Bücherregal lädt …
Die Nacht der Schildkröten
240 Seiten

Livia leidet von klein auf an einer Augenkrankheit, die sie nach und nach erblinden lässt. Für sie ist diese Diagnose verständlicherweise sehr schwierig, möchte sie doch weiterhin an ihren Sportwettkämpfen teilnehmen (sie ist eine der schnellsten Mädchen in ihrer Region), mit Freund*innen ausgehen, ein normales Leben führen und ja nicht auffallen möchte. Entsprechend handelt sie auch nicht immer vernünftig und nach den Empfehlungen ihrer Ärzten bzw ihrer Eltern.

Ein feinfühliges Buch über das Aufwachsen eines Mädchens mit einer Krankheit und über den Prozess, seine Krankheit anzunehmen und einen guten Umgang damit zu finden. Mich hat die Geschichte berührt und ich konnte Livia mit meiner starken Kurzsichtigkeit ein bisschen nachfühlen. Als Kind plagten mich manchmal auch Ängste, dass ich irgendwann erblinden werde. Bei Livia ist aber bald klar, dass es wirklich so kommen wird. Für mich eine furchtbare Vorstellung. Die Geschichte hat seine Längen und hätte durchaus etwas gestrafft werden können, ohne an Inhalt zu verlieren. Aber grundsätzlich ist die Geschichte schön und für mich authentisch erzählt.

Hotel Love
256 Seiten

Bevor es KI-generierte Romane auf der Basis von Real-Character gab, übernahmen Schriftsteller-Genies das Schreiben von Romanen. Sie brauchten dafür viele Jahre, nicht wenige Sekunden. Ein paar Jahrzehnte lang wurden neben Schriftsteller-Genies auch Schriftstellerinnen geduldet, sie schrieben Texte über Randthemen wie Mutterschaft, Wechseljahre oder patriarchale Gewalt und gewannen damit sogar Literatur(!)preise. Ende der 2020er-Jahre wurde das Schreiben und Lesen von seichter Frauenliteratur verboten. (S.43)

Traumprinz_66 fragt den HappySystemBot: Haben alle Modelle mehrere Lächel-Modi? - Vielen Dank für Ihre interessante Live-Frage! Ja, alle unsere in diesem Liebesroman vorgestellten Modelle verfügen über siebzehn Lächel-Modi wie zum Beispiel: interessiertes Lächeln, verführerisches Lächeln, verschämtes Lächeln, höfliches Lächeln, herzliches oder tiefenentspanntes Lächeln, das im vorigen Kapitel im Rahmen der künstlerischen Freiheit Post-Orgasmus-Lächeln genannt wurde. Ein Lächeln gehört seit jeher zur Grundausstattung einer Frau. Frauen, die nicht auf Knopfdruck lächelten, mussten immer wieder daran erinnert werden. JETZT LÄCHLE DOCH EINMAL. LIEB, WIE DU LÄCHELST. SO GEFÄLLST DU MIR SCHON BESSER. Ab den 2000er-Jahren gab es eine Anti-Lächeln-Bewegung. Eine Frau lächelte nicht mehr automatisch, wenn ihr ein Mann ein Kompliment machte, ihr hinterherpfiff oder unter den Rock griff. Es waren verwirrende und harte Zeiten für Männer, denen das Lächeln einer Frau immer schon viel bedeutete. Die neuen Frauen lächeln wieder auf Knopfdruck, wie es sich für eine Frau gehört. Auf siebzehn verschiedene Arten. (S.168)

WOW, was für ein Leseerlebnis! In diesem Buch steckt so viel drin: Feministische Gesellschaftskritik, düstere Dystopie (im Jahre 2031). Es geht um toxische Männlichkeit, Gaslighting, verschwindende Frauenrechte, Misogynie, künstliche Intelligenz und deren wachsende Entwicklung wie auch grundsätzlich neuen Technologien, wie z.B. Fembots, die reale Frauen ersetzen sollen.

