The Berry Pickers
321 Seiten

There is a code among the dying: let the living speak. They have no longer to atone for it. (S.45)

In den 60er Jahren verschwindet eines Tages ein vierjähriges Mädchen einer Mi'kmaq Familie. Während die Eltern als Beerenpflücker arbeiten und Ruthie auf einem Stein sitzt, ist sie einen nächsten Moment plötzlich weg, ohne Spuren zu hinterlassen. Die vier älteren Geschwister und ihre Eltern suchen sie monatelang vergeblich. Norma wächst als Einzelkind auf. Die Mutter ist sehr streng und überfürsorglich, der Vater distanziert. Sie fühlt sich eingeengt. Und sie merkt bald, dass ihre Eltern ihr gegenüber nicht ehrlich sind. Die Träume, die sie jahrelang begleitet, in denen sie nebst einem Lagerfeuer eine herzliche Mutter sieht, die nicht ihre Mutter ist und auch einen Bruder, den sie nicht hat, werfen bei ihr Fragen auf, werden von ihren Eltern aber nicht ernstgenommen. Auch zu den Fragen zu ihrer dunkleren Hautfarbe sowie den fehlenden Babyfotos bekommt sie immer nur ausweichende Antworten. Es braucht Jahre, bis sie hinter das Geheimnis ihrer wahrer Herkunft kommt.

Die Geschichte wird in zwei Erzählsträngen erzählt. Die Kapitel wechseln jeweils ab zwischen JOE (der eine ältere Bruder von Ruthie) und NORMA. Von Joe erfahren die Lesenden über die grosse Trauer, über die weiteren tragischen Schicksalsschläge, die die Familie in den Folgejahren erfährt und über Joes Lebensentwurf mit dem Umgang seiner Trauer und Wut. Von Normas Erzählungen über ihr Aufwachsen wird den Lesenden schnell klar, dass es sich bei ihr um die verschwundene Ruthie handeln muss. Norma braucht dafür aber einige Jahrzehnte länger.

Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, sie hat mich berührt und abwechselnd traurig und wütend gemacht. Die Erzählweise fand ich sehr passend, ich fühlte mich den Charakteren sehr nahe und besonders der starke Zusammenhalt der Mi'kmaq Familie hat mich sehr berührt. An manchen Stellen hätte die Geschichte auch etwas gestrafft werden können. Das Ende ist sehr bewegend und unglaublich traurig, aber auch tröstlich.

& Du und ich und für immer
346 Seiten

Der dritte Teil der Trilogie. Jura ist nach Charkiw zu Wolodja gezogen. Doch das Liebesglück währt nicht lange, denn einerseits leiden beide darunter, ihre Beziehung im Verborgenen leben zu müssen, und Jura leidet zudem je länger je mehr unter dem Druck seiner Arbeit, die zu einer grossen Schaffenskrise führt. Jura fällt in eine tiefe Depression und der Alkohol dominiert seinen Alltag. Wolodja möchte ihm helfen, merkt aber, dass wahrscheinlich nur die Rückkehr nach Deutschland ihn wirklich heilen kann. Juras Krise stellt ihre Beziehung hart auf die Probe. Auch Wolodjas Schlafprobleme kommen zurück. Aber sie kämpfen... mit Happy End. :)

Der dritte Band hat mich jetzt am wenigsten "abgeholt", wieso kann ich aber gar nicht so genau sagen. Teilweise fand ich die Kapitel etwas langatmig (besonders bei denen es um die Musik von Jura ging). Aber schön, wie die Trilogie endet, ich mag es Jura und Wolodja sehr gönnen. :) Insgesamt war es eine sehr traurige, berührende Trilogie.

Und Federn überall
300 Seiten

Sechs Menschen aus einer Kleinstadt in Deutschland, die sich nicht kennen und doch im Laufe des Buches irgendwie alle zusammenfinden. Die Geschichte dauert ein paar wenige Tage und sie wechselt kapitelweise die Perspektive von einer Person zur nächsten dieser sechs Menschen. Im Zentrum steht der Geflügelschlachtbetrieb Möllring, einer der grössten weltweit. Es geht mitunter um Flucht/Migration, Erschöpfung, Kritik an die Gesellschaft. Sehr unterhaltsam, irgendwie düster und ausweglos. Aber irgendwie schaffte der Roman es dann doch nicht, mich ganz von ihm zu überzeugen, ich kann nicht mal genau sagen, wieso. Die Figuren blieben mir egal. Die Struktur des Buches hat mir wiederum sehr gefallen, die Verschachtelung der einzelnen Geschichten in eine.

