kommentare zu Riley, seinen Freunden und queeren Menschen im Allgemeinen macht. Gleichzeitig stellt er sich aber auch als überraschend feinfühlig und sympathisch heraus, was Riley nur noch mehr verwirrt. Die beiden werden Freunde – und empfinden bald auch mehr füreinander. Doch beide werden von Träumen von früheren Leben geplagt, die immer mit ihrem Tod enden …

Ich mochte das Konzept der Geschichte sehr, weil ich eine Schwäche für Zeitreise-Geschichten im Allgemeinen und frühere Leben im Speziellen habe, darunter auch die Idee ewiger Liebe. Was kann ich sagen, ich bin eben eine Romantikerin! Doch so stark die Freundschaft und Romanze zwischen Riley und Jackson auch umgesetzt war, sie war definitiv keine „Liebe größer als das Universum“. Das hat es schwer gemacht, mit der zweiten Hälfte der Handlung mitzufiebern, weil Rileys und Jacksons Liebe zwar definitiv vorhanden war, jedoch ihre kurze Zeit miteinander und ihr junges Alter es dann doch ein wenig … lächerlich erscheinen ließen, von ewiger Liebe bzw. über Liebe über den Tod hinaus zu sprechen. Ich konnte diesen Teil der Handlung deshalb nicht ganz ernst nehmen, so sehr ich es mir auch gewünscht hätte.

Betonen möchte ich allerdings, dass zumindest ihre Bindung in der ersten Hälfte tatsächlich fantastisch umgesetzt war. Wie sie sich zuerst miteinander anfreunden und ihre Gefühle füreinander sich dann vertiefen, war großartig – es war im Grunde eine Slow Burn Friends-to-Lovers-Geschichte, die mir ausgesprochen gut gefallen hat. Man hat ihre Chemie hervorragend gespürt, auch wenn ich fand, dass ihre Romanze sich ein wenig zu schnell entwickelte, nachdem Jackson sich seiner Gefühle bewusst wurde. Gerade, weil der Aufbau recht langsam war, war ich überrascht, wie schnell sich die Ereignisse überschlugen, sobald Jackson wusste, was er für Riley empfindet. Ihre Romanze war immer noch süß, wenn auch nicht so stark wie vermarktet.

Auch die Protagonisten an sich waren einnehmend, mit eigenen Problemen und Zweifeln und einer eigenen Charakterentwicklung. Riley setzt sich wunderbar für seine Freund:innen ein und Jackson für seine eigene Entwicklung. Ihre Freunde und Familie waren ebenfalls großartig; Rileys beste Freunde Audrey, Tala und Duy haben ihn stets unterstützt, sein Vater war ebenfalls auf seiner Seite, und Jacksons Tante war außerordentlich sympathisch. Natürlich kommen auch Charaktere vor, die bei weitem nicht so offen sind wie die, auf die es ankommt (z.B. Jacksons Eltern), aber die anderen spielen eine wichtigere Rolle und bekommen genügend Screentime, um einen Eindruck zu hinterlassen. Ich glaube, mein persönlicher Lieblingscharakter war Duy, aber sie alle wuchsen mir schnell ans Herz.

Erfrischend war es zudem, dass es zwar ein wenig Ex-Drama gibt, dieses aber elegant gelöst wurde und letztendlich nur einen kleinen Teil der Handlung einnimmt. Allgemein ist die Balance von Handlungselementen sehr gut gelungen; fast alles nimmt genau so viel Zeit ein, wie es braucht. Dazu gehören auch die Beschreibungen von Rileys und Jacksons früheren Leben, die ich besonders fesselnd fand und die glücklicherweise den Fokus auf die Qualität statt auf die Quantität legten.

Gegen Ende kamen leider trotzdem ein paar Schwächen dazu. Das Konzept früherer Leben wurde etwas weiter getrieben, als ich es mir gewünscht hätte, aber gleichzeitig nicht so weit wie angedeutet – ein seltsamer Schwebezustand, der der Glaubwürdigkeit der Geschichte geschadet hat. Zudem hätte ich mir am Ende gerne eine andere Lösung gewünscht, weil einige der Geschehnisse sehr vermeidbar schienen, während andere, die erwähnt wurden, nicht umgesetzt wurden. Und wie gesagt ist die Liebe zwischen Riley und Jackson so stark romantisiert worden, dass sie und das Drama, das um sie herum entsteht, nicht mehr realistisch, sondern übertrieben wirkte.

Insgesamt also eine Romanze mit Stärken und Schwächen, deren Zielgruppe definitiv Jugendliche sind, die aber trotzdem sehr gut zu lesen war. Denn das war ebenfalls eine Stärke des Romans, die ich sehr zu schätzen wusste: Der Schreibstil war sehr angenehm, niemals zu locker, sondern geschmackvoll. Zwar mag ich auch durchaus lockere Schreibstile, wusste es aber zu schätzen, hier eine Ausnahme zu sehen. Letztendlich mochte ich die Geschichte trotz ihrer Schwächen sehr, denn nicht nur glichen die Stärken sie gut aus, sondern boten eine einnehmende Geschichte, die mich sehr gut unterhalten hat!

