Spielen ist ein Verb und wir können uns ihm nur nähern, indem wir ins Handeln kommen, indem wir gemeinsam spielen. (S.9)
Es wird immer so oberflächlich gesagt, Kreativität käme aus der rechten Hemisphäre, das stimmt aber nur bedingt: Ja, hier erfahren wir zentrale Impulse für Kreativität. Um aber ins kreative Handeln zu gelangen, brauchen wir beide Gehirnhälften. Rechts erfindet quasi und links setzt um. Dominierte nur die rechte Seite, würden wir im ganzheitlichen, sphärischen Empfinden verweilen, aber nicht ins Handeln kommen. Dominierte die linke Seite, würden wir nichts Neues erschaffen und in der Entwicklung stagnieren. Nur im ausgewogenen Zusammenspiel beider Hirnhälften erlangen wir Kreativität, die sich auch ausdrückt. (S.145)
Karen Köhler lädt ein in die Welt des Spielens. Sie schreibt, was Spielen bewegen kann, sie schreibt über die Wichtigkeit des Spielens in der Entwicklung, über Stressabbau und Entspannung, soziale Bindung. Sie beschreibt, wie Spielen das Gehirn antreibt, wo und wie Kreativität entsteht und und und. All das macht sie sehr spielend und interaktiv: Jedes Kapitel ist ein eigenes Spiel-Level, in jedem Kapitel gibt es Spielaufgaben, mit denen Punkte gesammelt werden. Das Buch zeigt, Karen Köhler ist durch und durch ein Spielmensch, und lässt uns daran teilhaben und profitieren.
Ich muss gestehen, dass ich keine einzige Aufgabe im Buch gelöst habe. Ich wollte über das Spielen lesen, aber mochte das Lesen nicht mit Spielen unterbrechen. Im Gegenteil, ich hätte es als störend empfunden. Ich fand die Idee zwar sehr witzig und gut umgesetzt, aber ich konnte mich nicht genug begeistern lassen, um direkt mitzumachen. Nichtsdestotrotz habe ich vieles gelernt und viel Inspiration mitgenommen.
Entgegen der weitverbreiteten Meinung, dass der Mensch grundsätzlich bös sei, zeigt Rutger Bregman anhand vieler Beispiele auf, warum im Gegenteil die meisten Menschen im Grunde gut sind und dass eine bessere Welt (gerechter, menschlicher) möglich wäre, wenn wir dies nur erkennen würden.
Lange schon lag das Buch bei mir, zum Glück habe ich mich nun endlich dazu aufgerafft es zu lesen. Das Buch hat seine Längen und vielen Dingen kann ich trotz seinen überzeugenden Worten nicht so optimistisch entgegenschauen, wie er wohl gerne hätte. Auf der anderen Seite vermisste ich auch gewisse Themen. Wieso geht Bregman nicht auf den Kolonialismus ein? Auch den Holocaust, finde ich, wurde zu wenig thematisiert. Aber: Nichtsdestotrotz war es sehr lehrreich und spannend, auch überraschend und sehr oft erfreulich, was Bregman schrieb. Gerade das Kapitel über das Geheimnis der Osterinsel oder die Recherche zu "der Herr der Fliegen" in Echt. Auch die Fassadentheorie fand ich einen sehr interessanten Ansatz. Sie besagt, dass unsere moderne Gesellschaft (mit ihren Regeln, Institutionen und Normen), wie eine dünne Fassade ist – eine künstliche Schicht, die unser wahres, grundlegend gutes Wesen oft verdeckt. Bregman argumentiert, dass der Mensch von Natur aus kooperativ und hilfsbereit ist, aber diese Eigenschaften durch Misstrauen, Konkurrenzdenken und ungerechte Systeme unterdrückt werden. Die Fassade (z.B. Hierarchien, Strafe, Kontrolle) soll Ordnung schaffen, doch sie basiert oft auf einem pessimistischen Menschenbild. Wenn die Fassade bröckelt (z.B. in Krisen), kommt nicht das Schlechte, sondern das Gute im Menschen zum Vorschein – Solidarität, Mitgefühl, Zusammenhalt. Bregman plädiert dafür, Systeme zu schaffen, die dieses Grundvertrauen stärken, statt es zu ersticken.