Der Bademeister ohne Himmel
320 Seiten

Ein trauriges und doch auch hoffnungsfrohes Buch. Die Freundschaft der 15jährigen Linda und dem 87jährigen dementkranken Hubert fand ich einfach nur herzerwärmend. Auch wenn Linda deutlich älter scheint (ich war sehr überrascht, als ihr Alter im Laufe des Buches bekannt wurde) und ich deshalb die Glaubwürdigkeit der Geschichte etwas hinterfrage, fand ich die Idee dieser generationenübergreifenden Freundschaft zu schön, als mich dieses Detail dann doch gross stören würde. Der Tod ist ein allgegenwärtiges Thema der Geschichte, nicht nur Huberts Tod steht bevor, auch Lindas suizidale Gedanken begleiten durch das Buch. Und trotz der Schwere dieser beiden Themen, Suizid und Demenz, schafft es die Autorin, die Geschichte mit einer zarten, respektvollen Leichtigkeit zu versehen - und dies, ohne sie kitschig zu machen.

Das Buch bedient sich ein paar Klischees (die polnische Pflegerin mit dem starken Akzent, beispielsweise), aber andererseits ist die 24h-Pflege alter Menschen, die von "billigen" Arbeitskräften aus dem Ausland bewältigt werden, auch Realität. Das Ende hat mich geschockt (wenn es auch laufend angedeutet wurde) und brachte mich zum Weinen.

Botanik des Wahnsinns
186 Seiten

Im Biologieunterricht nehmen wir die Vererbungslehre durch. Die Nachkommen von Meisen sind Meisen. Die Nachkommen von Kürbissen sind Kürbisse. Was sind dann die Nachkommen meiner Grossmutter? Ich mache eine erste Hochrechnung. (S.16)

Das Haus macht Ellen melancholisch. Sie sagt, sie habe ein Herz für unperfekte Dinge. Zum ersten Mal denke ich, dass ich vielleicht eine Chance bei ihr habe. (S.43)

Zum Leben gehört mehr, als nicht zu sterben. Doch die Depression ist die Todesart der Unentschiedenen. Ein halber Tod. Winterschlaf. Ich stellte mir diesen Mann vor im Mantel, der in seinem bescheidenen Zuhause auf Spanisch mit sich selbst spricht. Nun hatte er eine Sprache mehr, in der er etwas verschweigen konnte. (S.187)

Der Erzähler geht durch die eingelagerten Kisten seiner Mutter, deren Wohnung zwangsgeräumt wurde. Aufgrund einer Verwechslung wurden alle Kisten von Wert in fortgeworfen, geblieben sind Kisten mit Abfall. Von seiner eigenen Familiegeschichte bleibt somit nichts zurück. Er geht der Geschichte seiner Familie nach. Alle waren psychisch krank: die Grossmutter, der Grossvater. Seine Mutter war Alkoholikerin, sein Vater depressiv. Er hat grosse Angst davor, seit Kindheitsjahren, selbst "verrückt" zu werden. Er ist rastlos, flüchtet nach New York, dann nach Wien. Schliesslich studiert er Psychologie und landet in der Psychiatrie - als Psychologe. Er versucht, die Menschen und deren Krankheiten zu verstehen, zu deuten, die Frage "Was ist ein normaler Mensch" zu beantworten. Und immer wieder kehrt er zu seiner eigenen Familiengeschichte zurück.

Mich hat die Geschichte, die wie's scheint autobiografisch angelehnt ist, sehr berührt. Zärtlich, mit Feingefühl und nicht ohne Humor schreibt er über psychische Krankheiten. Ich mochte seinen Schreibstil und die Bildsprache, die er nutzt, sehr. Irgendwie ein trauriges, aber auch sehr tröstliches Buch. Auch wenn der Erzähler unter den Krankheiten seiner Eltern leider, kann er sie annehmen. Der Roman verhilft, wie ich glaube, zu einem grösseren Verständnis für psychische Erkrankungen. Mir persönlich fehlte in der Erzählung ein bisschen der roten Faden, zu folgen fiel mir manchmal etwas schwer.