Das Schiff der verlorenen Kinder
544 Seiten

Nach einem heftigen Streit mit seinen Eltern sperrt Leo sich zusammen mit seinem kleinen Bruder Felix in seinem Zimmer ein, entschlossen, es nie wieder zu verlassen. Doch bald schon spürt er, dass etwas nicht stimmt. Irgendwie sind die beiden Brüder auf einem gigantischen Schiff auf der Rückseite der Wirklichkeit gelandet, doch sie sind nicht allein: Tausende von anderen Kinderzimmern befinden sich hier, und mit ihnen: die Monster. Die beiden helfen einem Mädchen namens Chrissy, ihr Monster zu besiegen, und treffen kurz darauf auf ein anderes Mädchen namens Asra, das seit Monaten auf dem Schiff lebt. Sie schließen sich zusammen, um einen Weg nach Hause zu finden, doch bei den zahlreichen Monstern gestaltet sich das so gut wie unmöglich. Zudem sind mehrere andere Kinder Gefangene der Monster und werden von ihnen gequält. Leo, Felix, Asra und Chrissy sind entschlossen, ihnen zu helfen, doch sie haben nur begrenzte Zeit dafür, bevor eine Gruppe von Kindern sterben soll …

Dieser Fantasyroman hat sowohl Horror- als auch Mysteryelemente, denn gerade die Monster, die die Kinder plagen, waren wirklich furchterregend beschrieben und richtiges Albtraummaterial. Dabei war die Geschichte noch nicht einmal konstant spannend – dadurch, dass die Kinder auch viele Ruhepausen und Beobachtungsphasen haben, passiert nicht immer etwas, aber es war trotzdem interessant zu lesen, weil ich wissen wollte, wie die Kinder das jeweils nächste Problem angehen. Denn natürlich entwickelt sich nicht immer alles, wie die Kinder es sich erhoffen, und dadurch, dass es so viele Hindernisse zu bewältigen gibt, bleibt es trotz Ruhephasen fesselnd. Es hätte vielleicht trotzdem ein wenig weniger davon geben können, aber insgesamt ist die Balance ganz gut. Allerdings wünschte ich, das Ziel der Kinder hätte nicht so häufig gewechselt und ein Teil der Probleme wäre nicht von Leo ausgelöst worden.

Denn es gibt ein paar Szenen, in denen er etwas offensichtlich Unkluges tut, was natürlich für unnötige Schwierigkeiten sorgt, die wiederum gelöst werden – aber eben auch komplett vermeidbar gewesen wären, hätte Leo nicht so überstürzt gehandelt bzw. sich an den Plan gehalten. Am Anfang fand ich sein Verhalten durchaus verständlich, aber spätestens gegen Ende wünschte ich mir, er hätte aus seinen Fehlern gelernt. Auch Felix macht ein paar Fehler, aber bei ihm waren sie sehr viel entschuldbarer, weil er erstens jünger ist und zweitens mit seiner Kreativität und Inspiration wichtige Gegenstände für die Kinder erschafft, die ihnen bei ihrer Monsterjagd helfen.

Das war im Übrigen eine große Stärke des Romans: Ich liebte die Szenen, in denen Felix sich etwas ausdachte, was daraufhin wahr wurde. Er war unglaublich kreativ, hat zu jedem Gegenstand eine eigene Geschichte erschaffen und hatte wie alle Kreativen auch Phasen, in denen ihm nichts einfiel, bis die Inspiration ihn unerwartet überkam. Von den Hauptcharakteren war er mühelos mein Lieblingscharakter – was zugegeben nicht allzu viel aussagt, denn leider blieben alle anderen recht blass.

Ich glaube, das lag auch daran, dass die Perspektive sehr oft wechselt, nicht nur von Kapitel zu Kapitel, sondern öfters auch mitten in der Szene. Ich brauchte eine lange Zeit, um mich an diesen Schreibstil zu gewöhnen, weil er am Anfang so verwirrend zu lesen war; und es auch schwer machte, mit den einzelnen Kindern mitzufühlen. Die vier Hauptcharaktere hat es hier noch am besten erwischt, aber alle anderen Kinder – und das sind viele – waren mir leider herzlich egal. Ich habe mit der Quest mitgefiebert, weil ich Leo, Felix, Asra und Chrissy mochte, aber nicht, weil ich mich um die Kinder kümmerte, die sie retten wollten. Die einzige Ausnahme davon war eine sehr packende Bowling-Szene, die wirklich hervorragend geschrieben war, aber davon abgesehen konnte ich nicht mit den gefangenen Kindern mitfühlen.

