Es dauert 20 Jahre, bis sich Jura und Wolodja nach ihrer Begegnung im Pionierlager endlich wiedersehen - und sich neu verlieben. Jura wohnt mittlerweile in Berlin und hat sich seinen Traum als Musiker erfüllt, Wolodja lebt in Charkiv und ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Jura lebt seine Homosexualität offen, Wolodja hadert noch immer mit seiner "Diagnose". Erst mit dem Zusammensein mit Jura getraut er sich langsam, sich bei seiner Familie und Freund*innen zu outen. Doch wie befürchtet, findet das in der Ukraine keinen Anklang...
Auch der zweite Band hat mich sehr berührt. Im Gegensatz zum ersten Band fand ich jetzt auch keine Stelle mehr, die mich langatmig dunkte. Ich mochte es sehr, wird im 2. Band nun aus Wolodjas Sicht geschrieben, während der 1. Band aus Juras Sicht geschrieben wurde. Das heisst, der gesamte Erzählstrang wiederholte sich zu Beginn zwar, aber er wurde so fest gekürzt, dass keine Langeweile aufkam - insbesondere auch aufgrund der anderen Sichtweise.
Jetzt freue ich mich noch auf den dritten und letzten Teil der Serie.
I think I'm too tired to fuck tonight, schrieb Matteo. But we can do other stuff. Eine halbe Stunde später klingelte ich an seiner Tür, viertes Obergeschoss, Tür links. Eine WG, aber ausser Matteo war niemand da. Wir haben other stuff gemacht. Filzläuse kriegt man auch durch other stuff. (S.12)
Baba sagt immer, bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki insan. Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen. Das bedeutet, je mehr Sprachen du sprichst, desto grösser ist deine Welt, desto mehr bist du. Aber nicht alle Menschen sind gleich, auch wenn sie es immer behaupten. Und nicht jeder altert mit der Sprache auf dieselbe Weise. (S.24)
Ich hatte Pari versprochen, nicht auf Social Media herumzuscrollen. Ich hatte versprochen, wirklich weg zu sein. Aber überall lauert die Welt mir auf. (S.195)
Wenn ich deinen Namen auf das Meer schreiben würde, Hassan, würde er bleiben? Und die Tränen, Hassan, würde sich das Salz vermischen mit dem Salz des Wassers? Und würdest du es schmecken, ob es meine Tränen sind auf deiner Zunge oder das Meer, in das wir uns werfen? (S.213)
Zeko wohnt in Berlin und ist fleissig auf Grindr unterwegs. Er trifft sich mit vielen Männern. Aber er denkt immer nur an Hassan, wenn er andere Männer küsst oder mit ihnen schläft. Hassan ist der Nachbarsjunge in Adana, wo sein Grossvater wohnt. Dieser nannte Hassan immer nur den "Hundesohn". Zu Beginn des Buches geht es neun Tagen, bis Zeko Hassan endlich wiedersehen wird. Im Laufe des Romans werden die Tage langsam heruntergezählt. Während dieser Countdown läuft, geht es viel um schwulen Sex, um Sprache (sowohl der deutschen als auch der türkischen, arabischen, französischen), um den Islam (Zeko ist praktizierender Muslim), um Freundschaft, um Rassismus.
Ozan Zakariya Keskinkılıç schreibt wunderschön poetisch und stellt die Sprache auch immer wieder in den Vordergrund, was mir sehr gefiel. Mir fehlte letzten Endes aber doch ein wenig eine fassbarere Handlung.