Das Buch ist zudem sehr originell (zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig) geschrieben, als wäre mensch als Leser*in live mit dabei, es gibt Werbeunterbrüche und die Mitleser (bewusst nicht gegendert) stellen dem HappySystemBot zwischendurch Fragen, die sogleich "live" vom Bot beantwortet werden. Es ist bitterböse und zugleich voller (schwarzem) Humor. Das Lachen blieb mir oft fast im Hals stecken, denn so vieles, was die Autorin aufgreift, kommt leider nicht von ungefähr. Ihre Figurenzeichnung ist sehr stark und glaubwürdig. Die männliche Hauptcharaktere machte mich permament wahnsinnig und wütend.

Die Geschichte zog mich richtiggehend in einen Sog und ich konnte das Buch je länger je weniger aus der Hand legen. Die Geschichte hätte auch durchaus ein Yorgos Lanthimos-Drehbuch sein können, ich sehe Emma Stone bereits vor mir. :) Und sie erinnert auch stark an The Handmaids Tale.

Grosse, satirische Unterhaltung, die zum Nachdenken anregt.

The Berry Pickers
321 Seiten

There is a code among the dying: let the living speak. They have no longer to atone for it. (S.45)

In den 60er Jahren verschwindet eines Tages ein vierjähriges Mädchen einer Mi'kmaq Familie. Während die Eltern als Beerenpflücker arbeiten und Ruthie auf einem Stein sitzt, ist sie einen nächsten Moment plötzlich weg, ohne Spuren zu hinterlassen. Die vier älteren Geschwister und ihre Eltern suchen sie monatelang vergeblich. Norma wächst als Einzelkind auf. Die Mutter ist sehr streng und überfürsorglich, der Vater distanziert. Sie fühlt sich eingeengt. Und sie merkt bald, dass ihre Eltern ihr gegenüber nicht ehrlich sind. Die Träume, die sie jahrelang begleitet, in denen sie nebst einem Lagerfeuer eine herzliche Mutter sieht, die nicht ihre Mutter ist und auch einen Bruder, den sie nicht hat, werfen bei ihr Fragen auf, werden von ihren Eltern aber nicht ernstgenommen. Auch zu den Fragen zu ihrer dunkleren Hautfarbe sowie den fehlenden Babyfotos bekommt sie immer nur ausweichende Antworten. Es braucht Jahre, bis sie hinter das Geheimnis ihrer wahrer Herkunft kommt.

Die Geschichte wird in zwei Erzählsträngen erzählt. Die Kapitel wechseln jeweils ab zwischen JOE (der eine ältere Bruder von Ruthie) und NORMA. Von Joe erfahren die Lesenden über die grosse Trauer, über die weiteren tragischen Schicksalsschläge, die die Familie in den Folgejahren erfährt und über Joes Lebensentwurf mit dem Umgang seiner Trauer und Wut. Von Normas Erzählungen über ihr Aufwachsen wird den Lesenden schnell klar, dass es sich bei ihr um die verschwundene Ruthie handeln muss. Norma braucht dafür aber einige Jahrzehnte länger.

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, sie hat mich berührt und abwechselnd traurig und wütend gemacht. Die Erzählweise fand ich sehr passend, ich fühlte mich den Charakteren sehr nahe und besonders der starke Zusammenhalt der Mi'kmaq Familie hat mich sehr berührt. An manchen Stellen hätte die Geschichte auch etwas gestrafft werden können. Das Ende ist sehr bewegend und unglaublich traurig, aber auch tröstlich.

& Du und ich und für immer
346 Seiten

Der dritte Teil der Trilogie. Jura ist nach Charkiw zu Wolodja gezogen. Doch das Liebesglück währt nicht lange, denn einerseits leiden beide darunter, ihre Beziehung im Verborgenen leben zu müssen, und Jura leidet zudem je länger je mehr unter dem Druck seiner Arbeit, die zu einer grossen Schaffenskrise führt. Jura fällt in eine tiefe Depression und der Alkohol dominiert seinen Alltag. Wolodja möchte ihm helfen, merkt aber, dass wahrscheinlich nur die Rückkehr nach Deutschland ihn wirklich heilen kann. Juras Krise stellt ihre Beziehung hart auf die Probe. Auch Wolodjas Schlafprobleme kommen zurück. Aber sie kämpfen... mit Happy End. :)

Der dritte Band hat mich jetzt am wenigsten "abgeholt", wieso kann ich aber gar nicht so genau sagen. Teilweise fand ich die Kapitel etwas langatmig (besonders bei denen es um die Musik von Jura ging). Aber schön, wie die Trilogie endet, ich mag es Jura und Wolodja sehr gönnen. :) Insgesamt war es eine sehr traurige, berührende Trilogie.