Das Finale und Ende waren fantastisch, sehr spannend und zufriedenstellend, lassen jedoch eine wichtige Frage offen: Die reale Welt. Während des ganzen Romans wird sie zwar ab und an erwähnt, spielt aber letztendlich keine Rolle für die Handlung selbst – und erstaunlicherweise auch nicht für die Kinder. Es gibt kein einziges, das zurück nach Hause möchte, kein einziges, das sich nach seinen Freundinnen und Freunden sehnt, und wir erfahren leider auch nicht, was genau in der realen Welt vor sich ging. Teils war das durchaus realistisch (schließlich gelangen die Kinder gerade deshalb auf das Schiff, weil sie sich von zu Hause wegwünschen), aber trotzdem wunderte es mich, dass nicht ein einziges Kind die Sehnsucht danach verspürte. Ein Epilog zu den Ereignissen der realen Welt hätte mir ebenfalls gefallen.

Insgesamt ist dieser Roman vor allem ein guter Fantasyhorror, mit einer großartigen Atmosphäre, einer mysteriösen Welt und einer spannenden Handlung – nur die Charaktere lassen ein wenig zu wünschen übrig.

Hallo, du Schöne
520 Seiten

Die vier Padavano-Schwestern sind seit jeher ein Herz und eine Seele. Julia, die Älteste, ist die, die immer alles unter Kontrolle hat. Sylvie liebt Bücher und geheime Küsse zwischen den Regalen. Und die Zwillinge Emeline und Cecilia haben ebenfalls ihre eigene Sprache. Bis zwei Ereignisse dafür sorgen, dass das Band der Schwestern zu zerreißen droht: Zunächst verliebt sich Julia in den Basketballspieler William, von dem sie aber bald nicht sicher ist, ob er wirklich der Richtige ist. William versinkt nämlich in Selbstzweifel über sein Leben, was so gar nicht zu Julias Lebensstil passt. Mit dem Tod des Vaters droht zudem die ganze Familie auseinanderzubrechen. Erst nach einem weiteren dramatischen Ereignis schaffen es Julia und Sylvie, das Leben zu finden, das sie glücklich macht – doch zum Preis ihrer Schwesternschaft …

In diesem schönen Roman geht es überraschenderweise nicht um alle vier Schwestern, wie ich zunächst erwartete, sondern vor allem um Julia, Sylvie und William. Zwar haben auch Emeline und Cecilia ihre eigenen Handlungsstränge, allerdings sind diese um einiges kleiner und nicht zwingend für die Haupthandlung relevant. Doch glücklicherweise war die Geschichte der drei Charaktere, um die es geht, so einnehmend, dass mir das nichts ausmachte – zumal ich durchaus finde, dass Emeline und Cecilia ihr eigenes Buch verdient hätten.

Gerade Williams Handlungsstrang hat mich sehr gefesselt, weil er sich mit einigen ernsten Themen beschäftigte, speziell Depressionen und wie sehr sie einen über das ganze Leben beeinflussen. Das fand ich hervorragend umgesetzt, weil seine Gedanken so gut eingefangen wurden und ich sehr mit ihm und seinen Problemen mitfieberte.

Auch Julia hat mich sehr begeistert. Da ich selbst ein zielgerichteter Mensch bin, konnte ich mich sehr gut in sie hineinversetzen, aber auch unabhängig davon war es so zufriedenstellend, mit anzusehen, wie sie sich selbst ein Leben aufbaute und später mit den Entscheidungen, die sie traf, konfrontiert wurde. Insgesamt war auch ihr Handlungsstrang großartig und ich mochte die Richtung, in die sie sich entwickelte.

Nur Sylvie habe ich als Schwäche empfunden. Sie hat durchaus wichtige Szenen und gerade gegen Ende wurde ihre Handlung sehr interessant, aber als Charakter konnte sie mich nicht ganz überzeugen. Gerade, weil sowohl Julia als auch William so interessant waren und ihre Probleme einen Großteil der Handlung einnehmen, fiel es Sylvie schwer, sich zwischen ihnen hervorzutun. Hier finde ich, dass ihr später Handlungsstrang sehr davon profitiert hätte, um einiges früher in die Geschichte eingewoben zu sein.

Was mir dafür sehr gefallen hat, war die Tatsache, dass wir etwa fünfzig Jahre der Familie recht ausführlich miterleben. Nur gegen Ende wurde es ein wenig hektisch und es wirkte fast so, als sollte es danach einfach weitergehen, aber im Nachhinein war ich dann doch zufrieden mit dem Ausgang der Geschichte.

Was mir besonders positiv hervorgestochen ist, ist der Umgang mit den Romanzen. Denn eigentlich kommt diesbezüglich etwas vor, das ich normalerweise nicht gerne lese, aber hier war es so gut und so elegant umgesetzt, dass ich positiv überrascht davon war, wie sehr ich sie mochte.

Insgesamt also eine wunderbare, emotionale Familiengeschichte, die ich allen empfehlen kann, die eine besonders gute lesen wollen!