Wenn er für den Rest seines Lebens nur noch eine Übung machen dürfte, hatte Ferhat gesagt, dann würde er sich für den Plan entscheiden. Wenn man den Plank richtig ausführte, wenn man wirklich alles anspannte und hart machte, wenn man zum Brett wurde und das Ganze lang genug hielt, trainierte man damit die wichtigsten Muskeln in Armen, Beinen, Po, Rücken und Rumpf, alle auf einmal. Minimaler Aufwand, maximaler Effekt. (S.49-50)
Ich mochte die Schweissflecken an den Rändern ihres Tops, dachte, dass sie das Ehrlichste waren, was ein Körper von sich preisgeben konnte, und dass man diese Ehrlichkeit wahrscheinlich würde riechen können, wenn sie den Arm um einen legte. (S.89)
Die Ich-Erzählerin bewirbt sich in einem Fitnessstudio als Tresenkraft. Der Geschäftsführer spricht sie beim Bewerbungsgespräch auf ihre offensichtliche Unsportlichkeit an. Sie greift zu einer Notlüge, erzählt, dass sie vor drei Monaten ein Kind bekommen hat. Und sie kriegt die Stelle. Ihre Notlüge hält sie ordentlich auf Trab. Aber sie entdeckt auch die Faszination des Muskelaufbaus. Ihr Training wird härter und länger, bis sie gar nicht mehr zu bremsen ist und zu weiteren Mitteln greift. Ihr neues Leben ist in Gefahr, aus der Bahn zu geraten...
Ein temporeiches, witziges, zeitweise sehr verstörendes und absurdes Buch über eine Frau mittleren Alters, die von einer Couch Potato zu einer verbissenen Fitnessfrau wird. Mit viel Situationskomik schreibt die Autorin über (einen ungesunden) Körperkult, über eine Leistungsgesellschaft, die nicht nur die Arbeitswelt sondern auch Freizeit zunehmend beeinflusst. Auch wenn mir die Hauptfigur gar nicht sympathisch war, schaffte es die Autor trotzdem, dass ich dennoch etwas mit ihr mitfühlte. Grosse Unterhaltung, nicht ohne Kritik an unsere Gesellschaft! :)
Ein richtig süsser Adventskalender. Für alle, die Snoopy und The Peanuts mögen. :) Alle Stories sind winterlich/weihnächtlich.
Das Buch erzählt von einem Mädchen, Ela, und ihrem Aufwachsen in den 1980er Jahren. In der Familie herrscht ein Thema über allem: Das Körpergewicht der Mutter. Ihr Vater findet, sie ist zu dick. Und er sagt ihr das täglich. Es geht so weit, dass ihr Vater das Übergewicht der Mutter für alles verantwortlich macht, was er nicht erreicht: eine Beförderung, genügend Anerkennung im Dorf. Als erwachsene Frau blickt Ela zurück und fragt sich, was damals wirklich passiert ist, was verheimlicht wurde, worüber gelogen wurde.
Das Buch hat mich so wütend gemacht, was für ein Ar*** dieser Vater doch ist. Seine Art, wie er mit seiner Frau umgeht, ist unter aller Sau. Er macht sie klein, Tag für Tag, beschimpft sie, lässt sie alle Arbeiten machen. Er macht sie krank und gibt ihr zuletzt auch dafür die Schuld - wie für alles andere, was nicht läuft. Zeitweise konnte ich kaum mehr hinhören, sein Verhalten machte mich richtiggehend agressiv, die Familiensituation zu oft nur schwer erträglich. Die Mutter, die in aller Selbstverständlichkeit ihre kranke Mutter pflegt, Elas Freundin bei sich aufnimmt und für die gesamte Familie sorgt. Ich wünschte ihr, sie hätte sich früher von ihrem Mann emanzipieren können. Das Buch zeichnet ein Bild davon, wie das Patriarchat in den 1980er noch so selbstverständlich gelebt und, so scheint es, gar nicht hinterfragt wurde.
Luca Schenardi war/ist ein grosser Teletext-Fan. Als die Umstellung des analogen auf das digitale Fernsehen passierte, schlichen sich auf den Teletext-Seiten plötzlich komische Fehler ein, wirre Satzkombinationen, verschiedene Einträge verschmolzen ineinander zu einem. Er machte sich auf die Suche nach weiteren Fehlern, sammelte diese und illustrierte sie.
Auch ich mag Teletext sehr und war daher sehr gespannt auf diesen Comic. Einzelne Teletext-Beiträge sind vollständig (fotografiert) aufgeführt. Schon sehr sehr lustig, was da teilweise zu lesen war! :) Die schwarzweissen Illustrationen gefielen mir aber nicht so. Zu hart, zu grob, unschöne Schriften.