Und Federn überall
300 Seiten

Sechs Menschen aus einer Kleinstadt in Deutschland, die sich nicht kennen und doch im Laufe des Buches irgendwie alle zusammenfinden. Die Geschichte dauert ein paar wenige Tage und sie wechselt kapitelweise die Perspektive von einer Person zur nächsten dieser sechs Menschen. Im Zentrum steht der Geflügelschlachtbetrieb Möllring, einer der grössten weltweit. Es geht mitunter um Flucht/Migration, Erschöpfung, Kritik an die Gesellschaft. Sehr unterhaltsam, irgendwie düster und ausweglos. Aber irgendwie schaffte der Roman es dann doch nicht, mich ganz von ihm zu überzeugen, ich kann nicht mal genau sagen, wieso. Die Figuren blieben mir egal. Die Struktur des Buches hat mir wiederum sehr gefallen, die Verschachtelung der einzelnen Geschichten in eine.

Der Bademeister ohne Himmel
320 Seiten

Ein trauriges und doch auch hoffnungsfrohes Buch. Die Freundschaft der 15jährigen Linda und dem 87jährigen dementkranken Hubert fand ich einfach nur herzerwärmend. Auch wenn Linda deutlich älter scheint (ich war sehr überrascht, als ihr Alter im Laufe des Buches bekannt wurde) und ich deshalb die Glaubwürdigkeit der Geschichte etwas hinterfrage, fand ich die Idee dieser generationenübergreifenden Freundschaft zu schön, als mich dieses Detail dann doch gross stören würde. Der Tod ist ein allgegenwärtiges Thema der Geschichte, nicht nur Huberts Tod steht bevor, auch Lindas suizidale Gedanken begleiten durch das Buch. Und trotz der Schwere dieser beiden Themen, Suizid und Demenz, schafft es die Autorin, die Geschichte mit einer zarten, respektvollen Leichtigkeit zu versehen - und dies, ohne sie kitschig zu machen.

Das Buch bedient sich ein paar Klischees (die polnische Pflegerin mit dem starken Akzent, beispielsweise), aber andererseits ist die 24h-Pflege alter Menschen, die von "billigen" Arbeitskräften aus dem Ausland bewältigt werden, auch Realität. Das Ende hat mich geschockt (wenn es auch laufend angedeutet wurde) und brachte mich zum Weinen.

Botanik des Wahnsinns
186 Seiten

Im Biologieunterricht nehmen wir die Vererbungslehre durch. Die Nachkommen von Meisen sind Meisen. Die Nachkommen von Kürbissen sind Kürbisse. Was sind dann die Nachkommen meiner Grossmutter? Ich mache eine erste Hochrechnung. (S.16)

Das Haus macht Ellen melancholisch. Sie sagt, sie habe ein Herz für unperfekte Dinge. Zum ersten Mal denke ich, dass ich vielleicht eine Chance bei ihr habe. (S.43)

Zum Leben gehört mehr, als nicht zu sterben. Doch die Depression ist die Todesart der Unentschiedenen. Ein halber Tod. Winterschlaf. Ich stellte mir diesen Mann vor im Mantel, der in seinem bescheidenen Zuhause auf Spanisch mit sich selbst spricht. Nun hatte er eine Sprache mehr, in der er etwas verschweigen konnte. (S.187)