& Du und ich und die Schwalben
414 Seiten

Es dauert 20 Jahre, bis sich Jura und Wolodja nach ihrer Begegnung im Pionierlager endlich wiedersehen - und sich neu verlieben. Jura wohnt mittlerweile in Berlin und hat sich seinen Traum als Musiker erfüllt, Wolodja lebt in Charkiv und ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Jura lebt seine Homosexualität offen, Wolodja hadert noch immer mit seiner "Diagnose". Erst mit dem Zusammensein mit Jura getraut er sich langsam, sich bei seiner Familie und Freund*innen zu outen. Doch wie befürchtet, findet das in der Ukraine keinen Anklang...

Auch der zweite Band hat mich sehr berührt. Im Gegensatz zum ersten Band fand ich jetzt auch keine Stelle mehr, die mich langatmig dunkte. Ich mochte es sehr, wird im 2. Band nun aus Wolodjas Sicht geschrieben, während der 1. Band aus Juras Sicht geschrieben wurde. Das heisst, der gesamte Erzählstrang wiederholte sich zu Beginn zwar, aber er wurde so fest gekürzt, dass keine Langeweile aufkam - insbesondere auch aufgrund der anderen Sichtweise.

Jetzt freue ich mich noch auf den dritten und letzten Teil der Serie.

Hundesohn
162 Seiten

I think I'm too tired to fuck tonight, schrieb Matteo. But we can do other stuff. Eine halbe Stunde später klingelte ich an seiner Tür, viertes Obergeschoss, Tür links. Eine WG, aber ausser Matteo war niemand da. Wir haben other stuff gemacht. Filzläuse kriegt man auch durch other stuff. (S.12)

Baba sagt immer, bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki insan. Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen. Das bedeutet, je mehr Sprachen du sprichst, desto grösser ist deine Welt, desto mehr bist du. Aber nicht alle Menschen sind gleich, auch wenn sie es immer behaupten. Und nicht jeder altert mit der Sprache auf dieselbe Weise. (S.24)

Ich hatte Pari versprochen, nicht auf Social Media herumzuscrollen. Ich hatte versprochen, wirklich weg zu sein. Aber überall lauert die Welt mir auf. (S.195)

Wenn ich deinen Namen auf das Meer schreiben würde, Hassan, würde er bleiben? Und die Tränen, Hassan, würde sich das Salz vermischen mit dem Salz des Wassers? Und würdest du es schmecken, ob es meine Tränen sind auf deiner Zunge oder das Meer, in das wir uns werfen? (S.213)

Zeko wohnt in Berlin und ist fleissig auf Grindr unterwegs. Er trifft sich mit vielen Männern. Aber er denkt immer nur an Hassan, wenn er andere Männer küsst oder mit ihnen schläft. Hassan ist der Nachbarsjunge in Adana, wo sein Grossvater wohnt. Dieser nannte Hassan immer nur den "Hundesohn". Zu Beginn des Buches geht es neun Tagen, bis Zeko Hassan endlich wiedersehen wird. Im Laufe des Romans werden die Tage langsam heruntergezählt. Während dieser Countdown läuft, geht es viel um schwulen Sex, um Sprache (sowohl der deutschen als auch der türkischen, arabischen, französischen), um den Islam (Zeko ist praktizierender Muslim), um Freundschaft, um Rassismus.

Ozan Zakariya Keskinkılıç schreibt wunderschön poetisch und stellt die Sprache auch immer wieder in den Vordergrund, was mir sehr gefiel. Mir fehlte letzten Endes aber doch ein wenig eine fassbarere Handlung.