Als das Telefon klingelte, ging ein Ruck durch Lise wie durch einen Zug, der sich holprig und unrhythmisch wieder in Bewegung setzt, nachdem er ein wenig zu lange am Bahnhof gehalten hat. Sie hatte schon immer zu lange in allen möglichen Zuständen verharrt, selbst in den unglücklichsten. (S.89)
Und dann tat es ihr doch weh, seine Freude zu sehen, das Leben tat weh, es war unnormal zu leben, schliesslich waren die meisten Menschen tot - und, mein Schatz, dachte sie, ich bin so müde, wie schön wir es heute Abend hatten, nicht wahr? [...] Man möchte einen Menschen kennenlernen, der anders ist als alle anderen, und wenn man diese Erwartung in sich trägt, wird sie vom Erstbesten erfüllt. Denn der Gegenstand der Liebe ist vollkommen gleichgültig, man stülpt ihm die Eigenschaften über, die man braucht, und ein seltenes Mal fügt er sich auch in sie ein und tut genau dasselbe; sieht etwas in einem, was man nicht ist - und näher als das, mein Junge, können wir der Liebe nicht kommen. (S.161)
Der Grossvater deiner Mutter erhängte sich im Gefängnis. Ihre Mutter, deine Grossmutter, war damals vier Jahre alt und erinnerte sich noch an den Tag, als die blauen Gendarmen kamen und ihn abholten. Ich hätte ihn gern kennengelernt, ganz gleich, was für ein ungeheures Verbrechen er auch begangen haben mochte. Denn so wie ich trug er den Tod in seinem Herzen, und so wie ich hatte er den Zeitpunkt zuvor bestimmt. Es sollte der Tag sein, an dem er seine Freiheit verlor. Genau wie mir jetzt keine andere Freiheit mehr bleibt als die Freiheit zu sterben, wann immer es mir passt. Und das ist schön. Man verliert das Recht zu sterben nicht, weil man Mutter ist. (S.162)
Der letzte Roman, den Tove Ditlevsen schrieb. Darin erzählt sie besonders von ihrer letzten (gescheiterten) Beziehung (ihr Mann verlässt sie für eine jüngere Frau), aber auch von der Wahrnehmung ihrer Person in der Öffentlichkeit sowie von ihrem Ziel des Suizids.
Ein äusserst bedrückendes Buch, oft wirr und literarisch anspruchsvoll. Ditlevsen wechselt regelmässig von der dritten Person in die Ich-Erzählung, wenn sie von Lise schreibt. Das verwirrte mich zu Beginn sehr, ermöglicht aber einen interessanten Perspektivenwechsel auf die Figur. Auch brauchte ich einen Moment, um alle Figuren zu verstehen (wer ist wer?). Schonungslos gibt Ditlevsen auch in diesem Buch Einblick in ihr schwieriges Leben, mir ging das alles sehr nahe, es ist keine leichte Kost. Literarisch wie immer sehr stark!
Sara, Natalie und Tom führen eine Detektei, die Trust Investigation. Natalies alter Schulfreund kommt eines Tages vorbei und bittet sie um Hilfe bei der Suche nach seiner vermissten Freundin Noemi, einer jungen Schauspielerin. Zuletzt hat Noemi im Kleintheater am Zuger Kolinplatz gearbeitet. Die Nachforschungen des Trios führen sie schnell zu diesem Theater. Die Ereignisse überschlagen sich, als bei der Ruine Wildenburg Blut gefunden wird, aber keine Leiche, Tage später eine Leiche am Ägerisee auftaucht, die dann aber auch wieder verschwindet, bevor die Polizei vor Ort ist.
Ich habe das Buch nur aufgrund des Titels gelesen, da ich am Ägerisee aufgewachsen bin. Meiner Meinung nach kam das Ägerital geschweige denn der Ägerisee aber zu wenig vor, hauptsächlich spielt der Krimi leider in Zug. Das wäre ja okay, aber die Geschichte insgesamt hat mich gar nicht gepackt. Die Figuren handeln unrealistisch, zudem führt sich ein 17jähriger Teenager auf, als wäre er Sherlock Holmes höchstpersönlich. Nicht mein Geschmack.