Ich habe viel mitgenommen aus diesem Buch und versuche zukünftig, auch wenn es mir nicht leicht fallen wird, mehr an das Gute im Menschen zu glauben.
Was sagte Rousseau doch gleich dazu? "Der Erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen liess zu sagen: dies ist mein" - damit ging es schief. Es muss eine grosse Aufgabe gewesen sein, die Menschen davon zu überzeugen, dass Land, Tiere oder selbst Menschen Eigentum von jemand anderem sein könnten. Denn Jäger und Sammler teilten immer so ziemlich alles. Ausserdem begann mit der Erfindung des Besitzes die Ungleichheit zwischen den Menschen zuzunehmen. Nach dem Tod wurde das Eigentum sogar an die nächste Generation weitergegeben. So wurde das Erbe erfunden, das die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vergrösserte. Faszinierend ist, dass in genau dieser Periode nach dem Ende der Eiszeit auch die ersten Kriege ausbrachen. Genau zu der Zeit, als wir uns an einem Ort niederliessen, errichteten wir auch die ersten militärischen Befestigungen, zeigt sich an archäologischen Untersuchungen. [...] Wie konnte es soweit kommen? Wissenschaftler vermuten wenigstens zwei Ursachen. An erster Stelle gab es jetzt Besitz, um den man kämpfen konnte, vor allem um Land. An zweiter Stelle hat uns das sesshafte Leben misstrauischer gegenüber Fremden gemacht. (S.124-125)
Mit der ersten Siedlungen und der Erfindung des Privateigentums begann eine neue Ära in der Menschheitsgeschichte. Ein Prozent würde die restlichen 99 Prozent unterdrücken. Grossmäuler wurden zuerst Kapitäne, dann Generäle, erst Häuptlinge, dann Könige. Die Ära der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war dahin. (S.126)
Vor allem Frauen zahlten einen hohen Preis für das Sesshaftwerden an einem Ort. Mit der Erfindung des Privateigentums und der Landwirtschaft ging die Zeit des Proto-Feminismus zu Ende. [...] Im Laufe der Jahrhunderte wurden heiratsfähige Töchter auf verhandelbare Güter reduziert, als wären sie Kühe und Schafe. [...] Während Frauen in der Urgeschichte frei herumliefen, wurden sie nun verschleiert und ans Haus gebunden. Das Patriarchat wurde geboren. (S.127-128)
Um ein Fazit bezüglich der Osterinsel zu ziehen: Was bleibt von der alten Geschichte? Der Geschichte von egoistischen Inselbewohnern, die ihre eigene Zivilisation vernichteten? Praktisch gar nichts. Es gab keinen Krieg, keine Hungersnot, keinen Kannibalismus. Die Abholzung des Waldes machte die Insel nicht ärmer, sondern produktiver. Das Massaker um 1680 hat nie stattgefunden, die eigentliche Zerstörung erfolgte erst nach 1860. Die Ausländer fanden kein Chaos vor, sie richteten eines an. [...] Kurz gesagt, die wahre Geschichte der Osterinsel ist eine Geschichte von Widerstandsfähigkeit und Einfallsreichtum. Es ist keine Botschaft einer Katastrophe, es ist eine Quelle der Hoffnung. (S.160-161)
Mehr Emotionen, mehr Gefühl, mehr Empathie! Aber das ist unmöglich. Probieren Sie es aus: Versetzen Sie sich in die Lage einer Person. Und dann von hundert. Und dann von einer Million. Und dann von sieben Milliarden. Unmöglich. In Wirklichkeit ist Empathie ein hoffnungslos eingeschränktes Gefühl, so Professor Bloom. Empathie empfinden wir vor allem für Menschen, die uns nahestehen. [...] Als ich das Buch von Bloom las, dämmerte mir, was der Empathie ähnelt. Die Nachrichten. Bereits im 1. Kapitel habe ich gezeigt, dass die Nachrichten ebenfalls