His Face Is The Sun
608 Seiten

Im Reich Khetara werden die Spannungen immer größer. Der alte Pharao siecht an einer Krankheit dahin, und seine siebzehnjährigen Drillinge haben ebenfalls ihre eigenen Probleme; wie Sita, die von einer Romanze mit einer Leibwache träumt, obwohl sie weiß, dass das unmöglich ist. Außerhalb des Palastes sind die Probleme schon größer: Die junge Neff träumt regelmäßig von einer Vision, was schließlich dazu führt, dass sie bei zu einer Priesterin ausgebildet wird und dabei Kenna, den jüngsten Drilling, kennenlernt. Rai, die regelmäßig an Straßenkämpfen teilnimmt, bekommt dagegen eines Tages den Ansporn, sich einer Rebellengruppe anzuschließen, die sich gegen den Pharao stellt. Und Karim, ein Grabräuber, lässt bei einem Einsatz etwas Finsteres frei, was ihn zur Flucht antreibt – auf der Suche nach denjenigen, die ihm sagen können, wie man es aufhalten kann …

Obwohl das Buch „His Face Is The Sun“ heißt, ist derjenige, nach dem das Buch benannt ist – der älteste Drilling Meri – nur eine wichtige Nebenfigur, die in Sitas Sichtweise ab und an vorkommt. Das hat mich sehr überrascht, denn der Prolog, der die Kinder sehr deutlich nach den drei Teilen der Trilogie benennt, suggeriert, dass es in jedem Teil hauptsächlich um den jeweiligen Drilling gehen wird – aber dem ist nicht der Fall. Zwar bringt Meri die Handlung voran und ist für sie unverzichtbar, aber wir lernen ihn kaum kennen, was ich sehr schade fand. Durch Sitas Augen wirkte er recht eindimensional und ich hätte es sehr viel besser gefunden, hätte er entweder eine eigene Sichtweise oder eine enge Verbindung zu den vier Protagonisten gehabt, um seine Tiefe zu zeigen. So, wie es jetzt ist, wundere ich mich eher, warum das Buch nach ihm benannt wurde!

Die eigentlichen Protagonisten und ihre Handlungsstränge sind dafür einnehmend. Am Anfang mochte ich Sita nicht, weil sie sich nur um Liebe und unwichtige Probleme scherte, die im Gegensatz zu den Problemen der anderen nichtig schienen; aber ihre Charakterentwicklung hat mir am besten gefallen und am Ende wurde sie sogar zu meinem Liebling. Die Art und Weise, wie sie zu ihren Fehlern steht und daraus lernt, war sehr zufriedenstellend zu lesen.

Rai ist allein dadurch sympathisch, dass sie sich für andere einsetzt, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten, selbst wenn diese zu ihrem eigenen Nachteil sind. Neff war allgemein freundlich und unschuldig und ihre Freundschaft zu Kenna mochte ich von allen Charakterbeziehungen am meisten; Karim währenddessen war als Charakter zwar in Ordnung, aber sein Handlungsstrang war für längere Zeit eher ziellos, was die anderen Protagonistinnen interessanter für mich gemacht hat.

Allerdings fand ich es sehr schade, dass es kaum Verbindungen zwischen den Handlungssträngen gab; ab und zu tauchen die Charaktere zwar bei anderen Sichtcharakteren auf, verschwinden in der Regel dann aber auch wieder, sodass der Fokus sehr stark auf den einzelnen Protagonisten liegt. Dadurch entwickelte sich die Handlung in der ersten Hälfte recht langsam, weil zunächst vier Ausgangssituationen ausführlich beschrieben wurden, bevor die Charaktere ihre eigentliche Handlung starten. Gerade, weil die Kapitel recht lang sind und es so dauern kann, bis man andere Charaktere wiedersieht, hätte es der Handlung sehr geholfen, wären die einzelnen Stränge enger miteinander verwoben gewesen. Aus diesem Grund gefiel mir die zweite Hälfte der Handlung mehr; nicht nur haben wir hier sogar ein paar Verbindungen, sondern vor allem die nötige Spannung, die in der ersten Hälfte ein wenig gefehlt hat.

Wichtig finde ich es zu erwähnen, dass in dem Buch recht viel Tod und Grausamkeit vorkommt. Offiziell wird es ab vierzehn Jahren empfohlen, doch ich persönlich würde das Alter aufgrund gewisser grausamer Szenen eher auf ab sechzehn setzen; ich war auf jeden Fall stellenweise recht schockiert von gewissen Handlungsentwicklungen!

Trotz erwähnter Schwächen hat mir das Buch gut gefallen und es eignet sich vor allem für diejenigen, die gerne verschiedene Sichtweisen und Handlungssträngen in ihren Fantasyromanen lesen. Zudem spielen Romanzen letztendlich nur eine sehr kleine Rolle, weshalb es sich auch für diejenigen eignen, die tatsächlich Fantasy lesen wollen und keine Fantasyromanze. Das Worldbuilding war auf jeden Fall gut umgesetzt und ich bin gespannt, wie es im zweiten Teil weitergeht!