Am nächsten Morgen wache ich auf und finde mich plötzlich wieder an diesem inneren Ort, an den ich nie wieder hinwollte: an dem Ort, wo ich die Nachricht eines Mannes erhoffe. Ich kenne diesen Ort gut. Es ist ein Ort, dessen Landschaft sich von heute auf morgen von einem blühenden Hügel mit idyllischen Ausblick in ein kaltes, schlammiges Tal verwandeln kann, dort geht die Sonne mit einem Arnuf auf und mit einer nicht beantworteten Nachricht unter, dort verknüpfen sich mein Wohlbefinden, mein Aussehen, mein Selbstwert untrennbar mit dem Blick eines Menschen auf mich, der nicht ich bin, dort fange ich an, mich den möglichen Erwartungen eines Mannes entgegenzubiegen. Ich weiss nicht, ob ich bereit bin, die Tür zu diesem Ort wieder aufzumachen, ich war dort schon zu oft, ich weiss nicht, ob ich da nochmal hinwill, Friedrich, ich weiss nicht. (S.46)
Ich habe oft genug erlebt, dass sie dich heute umwerfend und interessant finden, morgen anstrengend und übermorgen lästig. Dass sie oft scheisse sind, dass so viel Scheisse in ihnen steckt, für die sie oft nicht mal was können, die Scheisse wurde in sie hineinerzogen, über Jahrhunderte, und man kriegt sie einfach nicht aus ihnen heraus. Die Scheisse, die einer in sich hat, verschwindet nicht einfach, weil du so eine tolle Frau bist, du kannst diese Scheisse nicht vollständig aus einem Mann herauswischen, und sie lässt ihn scheisse mit Frauen umgehen, früher oder später passiert das. Das weiss ich jetzt. Das habe ich gelernt. Jemand hat mich mal gefragt, woher mein pessimistisches Männerbild käme. Na ja, hm, wie soll ich sagen, das kommt vom Leben als Frau. (S.95)
Die Ich-Erzählerin fühlt sich seit vielen Jahren wieder frei. Sie ist geschieden, die beiden Kinder erwachsen und ausgezogen. Sie bewohnt nebst ihrer Wohnung in Wien auch ein Häuschen auf dem Land, wo sie den Sommer geniesst. Sie pflegt gute Freundschaften und ist zufrieden, wie alles so ist. Von den Männern hat sie eigentlich genug. Doch dann trifft sie im Supermarkt auf einmal einen früheren Bekannten (Friedrich) wieder. Die grosse Frage, die sie durch dieses Wiedersehen beschäftigt: Ist sie bereit, ihr gutes Leben nochmals mit einem Mann zu teilen, Kompromisse einzugehen? Ist sie bereit für eine Beziehung?
Eine sehr emanzipierte Geschichte über eine Frau Mitte der Fünzfiger, die mit Männern eigentlich abgeschlossen hatte. Doris Knecht schreibt mit viel Witz über eine selbständige Frau mit schlechten Männererfahrungen, die nicht mehr an die romantische Liebe glaubt.
Mittlerweile sind Millie und Enzo seit 11 Jahren glücklich verheiratet und haben zwei Kinder, Ada (11) und Nico (9). Millie arbeitet nicht mehr für wohlhabende Menschen, sondern ist seit ihrem Abschluss Sozialarbeiterin. Endlich konnten sie sich auch ihren Traum vom Eigenheim erfüllen, sie ziehen auf Long Island in eine ruhige Gegend. Doch Millie wird das Gefühl nicht los, dass mit der Nachbarschaft etwas nicht stimmt. Auch ihr Sohn Nico verändert sich und zieht sich zurück. Enzo wird von ihrer Nachbarin Suzette bei jeder Gelegenheit angemacht und Eifersucht steigt in Millie hoch. Ist Enzo ihr gegenüber wirklich ehrlich? Auch Ada ist nicht glücklich am neuen Ort. Und dann wird plötzlich Suzettes Mann umgebracht - und Enzo wird verdächtigt...
