Im Biologieunterricht nehmen wir die Vererbungslehre durch. Die Nachkommen von Meisen sind Meisen. Die Nachkommen von Kürbissen sind Kürbisse. Was sind dann die Nachkommen meiner Grossmutter? Ich mache eine erste Hochrechnung. (S.16)
Das Haus macht Ellen melancholisch. Sie sagt, sie habe ein Herz für unperfekte Dinge. Zum ersten Mal denke ich, dass ich vielleicht eine Chance bei ihr habe. (S.43)
Zum Leben gehört mehr, als nicht zu sterben. Doch die Depression ist die Todesart der Unentschiedenen. Ein halber Tod. Winterschlaf. Ich stellte mir diesen Mann vor im Mantel, der in seinem bescheidenen Zuhause auf Spanisch mit sich selbst spricht. Nun hatte er eine Sprache mehr, in der er etwas verschweigen konnte. (S.187)
Der Erzähler geht durch die eingelagerten Kisten seiner Mutter, deren Wohnung zwangsgeräumt wurde. Aufgrund einer Verwechslung wurden alle Kisten von Wert in fortgeworfen, geblieben sind Kisten mit Abfall. Von seiner eigenen Familiegeschichte bleibt somit nichts zurück. Er geht der Geschichte seiner Familie nach. Alle waren psychisch krank: die Grossmutter, der Grossvater. Seine Mutter war Alkoholikerin, sein Vater depressiv. Er hat grosse Angst davor, seit Kindheitsjahren, selbst "verrückt" zu werden. Er ist rastlos, flüchtet nach New York, dann nach Wien. Schliesslich studiert er Psychologie und landet in der Psychiatrie - als Psychologe. Er versucht, die Menschen und deren Krankheiten zu verstehen, zu deuten, die Frage "Was ist ein normaler Mensch" zu beantworten. Und immer wieder kehrt er zu seiner eigenen Familiengeschichte zurück.
Mich hat die Geschichte, die wie's scheint autobiografisch angelehnt ist, sehr berührt. Zärtlich, mit Feingefühl und nicht ohne Humor schreibt er über psychische Krankheiten. Ich mochte seinen Schreibstil und die Bildsprache, die er nutzt, sehr. Irgendwie ein trauriges, aber auch sehr tröstliches Buch. Auch wenn der Erzähler unter den Krankheiten seiner Eltern leider, kann er sie annehmen. Der Roman verhilft, wie ich glaube, zu einem grösseren Verständnis für psychische Erkrankungen. Mir persönlich fehlte in der Erzählung ein bisschen der roten Faden, zu folgen fiel mir manchmal etwas schwer.
Johanna verlässt in jungen Jahren ihren Ehemann, Eltern und Heimatort, um in den USA eine Kunstausbildung zu machen und ihre neue Liebe zu heiraten. In der Beziehung zu ihren Eltern und Schwester löst dieser Wegzug einen ersten Bruch aus. Als sie nach dem Tod ihres Vaters nicht zur Beerdigung auftaucht, brechen ihre Mutter und Schwester den Kontakt ganz ab. Mit 60 Jahren kehrt Johanna in ihre Heimatstadt zurück. Sie sucht den Kontakt zu ihrer Mutter, die aber jegliche Kontaktaufnahme verweigert. Auch ihre Schwester gibt ihr klar zu verstehen, dass sie nicht erwünscht sei. Doch Johanna hat Fragen. In ihren aufkommenden Erinnerungen an ihre Kindheit entdeckt sie das eine oder andere, was ihr als Kind noch nicht aufgefallen war. Dinge, die ihre Mutter in ein anderes Licht rücken. Sie erzwingt den Kontakt mit ihr, auf der Suche nach Antworten.
Vigdis Hjorth schreibt sehr berührend und authentisch, ich fragte mich immer, ob es sich hier wohl um einen autofiktionalen Roman handele. Die Geschichte geht sehr tief und ist psychologisch sehr spannend (Mutter-Tochter-Beziehung). Ihre Sprache (bzw. die Sprache der Übersetzung) gefiel mir sehr. Zudem hat die Sprecherin es auch toll gelesen.