Der Erzähler geht durch die eingelagerten Kisten seiner Mutter, deren Wohnung zwangsgeräumt wurde. Aufgrund einer Verwechslung wurden alle Kisten von Wert in fortgeworfen, geblieben sind Kisten mit Abfall. Von seiner eigenen Familiegeschichte bleibt somit nichts zurück. Er geht der Geschichte seiner Familie nach. Alle waren psychisch krank: die Grossmutter, der Grossvater. Seine Mutter war Alkoholikerin, sein Vater depressiv. Er hat grosse Angst davor, seit Kindheitsjahren, selbst "verrückt" zu werden. Er ist rastlos, flüchtet nach New York, dann nach Wien. Schliesslich studiert er Psychologie und landet in der Psychiatrie - als Psychologe. Er versucht, die Menschen und deren Krankheiten zu verstehen, zu deuten, die Frage "Was ist ein normaler Mensch" zu beantworten. Und immer wieder kehrt er zu seiner eigenen Familiengeschichte zurück.

Mich hat die Geschichte, die wie's scheint autobiografisch angelehnt ist, sehr berührt. Zärtlich, mit Feingefühl und nicht ohne Humor schreibt er über psychische Krankheiten. Ich mochte seinen Schreibstil und die Bildsprache, die er nutzt, sehr. Irgendwie ein trauriges, aber auch sehr tröstliches Buch. Auch wenn der Erzähler unter den Krankheiten seiner Eltern leider, kann er sie annehmen. Der Roman verhilft, wie ich glaube, zu einem grösseren Verständnis für psychische Erkrankungen. Mir persönlich fehlte in der Erzählung ein bisschen der roten Faden, zu folgen fiel mir manchmal etwas schwer.

& Du und ich und die Schwalben
414 Seiten

Es dauert 20 Jahre, bis sich Jura und Wolodja nach ihrer Begegnung im Pionierlager endlich wiedersehen - und sich neu verlieben. Jura wohnt mittlerweile in Berlin und hat sich seinen Traum als Musiker erfüllt, Wolodja lebt in Charkiv und ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Jura lebt seine Homosexualität offen, Wolodja hadert noch immer mit seiner "Diagnose". Erst mit dem Zusammensein mit Jura getraut er sich langsam, sich bei seiner Familie und Freund*innen zu outen. Doch wie befürchtet, findet das in der Ukraine keinen Anklang...

Auch der zweite Band hat mich sehr berührt. Im Gegensatz zum ersten Band fand ich jetzt auch keine Stelle mehr, die mich langatmig dunkte. Ich mochte es sehr, wird im 2. Band nun aus Wolodjas Sicht geschrieben, während der 1. Band aus Juras Sicht geschrieben wurde. Das heisst, der gesamte Erzählstrang wiederholte sich zu Beginn zwar, aber er wurde so fest gekürzt, dass keine Langeweile aufkam - insbesondere auch aufgrund der anderen Sichtweise.

Jetzt freue ich mich noch auf den dritten und letzten Teil der Serie.

Hundesohn
162 Seiten

I think I'm too tired to fuck tonight, schrieb Matteo. But we can do other stuff. Eine halbe Stunde später klingelte ich an seiner Tür, viertes Obergeschoss, Tür links. Eine WG, aber ausser Matteo war niemand da. Wir haben other stuff gemacht. Filzläuse kriegt man auch durch other stuff. (S.12)

Baba sagt immer, bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki insan. Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen. Das bedeutet, je mehr Sprachen du sprichst, desto grösser ist deine Welt, desto mehr bist du. Aber nicht alle Menschen sind gleich, auch wenn sie es immer behaupten. Und nicht jeder altert mit der Sprache auf dieselbe Weise. (S.24)

Ich hatte Pari versprochen, nicht auf Social Media herumzuscrollen. Ich hatte versprochen, wirklich weg zu sein. Aber überall lauert die Welt mir auf. (S.195)

Wenn ich deinen Namen auf das Meer schreiben würde, Hassan, würde er bleiben? Und die Tränen, Hassan, würde sich das Salz vermischen mit dem Salz des Wassers? Und würdest du es schmecken, ob es meine Tränen sind auf deiner Zunge oder das Meer, in das wir uns werfen? (S.213)

Zeko wohnt in Berlin und ist fleissig auf Grindr unterwegs. Er trifft sich mit vielen Männern. Aber er denkt immer nur an Hassan, wenn er andere Männer küsst oder mit ihnen schläft. Hassan ist der Nachbarsjunge in Adana, wo sein Grossvater wohnt. Dieser nannte Hassan immer nur den "Hundesohn". Zu Beginn des Buches geht es neun Tagen, bis Zeko Hassan endlich wiedersehen wird. Im Laufe des Romans werden die Tage langsam heruntergezählt. Während dieser Countdown läuft, geht es viel um schwulen Sex, um Sprache (sowohl der deutschen als auch der türkischen, arabischen, französischen), um den Islam (Zeko ist praktizierender Muslim), um Freundschaft, um Rassismus.