Gym
197 Seiten

Wenn er für den Rest seines Lebens nur noch eine Übung machen dürfte, hatte Ferhat gesagt, dann würde er sich für den Plan entscheiden. Wenn man den Plank richtig ausführte, wenn man wirklich alles anspannte und hart machte, wenn man zum Brett wurde und das Ganze lang genug hielt, trainierte man damit die wichtigsten Muskeln in Armen, Beinen, Po, Rücken und Rumpf, alle auf einmal. Minimaler Aufwand, maximaler Effekt. (S.49-50)

Ich mochte die Schweissflecken an den Rändern ihres Tops, dachte, dass sie das Ehrlichste waren, was ein Körper von sich preisgeben konnte, und dass man diese Ehrlichkeit wahrscheinlich würde riechen können, wenn sie den Arm um einen legte. (S.89)

Die Ich-Erzählerin bewirbt sich in einem Fitnessstudio als Tresenkraft. Der Geschäftsführer spricht sie beim Bewerbungsgespräch auf ihre offensichtliche Unsportlichkeit an. Sie greift zu einer Notlüge, erzählt, dass sie vor drei Monaten ein Kind bekommen hat. Und sie kriegt die Stelle. Ihre Notlüge hält sie ordentlich auf Trab. Aber sie entdeckt auch die Faszination des Muskelaufbaus. Ihr Training wird härter und länger, bis sie gar nicht mehr zu bremsen ist und zu weiteren Mitteln greift. Ihr neues Leben ist in Gefahr, aus der Bahn zu geraten...

Ein temporeiches, witziges, zeitweise sehr verstörendes und absurdes Buch über eine Frau mittleren Alters, die von einer Couch Potato zu einer verbissenen Fitnessfrau wird. Mit viel Situationskomik schreibt die Autorin über (einen ungesunden) Körperkult, über eine Leistungsgesellschaft, die nicht nur die Arbeitswelt sondern auch Freizeit zunehmend beeinflusst. Auch wenn mir die Hauptfigur gar nicht sympathisch war, schaffte es die Autor trotzdem, dass ich dennoch etwas mit ihr mitfühlte. Grosse Unterhaltung, nicht ohne Kritik an unsere Gesellschaft! :)

Lügen über meine Mutter
399 Seiten

Das Buch erzählt von einem Mädchen, Ela, und ihrem Aufwachsen in den 1980er Jahren. In der Familie herrscht ein Thema über allem: Das Körpergewicht der Mutter. Ihr Vater findet, sie ist zu dick. Und er sagt ihr das täglich. Es geht so weit, dass ihr Vater das Übergewicht der Mutter für alles verantwortlich macht, was er nicht erreicht: eine Beförderung, genügend Anerkennung im Dorf. Als erwachsene Frau blickt Ela zurück und fragt sich, was damals wirklich passiert ist, was verheimlicht wurde, worüber gelogen wurde.

Das Buch hat mich so wütend gemacht, was für ein Ar*** dieser Vater doch ist. Seine Art, wie er mit seiner Frau umgeht, ist unter aller Sau. Er macht sie klein, Tag für Tag, beschimpft sie, lässt sie alle Arbeiten machen. Er macht sie krank und gibt ihr zuletzt auch dafür die Schuld - wie für alles andere, was nicht läuft. Zeitweise konnte ich kaum mehr hinhören, sein Verhalten machte mich richtiggehend agressiv, die Familiensituation zu oft nur schwer erträglich. Die Mutter, die in aller Selbstverständlichkeit ihre kranke Mutter pflegt, Elas Freundin bei sich aufnimmt und für die gesamte Familie sorgt. Ich wünschte ihr, sie hätte sich früher von ihrem Mann emanzipieren können. Das Buch zeichnet ein Bild davon, wie das Patriarchat in den 1980er noch so selbstverständlich gelebt und, so scheint es, gar nicht hinterfragt wurde.

Meyer spricht von Gratiskaffee
208 Seiten

Luca Schenardi war/ist ein grosser Teletext-Fan. Als die Umstellung des analogen auf das digitale Fernsehen passierte, schlichen sich auf den Teletext-Seiten plötzlich komische Fehler ein, wirre Satzkombinationen, verschiedene Einträge verschmolzen ineinander zu einem. Er machte sich auf die Suche nach weiteren Fehlern, sammelte diese und illustrierte sie.

Auch ich mag Teletext sehr und war daher sehr gespannt auf diesen Comic. Einzelne Teletext-Beiträge sind vollständig (fotografiert) aufgeführt. Schon sehr sehr lustig, was da teilweise zu lesen war! :) Die schwarzweissen Illustrationen gefielen mir aber nicht so. Zu hart, zu grob, unschöne Schriften.