Nee du, der letzte Teil der Housemaid-Trilogie war für mich wirklich der schlechteste. Zwar ist auch dieser Band sehr süffig geschrieben und ist durchaus voller Spannung. Aber das Ende ist sehr unglaubwürdig und auch nicht zu Ende erzählt, wie ich finde. Sie hätte sich ruhig mehr Zeit nehmen sollen für den Schluss.
In der Schule haben wir Vokabeln und Fremdwörter für alles gelernt, was es in der Welt gibt, um die Dinge zu erklären, aufzuschneiden, reinzugucken. Aber in diesem Moment hatte ich keine Worte parat, nur Bilder: Autoscooter, Schwindel, ein rotes gefrorenes Getränk. Kotze. Ein aufgeschürftes Knie. Ein Knie im Bauch. Bauchgrummeln. Blaues Licht. Kühles Licht. Reifenquietschen. Kotze, Schwindel. Und alles von vorne. Und irgendwo in diesen Bildern: die Hand. (S.73-74)
"Finde die Schuldigen, solange du noch lebst. Finde dich nicht damit ab, dunkle Kisten im Keller. zu haben. Die öffnen sich irgendwann, es kriecht die Kellertreppe hinauf, holt dich ein, wenn du am wenigsten wehrhaft bist." (S.81)
Hätte ich doch nichts gesagt. Wir sind gemeinsam verstummt, und etwas, das ich erlebt habe, war mal wieder schuld daran. (S.153)
Ich seziere das Fleisch, die Schichten, das Gewebe ist dicht und tatsächlich faserfrei. Ich pule darin. Ich versuche, die Fettkörnchen zu entdecken, Schmerz, Reue, Einsicht, Scham, die Gene, aus denen das Gewebe ist. Aber ich finde nur ein Stück von Janssen Senior, dem Vater der Hand, in dem Braten und ein Stück Donald Trump. Und den Kapitalismus finde ich auch darin, und dann wird mir übel. (S.164-165)
Natascha heisst mittlerweile "Nao" und lebt mit ihrer Wahlfamilie in einer besetzten Knopffabrik (als "Bewohner*innen einer kollektiven Empörung", enttäuscht vom System, wie die Autorin schreibt). Erst jetzt als Erwachsene findet sie langsam Worte für ihre traumatisierenden Erlebnisse aus ihrer Jugend. "Die Hand", wie sie den Täter ihrer Übergriffe nennt, ist ihr während zu langer Zeit als Jugendliche allgegenwärtig. Wiederholte Missbrauchserfahrungen lassen sie für Jahre verstummen. Eine retraumatisierende Begegnung mit "der Hand" bewegt Nao dazu, auf eine schambehaftete Spurensuche zu gehen. Die Scham haftet fest an ihr. Doch im Laufe ihrer Spurensuche, wechselt die Scham immer mehr auch zu Wut, Rachefantasien blühen auf.
Das fehlende Vertrauen in das eigene Urteilsvermögen der Missbrauchsopfer, die Wut auf männliche und weibliche Sozialisierung, das Alleingelassenwerden nach sexualisierter Gewalt - all dies greift die Autorin in ihrer Geschichte auf. Der Roman zeigt auf, wie wichtig Sprache ist, damit die Scham die Seite wechseln kann. Und wie verloren Opfer sind, die keine Sprache für das Erlebte finden. Ein schmerzhafter, wichtiger Roman. Sprachgewaltig, teilweise (vermutlich bewusst) irritierend.
Der Zugang zur Wahlfamilie habe ich jedoch bis zum Ende nicht gefunden.
Jonathan und seine Verlobte Lotta laden drei Freundinnen in ihr Restaurant ein für ein Krimi-Dinner. Die fünf sind seit langem befreundet. Vor fünf Jahren waren sie noch zu sechst, doch Maria war damals an einem gemeinsamen Festivalwochenende plötzlich spurlos verschwunden. Als die Gruppe mit dem Krimi-Dinner startet, zeigt sich sehr schnell, dass sich das Spiel mit der Realität vermischt... Die Erinnerungen an dieses Festival kommen hoch und plötzlich verdächtigt jeder jeden, das Spiel eskaliert... Wie verschwand Maria, was passierte mit ihr? Sitzt ihre Mörder*in am Tisch?
