Und du sagtest traubig statt traurig, weil Tränen aussehen wie Trauben. Und ich wollte, dass du recht hast, solange es nur geht. Weil Tränen von Trauben abzuleiten vielleicht etwas abwendet. Weil traubig das bessere Wort ist. (S.7)
Unsere Küchen haben keine Abzüge. In unseren Fluren riecht es. Nach Armut, Majoran und Bockshornklee. Nach Reis und Schmortöpfen. Nach gebratenen Zwiebeln mit Kurkuma. Nach Kinderzimmern mit Etagenbetten und Arbeitslosigkeit. Nach Zimt, Sozialhilfe und Grossfamilien. Aber die Armut, die so riecht, kennt Dinge, die jenseits der Armut liegen, die gar keinen Geruch mehr hat. (S.88)
Alle sieben Jahre sind wir neu, sagt man. Alle Zellen erneuert. Aber die Narbenzelle erneuert sich wieder in eine Narbenzelle. Vererbt die Wunde. Vergisst nicht. Das Gedächtnis des Traumas liegt in der Wunde selbst. (S.175)
Die Eltern des Autors Behzad Karim Khani flüchten mit ihm in den 1990ern nach Deutschland, er kaum 10 Jahre. Er beschreibt das Aufwachsen in einer neuen Kultur, das Fremdsein, die Gewalt, in die er durch sein Umfeld hineingerät. Ein kraftvolles, voller Gewalt und dennoch sehr poetisches Buch. Khani findet immer wieder sehr schöne Sprachbilder.
Updatefreundschaften sind Freundschaften, das muss ich noch schnell sagen, bei denen man sich alle drei Monate auf einen Espresso trifft oder auf ein Bier, erzählt, was in den letzten drei Monaten passiert ist, eigentlich will man sich öfter sehen, aber das Leben, aber die Zeit, aber die Uni, aber die Krisen. (S.24)
Masha und Iggy. Zwei junge Erwachsene, die sich ineinander verlieben, aber nicht über Ihre Liebe sprechen können. Eine Liebesgeschichte, in der über alles geredet wird – ausser über den Beziehungsstatus, wie das SRF treffend beobachtete. In gewisser Weise ein Schelm:innen-Roman mit zwei Figuren, deren Unsicherheiten viel Raum einnehmen. Gerade dies macht sie sehr nahbar.
Die Geschichte folgt einem rasanten Tempo, ist originell, frisch, aber auch etwas zu bemüht, möglichst originell zu sein. So empfand ich es auf jeden Fall. Ich verlor schnell das Interesse an den beiden Figuren.
Zwei befreundete, wohlhabende Familien fahren in die Sommerferien in die Toskana. Die 14jährige Tochter Sophie-Luise der einen Familie (deren Mutter, Elisa Strobl-Marinek, als linke Politikerin bekannt ist), darf Aayana, eine Schulfreundin von ihr, mitnehmen. Aayana hat mit ihrem Bruder und ihren Eltern nach ihrer Flucht aus Somalia vor 2 Jahren in Wien den Asylstatus erhalten. Schon am ersten Tag in der Toskana kommt es zu einer Tragödie. Aayana ertrinkt im Pool, alle Hilfe kommt zu spät. Als wäre dies für alle Betroffenen nicht schlimm genug, gelangt der Unfall in die Öffentlichkeit und wird in den Berichterstattungen und sozialen Medien ausgeschlachtet. Elisa Strobl-Marinek gerät unter Druck, ihr Amt in der Politik ist gefährdet.
Ein gesellschaftskritischer Roman, bei dem vor allem folgende Frage aufgeworfen wird: Was ist ein Menschenleben wert? Und gibt es Menschenleben, die weniger wert sind? Er zeigt die verschiedenen Welten von hochgradig privilegierten sowie geflüchteten Menschen auf - und wie letztere kaum eine Stimme erhalten. Die Geschichte wird immer wieder mit Berichterstattungen über diesen Fall unterbrochen. Mit dabei jeweils Auszüge von Kommentaren, die gespickt sind von Alltagsrassismus, Ignoranz und Empathielosigkeit.
Es ist ein gewollt unangenehmes Buch, es hinterlässt ein beklemmendes Gefühl. Mir hat es sehr gut gefallen und mich zum Nachdenken angeregt. Die Geschichte mit der Tochter Sophie-Luise und Pierre empfand ich jedoch als bisschen zu konstruiert.
