Bücherregal lädt …
Spielen
256 Seiten

Spielen ist ein Verb und wir können uns ihm nur nähern, indem wir ins Handeln kommen, indem wir gemeinsam spielen. (S.9)

Es wird immer so oberflächlich gesagt, Kreativität käme aus der rechten Hemisphäre, das stimmt aber nur bedingt: Ja, hier erfahren wir zentrale Impulse für Kreativität. Um aber ins kreative Handeln zu gelangen, brauchen wir beide Gehirnhälften. Rechts erfindet quasi und links setzt um. Dominierte nur die rechte Seite, würden wir im ganzheitlichen, sphärischen Empfinden verweilen, aber nicht ins Handeln kommen. Dominierte die linke Seite, würden wir nichts Neues erschaffen und in der Entwicklung stagnieren. Nur im ausgewogenen Zusammenspiel beider Hirnhälften erlangen wir Kreativität, die sich auch ausdrückt. (S.145)

Karen Köhler lädt ein in die Welt des Spielens. Sie schreibt, was Spielen bewegen kann, sie schreibt über die Wichtigkeit des Spielens in der Entwicklung, über Stressabbau und Entspannung, soziale Bindung. Sie beschreibt, wie Spielen das Gehirn antreibt, wo und wie Kreativität entsteht und und und. All das macht sie sehr spielend und interaktiv: Jedes Kapitel ist ein eigenes Spiel-Level, in jedem Kapitel gibt es Spielaufgaben, mit denen Punkte gesammelt werden. Das Buch zeigt, Karen Köhler ist durch und durch ein Spielmensch, und lässt uns daran teilhaben und profitieren.

Ich muss gestehen, dass ich keine einzige Aufgabe im Buch gelöst habe. Ich wollte über das Spielen lesen, aber mochte das Lesen nicht mit Spielen unterbrechen. Im Gegenteil, ich hätte es als störend empfunden. Ich fand die Idee zwar sehr witzig und gut umgesetzt, aber ich konnte mich nicht genug begeistern lassen, um direkt mitzumachen. Nichtsdestotrotz habe ich vieles gelernt und viel Inspiration mitgenommen.

Und Federn überall
300 Seiten

Sechs Menschen aus einer Kleinstadt in Deutschland, die sich nicht kennen und doch im Laufe des Buches irgendwie alle zusammenfinden. Die Geschichte dauert ein paar wenige Tage und sie wechselt kapitelweise die Perspektive von einer Person zur nächsten dieser sechs Menschen. Im Zentrum steht der Geflügelschlachtbetrieb Möllring, einer der grössten weltweit. Es geht mitunter um Flucht/Migration, Erschöpfung, Kritik an die Gesellschaft. Sehr unterhaltsam, irgendwie düster und ausweglos. Aber irgendwie schaffte der Roman es dann doch nicht, mich ganz von ihm zu überzeugen, ich kann nicht mal genau sagen, wieso. Die Figuren blieben mir egal. Die Struktur des Buches hat mir wiederum sehr gefallen, die Verschachtelung der einzelnen Geschichten in eine.

Botanik des Wahnsinns
186 Seiten

Im Biologieunterricht nehmen wir die Vererbungslehre durch. Die Nachkommen von Meisen sind Meisen. Die Nachkommen von Kürbissen sind Kürbisse. Was sind dann die Nachkommen meiner Grossmutter? Ich mache eine erste Hochrechnung. (S.16)

Das Haus macht Ellen melancholisch. Sie sagt, sie habe ein Herz für unperfekte Dinge. Zum ersten Mal denke ich, dass ich vielleicht eine Chance bei ihr habe. (S.43)

Zum Leben gehört mehr, als nicht zu sterben. Doch die Depression ist die Todesart der Unentschiedenen. Ein halber Tod. Winterschlaf. Ich stellte mir diesen Mann vor im Mantel, der in seinem bescheidenen Zuhause auf Spanisch mit sich selbst spricht. Nun hatte er eine Sprache mehr, in der er etwas verschweigen konnte. (S.187)