Ozan Zakariya Keskinkılıç schreibt wunderschön poetisch und stellt die Sprache auch immer wieder in den Vordergrund, was mir sehr gefiel. Mir fehlte letzten Endes aber doch ein wenig eine fassbarere Handlung.

Gym
197 Seiten

Wenn er für den Rest seines Lebens nur noch eine Übung machen dürfte, hatte Ferhat gesagt, dann würde er sich für den Plan entscheiden. Wenn man den Plank richtig ausführte, wenn man wirklich alles anspannte und hart machte, wenn man zum Brett wurde und das Ganze lang genug hielt, trainierte man damit die wichtigsten Muskeln in Armen, Beinen, Po, Rücken und Rumpf, alle auf einmal. Minimaler Aufwand, maximaler Effekt. (S.49-50)

Ich mochte die Schweissflecken an den Rändern ihres Tops, dachte, dass sie das Ehrlichste waren, was ein Körper von sich preisgeben konnte, und dass man diese Ehrlichkeit wahrscheinlich würde riechen können, wenn sie den Arm um einen legte. (S.89)

Die Ich-Erzählerin bewirbt sich in einem Fitnessstudio als Tresenkraft. Der Geschäftsführer spricht sie beim Bewerbungsgespräch auf ihre offensichtliche Unsportlichkeit an. Sie greift zu einer Notlüge, erzählt, dass sie vor drei Monaten ein Kind bekommen hat. Und sie kriegt die Stelle. Ihre Notlüge hält sie ordentlich auf Trab. Aber sie entdeckt auch die Faszination des Muskelaufbaus. Ihr Training wird härter und länger, bis sie gar nicht mehr zu bremsen ist und zu weiteren Mitteln greift. Ihr neues Leben ist in Gefahr, aus der Bahn zu geraten...

Ein temporeiches, witziges, zeitweise sehr verstörendes und absurdes Buch über eine Frau mittleren Alters, die von einer Couch Potato zu einer verbissenen Fitnessfrau wird. Mit viel Situationskomik schreibt die Autorin über (einen ungesunden) Körperkult, über eine Leistungsgesellschaft, die nicht nur die Arbeitswelt sondern auch Freizeit zunehmend beeinflusst. Auch wenn mir die Hauptfigur gar nicht sympathisch war, schaffte es die Autor trotzdem, dass ich dennoch etwas mit ihr mitfühlte. Grosse Unterhaltung, nicht ohne Kritik an unsere Gesellschaft! :)

Lügen über meine Mutter
399 Seiten

Das Buch erzählt von einem Mädchen, Ela, und ihrem Aufwachsen in den 1980er Jahren. In der Familie herrscht ein Thema über allem: Das Körpergewicht der Mutter. Ihr Vater findet, sie ist zu dick. Und er sagt ihr das täglich. Es geht so weit, dass ihr Vater das Übergewicht der Mutter für alles verantwortlich macht, was er nicht erreicht: eine Beförderung, genügend Anerkennung im Dorf. Als erwachsene Frau blickt Ela zurück und fragt sich, was damals wirklich passiert ist, was verheimlicht wurde, worüber gelogen wurde.