Graphic Novel über die 1929 in Japan geborene Künstlerin Yayoi Kusama. Sehr ansprechende Illustrationen und schön erzählt. Der Comic gibt einen Einblick in das beeindruckende und feministische Leben und Schaffen der Künstlerin.
[Vater:]"Mädchen sind dann gut, wenn man sie nicht hört und auch nicht sieht. Im Haushalt sollen sie wirken." (S.23)
"Wenn ein Mädchen einen Jungen zu nahe an sich herankommen lässt, ist es immer selber schuld", hatte Vater entschieden. (S.39)
[Sie] hat den dritten Abschnitt - von den ausserehelichen, insbesondere den unehelichen Kindern - nachgelesen, hat gelesen, dass eine Weibsperson, welche ausserehelich geschwängert wurde, berechtigt sei, ihren Schwängerer wegen Vaterschaft zu belangen, dass sie dies aber nur während der Schwangerschaft machen kann und zwar in der Regel beim Pfarramte [...] "Ein unter Sechzehnjähriger kann nicht belangt werden, und ein verheirateter Mann kann nicht belangt werden." (S.222)
"[Ich] nehme Ihnen heute Ihren Namen, Frieda Keller, ab. Ihr seid von nun an Nummer einhundertzweiundneunzig. Für den Rest Eures jammervollen Lebens und bis zum Jüngsten Tag." (S.299)
"Du nennst sie immer noch bei ihrem Namen", gibt Albin zu bedenken. "Nach all den Jahren." Bertram Toggenburger sagt lakonisch: "Nach all den Jahren ist sie immer noch ein Mensch." (S.320)
Frieda Keller aus St.Gallen wird 1904 zu Tode verurteilt. Jahre zuvor wurde sie von ihrem damaligen Arbeitgeber vergewaltigt. Als geächtete Frau mit unehelichem Kind, ohne Geld und Unterstützung, erdrosselte sie aus Verzweiflung und Hilflosigkeit ihren mittlerweile 5-jährigen Sohn. Ihr Todesurteil wurde nach Gnadengesuch in eine lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt. Nach 15 Jahren in Einzelhaft durft sie das Gefängnis verlassen. Die Zeit im Gefängnis hinterliess bei ihr physische und psychische Spuren, sie hatte Mühe, sich in Freiheit wieder zurechtzufinden. Nach mehreren Hirnschlägen wurde sie in eine Pflegeanstalt und zuletzt in die Psychiatrie Münsterlingen überwiesen, wo Frieda Keller mit 62 Jahren starb.
Eine erschütternde, hochtragische Geschichte, die nachhallt. Sie macht traurig und wütend zugleich. Die Geschichte wurde sorgfältig recherchiert, das Buch mit originalen Auszügen von Gerichtsakten, Zeitungsartikeln und Briefen ergänzt. Die Sprache ist der Zeit um 1900 angepasst, teilweise lesen sich die Sätze wie ein Gedicht. Das war für mich etwas gewöhnungsbedürftig. Die Geschichte hat mich sehr gepackt, Friedas Schicksal ist mir sehr nahe gegangen, es gab aber einige Stellen, die meiner Meinung nach hätten gekürzt werden können. So empfand ich das Buch teilweise doch als sehr langatmig.
Fortsetzungsband von „Der Strand - Vermisst“. Kriminalhauptkommissar Tom und Kryptologin Mascha suchen mittlerweile nicht nur die immer noch vermisste Lilli von Band 1, mittlerweile ist auch ihr bester Freund Ben tot und eine Leiche einer jungen Frau wird am Strand angespült. Die Leiche ist nicht Lilli… Aber gibt es einen Zusammenhang zwischen diesen beiden jungen Frauen?
Auch den Band 2 fand ich spannend, die Figuren Tom und Mascha waren mir weiterhin sympathisch, der Plot schlüssig. Ansprechend gelesen von Oliver Siebeck. Bin nun gespannt auf den 3. und letzten Band.
Es empfiehlt sich, diese drei Bände der Reihe nach zu lesen, sie bauen aufeinander auf.
Im Klassenzimmer im Altgriechisch-Kurs begegnen sie. Eine junge Frau, die ihre Stimme verloren hat. Und der Griechischlehrer, der von Tag zu Tag immer mehr erblindet. Beide kämpfen mit ihrem Verlust, beide tragen ihr Rucksäckli - und grade das verbindet die zwei.
Es geht im Buch viel um Sprache und um die Kraft dieser.