Der Erzähler geht durch die eingelagerten Kisten seiner Mutter, deren Wohnung zwangsgeräumt wurde. Aufgrund einer Verwechslung wurden alle Kisten von Wert in fortgeworfen, geblieben sind Kisten mit Abfall. Von seiner eigenen Familiegeschichte bleibt somit nichts zurück. Er geht der Geschichte seiner Familie nach. Alle waren psychisch krank: die Grossmutter, der Grossvater. Seine Mutter war Alkoholikerin, sein Vater depressiv. Er hat grosse Angst davor, seit Kindheitsjahren, selbst "verrückt" zu werden. Er ist rastlos, flüchtet nach New York, dann nach Wien. Schliesslich studiert er Psychologie und landet in der Psychiatrie - als Psychologe. Er versucht, die Menschen und deren Krankheiten zu verstehen, zu deuten, die Frage "Was ist ein normaler Mensch" zu beantworten. Und immer wieder kehrt er zu seiner eigenen Familiengeschichte zurück.

Mich hat die Geschichte, die wie's scheint autobiografisch angelehnt ist, sehr berührt. Zärtlich, mit Feingefühl und nicht ohne Humor schreibt er über psychische Krankheiten. Ich mochte seinen Schreibstil und die Bildsprache, die er nutzt, sehr. Irgendwie ein trauriges, aber auch sehr tröstliches Buch. Auch wenn der Erzähler unter den Krankheiten seiner Eltern leider, kann er sie annehmen. Der Roman verhilft, wie ich glaube, zu einem grösseren Verständnis für psychische Erkrankungen. Mir persönlich fehlte in der Erzählung ein bisschen der roten Faden, zu folgen fiel mir manchmal etwas schwer.

Hundesohn
162 Seiten

I think I'm too tired to fuck tonight, schrieb Matteo. But we can do other stuff. Eine halbe Stunde später klingelte ich an seiner Tür, viertes Obergeschoss, Tür links. Eine WG, aber ausser Matteo war niemand da. Wir haben other stuff gemacht. Filzläuse kriegt man auch durch other stuff. (S.12)

Baba sagt immer, bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki insan. Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen. Das bedeutet, je mehr Sprachen du sprichst, desto grösser ist deine Welt, desto mehr bist du. Aber nicht alle Menschen sind gleich, auch wenn sie es immer behaupten. Und nicht jeder altert mit der Sprache auf dieselbe Weise. (S.24)

Ich hatte Pari versprochen, nicht auf Social Media herumzuscrollen. Ich hatte versprochen, wirklich weg zu sein. Aber überall lauert die Welt mir auf. (S.195)

Wenn ich deinen Namen auf das Meer schreiben würde, Hassan, würde er bleiben? Und die Tränen, Hassan, würde sich das Salz vermischen mit dem Salz des Wassers? Und würdest du es schmecken, ob es meine Tränen sind auf deiner Zunge oder das Meer, in das wir uns werfen? (S.213)

Zeko wohnt in Berlin und ist fleissig auf Grindr unterwegs. Er trifft sich mit vielen Männern. Aber er denkt immer nur an Hassan, wenn er andere Männer küsst oder mit ihnen schläft. Hassan ist der Nachbarsjunge in Adana, wo sein Grossvater wohnt. Dieser nannte Hassan immer nur den "Hundesohn". Zu Beginn des Buches geht es neun Tagen, bis Zeko Hassan endlich wiedersehen wird. Im Laufe des Romans werden die Tage langsam heruntergezählt. Während dieser Countdown läuft, geht es viel um schwulen Sex, um Sprache (sowohl der deutschen als auch der türkischen, arabischen, französischen), um den Islam (Zeko ist praktizierender Muslim), um Freundschaft, um Rassismus.

Ozan Zakariya Keskinkılıç schreibt wunderschön poetisch und stellt die Sprache auch immer wieder in den Vordergrund, was mir sehr gefiel. Mir fehlte letzten Endes aber doch ein wenig eine fassbarere Handlung.