Vilhelms Zimmer
224 Seiten

Als das Telefon klingelte, ging ein Ruck durch Lise wie durch einen Zug, der sich holprig und unrhythmisch wieder in Bewegung setzt, nachdem er ein wenig zu lange am Bahnhof gehalten hat. Sie hatte schon immer zu lange in allen möglichen Zuständen verharrt, selbst in den unglücklichsten. (S.89)

Und dann tat es ihr doch weh, seine Freude zu sehen, das Leben tat weh, es war unnormal zu leben, schliesslich waren die meisten Menschen tot - und, mein Schatz, dachte sie, ich bin so müde, wie schön wir es heute Abend hatten, nicht wahr? [...] Man möchte einen Menschen kennenlernen, der anders ist als alle anderen, und wenn man diese Erwartung in sich trägt, wird sie vom Erstbesten erfüllt. Denn der Gegenstand der Liebe ist vollkommen gleichgültig, man stülpt ihm die Eigenschaften über, die man braucht, und ein seltenes Mal fügt er sich auch in sie ein und tut genau dasselbe; sieht etwas in einem, was man nicht ist - und näher als das, mein Junge, können wir der Liebe nicht kommen. (S.161)

Der Grossvater deiner Mutter erhängte sich im Gefängnis. Ihre Mutter, deine Grossmutter, war damals vier Jahre alt und erinnerte sich noch an den Tag, als die blauen Gendarmen kamen und ihn abholten. Ich hätte ihn gern kennengelernt, ganz gleich, was für ein ungeheures Verbrechen er auch begangen haben mochte. Denn so wie ich trug er den Tod in seinem Herzen, und so wie ich hatte er den Zeitpunkt zuvor bestimmt. Es sollte der Tag sein, an dem er seine Freiheit verlor. Genau wie mir jetzt keine andere Freiheit mehr bleibt als die Freiheit zu sterben, wann immer es mir passt. Und das ist schön. Man verliert das Recht zu sterben nicht, weil man Mutter ist. (S.162)

Der letzte Roman, den Tove Ditlevsen schrieb. Darin erzählt sie besonders von ihrer letzten (gescheiterten) Beziehung (ihr Mann verlässt sie für eine jüngere Frau), aber auch von der Wahrnehmung ihrer Person in der Öffentlichkeit sowie von ihrem Ziel des Suizids.

Ein äusserst bedrückendes Buch, oft wirr und literarisch anspruchsvoll. Ditlevsen wechselt regelmässig von der dritten Person in die Ich-Erzählung, wenn sie von Lise schreibt. Das verwirrte mich zu Beginn sehr, ermöglicht aber einen interessanten Perspektivenwechsel auf die Figur. Auch brauchte ich einen Moment, um alle Figuren zu verstehen (wer ist wer?). Schonungslos gibt Ditlevsen auch in diesem Buch Einblick in ihr schwieriges Leben, mir ging das alles sehr nahe, es ist keine leichte Kost. Literarisch wie immer sehr stark!

Ägerisee
322 Seiten

Sara, Natalie und Tom führen eine Detektei, die Trust Investigation. Natalies alter Schulfreund kommt eines Tages vorbei und bittet sie um Hilfe bei der Suche nach seiner vermissten Freundin Noemi, einer jungen Schauspielerin. Zuletzt hat Noemi im Kleintheater am Zuger Kolinplatz gearbeitet. Die Nachforschungen des Trios führen sie schnell zu diesem Theater. Die Ereignisse überschlagen sich, als bei der Ruine Wildenburg Blut gefunden wird, aber keine Leiche, Tage später eine Leiche am Ägerisee auftaucht, die dann aber auch wieder verschwindet, bevor die Polizei vor Ort ist.

Ich habe das Buch nur aufgrund des Titels gelesen, da ich am Ägerisee aufgewachsen bin. Meiner Meinung nach kam das Ägerital geschweige denn der Ägerisee aber zu wenig vor, hauptsächlich spielt der Krimi leider in Zug. Das wäre ja okay, aber die Geschichte insgesamt hat mich gar nicht gepackt. Die Figuren handeln unrealistisch, zudem führt sich ein 17jähriger Teenager auf, als wäre er Sherlock Holmes höchstpersönlich. Nicht mein Geschmack.