wie ein Scheinwerfer funktionieren. Und wie Empathie täuschen. Indem sie auf den Einzelnen heranzoomen, täuschen die Nachrichten, indem sie sich vor allem auf die Ausnahme fokussieren (Unfall! Anschlag! Krieg!). Eines ist sicher: Wer sich nach einer besseren Welt sehnt, kommt mit ein bisschen Empathie nicht weit. Schlimmer noch: Empathie kann der Vergebung im Wege stehen, denn Menschen, die sich stärker in die Opfer einfühlen, verallgemeiners auch ihre Feinde stärker. Der Mechanismus ist immer derselbe: Wir setzen unsere Lieben ins rechte Licht und werden blind für die Perspektive unserer Gegner, die ausserhalb unseres Blickfeldes stehen. Das ist der Mechanismus, von dem Brian Hare [...] gesprochen hat. Der Mechanismus, der uns in die netteste und grausamste Spezies auf dem Planeten verwandelt hat. Es ist ein unbequeme Wahrheit: Empathie und Fremdenfeindlichkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Warum tun gute Menschen also böse Dinge? Ich denke, wir können jetzt den Anfang einer Antwort formulieren. Die Soldaten der Wehrmacht kämpften in erster Linie füreinander. Die meisten von ihnen wurden nicht von Blutgier oder Sadismus angetrieben, sondern in erster Linie von Kameradschaft. Es hat sich weiterhin herausgestellt, dass es Soldaten schwerfällt, zu töten. (S.243-244)
Gewaltloser Widerstand ist sehr viel effektiver als gewaltsamer Widerstand. [...] Es zeigte sich, dass über 50 Prozent der friedlichen Kampagnen erfolgreich waren, gegenüber 26 Prozent der gewaltsamen. Der wichtigste Grund hierfür, hielt Chenoweth fest, bestände darin, dass sich mehr Menschen an dem gewaltlosen Widerstand beteiligten. Durchschnittlich mehr als elfmal so viele, um genau zu sein. Und dabei handelte es sich nicht nur um junge Männer mit zu viel Testosteron, sondern auch um Frauen und Kinder, Ältere und Menschen mit Behinderungen. Regime sind solchen Menschenmassen nicht gewachsen. Das Gute besiegt das Böse durch seine schiere Überzahl. (S.393)
Der Umgang mit Fremden ist etwas, das wir lernen müssen, am besten von klein auf. Sollte nicht jeder in jungen Jahren, so wie Abraham Viljoen während seines Studiums, eine Reise machen müssen? "Reisen ist für Vorurteile, Bigotterie und Engherzigkeit lebensgefährlich", schrieb Mark Twan bereits 1869. Das bedeutet nicht, dass wir nicht wir selbst sein dürfen. Im Gegenteil, eine der wichtigsten Erkenntnisse der "Kontakt"-Wissenschaftler lautet, dass sich Vorurteile nur beseitigen lassen, wenn wir unsere Identität bewahren. Wir dürfen die Erfahrung machen, dass wir anders sind und dass daran nichts Falsches ist. Unsere Identität darf ein Haus mit starkem Fundament sein. Und dann können wir die Türen öffnen. (S.396-397)
Sidney ist Mitte 30 und wünschst sich nichts mehr als einen Freund. Ihre Dating-Erfahrungen sind aber leider alles andere als erfolgreich. Männer, die in ihrem Online-Profil nicht ehrlich sind, Männer, die sie mit der Rechnung im Restaurant stehenlassen, Männer, die ihre Grenzen nicht akzeptieren... Als sie Tom trifft, ist sie hin und weg. Könnte er ihr lang gesuchter Traummann sein? Er ist gutaussehend, hat gute Manieren und ist Arzt. Nur hat er offenbar Mühe, sich zu commiten. Und er verhält sich manchmal sehr verdächtig... könnte er der Mörder und Serienkiller ihrer guten Freundin sein? Von dem es hiess, dass er seine Opfer erst über längere Zeit datet, bevor er sie abschlachtet?...