Gym
197 Seiten

Wenn er für den Rest seines Lebens nur noch eine Übung machen dürfte, hatte Ferhat gesagt, dann würde er sich für den Plan entscheiden. Wenn man den Plank richtig ausführte, wenn man wirklich alles anspannte und hart machte, wenn man zum Brett wurde und das Ganze lang genug hielt, trainierte man damit die wichtigsten Muskeln in Armen, Beinen, Po, Rücken und Rumpf, alle auf einmal. Minimaler Aufwand, maximaler Effekt. (S.49-50)

Ich mochte die Schweissflecken an den Rändern ihres Tops, dachte, dass sie das Ehrlichste waren, was ein Körper von sich preisgeben konnte, und dass man diese Ehrlichkeit wahrscheinlich würde riechen können, wenn sie den Arm um einen legte. (S.89)

Die Ich-Erzählerin bewirbt sich in einem Fitnessstudio als Tresenkraft. Der Geschäftsführer spricht sie beim Bewerbungsgespräch auf ihre offensichtliche Unsportlichkeit an. Sie greift zu einer Notlüge, erzählt, dass sie vor drei Monaten ein Kind bekommen hat. Und sie kriegt die Stelle. Ihre Notlüge hält sie ordentlich auf Trab. Aber sie entdeckt auch die Faszination des Muskelaufbaus. Ihr Training wird härter und länger, bis sie gar nicht mehr zu bremsen ist und zu weiteren Mitteln greift. Ihr neues Leben ist in Gefahr, aus der Bahn zu geraten...

Ein temporeiches, witziges, zeitweise sehr verstörendes und absurdes Buch über eine Frau mittleren Alters, die von einer Couch Potato zu einer verbissenen Fitnessfrau wird. Mit viel Situationskomik schreibt die Autorin über (einen ungesunden) Körperkult, über eine Leistungsgesellschaft, die nicht nur die Arbeitswelt sondern auch Freizeit zunehmend beeinflusst. Auch wenn mir die Hauptfigur gar nicht sympathisch war, schaffte es die Autor trotzdem, dass ich dennoch etwas mit ihr mitfühlte. Grosse Unterhaltung, nicht ohne Kritik an unsere Gesellschaft! :)

Lügen über meine Mutter
399 Seiten

Das Buch erzählt von einem Mädchen, Ela, und ihrem Aufwachsen in den 1980er Jahren. In der Familie herrscht ein Thema über allem: Das Körpergewicht der Mutter. Ihr Vater findet, sie ist zu dick. Und er sagt ihr das täglich. Es geht so weit, dass ihr Vater das Übergewicht der Mutter für alles verantwortlich macht, was er nicht erreicht: eine Beförderung, genügend Anerkennung im Dorf. Als erwachsene Frau blickt Ela zurück und fragt sich, was damals wirklich passiert ist, was verheimlicht wurde, worüber gelogen wurde.

Das Buch hat mich so wütend gemacht, was für ein Ar*** dieser Vater doch ist. Seine Art, wie er mit seiner Frau umgeht, ist unter aller Sau. Er macht sie klein, Tag für Tag, beschimpft sie, lässt sie alle Arbeiten machen. Er macht sie krank und gibt ihr zuletzt auch dafür die Schuld - wie für alles andere, was nicht läuft. Zeitweise konnte ich kaum mehr hinhören, sein Verhalten machte mich richtiggehend agressiv, die Familiensituation zu oft nur schwer erträglich. Die Mutter, die in aller Selbstverständlichkeit ihre kranke Mutter pflegt, Elas Freundin bei sich aufnimmt und für die gesamte Familie sorgt. Ich wünschte ihr, sie hätte sich früher von ihrem Mann emanzipieren können. Das Buch zeichnet ein Bild davon, wie das Patriarchat in den 1980er noch so selbstverständlich gelebt und, so scheint es, gar nicht hinterfragt wurde.