Die Gesellschaft für magische Objekte
480 Seiten

Magda Sparks ist Mitglied der Gesellschaft für magische Objekte, die sich der Aufgabe verschrieben hat, ebenjene magischen Objekte aufzuspüren und sicher zu verwahren. Nach mehreren Jahren, in denen kein Objekt gefunden wurde, bekommt die Gesellschaft eine Nachricht von James Wei aus Hongkong, der vermutet, eines zu besitzen. Magda baut schnell eine Verbindung zum sympathischen James auf, bekommt jedoch nicht die Zeit, es zu genießen, weil ein Auftragsmörder ihr auf den Fersen ist. Knapp schafft sie es, zu entkommen und muss sich bald fragen, ob alles, was sie über die Gesellschaft wusste, eine Lüge war, denn der Vorsitzende Frank Simpson verbirgt mehr Geheimnisse, als sie ahnte. Gleichzeitig ist der Auftragsmörder Owen Maddox immer noch hinter ihr her, und er ist noch nicht einmal die größte Gefahr, vor der sie sich in Acht nehmen muss …

„Das Buch der tausend Türen“ ist eines meiner persönlichen Lieblingsbücher und auch, wenn „Die Gesellschaft für magische Objekte“ schlichter gestaltet ist, bietet es immer noch ein spannendes Leseerlebnis, das mich sehr gut unterhalten hat.

„Spannend“ ist wirklich ein gutes Stichwort: Über den ganzen Roman hinweg erleben wir eine große Verfolgungsjagd, bei der wir auch die Gegenseite und allgemein verschiedene Sichtweisen erleben, was das Lesen noch spannender gemacht hat. Der Cast ist sehr klein, wodurch es leicht war, den Überblick über die Charaktere zu behalten und mit ihnen mitzufiebern. Wobei ich faszinierenderweise die Antagonisten am interessantesten fand.

Owen ist eher der „klassische“ Antagonist, bedrohlich mit seiner Waffe und seinem Auftreten, ohne sich um die Menschen, die er tötet, zu scheren. Tiefgründige Antagonisten haben natürlich ihre Vorteile, aber schlichte wie Owen machen einfach Spaß und ich mochte die konstante Gefahr, die von ihm ausging. Doch der zweite Antagonist war ungemein faszinierender. Es ist schwer, hier nicht zu viel zu verraten, aber gerade aufgrund seiner Naivität war er umso furchterregender und ich hatte buchstäblich Gänsehaut, während ich seine Szenen las, weil er so unberechenbar war. Es ist recht leicht, zu erraten, warum er so ist, wie er ist, aber das hat seiner ganz eigenen Bedrohlichkeit keinen Abbruch getan. Gleichzeitig hat er eine unerwartete Tiefe, die mich positiv überraschte. Gareth Brown schafft es wirklich wunderbar, fantastische Antagonisten zu erschaffen!

Im Gegensatz dazu stechen die Protagonisten nicht ganz so hervor, waren aber immer noch sympathisch. Frank hatte wohl am meisten Tiefe, während James mit Abstand der sympathischste war, Will der nachvollziehbarste und Henry die unterhaltsamste. Magda selbst war mir zuweilen etwas zu hilflos, aber ich mochte es, wie ihre Leidenschaft als Autorin dadurch gezeigt wurde, dass verschiedene Momente im Roman sie zu möglichen Buchszenen inspirierten. Ihre Romanze mit James ist ebenfalls sehr süß gemacht.

Was mich im Nachhinein sehr überraschte, war, wie die magischen Objekte in der Handlung eingewoben waren. Natürlich spielen sie eine wichtige Rolle und kommen konstant zum Einsatz, aber es gibt vergleichsweise wenige von ihnen; im „Buch der tausend Türen“ gab es sehr viele magische Bücher, die ihre kreativen Anwendungsweisen gut zeigten, während hier in der „Gesellschaft für magische Objekte“ der Fokus auf wenige Objekte gelegt wird, die dafür umso öfter benutzt werden. Das ist weder eine Kritik noch ein Lob, sondern schlicht eine Beobachtung; beide Anwendungen (viel Fokus auf wenige Objekte und wenig Fokus auf viele Objekte) haben ihre Vor- und Nachteile, und beides kam hier im Roman zur Geltung.

Viele der Twists sind nicht allzu überraschend, aber dadurch, dass die Handlung selbst so spannend ist, machte mir das nichts aus. Dieser Roman ist schlicht ergreifend eine fesselnde Lektüre, die sich schnell liest und uns Leser:innen ordentlich auf Trab hält!

Die drei Leben der Cate Kay
409 Seiten

Unter dem Namen Cate Kay hat sie eine Romantrilogie veröffentlicht, die sie berühmt gemacht hat. Davor hat sie versucht, mit dem Namen Cass Ford ein neues Leben anzufangen, nachdem ihr altes auf unerwartete Weise endete. Und davor war sie Annie Callahan, ein Mädchen, das in ihre beste Freundin Amanda verliebt war, und die einen Teil von ihr in ihren Romanen bewahrt hat. Niemand weiß, wer Cate Kay wirklich ist, nicht einmal sie selbst – und erst durch ein unerwartetes Paket wagt sie es, sich der Vergangenheit zu stellen, die sie damals zurückgelassen hat ...