Auch diese Geschichte trägt die Handschrift der Autorin. Gopf, und auch in dieser Geschichte verhielten sich die Figuren teilweise wieder sooo unnatürlich und unglaubwürdig! Aber, das muss ich McFadden lassen: Auch dieses Mal wurde ich überrascht damit, wie die Geschichte ausging. Ich dachte ja zwar schon früh, dass ich genau weiss, wer der Serienkiller ist (war ja nicht mein erster McFadden-Thriller...), aber nein, ich habe mich getäuscht. :)
Ich bin durch die vielen Promikontakte ganz mutig geworden und fordere DJ Ötzi zum nächsten Tanz auf, doch er verweist auf eine kaum volljährige Dame an seiner Seite. "Meine Tochter." Im Gegensatz zu vielen anderen Männern mit viel jüngerer Begleitung hat er tatsächlich sein eigenes Kind mitgebracht. "Danke!", sage ich zu ihm. "Danke, DJ Ötzi!" Man bewundert es als tiefe moralische Leistung, wenn mächtige Männer ausnahmsweise nicht mit Jugendlichen schlafen. (S.68)
Stefanie Sargnagel erzählt von einem Besuch auf dem Wiener Opernball, den sie mit zwei Freund*innen besucht. Sie fühlen sich zurecht fehl am Platz, aber zu interessant ist es, dem Treiben der Wiener High Society zuzuschauen.
Ich mag Stefanie Sargnagel sehr. Aber mit diesem Büchlein konnte ich dann doch nicht wirklich viel anfangen. Klar, es ist sehr toll (=böse, satirisch, lustig, scharfzüngig) geschrieben. Mir war die Geschichte aber zu wild und gegen Ende wurde es noch abgefahrener. Das kann lustig sein, aber mein Hauptproblem ist wohl einfach, dass ich a) die Wiener High Society zu wenig kenne (die Namen im Buch mir somit oft wenig sagten) und mir b) die Wiener High Society sowieso ziemlich egal ist. Aber wie gesagt, das ist mein Problem. :)
Addie ist in der Schule bekannt. Das Jahr zuvor gab es einen Skandal mit ihr und einem Lehrer... Sie bekommt dies immer noch zu spüren, wird von einzelnen Teenagern gemobt und die Direktorin hat sie auch auf dem Kicker. Dieses Jahr ist ihr Lichtblick ihr neuer Englischlehrer Nathaniel Bennett. Von ihm fühlt sie sich endlich verstanden. Und er ist ja sooo gut aussehend... Seine Frau, Eve Bennett, die neu ihre Mathelehrerin ist, macht ihr Leben aber auch nicht einfach. Wem kann sie trauen?
In üblicher McFadden-Manier geschrieben. Langsam kenne ich ihren Plot-Aufbau, die abwechselnden Kapitel der einen und dann der anderen Figur, jeweils als Ich-Erzähler*in. Ihre berühmten Plot-Twists. Und natürlich auch wieder mit dabei: der poshy Lifestyle zumindest einer Charaktere im Buch (dieses Mal die Eve mit ihrer Schuhsucht...).
Das ständige Rumgeheule von Addie ging mir so elend auf die Nerven (die Sprecherin hat aber auch alles gegeben...) und das Ende ist ja sowas von unrealistisch und unglaubwürdig.
Livia leidet von klein auf an einer Augenkrankheit, die sie nach und nach erblinden lässt. Für sie ist diese Diagnose verständlicherweise sehr schwierig, möchte sie doch weiterhin an ihren Sportwettkämpfen teilnehmen (sie ist eine der schnellsten Mädchen in ihrer Region), mit Freund*innen ausgehen, ein normales Leben führen und ja nicht auffallen möchte. Entsprechend handelt sie auch nicht immer vernünftig und nach den Empfehlungen ihrer Ärzten bzw ihrer Eltern.
Ein feinfühliges Buch über das Aufwachsen eines Mädchens mit einer Krankheit und über den Prozess, seine Krankheit anzunehmen und einen guten Umgang damit zu finden. Mich hat die Geschichte berührt und ich konnte Livia mit meiner starken Kurzsichtigkeit ein bisschen nachfühlen. Als Kind plagten mich manchmal auch Ängste, dass ich irgendwann erblinden werde. Bei Livia ist aber bald klar, dass es wirklich so kommen wird. Für mich eine furchtbare Vorstellung. Die Geschichte hat seine Längen und hätte durchaus etwas gestrafft werden können, ohne an Inhalt zu verlieren. Aber grundsätzlich ist die Geschichte schön und für mich authentisch erzählt.