Jahre ohne Sprache
197 Seiten

In der Schule haben wir Vokabeln und Fremdwörter für alles gelernt, was es in der Welt gibt, um die Dinge zu erklären, aufzuschneiden, reinzugucken. Aber in diesem Moment hatte ich keine Worte parat, nur Bilder: Autoscooter, Schwindel, ein rotes gefrorenes Getränk. Kotze. Ein aufgeschürftes Knie. Ein Knie im Bauch. Bauchgrummeln. Blaues Licht. Kühles Licht. Reifenquietschen. Kotze, Schwindel. Und alles von vorne. Und irgendwo in diesen Bildern: die Hand. (S.73-74)

"Finde die Schuldigen, solange du noch lebst. Finde dich nicht damit ab, dunkle Kisten im Keller. zu haben. Die öffnen sich irgendwann, es kriecht die Kellertreppe hinauf, holt dich ein, wenn du am wenigsten wehrhaft bist." (S.81)

Hätte ich doch nichts gesagt. Wir sind gemeinsam verstummt, und etwas, das ich erlebt habe, war mal wieder schuld daran. (S.153)

Ich seziere das Fleisch, die Schichten, das Gewebe ist dicht und tatsächlich faserfrei. Ich pule darin. Ich versuche, die Fettkörnchen zu entdecken, Schmerz, Reue, Einsicht, Scham, die Gene, aus denen das Gewebe ist. Aber ich finde nur ein Stück von Janssen Senior, dem Vater der Hand, in dem Braten und ein Stück Donald Trump. Und den Kapitalismus finde ich auch darin, und dann wird mir übel. (S.164-165)

Natascha heisst mittlerweile "Nao" und lebt mit ihrer Wahlfamilie in einer besetzten Knopffabrik (als "Bewohner*innen einer kollektiven Empörung", enttäuscht vom System, wie die Autorin schreibt). Erst jetzt als Erwachsene findet sie langsam Worte für ihre traumatisierenden Erlebnisse aus ihrer Jugend. "Die Hand", wie sie den Täter ihrer Übergriffe nennt, ist ihr während zu langer Zeit als Jugendliche allgegenwärtig. Wiederholte Missbrauchserfahrungen lassen sie für Jahre verstummen. Eine retraumatisierende Begegnung mit "der Hand" bewegt Nao dazu, auf eine schambehaftete Spurensuche zu gehen. Die Scham haftet fest an ihr. Doch im Laufe ihrer Spurensuche, wechselt die Scham immer mehr auch zu Wut, Rachefantasien blühen auf.

Das fehlende Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen der Missbrauchsopfer, die Wut auf männliche und weibliche Sozialisierung, das Alleingelassenwerden nach sexualisierter Gewalt - all dies greift die Autorin in ihrer Geschichte auf. Der Roman zeigt auf, wie wichtig Sprache ist, damit die Scham die Seite wechseln kann. Und wie verloren Opfer sind, die keine Sprache für das Erlebte finden. Ein schmerzhafter, wichtiger Roman. Sprachgewaltig, teilweise (vermutlich bewusst) irritierend.

Der Zugang zur Wahlfamilie habe ich jedoch bis zum Ende nicht gefunden.

Das Dinner – Alle am Tisch sind gute Freunde. Oder?
464 Seiten

Jonathan und seine Verlobte Lotta laden drei Freundinnen in ihr Restaurant ein für ein Krimi-Dinner. Die fünf sind seit langem befreundet. Vor fünf Jahren waren sie noch zu sechst, doch Maria war damals an einem gemeinsamen Festivalwochenende plötzlich spurlos verschwunden. Als die Gruppe mit dem Krimi-Dinner startet, zeigt sich sehr schnell, dass sich das Spiel mit der Realität vermischt... Die Erinnerungen an dieses Festival kommen hoch und plötzlich verdächtigt jeder jeden, das Spiel eskaliert... Wie verschwand Maria, was passierte mit ihr? Sitzt ihre Mörder*in am Tisch?