Das Buch hat mich so wütend gemacht, was für ein Ar*** dieser Vater doch ist. Seine Art, wie er mit seiner Frau umgeht, ist unter aller Sau. Er macht sie klein, Tag für Tag, beschimpft sie, lässt sie alle Arbeiten machen. Er macht sie krank und gibt ihr zuletzt auch dafür die Schuld - wie für alles andere, was nicht läuft. Zeitweise konnte ich kaum mehr hinhören, sein Verhalten machte mich richtiggehend agressiv, die Familiensituation zu oft nur schwer erträglich. Die Mutter, die in aller Selbstverständlichkeit ihre kranke Mutter pflegt, Elas Freundin bei sich aufnimmt und für die gesamte Familie sorgt. Ich wünschte ihr, sie hätte sich früher von ihrem Mann emanzipieren können. Das Buch zeichnet ein Bild davon, wie das Patriarchat in den 1980er noch so selbstverständlich gelebt und, so scheint es, gar nicht hinterfragt wurde.

Ja, nein, vielleicht
237 Seiten

Am nächsten Morgen wache ich auf und finde mich plötzlich wieder an diesem inneren Ort, an den ich nie wieder hinwollte: an dem Ort, wo ich die Nachricht eines Mannes erhoffe. Ich kenne diesen Ort gut. Es ist ein Ort, dessen Landschaft sich von heute auf morgen von einem blühenden Hügel mit idyllischen Ausblick in ein kaltes, schlammiges Tal verwandeln kann, dort geht die Sonne mit einem Arnuf auf und mit einer nicht beantworteten Nachricht unter, dort verknüpfen sich mein Wohlbefinden, mein Aussehen, mein Selbstwert untrennbar mit dem Blick eines Menschen auf mich, der nicht ich bin, dort fange ich an, mich den möglichen Erwartungen eines Mannes entgegenzubiegen. Ich weiss nicht, ob ich bereit bin, die Tür zu diesem Ort wieder aufzumachen, ich war dort schon zu oft, ich weiss nicht, ob ich da nochmal hinwill, Friedrich, ich weiss nicht. (S.46)

Ich habe oft genug erlebt, dass sie dich heute umwerfend und interessant finden, morgen anstrengend und übermorgen lästig. Dass sie oft scheisse sind, dass so viel Scheisse in ihnen steckt, für die sie oft nicht mal was können, die Scheisse wurde in sie hineinerzogen, über Jahrhunderte, und man kriegt sie einfach nicht aus ihnen heraus. Die Scheisse, die einer in sich hat, verschwindet nicht einfach, weil du so eine tolle Frau bist, du kannst diese Scheisse nicht vollständig aus einem Mann herauswischen, und sie lässt ihn scheisse mit Frauen umgehen, früher oder später passiert das. Das weiss ich jetzt. Das habe ich gelernt. Jemand hat mich mal gefragt, woher mein pessimistisches Männerbild käme. Na ja, hm, wie soll ich sagen, das kommt vom Leben als Frau. (S.95)

Die Ich-Erzählerin fühlt sich seit vielen Jahren wieder frei. Sie ist geschieden, die beiden Kinder erwachsen und ausgezogen. Sie bewohnt nebst ihrer Wohnung in Wien auch ein Häuschen auf dem Land, wo sie den Sommer geniesst. Sie pflegt gute Freundschaften und ist zufrieden, wie alles so ist. Von den Männern hat sie eigentlich genug. Doch dann trifft sie im Supermarkt auf einmal einen früheren Bekannten (Friedrich) wieder. Die grosse Frage, die sie durch dieses Wiedersehen beschäftigt: Ist sie bereit, ihr gutes Leben nochmals mit einem Mann zu teilen, Kompromisse einzugehen? Ist sie bereit für eine Beziehung?

Eine sehr emanzipierte Geschichte über eine Frau Mitte der Fünzfiger, die mit Männern eigentlich abgeschlossen hatte. Doris Knecht schreibt mit viel Witz über eine selbständige Frau mit schlechten Männererfahrungen, die nicht mehr an die romantische Liebe glaubt.