Bevor es KI-generierte Romane auf der Basis von Real-Character gab, übernahmen Schriftsteller-Genies das Schreiben von Romanen. Sie brauchten dafür viele Jahre, nicht wenige Sekunden. Ein paar Jahrzehnte lang wurden neben Schriftsteller-Genies auch Schriftstellerinnen geduldet, sie schrieben Texte über Randthemen wie Mutterschaft, Wechseljahre oder patriarchale Gewalt und gewannen damit sogar Literatur(!)preise. Ende der 2020er-Jahre wurde das Schreiben und Lesen von seichter Frauenliteratur verboten. (S.43)
Traumprinz_66 fragt den HappySystemBot: Haben alle Modelle mehrere Lächel-Modi? - Vielen Dank für Ihre interessante Live-Frage! Ja, alle unsere in diesem Liebesroman vorgestellten Modelle verfügen über siebzehn Lächel-Modi wie zum Beispiel: interessiertes Lächeln, verführerisches Lächeln, verschämtes Lächeln, höfliches Lächeln, herzliches oder tiefenentspanntes Lächeln, das im vorigen Kapitel im Rahmen der künstlerischen Freiheit Post-Orgasmus-Lächeln genannt wurde. Ein Lächeln gehört seit jeher zur Grundausstattung einer Frau. Frauen, die nicht auf Knopfdruck lächelten, mussten immer wieder daran erinnert werden. JETZT LÄCHLE DOCH EINMAL. LIEB, WIE DU LÄCHELST. SO GEFÄLLST DU MIR SCHON BESSER. Ab den 2000er-Jahren gab es eine Anti-Lächeln-Bewegung. Eine Frau lächelte nicht mehr automatisch, wenn ihr ein Mann ein Kompliment machte, ihr hinterherpfiff oder unter den Rock griff. Es waren verwirrende und harte Zeiten für Männer, denen das Lächeln einer Frau immer schon viel bedeutete. Die neuen Frauen lächeln wieder auf Knopfdruck, wie es sich für eine Frau gehört. Auf siebzehn verschiedene Arten. (S.168)
WOW, was für ein Leseerlebnis! In diesem Buch steckt so viel drin: Feministische Gesellschaftskritik, düstere Dystopie (im Jahre 2031). Es geht um toxische Männlichkeit, Gaslighting, verschwindende Frauenrechte, Misogynie, künstliche Intelligenz und deren wachsende Entwicklung wie auch grundsätzlich neuen Technologien, wie z.B. Fembots, die reale Frauen ersetzen sollen.
Das Buch ist zudem sehr originell (zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig) geschrieben, als wäre mensch als Leser*in live mit dabei, es gibt Werbeunterbrüche und die Mitleser (bewusst nicht gegendert) stellen dem HappySystemBot zwischendurch Fragen, die sogleich "live" vom Bot beantwortet werden. Es ist bitterböse und zugleich voller (schwarzem) Humor. Das Lachen blieb mir oft fast im Hals stecken, denn so vieles, was die Autorin aufgreift, kommt leider nicht von ungefähr. Ihre Figurenzeichnung ist sehr stark und glaubwürdig. Die männliche Hauptcharaktere machte mich permament wahnsinnig und wütend.
Die Geschichte zog mich richtiggehend in einen Sog und ich konnte das Buch je länger je weniger aus der Hand legen. Die Geschichte hätte auch durchaus ein Yorgos Lanthimos-Drehbuch sein können, ich sehe Emma Stone bereits vor mir. :) Und sie erinnert auch stark an The Handmaids Tale.
Grosse, satirische Unterhaltung, die zum Nachdenken anregt.
There is a code among the dying: let the living speak. They have no longer to atone for it. (S.45)
In den 60er Jahren verschwindet eines Tages ein vierjähriges Mädchen einer Mi'kmaq Familie. Während die Eltern als Beerenpflücker arbeiten und Ruthie auf einem Stein sitzt, ist sie einen nächsten Moment plötzlich weg, ohne Spuren zu hinterlassen. Die vier älteren Geschwister und ihre Eltern suchen sie monatelang vergeblich. Norma wächst als Einzelkind auf. Die Mutter ist sehr streng und überfürsorglich, der Vater distanziert. Sie fühlt sich eingeengt. Und sie merkt bald, dass ihre Eltern ihr gegenüber nicht ehrlich sind. Die Träume, die sie jahrelang begleitet, in denen sie nebst einem Lagerfeuer eine herzliche Mutter sieht, die nicht ihre Mutter ist und auch einen Bruder, den sie nicht hat, werfen bei ihr Fragen auf, werden von ihren Eltern aber nicht ernstgenommen. Auch zu den Fragen zu ihrer dunkleren Hautfarbe sowie den fehlenden Babyfotos bekommt sie immer nur ausweichende Antworten. Es braucht Jahre, bis sie hinter das Geheimnis ihrer wahrer Herkunft kommt.