Ein Locked-in-Thriller, bei dem es um Freundschaft und Verrat geht. Die Sprache fand ich furchtbar, viele Wortwiederholungen. Gefühlt jeder zweite Satz geht etwa so "Person XY macht blabla, ehe sie blabla macht" (also in etwa so: "Ich greife zur Flasche, ehe ich das Zelt verlasse", "Lotta stellt das Glas ab, ehe sie Hanna begrüsst" und und und...). Es geht um viel Drogen und Alkohol, irgendwie auch bisschen uncool, und natürlich ist noch einer aus der Gruppe sexsüchtig. Der Plot an sich fand ich ja noch vielversprechend, aber die Umsetzung hat mich gar nicht überzeugt.

Zeit ihres Lebens
223 Seiten

Frieda war nicht glücklich, wie gesagt, aber sie hielt es doch für möglich, es zu werden, eines Tages. (S.35)

Die leere Zeit brach an, die Zeit, in der man wartet, doch das, worauf man wartet, nicht geschehen will. Warten ist wie Hoffen, dachte Frieda, nur leider ohne Hoffnung. (S.205)

Die alleinstehende Primarschullehrerin Frieda und der verheiratete Handelsvertreter Georg begegnen sich 1983 an einem verregneten Morgen an der Strassenbahnstation, sie völlig durchnässt und er mit einem grossen Regenschirm. Er bietet ihr Platz unter dem Schirm an und sie verlieben sich. Bis sie sich wiedersehen, vergehen ein paar Monate. Georg ist viermal im Jahr geschäftlich in der grossen Stadt, wo Frieda wohnt und arbeitet. In den vier Wochen, die Georg jährlich in ihrer Stadt verbringt, können sie ihre heimliche Liebe leben. In den restlichen Wochen des Jahres verbringt Georg bei seiner Frau Anna, dem gemeinsamen Sohn Christopher, dem Hund Bruno (der mit Georg spricht!) und vielen Gedanken an Frieda. Er schreibt ihr Briefe und ruft sie aus der Telefonzelle an. So vergehen Jahrzehnte. Als Georg Frieda nach einer längeren Pause telefonisch nicht mehr erreichen kann, fährt er zu ihrer Wohnung hin und erfährt, dass sie kürzlich ins Heim kam. Frieda hat Alzheimer. Das Buch endet mit seinem Besuch im Heim.

Die melancholische Sprache und ihre Rhythmik gefiel mir sehr. Ein leises, feines Buch, welches manchmal vergessen lässt, dass Georgs Doppelleben zu sehr romantisiert wird. In echt ist es nämlich einfach nur scheisse, was er macht. Und wieso der Hund sprechen kann (und sogar mit Georg zusammen raucht...), konnte ich auch nicht nachvollziehen. Dieser Teil ist völlig überflüssig und trägt auch gar nichts zum Buch bei, zu wenig herausgearbeitet.

Essen
112 Seiten

Alina Bronsky schreibt über ihren Bezug zu Essen, über Porridge, Borschtsch, Napoleon-Torte und mehr. Es geht dabei vielmehr als nur um Nahrung, sondern um Fürsorge, Nostalgie, Ankommen, Liebe.

Jedes Kapitel ist einem anderen Gericht gewidmet, verwoben mit Bronskys persönlichen Gedanken dazu, meist sind es Erinnerungen aus ihrer Kindheit in Russland. Am Ende jedes Kapitels findet sich Bronskys Rezept des eben beschriebenen Gerichts zum Nachkochen.