Dieser Roman ist wie ein Mosaik zusammengesetzt: Aus vielen bunten Teilen, die von nahem nichts Besonderes zu zeigen scheinen, bis ihr Gesamteindruck das eigentliche Bild offenbart. Annies Geschichte ist aus mehreren Sichtweisen erzählt, von Menschen, die nach den Ereignissen auf verschiedene Momente zurückblicken und ihre eigene Erfahrung berichten. Sehr interessant war es auch, in diesem Kontext Annies Nachbemerkungen als Cate Kay zu lesen, die zum Beispiel widersprüchliche Erinnerungen diskutieren, was die Geschichte nur noch realer gemacht hat.

Trotz limitierter Screentime steht vor allem die Freundschaft zwischen Annie und Amanda im Fokus, die sie teils in ihren Romanen verarbeitete. Wir bekommen sogar mehrere Auszüge aus ihrem Roman The Very Last zu lesen, die mich persönlich zwar weder vom Schreibstil noch von der Handlung beeindruckten, sondern vor allem durch die Art und Weise, wie viele kleine Referenzen an Amanda es gab. So viele liebevolle Details, die man nur versteht, wenn man wie wir Leser:innen ihre Vergangenheit und ihre Dialoge mit Amanda kennt.

Im Gegensatz zu der Freundschaft mit Amanda kam mir Annies/Cass'/Cates Romanze mit der Schauspielerin Ryan verhältnismäßig schwach vor, auch wenn es mir gefiel, Rys Sichtweise auf diese Beziehung zu lesen. Das ist definitiv eine Stärke des Romans: Es gibt mehrere Figuren, die ihre eigenen Momente bekommen und uns dadurch nahe gebracht werden.

Was Annies verschiedene Pseudonyme angeht, stachen vor allem Annie und Cate Kay hervor; obwohl sie als Cass so einige Sichtweisen hat, erschien sie mir wie eine Erweiterung von Cate Kay und nicht wie ein eigenständiger Lebensabschnitt.

Die zweite Hälfte war etwas langsamer als die erste, weil die Charaktere hier keine hohen Risiken mehr eingingen und erst gegen Ende wieder Bewegung in die Handlung kam. Die Szene, auf die ich insgeheim die ganze Zeit gewartet hatte, war dafür umso zufriedenstellender zu lesen und sorgte für ein abgerundetes Ende, das mir persönlich sehr gefallen hat. Hier kann ich sogar eine Kritik verschmerzen, die ich sonst hätte: Und zwar, dass der Großteil des Romans leicht hätte vermieden werden können. Ich möchte hier auf keine Details eingehen, aber es war definitiv etwas, das mir zunächst negativ aufgefallen ist, bevor das Ende es in etwas Positives verwandelte.

Zusammengefasst haben wir einen Roman, dessen Handlung eigentlich nicht allzu besonders ist, der es aber schafft, sie durch seine Erzählweise besonders zu machen. Definitiv kein perfekter Roman, aber einer, der mich sehr gut unterhalten hat!

Dreamslinger – Der Ruf des Drachen
352 Seiten

Aria ist eine Dreamslinger, die jahrelang gelernt hat, ihre gefährlichen Kräfte zu mäßigen, zu zügeln und zu bändigen. Vor zehn Jahren haben die Dreamslinger nämlich eine Masseneruption ihrer Kräfte ausgelöst, die zahlreiche Menschen, inklusive Arias Mutter, das Leben gekostet hat. Ihr Vater möchte dafür sorgen, dass Dreamslinger in der Gesellschaft akzeptiert werden, doch als während einer wichtigen Ansprache der Royale Bund auftaucht, der für die Masseneruption damals verantwortlich war, fürchten alle, dass sie wieder eine Masseneruption planen. Aria bietet an, als Spionin bei den Auswahlprüfungen der Dreamslinger teilzunehmen, um die nötigen Beweise dafür zu finden. Doch niemals hätte sie sich träumen lassen, dass sie sich nach und nach immer mehr mit ihnen identifiziert …

Ich bin ein wenig hin- und hergerissen, was dieses Kinderbuch angeht – und ich denke, das liegt teils daran, dass ich es gerne als Jugendbuch gelesen hätte. Es hat so viele gute Ideen, Szenen und Potential, dass ich mir wünschte, noch mehr Zeit mit den Charaktere verbringen zu können, um die guten Aspekte noch mehr zu genießen und die nicht ganz so guten durch mehr Tiefe auszumerzen.

Denn was die Handlung an sich angeht, hat sie mir recht gut gefallen – obwohl es natürlich von Anfang an offensichtlich ist, dass Aria sich irgendwann auf die Seite des Royalen Bundes stellen wird, war ich sehr investiert darin, ihr bei dieser Reise zuzuschauen: Wie sie zunächst gar keine Verbindungen eingehen wollte, dann aber ihre guten Freunde Tui und Lion fand, schließlich ihre Traumgefährtin Rio und die Erkenntnis, wie das schlichte Informieren über eine andere Gruppe ihre Vorurteile bezüglich dieser Gruppe komplett ausmerzte. Das war eine sehr schöne Botschaft, doch wird sie ein wenig dadurch vermindert, dass der Royale Bund selbst leider nicht so offen wie Aria ist.