"Du sollst wissen, wer ich gewesen bin. Damit du niemals die Erleichterung fühlst, von der ich so oft heimlich träumte: von einem Toten angeschwiegen zu werden. Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war." (S.19)
Öziri schreibt mit Vatermal eine berührende, bedrückende Familiengeschichte über einen abwesenden Vater, die Alkoholsucht der Mutter, über die Schwester, die irgendwann abhaut, über Fremdenfeindlichkeit, die Angst vor dem Ausländeramt und die Jugendjahre des Protagonisten im Ruhrgebiet.
In einer wunderschönen, eingängigen Sprache geschrieben. Sehr zu empfehlen!
"Kinsella nimmt meine Hand in seine. Sobald er sie nimmt, merke ich, dass mein Vater kein einziges Mal meine Hand gehalten hat, und ein Teil von mir will, dass Kinsella mich loslässt, damit dieses Gefühl vergeht." (S.70)
" 'Du brauchst nichts zu sagen, nie', sagt er. 'Denk immer daran: Das ist etwas, was du nie zu tun brauchst. So mancher Mann hat viel verloren, nur weil er eine perfekte Gelegenheit verpasst hat, nichts zu sagen.' " (S.74)
Eine irische Familiengeschichte aus den Achzigern. Ein Mädchen wird über den Sommer zu fernen Verwandten gebracht und lernt dort eine neue Form von Familie kennen.
Ein wunderschönes Buch, in einer sehr feinen, poetischen Sprache geschrieben. Aus der Erzählperspektive dieses Mädchens. Der Schluss liess mich mit vielen Fragezeichen zurück.
Eine Herzensempfehlung!
In den 60er Jahren verschwindet eines Tages ein vierjähriges Mädchen einer Mi'kmaq Familie. Während die Eltern als Beerenpflücker arbeiten und Ruthie auf einem Stein sitzt, ist sie einen nächsten Moment plötzlich weg, ohne Spuren zu hinterlassen. Die vier älteren Geschwister und ihre Eltern suchen sie monatelang vergeblich. Norma wächst als Einzelkind auf. Die Mutter ist sehr streng und überfürsorglich, der Vater distanziert. Sie fühlt sich eingeengt. Und sie merkt bald, dass ihre Eltern ihr gegenüber nicht ehrlich sind. Die Träume, die sie jahrelang begleitet, in denen sie nebst einem Lagerfeuer eine herzliche Mutter sieht, die nicht ihre Mutter ist und auch einen Bruder, den sie nicht hat, werfen bei ihr Fragen auf, werden von ihren Eltern aber nicht ernstgenommen. Auch zu den Fragen zu ihrer dunkleren Hautfarbe sowie den fehlenden Babyfotos bekommt sie immer nur ausweichende Antworten. Es braucht Jahre, bis sie hinter das Geheimnis ihrer wahrer Herkunft kommt.
Die Geschichte wird in zwei Erzählsträngen erzählt. Die Kapitel wechseln jeweils ab zwischen JOE (der eine ältere Bruder von Ruthie) und NORMA. Von Joe erfahren die Lesenden über die grosse Trauer, über die weiteren tragischen Schicksalsschläge, die die Familie in den Folgejahren erfährt und über Joes Lebensentwurf mit dem Umgang seiner Trauer und Wut. Von Normas Erzählungen über ihr Aufwachsen wird den Lesenden schnell klar, dass es sich bei ihr um die verschwundene Ruthie handeln muss. Norma braucht dafür aber einige Jahrzehnte länger.
Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen, sie hat mich berührt und abwechselnd traurig und wütend gemacht. Die Erzählweise fand ich sehr passend, ich fühlte mich den Charakteren sehr nahe und besonders der starke Zusammenhalt der Mi'kmaq Familie hat mich sehr berührt. An manchen Stellen hätte die Geschichte auch etwas gestrafft werden können. Das Ende ist sehr bewegend und unglaublich traurig, aber auch tröstlich.