Eine äusserst kulinarische Lektüre, die den Genuss in den Vordergrund stellt, die meist heiter, aber auch mal melancholisch ist. Ein genuss-und lustvolles Buch, welches ich gerne gelesen habe. :)

Die Assistentin
368 Seiten

Charlotte wäre gerne Musikerin geworden. Aber von ihren Eltern fühlt sie sich unter Druck gesetzt und nimmt daher widerwillig eine Assistenzstelle bei einem grossen Verlag in München an. Die Stadt ist ihr fremd, sie fühlt sich alleine. Beim Verlag merkt sie schnell, dass der Verleger seine Assistentinnen häufig auswechselt. Charlotte ist ehrgeizig und möchte ihrem Chef beweisen, dass sie seinen hohen Ansprüchen gerecht wird. Doch dieser ist launisch und überschreitet regelmässig Grenzen. Schleichend arbeitet sich Charlotte kaputt. In ihrer Freizeit hilft ihr das Joggen, ihre Musik - und kurzzeitig auch ihre neue Liebe.

Dem Plot bin ich sehr gerne gefolgt. Der Schreibstil dieses Buches hat mir jedoch gar nicht gefallen, er wirkt amateurhaft, wenn ich ihn mit den Vorgängerbüchern von Caroline Wahl vergleiche (auch wenn Wahl wahrscheinlich eine komplexere Schreibart wählen wollte). Die ständigen Wiederholungen und kurzen Zeitsprünge begannen mich schon bald zu nerven. Inhaltlich konnte ich dem Buch aber trotzdem viel abgewinnen, gerne nahm ich Einblick in offensichtlich autobiografische Erlebnisse, die Wahl in diesem Buch verschriftlichte. Mir war die Protagonistin nicht durchweg sympathisch, nichtsdestotrotz habe ich mit ihr aber mitgelitten. Toll, wenn sich Wahl durch dieses Buch ein dunkles Kapitel aus ihrem Leben von der Seele schreiben konnte.

Die Ausweichschule
304 Seiten

Die Frage, die in meinem Stück eine grosse Rolle spielen wird, sagt er nach einer kurzen Pause, ist das Warum. Nicht als abgeschlossene Wahrheit natürlich, als letztes Wort. Mir ist klar, man kann sich an diese Frage immer nur annähern und keine endgültige Antwort finden. Trotzdem würden mich deine Gedanken dazu interessieren. Wenn es dir nichts ausmacht. Es macht mir nichts aus, antworte ich. Aber ich weiss nicht so genau, was ich dir anbieten kann. Du musst mir nichts anbieten, sagt der Dramatiker. Aber es ist mein Gefühl, fährt er fort, dass Verarbeitung auch bedeutet, zumindest für sich selbst eine Antwort auf die Frage nach dem Warum zu finden. Vielleicht auch nur eine vorläufige. (S.91-92)

Ich bin mir nicht sicher, ob man unbedingt zwanzig Jahre später ein Buch über den Erfurter Amoklauf schreiben muss, Wunden aufreissen, einen Topf umrühren, den man vielleicht ganz in Ruhe lassen sollte. Welchen plausiblen Grund es dafür geben könnte. Was ich weiss, ist, dass meine Gliedmassen heute, in den Zwanzigerjahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts, taub werden, wenn ich Erfurt zu nahe komme, und meine Luftröhre sich verschliesst. [...] Nach einem halben Jahr des Schreibens weiss ich immer noch wenig über meine eigene Motivation, aber ich weiss, dass ich nichts aus dem Amoklauf "lernen" will, weil er kein Schulbuch, kein Schaubild, kein Merksatz ist, dass ich nichts aus ihm "schöpfen" will, denn er ist kein Waschbecken und kein Brunnen, sondern ein reales Ereignis, in dessen Folge heute siebzehn Menschen nicht mehr leben. (S.120)

Traumatherapie, das bedeutet nicht, zu trauern. Nicht mal, mit Trauer umzugehen. Es bedeutet, sich etwas Grundlegendes zurückzuholen, einen Boden unter den Füssen, auf dem man dem traumatisierenden Ereignis entgegentreten kann. Einen Zugang zu seinem eigenen Inneren zurückzugewinnen, der Dissoziation, der Abspaltung des Ereignisses entgegenzuwirken. Das Trauma ist eine Schutzreaktion des Körpers, es entfernt einen von der Welt, schneidet ein Stück ab, das gewaltsam versucht, sich den Weg zurück zu erkämpfen. (S.152)