Das ist teilweise ein Kritikpunkt von mir und teilweise ein Lob: Denn mir hat es überhaupt nicht gefallen, dass der Royale Bund jedes Kind, das bei einer Prüfung scheiterte – unabhängig von wichtigen Faktoren – sofort zurück in sein Heimatland schickte, selbst, wenn dieses Land Dreamslinger einsperrt und zutiefst verachtet. Für mich hatte das einen sehr unangenehmen Geschmack nach „Ausländer raus“, das zudem für den Großteil der Handlung nicht wirklich infrage gestellt wird – tatsächlich habe ich mich sogar gewundert, warum Aria sich immer mehr mit dem Royalen Bund identifiziert, der so intolerant gegenüber allen ist, die auch nur einen einzigen Fehler im falschen Moment machen. Doch hier kommt auch das Lob: Gegen Ende realisieren Aria und die anderen schließlich, wie unglaublich ungerecht der Royale Bund vorgeht, sehen aber ein, dass sie noch nichts tun können, um etwas daran zu ändern, allerdings für eine bessere Zukunft kämpfen wollen. Für ein Kinderbuch war das eine überraschend realistische Botschaft, die für mich als Erwachsene zwar ein wenig pessimistisch wirkte (denn realistisch gesehen müsste diese Zukunft locker zehn Jahre entfernt liegen, was kein besonders großer Trost für die Ausgestoßenen ist), Kindern aber trotzdem gut beibringt, dass man Ungerechtigkeiten nicht einfach als gegeben hinnehmen sollte, selbst, wenn man noch nichts an ihnen ändern kann.

Die Dreamslinger, deren Fähigkeiten und die Traumgefährten werden nicht allzu sehr vertieft, waren aber interessante Konzepte. Viel mehr als das Worldbuilding hat mich ohnehin die Handlung überzeugt – denn sie hatte viele gute, dramatische, spannende, herzerwärmende, lustige und allgemein großartige Szenen. Ob es nun um die Freundschaft der Charaktere geht oder über die Dinge, die sie herausfinden: Ich fand die Balance zwischen den verschiedenen Handlungselementen (Freundschaften, Ausbildung, Spionage etc.) sehr gelungen, vor allem die Twists, die die Geschichte noch mal ordentlich aufgewertet haben. Ein, zwei kann man gerade als erwachsener Leser vielleicht vorhersehen, aber davon abgesehen gibt es immer noch andere Twists, die mich sehr überraschten und den Kontext früherer Szenen auf grandiose Weise veränderten. Das Ende war unglaublich spannend und ein kleines Highlight für mich.

Was jedoch die Charaktere angeht, gab es meiner Meinung nach leider viel zu viele. Nur das Haupttrio, das aus Aria, Tui und Lion besteht, stach positiv heraus (wobei ich vor allem Lion mochte, weil sein geheimnisvolles Verhalten für großartige Theorien sorgte und zufriedenstellend aufgeklärt wurde), aber so ziemlich der gesamte Rest – mit nur sehr wenigen Ausnahmen – leidet sehr stark darunter, ein Teil einer großen Masse zu sein, deren Individuen man sich nicht notwendigerweise merkt. Ich habe es sehr begrüßt, dass Kinder verschiedener Nationalitäten vorkamen, aber dadurch, dass buchstäblich alle stets namentlich erwähnt werden, fühlte ich mich schnell überfordert und machte mir deshalb nicht die Mühe, mir mehr als zwei, drei zu merken. Hier war die Freundschaft zwischen Aria, Tui und Lion definitiv der stärkste Punkt, und ein weiteres kleines Highlight aufgrund der wunderbaren Umsetzung, während der Rest der Charaktere fast gar keinen Eindruck bei mir hinterließ.

Insgesamt also ein Kinderbuch, das eine spannende Handlung und gute Twists bietet, aber aufgrund seiner Charakteranzahl und möglicher Lesart der Botschaft auch verwirrend anmutet. Ich bin mir nicht sicher, ob ich den zweiten Teil lesen werde, doch falls ich es tue, hoffe ich, dass speziell der Kampf gegen die kleingeistigen Ansichten des Royalen Bundes eine größere Rolle in der Handlung spielen wird.

Die Buchhandlung der Erinnerungen
240 Seiten

Sieben Jahre ist es schon her, seit Jiwons Mutter gestorben ist, doch noch immer quält sie sich mit ihrem Tod, überzeugt davon, dass sie ihn hätte verhindern können. Als sie während eines Regenschauers in einer Buchhandlung Zuflucht sucht, bekommt sie genau diese Gelegenheit: Denn hier, in der Buchhandlung der Erinnerungen, kann Jiwon drei Mal in der Zeit zurückreisen, um versuchen, etwas zu ändern. Jedoch hat sie nur jeweils drei Stunden Zeit und gelingt es ihr nicht, eine Veränderung herbeizuführen, verliert sie dafür ihre eigene Lebenszeit …

Dieser Roman ist unglaublich angenehm zu lesen, der Schreibstil der Autorin sehr flüssig und sehr schön. Dadurch, dass auch die Kapitel eine gute Länge haben, war ich im Nu mit der Lektüre durch – vielleicht sogar zu schnell, denn im Nachhinein wünschte ich mir, ich hätte mir mehr Zeit gelassen, um diese Geschichte zu genießen!