Ja, nein, vielleicht
237 Seiten

Am nächsten Morgen wache ich auf und finde mich plötzlich wieder an diesem inneren Ort, an den ich nie wieder hinwollte: an dem Ort, wo ich die Nachricht eines Mannes erhoffe. Ich kenne diesen Ort gut. Es ist ein Ort, dessen Landschaft sich von heute auf morgen von einem blühenden Hügel mit idyllischen Ausblick in ein kaltes, schlammiges Tal verwandeln kann, dort geht die Sonne mit einem Arnuf auf und mit einer nicht beantworteten Nachricht unter, dort verknüpfen sich mein Wohlbefinden, mein Aussehen, mein Selbstwert untrennbar mit dem Blick eines Menschen auf mich, der nicht ich bin, dort fange ich an, mich den möglichen Erwartungen eines Mannes entgegenzubiegen. Ich weiss nicht, ob ich bereit bin, die Tür zu diesem Ort wieder aufzumachen, ich war dort schon zu oft, ich weiss nicht, ob ich da nochmal hinwill, Friedrich, ich weiss nicht. (S.46)

Ich habe oft genug erlebt, dass sie dich heute umwerfend und interessant finden, morgen anstrengend und übermorgen lästig. Dass sie oft scheisse sind, dass so viel Scheisse in ihnen steckt, für die sie oft nicht mal was können, die Scheisse wurde in sie hineinerzogen, über Jahrhunderte, und man kriegt sie einfach nicht aus ihnen heraus. Die Scheisse, die einer in sich hat, verschwindet nicht einfach, weil du so eine tolle Frau bist, du kannst diese Scheisse nicht vollständig aus einem Mann herauswischen, und sie lässt ihn scheisse mit Frauen umgehen, früher oder später passiert das. Das weiss ich jetzt. Das habe ich gelernt. Jemand hat mich mal gefragt, woher mein pessimistisches Männerbild käme. Na ja, hm, wie soll ich sagen, das kommt vom Leben als Frau. (S.95)

Die Ich-Erzählerin fühlt sich seit vielen Jahren wieder frei. Sie ist geschieden, die beiden Kinder erwachsen und ausgezogen. Sie bewohnt nebst ihrer Wohnung in Wien auch ein Häuschen auf dem Land, wo sie den Sommer geniesst. Sie pflegt gute Freundschaften und ist zufrieden, wie alles so ist. Von den Männern hat sie eigentlich genug. Doch dann trifft sie im Supermarkt auf einmal einen früheren Bekannten (Friedrich) wieder. Die grosse Frage, die sie durch dieses Wiedersehen beschäftigt: Ist sie bereit, ihr gutes Leben nochmals mit einem Mann zu teilen, Kompromisse einzugehen? Ist sie bereit für eine Beziehung?

Eine sehr emanzipierte Geschichte über eine Frau Mitte der Fünzfiger, die mit Männern eigentlich abgeschlossen hatte. Doris Knecht schreibt mit viel Witz über eine selbständige Frau mit schlechten Männererfahrungen, die nicht mehr an die romantische Liebe glaubt.

Sie wird dich finden
432 Seiten

Mittlerweile sind Millie und Enzo seit 11 Jahren glücklich verheiratet und haben zwei Kinder, Ada (11) und Nico (9). Millie arbeitet nicht mehr für wohlhabende Menschen, sondern ist seit ihrem Abschluss Sozialarbeiterin. Endlich konnten sie sich auch ihren Traum vom Eigenheim erfüllen, sie ziehen auf Long Island in eine ruhige Gegend. Doch Millie wird das Gefühl nicht los, dass mit der Nachbarschaft etwas nicht stimmt. Auch ihr Sohn Nico verändert sich und zieht sich zurück. Enzo wird von ihrer Nachbarin Suzette bei jeder Gelegenheit angemacht und Eifersucht steigt in Millie hoch. Ist Enzo ihr gegenüber wirklich ehrlich? Auch Ada ist nicht glücklich am neuen Ort. Und dann wird plötzlich Suzettes Mann umgebracht - und Enzo wird verdächtigt...

Nee du, der letzte Teil der Housemaid-Trilogie war für mich wirklich der schlechteste. Zwar ist auch dieser Band sehr süffig geschrieben und ist durchaus voller Spannung. Aber das Ende ist sehr unglaubwürdig und auch nicht zu Ende erzählt, wie ich finde. Sie hätte sich ruhig mehr Zeit nehmen sollen für den Schluss.