Jahre ohne Sprache
197 Seiten

In der Schule haben wir Vokabeln und Fremdwörter für alles gelernt, was es in der Welt gibt, um die Dinge zu erklären, aufzuschneiden, reinzugucken. Aber in diesem Moment hatte ich keine Worte parat, nur Bilder: Autoscooter, Schwindel, ein rotes gefrorenes Getränk. Kotze. Ein aufgeschürftes Knie. Ein Knie im Bauch. Bauchgrummeln. Blaues Licht. Kühles Licht. Reifenquietschen. Kotze, Schwindel. Und alles von vorne. Und irgendwo in diesen Bildern: die Hand. (S.73-74)

"Finde die Schuldigen, solange du noch lebst. Finde dich nicht damit ab, dunkle Kisten im Keller. zu haben. Die öffnen sich irgendwann, es kriecht die Kellertreppe hinauf, holt dich ein, wenn du am wenigsten wehrhaft bist." (S.81)

Hätte ich doch nichts gesagt. Wir sind gemeinsam verstummt, und etwas, das ich erlebt habe, war mal wieder schuld daran. (S.153)

Ich seziere das Fleisch, die Schichten, das Gewebe ist dicht und tatsächlich faserfrei. Ich pule darin. Ich versuche, die Fettkörnchen zu entdecken, Schmerz, Reue, Einsicht, Scham, die Gene, aus denen das Gewebe ist. Aber ich finde nur ein Stück von Janssen Senior, dem Vater der Hand, in dem Braten und ein Stück Donald Trump. Und den Kapitalismus finde ich auch darin, und dann wird mir übel. (S.164-165)

Natascha heisst mittlerweile "Nao" und lebt mit ihrer Wahlfamilie in einer besetzten Knopffabrik (als "Bewohner*innen einer kollektiven Empörung", enttäuscht vom System, wie die Autorin schreibt). Erst jetzt als Erwachsene findet sie langsam Worte für ihre traumatisierenden Erlebnisse aus ihrer Jugend. "Die Hand", wie sie den Täter ihrer Übergriffe nennt, ist ihr während zu langer Zeit als Jugendliche allgegenwärtig. Wiederholte Missbrauchserfahrungen lassen sie für Jahre verstummen. Eine retraumatisierende Begegnung mit "der Hand" bewegt Nao dazu, auf eine schambehaftete Spurensuche zu gehen. Die Scham haftet fest an ihr. Doch im Laufe ihrer Spurensuche, wechselt die Scham immer mehr auch zu Wut, Rachefantasien blühen auf.

Das fehlende Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen der Missbrauchsopfer, die Wut auf männliche und weibliche Sozialisierung, das Alleingelassenwerden nach sexualisierter Gewalt - all dies greift die Autorin in ihrer Geschichte auf. Der Roman zeigt auf, wie wichtig Sprache ist, damit die Scham die Seite wechseln kann. Und wie verloren Opfer sind, die keine Sprache für das Erlebte finden. Ein schmerzhafter, wichtiger Roman. Sprachgewaltig, teilweise (vermutlich bewusst) irritierend.

Der Zugang zur Wahlfamilie habe ich jedoch bis zum Ende nicht gefunden.

Im Meer waren wir nie
213 Seiten

Als kleines Kind habe ich mir oft vorgestellt, wie es sein würde, gross zu sein, erwachsen, alt. Ich dachte, es würde sich mehr verändern. Dabei werden wir nur etws grösser und sind nicht mehr so laut, einsamer sind wir, weil die Mutter fehlt, die einen in den Arm nahm, wenn etwas war, und auch, wenn nichts war. (S.9-10)

Am Käsestand drängelt sich eine Frau vor, wir waren zuerst da, sage ich, sie ignoriert meine Worte und bestellt schon mal. Das ist sehr unfreundlich, sage ich. Ich wusste nicht, dass Sie anstehen, Sie haben die ganze Zeit geredet, sagt sie. Eric sagt, können Sie sich bitte wieder von uns wegdrehen, denn wir sprechen nicht mit Arschlöchern. Die Frau ist entsetzt und dreht sich weg. Das sagst du doch immer, sagt Eric, jetzt war die Gelegenheit, es anzuwenden. (S.145)

Die Ich-Erzählerin kümmert sich um Lili, die im Altersheim lebt. Sie hilft ihr im Alltag mit Dingen, um die sich das Pflegepersonal nicht kümmern kann. Lili ist die Grossmutter von Sophie, die beste Freundin der Ich-Erzählerin. Sie wohnt mit Sophie und ihrem Sohn Eric im selben Haus. Sie zieht Eric gemeinsam mit Sophie auf. Die Ich-Erzählerin hat eine Stelle gefunden in einer anderen Stadt, aber sie getraut sich nicht, Sophie und Eric davon zu erzählen. Sie hat Angst davor, die beiden im Stich zu lassen.