Mich interessiert, was man darf, beende ich den Satz. [...] Sich eine Geschichte nehmen, sich einer Geschichte anzunehmen, einer brutalen, gewaltvollen Geschichte, das kommt mir [...] anmassend vor [...]. Du hast den Amoklauf erlebt, sagt der Dramatiker. Du bist Betroffener dieser Gewalt. Ja, sage ich. Aber bin ich betroffen genug? Ich habe im Gegensatz zu meinen Mitschülern keinen Mord und kein Blut gesehen, ich war nur anderthalb Jahre auf der Ausweichschule und bin dann weggezogen, ich bin vielleicht nicht der Richtige, um diese Geschichten zu erzählen. Ich schreibe ja nicht nur über mich selbst. Ich rühre einen Topf um, von dem ich nicht weiss, ob ich mich ihm überhaupt nähern sollte, einen völlig fremden Topf, so fühlt es sich an, als würde ich irgendwo durch ein Fenster einsteigen, um einen Topf umzurühren. (S.168-169)

Kaleb Erdmann erlebt 2002 als elfjähriger Schüler den Amoklauf in seiner Schule, dem Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. 17 Menschen sterben. Sein Buch handelt davon, auch der Protagonist scheint er zu sein. Zwanzig Jahre später überrollt ihn das traumatische Erlebnis erneut, als ein Dramatiker, der ein Bühnenstück über Amoklauf schreiben möchte, mit ihm in Kontakt tritt. Er beginnt selbst, ein Buch über seine Erinnerungen zu schreiben, kommt aber immer wieder ins Zweifeln und fragt sich, ob er überhaupt berechtigt ist, nach so vielen Jahren darüber zu schreiben, alte Wunden aufzureissen. Ob er die richtige Person ist, darüber zu schreiben. Ob seine Erinnerungen akkurat genug sind. Und er stellt sich Fragen: Welche Sprache wird dem Ereignis gerecht, ist genug respektvoll?

Das Buch ging mir sehr nahe und liess mich, auch längst nachdem ich es ausgelesen hatte, nicht los. Der innere Kampf des Protagonisten ist sehr gut spürbar, sein Hadern, sein Ringen. Es fällt ihm schwer, sich mit diesen Erinnerungen auseinanderzusetzen. Eine Schwere begleitet ihn durch das ganze Buch hinweg. Seine reflektierte Art, sein ständiges Hinterfragen seines Tuns berührten mich sehr. Das Buch regt zum Nachdenken an, berührt, erschüttert und nahm mich sehr mit. Die Sprache sehr schön gewählt, sehr "nahe" und persönlich.

»Ich als Feminist ...«
160 Seiten

Ihr kennt diesen Moment: Das Gespräch dreht sich um Übergriffigkeit, Gewalt gegen Frauen oder Missbrauch - vielleicht ein aktueller Fall aus den Medien - und plötzlich platzt ein Typ mit stolzgeschwellter Brust heraus: "Vergewaltiger sind Monster und gehören ins Gefängnis! Ich mache so was ja nicht!" Ah ja. Natürlich. [...] Dieser Satz ist [...] ein echter Klassiker. Er hat alles: ein bequemes Weltbild, null Selbstreflexion und die automatische Reinwaschung von Schuld, noch bevor irgendjemand sie erhoben hat. [...] Wenn wir Täter zu "Monstern" erklären, schaffen wir eine komfortable Distanz. Wir trennen sie von den "normalen Männern" - und genau das ist das Problem. Es lässt Männer denken: "Das hat nicht mit mir zu tun. Ich bin nicht so" [...] während sie ignorieren, dass übergriffiges Verhalten eben nicht erst bei der Schlagzeile in der Zeitung anfängt. (S.122-123)