Die Geschichte wird in zwei Erzählsträngen erzählt. Die Kapitel wechseln jeweils ab zwischen JOE (der eine ältere Bruder von Ruthie) und NORMA. Von Joe erfahren die Lesenden über die grosse Trauer, über die weiteren tragischen Schicksalsschläge, die die Familie in den Folgejahren erfährt und über Joes Lebensentwurf mit dem Umgang seiner Trauer und Wut. Von Normas Erzählungen über ihr Aufwachsen wird den Lesenden schnell klar, dass es sich bei ihr um die verschwundene Ruthie handeln muss. Norma braucht dafür aber einige Jahrzehnte länger.
Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, sie hat mich berührt und abwechselnd traurig und wütend gemacht. Die Erzählweise fand ich sehr passend, ich fühlte mich den Charakteren sehr nahe und besonders der starke Zusammenhalt der Mi'kmaq Familie hat mich sehr berührt. An manchen Stellen hätte die Geschichte auch etwas gestrafft werden können. Das Ende ist sehr bewegend und unglaublich traurig, aber auch tröstlich.
Der dritte Teil der Trilogie. Jura ist nach Charkiw zu Wolodja gezogen. Doch das Liebesglück währt nicht lange, denn einerseits leiden beide darunter, ihre Beziehung im Verborgenen leben zu müssen, und Jura leidet zudem je länger je mehr unter dem Druck seiner Arbeit, die zu einer grossen Schaffenskrise führt. Jura fällt in eine tiefe Depression und der Alkohol dominiert seinen Alltag. Wolodja möchte ihm helfen, merkt aber, dass wahrscheinlich nur die Rückkehr nach Deutschland ihn wirklich heilen kann. Juras Krise stellt ihre Beziehung hart auf die Probe. Auch Wolodjas Schlafprobleme kommen zurück. Aber sie kämpfen... mit Happy End. :)
Der dritte Band hat mich jetzt am wenigsten "abgeholt", wieso kann ich aber gar nicht so genau sagen. Teilweise fand ich die Kapitel etwas langatmig (besonders bei denen es um die Musik von Jura ging). Aber schön, wie die Trilogie endet, ich mag es Jura und Wolodja sehr gönnen. :) Insgesamt war es eine sehr traurige, berührende Trilogie.
Sechs Menschen aus einer Kleinstadt in Deutschland, die sich nicht kennen und doch im Laufe des Buches irgendwie alle zusammenfinden. Die Geschichte dauert ein paar wenige Tage und sie wechselt kapitelweise die Perspektive von einer Person zur nächsten dieser sechs Menschen. Im Zentrum steht der Geflügelschlachtbetrieb Möllring, einer der grössten weltweit. Es geht mitunter um Flucht/Migration, Erschöpfung, Kritik an die Gesellschaft. Sehr unterhaltsam, irgendwie düster und ausweglos. Aber irgendwie schaffte der Roman es dann doch nicht, mich ganz von ihm zu überzeugen, ich kann nicht mal genau sagen, wieso. Die Figuren blieben mir egal. Die Struktur des Buches hat mir wiederum sehr gefallen, die Verschachtelung der einzelnen Geschichten in eine.