Meral Kureyshi schreibt in kleinen und feinen Beobachtungen, der (scheinbar autofiktive) Roman ist ein Patchwork aus Beobachtungen und Gedanken, von Anfang bis Ende mit einer Melancholie unterlegt, trotzdem immer auch wieder lustig. Es geht um Fürsorge, Freundschaft, ums Abschiednehmen. Eine schöne Sprache, oft poetisch. Das Buch war auf der Shortlist für den CH-Buchpreis 2025.

Großmütter
126 Seiten

Als ich elf Jahr alt werde, sagt meine Mutter: Mädchen, ab jetzt bleibst du zuhause. Ein Mädchen braucht nicht gescheit zu sein. Ein gutes Mädchen muss arbeiten, einen Haushalt führen können. Kein Mann mag Mädchen, die gescheit daherreden, aber das Haus nicht sauber halten. Rechnen, lesen. Das ist kein Mädchenzeugs. Ich verstand: Träume sind auch kein Mädchenzeugs. (S.17, CH)

Alle haben so glücklich ausgesehen und mir gratuliert. Doch in mir spüre ich noch etwas anderes. Etwas Unheilvolles. Es hält mein Herz umklammert. ich lausche dem nächtlichen Zirpen der Grillen. Ein Geräusch, das mir immmer ein Gefühl der Geborgenheit gibt. Heute nicht. Da ist noch ein anderer Laut. Etwas Fremdes. Ein leises, unscheinbares Ploppen. Es sind meine Träume, meine Ideen und die Vorfreude auf mein zukünftiges Leben, die vom Rest der Welt vollkommen unbeachtet, in der Dunkelheit des Zimmers leise zerplatzen. (S.29, Kamerun)

Ich kann sie noch immer spüren, diese hoffnungsvolle Kraft und Freude, die mich damals ergriffen hatte. Doch nun weiss ich es besser. Die Freiheit einer Frau reicht nur bis zum nächsten Nein eines Mannes. (S.30, Kamerun)

Ich habe mich schon oft gefragt, wie ein Mensch geboren wird. Traurig oder glücklich? Ich denke glücklich. Traurig macht ihn erst das Leben. (S.120, Kamerun)

Melara Mvogdobo schreibt über zwei Grossmütter aus zwei verschiedenen Kontinenten. Die eine wuchs in einer armen Schweizer Bauernfamilie auf, die andere in einer wohlhabenden Familie in Kamerun. Ihr Leben könnte nicht unterschiedlicher sein und doch machen sie beide ähnliche Erfahrungen. Beide leiden unter den patriarchalen Strukturen, beide werden zu einer Hochzeit gedrängt, beide werden gedemütigt, entwürdigt, geschlagen. Beide sind wütend und beide haben irgendwann genug. Melara Mvogdobo nimmt uns mit in ihre Kindheit und bis ans Sterbebett im hohen Alter.

Wow, was für eine Kraft dieses kleine Büchlein hat! Mvogdobos Schreibstil ist sehr reduziert, aber damit umso wuchtiger. Kein Wort zuviel, jedes Wort sitzt. Die teilweise sehr kurzen Kapitel wechseln sich ab, die Kapitel aus Kamerun sind in einem Bordeauxrot geschrieben, die Kapitel aus der Schweiz in Schwarz. Die beiden Geschichten zu lesen haben in mir eine grosse Wut aufbrodeln lassen. Wut auf das Patriarchat, auf die Gewalt, die beiden Frauen widerfahren ist - und die leider keine Seltenheit ist, auch heute noch. Die Geschichten haben mich aber auch in meinen feministischen Gedanken gestärkt. Eine dünnes Buch, das es ist in sich hat und mich sehr ergriffen hat, inklusive vergossener Tränen. Sehr zu empfehlen! Das Buch war auf der Shortlist für den CH-Buchpreis 2025.