Ein Locked-in-Thriller, bei dem es um Freundschaft und Verrat geht. Die Sprache fand ich furchtbar, viele Wortwiederholungen. Gefühlt jeder zweite Satz geht etwa so "Person XY macht blabla, ehe sie blabla macht" (also in etwa so: "Ich greife zur Flasche, ehe ich das Zelt verlasse", "Lotta stellt das Glas ab, ehe sie Hanna begrüsst" und und und...). Es geht um viel Drogen und Alkohol, irgendwie auch bisschen uncool, und natürlich ist noch einer aus der Gruppe sexsüchtig. Der Plot an sich fand ich ja noch vielversprechend, aber die Umsetzung hat mich gar nicht überzeugt.
Als kleines Kind habe ich mir oft vorgestellt, wie es sein würde, gross zu sein, erwachsen, alt. Ich dachte, es würde sich mehr verändern. Dabei werden wir nur etws grösser und sind nicht mehr so laut, einsamer sind wir, weil die Mutter fehlt, die einen in den Arm nahm, wenn etwas war, und auch, wenn nichts war. (S.9-10)
Am Käsestand drängelt sich eine Frau vor, wir waren zuerst da, sage ich, sie ignoriert meine Worte und bestellt schon mal. Das ist sehr unfreundlich, sage ich. Ich wusste nicht, dass Sie anstehen, Sie haben die ganze Zeit geredet, sagt sie. Eric sagt, können Sie sich bitte wieder von uns wegdrehen, denn wir sprechen nicht mit Arschlöchern. Die Frau ist entsetzt und dreht sich weg. Das sagst du doch immer, sagt Eric, jetzt war die Gelegenheit, es anzuwenden. (S.145)
Die Ich-Erzählerin kümmert sich um Lili, die im Altersheim lebt. Sie hilft ihr im Alltag mit Dingen, um die sich das Pflegepersonal nicht kümmern kann. Lili ist die Grossmutter von Sophie, die beste Freundin der Ich-Erzählerin. Sie wohnt mit Sophie und ihrem Sohn Eric im selben Haus. Sie zieht Eric gemeinsam mit Sophie auf. Die Ich-Erzählerin hat eine Stelle gefunden in einer anderen Stadt, aber sie getraut sich nicht, Sophie und Eric davon zu erzählen. Sie hat Angst davor, die beiden im Stich zu lassen.
Meral Kureyshi schreibt in kleinen und feinen Beobachtungen, der (scheinbar autofiktive) Roman ist ein Patchwork aus Beobachtungen und Gedanken, von Anfang bis Ende mit einer Melancholie unterlegt, trotzdem immer auch wieder lustig. Es geht um Fürsorge, Freundschaft, ums Abschiednehmen. Eine schöne Sprache, oft poetisch. Das Buch war auf der Shortlist für den CH-Buchpreis 2025.