Ein trauriges und doch auch hoffnungsfrohes Buch. Die Freundschaft der 15jährigen Linda und dem 87jährigen dementkranken Hubert fand ich einfach nur herzerwärmend. Auch wenn Linda deutlich älter scheint (ich war sehr überrascht, als ihr Alter im Laufe des Buches bekannt wurde) und ich deshalb die Glaubwürdigkeit der Geschichte etwas hinterfrage, fand ich die Idee dieser generationenübergreifenden Freundschaft zu schön, als mich dieses Detail dann doch gross stören würde. Der Tod ist ein allgegenwärtiges Thema der Geschichte, nicht nur Huberts Tod steht bevor, auch Lindas suizidale Gedanken begleiten durch das Buch. Und trotz der Schwere dieser beiden Themen, Suizid und Demenz, schafft es die Autorin, die Geschichte mit einer zarten, respektvollen Leichtigkeit zu versehen - und dies, ohne sie kitschig zu machen.
Das Buch bedient sich ein paar Klischees (die polnische Pflegerin mit dem starken Akzent, beispielsweise), aber andererseits ist die 24h-Pflege alter Menschen, die von "billigen" Arbeitskräften aus dem Ausland bewältigt werden, auch Realität. Das Ende hat mich geschockt (wenn es auch laufend angedeutet wurde) und brachte mich zum Weinen.
Im Biologieunterricht nehmen wir die Vererbungslehre durch. Die Nachkommen von Meisen sind Meisen. Die Nachkommen von Kürbissen sind Kürbisse. Was sind dann die Nachkommen meiner Grossmutter? Ich mache eine erste Hochrechnung. (S.16)
Das Haus macht Ellen melancholisch. Sie sagt, sie habe ein Herz für unperfekte Dinge. Zum ersten Mal denke ich, dass ich vielleicht eine Chance bei ihr habe. (S.43)
Zum Leben gehört mehr, als nicht zu sterben. Doch die Depression ist die Todesart der Unentschiedenen. Ein halber Tod. Winterschlaf. Ich stellte mir diesen Mann vor im Mantel, der in seinem bescheidenen Zuhause auf Spanisch mit sich selbst spricht. Nun hatte er eine Sprache mehr, in der er etwas verschweigen konnte. (S.187)
Der Erzähler geht durch die eingelagerten Kisten seiner Mutter, deren Wohnung zwangsgeräumt wurde. Aufgrund einer Verwechslung wurden alle Kisten von Wert in fortgeworfen, geblieben sind Kisten mit Abfall. Von seiner eigenen Familiegeschichte bleibt somit nichts zurück. Er geht der Geschichte seiner Familie nach. Alle waren psychisch krank: die Grossmutter, der Grossvater. Seine Mutter war Alkoholikerin, sein Vater depressiv. Er hat grosse Angst davor, seit Kindheitsjahren, selbst "verrückt" zu werden. Er ist rastlos, flüchtet nach New York, dann nach Wien. Schliesslich studiert er Psychologie und landet in der Psychiatrie - als Psychologe. Er versucht, die Menschen und deren Krankheiten zu verstehen, zu deuten, die Frage "Was ist ein normaler Mensch" zu beantworten. Und immer wieder kehrt er zu seiner eigenen Familiengeschichte zurück.
Mich hat die Geschichte, die wie's scheint autobiografisch angelehnt ist, sehr berührt. Zärtlich, mit Feingefühl und nicht ohne Humor schreibt er über psychische Krankheiten. Ich mochte seinen Schreibstil und die Bildsprache, die er nutzt, sehr. Irgendwie ein trauriges, aber auch sehr tröstliches Buch. Auch wenn der Erzähler unter den Krankheiten seiner Eltern leider, kann er sie annehmen. Der Roman verhilft, wie ich glaube, zu einem grösseren Verständnis für psychische Erkrankungen. Mir persönlich fehlte in der Erzählung ein bisschen der roten Faden, zu folgen fiel mir manchmal etwas schwer.
Giulia Enders schafft es in diesem Buch, komplexe(re) anatomische, medizinische, biologische Vorgänge verständlich und mit viel Humor zu erklären, ihr Fachwissen runterzubrechen auf eine leichte Sprache, die Laien wie ich gut verstehen. Ergänzt wurde das Buch mit liebevollen Illustrationen von der Schwester der Autorin. Ich habe durch dieses Buch sehr viel gelernt und werde entsprechend viel für mich mitnehmen. Ein sehr unterhaltsames und lehrreiches Buch, welches ich schon vor Jahren hätte lesen sollen. Auf jeden Fall weiterzuempfehlen!