Die drei Zeitreisen, die Jiwon unternimmt, haben mir natürlich am meisten gefallen. Speziell die ersten zwei verraten ihr viel über ihre Mutter und auch über sich selbst, und rücken die Ereignisse, die schließlich zum Tod der Mutter führten, in ein leicht anderes Licht. Hier muss ich erwähnen, dass das Buch definitiv auch traurige Aspekte thematisiert – denn dadurch, dass die Mutter an Krebs erkrankt und einen jahrelangen Todeskampf mit ihm ausfechtet, gibt es ein paar Szenen und Sätze, die verständlicherweise bedrückend sind. Meiner Meinung nach hat die Autorin es wunderbar geschafft, nicht zu deprimierend zu werden, aber natürlich kommen diese Themen trotzdem vor.

Natürlich ist das Ende vorhersehbar (tatsächlich habe ich mich gewundert, warum Jiwon überhaupt eine dritte Reise antrat, weil bereits nach der zweiten alles klar war), aber darum nicht weniger schön. Interessanterweise meint die Autorin in ihrem Nachwort, dass das Buch nicht dazu dient, Heilung und Trost zu spenden, weil sie sich für diese Aufgabe noch nicht reif fühlt, aber genau das hat sie durch ihre Lektüre getan. Ich habe es sehr genossen, dieses Buch zu lesen und fühlte mich am Ende hoffnungsfroh.

Das einzige, von dem ich mir ein bisschen mehr erhoffte, waren die offenen Fragen. Mal davon abgesehen, dass mir am Ende beispielsweise nicht klar war, wie genau Jiwon ihrem scheinbaren Schicksal entkommen ist, hätte ich gerne noch mehr Informationen zur Buchhandlung selbst und zur Managerin gehabt. Es gibt zwar ein bisschen Worldbuilding, was die verschiedenen Arten der Erinnerungen anbelangt, aber ich vermisste eine Hintergrundgeschichte zur Managerin und Beispiele anderer Vergangenheiten, die erfolgreich geändert wurden (oder auch nicht). Das habe ich als verpasste Gelegenheit empfunden, weil der Buchhandlung der Erinnerungen dadurch noch mehr Tiefe hätte gegeben werden können.

Bis auf dieses Manko haben wir aber immer noch eine wunderschöne, überraschend wohltuende Geschichte, die mein Herz berührt hat!

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
240 Seiten

Die Urgroßmutter Henrike, die Schafe aufschneidet und ihren Mann während des Geburtstags des Kaisers kennenlernt. Die Großmutter Hilde, die den Krieg mit erhobenen Armen begrüßt, dann aber nie wieder etwas über ihn erzählt. Die Mutter Miriam, die sich der Studentenrevolution anschließt und in späteren Jahren in Depressionen versinkt. Und Alma, die die Familiengeschichte aufdröseln will, vom Großonkel Benedikt, der die ersten fünfzehn Jahre schläft, über ihren Onkel David, der komplett aus Holz besteht, und den Menschen, die sie über die Jahre und Jahrzehnte begleiten …

Ich habe das Buch bereits vorab lesen dürfen (hier meine erste Rezension), wollte es jedoch unbedingt noch einmal lesen, um die Szenen, Stilmittel und die Magie, die in ihnen liegt, noch mehr wertschätzen zu können. Ich bin immer noch beeindruckt von Anna Maschiks Schreibstil und der Art und Weise, wie sie mit wenigen Worten ganze Bilder und Geschichten erschuf, wie sie sogar ohne Worte einen bleibenden Eindruck hinterließ. Ich liebe es, wie diese Familiengeschichte in Momentaufnahmen erzählt wurde, die sich mir schon seit Monaten ins Gedächtnis brannten und mit der Erfrischung der Lektüre sogar noch mehr.

Dieses Mal habe ich mir auch einen kleinen Stammbaum erstellt, um den Überblick über die Familienmitglieder zu behalten, was tatsächlich sehr geholfen hat. Henrike, Hilde, Miriam und Alma sind die Protagonistinnen, doch auch die Männer der Familie bekommen denkwürdige Rollen, wobei mir sowohl Benedikt als auch David sehr gefielen.

Noch mehr als beim ersten Mal empfand ich die Szenen, die als magischer Realismus interpretiert werden können, als Szenen, die man realistisch interpretieren soll – nur, auf welche Weise, bleibt den jeweiligen Leser:innen überlassen. Es machte mir sehr großen Spaß, mir zu überlegen, wofür gewisse Bilder wohl stehen.

Neben den Szenen, die eine wichtige Wiederholung der Familiengeschichte zeigten, mochte ich besonders diejenigen, die nicht aus klassischem Erzähltext, sondern aus Auflistungen bestanden, weil es so eindrucksvoll war, wie so wenige Worte einen so starken Effekt haben konnten.

Insgesamt also ein wunderbarer literarischer Roman, der durch seinen metaphorischen Schreibstil überzeugt!