Als ich elf Jahr alt werde, sagt meine Mutter: Mädchen, ab jetzt bleibst du zuhause. Ein Mädchen braucht nicht gescheit zu sein. Ein gutes Mädchen muss arbeiten, einen Haushalt führen können. Kein Mann mag Mädchen, die gescheit daherreden, aber das Haus nicht sauber halten. Rechnen, lesen. Das ist kein Mädchenzeugs. Ich verstand: Träume sind auch kein Mädchenzeugs. (S.17, CH)
Alle haben so glücklich ausgesehen und mir gratuliert. Doch in mir spüre ich noch etwas anderes. Etwas Unheilvolles. Es hält mein Herz umklammert. ich lausche dem nächtlichen Zirpen der Grillen. Ein Geräusch, das mir immmer ein Gefühl der Geborgenheit gibt. Heute nicht. Da ist noch ein anderer Laut. Etwas Fremdes. Ein leises, unscheinbares Ploppen. Es sind meine Träume, meine Ideen und die Vorfreude auf mein zukünftiges Leben, die vom Rest der Welt vollkommen unbeachtet, in der Dunkelheit des Zimmers leise zerplatzen. (S.29, Kamerun)
Ich kann sie noch immer spüren, diese hoffnungsvolle Kraft und Freude, die mich damals ergriffen hatte. Doch nun weiss ich es besser. Die Freiheit einer Frau reicht nur bis zum nächsten Nein eines Mannes. (S.30, Kamerun)
Ich habe mich schon oft gefragt, wie ein Mensch geboren wird. Traurig oder glücklich? Ich denke glücklich. Traurig macht ihn erst das Leben. (S.120, Kamerun)
Melara Mvogdobo schreibt über zwei Grossmütter aus zwei verschiedenen Kontinenten. Die eine wuchs in einer armen Schweizer Bauernfamilie auf, die andere in einer wohlhabenden Familie in Kamerun. Ihr Leben könnte nicht unterschiedlicher sein und doch machen sie beide ähnliche Erfahrungen. Beide leiden unter den patriarchalen Strukturen, beide werden zu einer Hochzeit gedrängt, beide werden gedemütigt, entwürdigt, geschlagen. Beide sind wütend und beide haben irgendwann genug. Melara Mvogdobo nimmt uns mit in ihre Kindheit und bis ans Sterbebett im hohen Alter.
Wow, was für eine Kraft dieses kleine Büchlein hat! Mvogdobos Schreibstil ist sehr reduziert, aber damit umso wuchtiger. Kein Wort zuviel, jedes Wort sitzt. Die teilweise sehr kurzen Kapitel wechseln sich ab, die Kapitel aus Kamerun sind in einem Bordeauxrot geschrieben, die Kapitel aus der Schweiz in Schwarz. Die beiden Geschichten zu lesen haben in mir eine grosse Wut aufbrodeln lassen. Wut auf das Patriarchat, auf die Gewalt, die beiden Frauen widerfahren ist - und die leider keine Seltenheit ist, auch heute noch. Die Geschichten haben mich aber auch in meinen feministischen Gedanken gestärkt. Eine dünnes Buch, das es ist in sich hat und mich sehr ergriffen hat, inklusive vergossener Tränen. Sehr zu empfehlen! Das Buch war auf der Shortlist für den CH-Buchpreis 2025.
Der Erzähler geht durch die eingelagerten Kisten seiner Mutter, deren Wohnung zwangsgeräumt wurde. Aufgrund einer Verwechslung wurden alle Kisten von Wert in fortgeworfen, geblieben sind Kisten mit Abfall. Von seiner eigenen Familiegeschichte bleibt somit nichts zurück. Er geht der Geschichte seiner Familie nach. Alle waren psychisch krank: die Grossmutter, der Grossvater. Seine Mutter war Alkoholikerin, sein Vater depressiv. Er hat grosse Angst davor, seit Kindheitsjahren, selbst "verrückt" zu werden. Er ist rastlos, flüchtet nach New York, dann nach Wien. Schliesslich studiert er Psychologie und landet in der Psychiatrie - als Psychologe. Er versucht, die Menschen und deren Krankheiten zu verstehen, zu deuten, die Frage "Was ist ein normaler Mensch" zu beantworten. Und immer wieder kehrt er zu seiner eigenen Familiengeschichte zurück.
Mich hat die Geschichte, die wie's scheint autobiografisch angelehnt ist, sehr berührt. Zärtlich, mit Feingefühl und nicht ohne Humor schreibt er über psychische Krankheiten. Ich mochte seinen Schreibstil und die Bildsprache, die er nutzt, sehr. Irgendwie ein trauriges, aber auch sehr tröstliches Buch. Auch wenn der Erzähler unter den Krankheiten seiner Eltern leider, kann er sie annehmen. Der Roman verhilft, wie ich glaube, zu einem grösseren Verständnis für psychische Erkrankungen. Mir persönlich fehlte in der Erzählung ein bisschen der roten Faden, zu folgen fiel mir manchmal etwas schwer.