Lovebombing ist wie eine Temu-Werbung: Sie sieht verlockend aus, aber am Ende kriegst du doch nur irgendeinen Schrott, der nach einer Woche kaputtgeht. Und du gehst voller Illusionen leer aus. Nachhaltig ist das Ganze sowieso nicht. (S.190)

Lensi Schmidt zählt 70 Dinge auf, die Frauen bei Männern nicht mehr ertragen. Sie schreibt über Mansplaining, schlimme Dates, schlechte Komplimente, fehlenden Anstand, Sexismus. Mit Humor, sehr direkter Sprache und Selbsterfahrung gibt sie anderen Frauen Tipps, um klare Grenzen zu setzen. Für meinen Geschmack sind ihre Beobachtungen aber zu generalisierend und ihr Humor zu plump. Es fehlt ihr oft an Tiefe. Teilweise sind die Dinge, die sie auflistet, zu weit hergeholt und es scheint, als bräuchte sie noch ein paar Lückenfüller, um auf die 70 zu kommen.

Ihr Nachwort hingegen hat mir gefallen. Sehr ehrlich und ohne diesen "Humor" erzählt sie von ihren Erfahrungen, aus diesen letztlich ihr Buch entstanden ist.

Moscow Mule
320 Seiten

Ich beschloss, so lange unglücklich zu bleiben, wie es nur ging, denn das Glück brachte nichts als Trägheit und Stillstand, oder vielleicht sogar - Gott bewahre - ein Haus. Das konnte ich mir nicht leisten. (S.10)

Moskau, 2006. Die Studentin Karina ist jung, mittellos und träumt davon, nach Europa auszuwandern. Gemeinsam mit Tonya, ihrer besten Freundin, die dieselben Träume teilt wie sie, schummelt sie sich durchs arme Leben in Moskau. Sie teilen sich betrunkene Männer, ihr letztes Kleingeld, legendäre Partynächte und Familienkonflikte. Als die Möglichkeit eines Stipendiums in Berlin aufploppt, gibt sie alles - und Tonya gibt ihr schmerzhaft zu verstehen, dass sie ihren Traum wohl grösser stellt als die Freundschaft zu ihr.

In der Protagonistin Karina steckt sehr viel vom Leben der Autorin drin, auch sie studierte in Moskau politischen Journalismus und wechselte dann zu einer Uni in Berlin, wo sie seither wohnt. Da ich selbst zwischen 2001 und 2007 oft in Russland war, war mir vieles nicht unbekannt, was sie über die russische Kultur und Eigenheiten preisgab. Genau das fand ich sehr spannend und sorgte bei mir für viele Erinnerungen. Ohne diesen Bezug hätte ich das Buch aber wohl kaum beendet. Mir gefiel ihre Sprache nicht, zu plump. Zwar witzig, aber nicht in meinem Geschmack.

Hey guten Morgen, wie geht es dir?
224 Seiten

Juno ist Künstlerin, mit Theater und Tanz verdient sie ihr Geld. Ihr Mann ist schwer pflegebedürftig. Tagsüber kümmert sie sich um ihn und geht zu ihren Proben. Nachts lenkt sie sich von ihrer Schlaflosigkeit ab und chattet im Internet mit Love-Scammern. Bei jeder neuen Chat-Anfrage erfindet sie neue Lügen, die sie den Männern erzählt und entlarvt ihre Maschen, bis sie sich schnell wieder verziehen. Benu aus Nigeria bleibt länger. Mit ihm beginnt sie nach und nach eine Freundschaft via Chat und Videocalls.

Mich machte der Plot neugierig. Er klang "neu". Beeindruckend, wie Juno trotz aller Sorgen (Geld, Pflege ihres Mannes, Älterwerden, Schlafproblemen) die Lebenskraft, die Liebe und Fürsorge zu ihrem Mann nicht verliert. Die Sprache teilweise schön poetisch, ergreifend. Mehr empfand ich dann aber doch nicht, nachhaltig berührt hat es mich nicht.

Das Hörbuch ist angenehm gelesen.