Ein sehr sanftes Buch. Als Hörbuch fand ich es jetzt nicht so geeignet, ich liess mich zu schnell von anderem ablenken. Aber das ist meine Baustelle. :)
Die Ich-Erzählerin (Barbi Marković) beschreibt ihr Aufwachsen in Belgrad bzw. vorallem ihre Stadienbesucheeines Belgrader Fussballvereins. Es geht im Buch hauptsächlich um die Vater-Tochter-Beziehung in einer patriarchalen Gesellschaft. Barbi wird von ihrem Vater als "er/ihm" angesprochen, eines der vielen Zeichen, dass er sich viel lieber einen Jungen als Kind wünschte. Es geht aber auch sehr fest um jugoslawischen Fussball kurz vor dem Zerfall Jugoslawiens.
Ich habe den Zugang zum Buch nie gefunden, fand es meistens sehr anstrengend zu lesen, auch wenn viel Witz drin steckt. Doch wahrscheinlich interessiert mich Fussball dann doch zuwenig. :)
"Between life and death there is a library", she said. "And within that library, the shelves go on for ever. Every book provides a chance to try another life you could have lived. To see how things would be if you had made other choices... Would you have done anything different, if you had the chance to undo your regrets?" (S.29)
"Librarians have knowledge. They guide you to the right books. The right worlds. They find the best places. Like soul-enhanced search engines." (S.84)
She didn't want to be confronted with that long interminable list of mistakes and wrong turns again. She was depressed enough. And besides, she knew her regrets. Regrets don't leave. They weren't mosquito bites. They itch for ever. (S.85)
[Live] isn't simply made of the things we do, but the things we don't do too. (S.111)
Nora Seed, findet sich nach einem Suizidversuch in einer magischen Bibliothek wieder. In der Mitternachtsbibliothek steht jedes Buch für eine andere Versions ihres Lebens, basierend auf verschiedene Entscheidungen, die sie hätte treffen können. So versucht sie diverse ihrer Parallelleben aus, bleibt mal kürzer mal länger in diesen, auf der Suche nach dem für sie passenden Leben, nach ihrem Glück und ihrem Sinn des Lebens.
Ein sehr schönes, sanftes und warmes Buch. In der Geschichte liegt sehr viel Verzweiflung, aber auch Hoffnung. Vorallem hat mir gefallen, dass sie selbst dazu anregt, über das eigene Leben und die möglichen Abzweigungen nachzudenken. Wie wäre mein Leben verlaufen, hätte ich damals xy anstelle von yz gemacht? So spannend, diese Überlegungen! Das Ende fand ich persönlich ein wenig zu cheesy.
Die 19jährige (gehörlose) Lilli hatte mit ihrer Freundin Fabienne am Strand abgemacht, aber als Fabienne zehn Minuten zu spät eintraf, war von Lilli keine Spur. Sie ist verschwunden. Ihr Fahrrad wird in einem nahgelegenen Tümpel geborgen. Etwas später erhält Fabienne auf WhatsApp ein Bild von Lillis Account zugeschickt. Auf dem Bild: ein in den Sand gemalten Code mit Buchstaben und Sonderzeichen. Kriminalhauptkommissar Tom und Kryptologin Mascha versuchen, den Fall zu lösen und Lilli zu finden.
"Der Strand - Vermisst" ist Teil 1 einer Trilogie. Der erste Band endet ungelöst. Die Geschichte hat mich aber genug gepackt, um wissen zu wollen, wie es weiter geht. Angenehme Hauptprotagonist:innen, die mich interessierten, Nebencharakteren oft eher schwach gezeichnet. Ansprechend gelesen von Oliver Siebeck.
Gelungener Comic darüber, wie wir Menschen mit unserem Planeten und allem, was dazugehört, umgehen - und über die Konsequenzen unseres Umgangs. Nicht alle Strips fand ich gleichermassen lustig, aber im Grossen und Ganzen fand ich sie toll. Und das Thema wichtig.
Gian-Marco Schmid (bekannt als Rapper Gimma) schrieb nach dem Tod seiner Mutter dieses Buch als Abschied. Und er gewährt damit einen schonungslosen Einblick in seine Familie. Er erzählt vom Aufwachsen mit einer alkoholsüchtigen Mutter, von sozialer Verwahrlosung, ständiger Enttäuschungen, Wut, Abgrenzung.
Ich bin sehr zwiegespalten. Die Geschichte hat mich sehr berührt, erschüttert und traurig gestimmt. Ich finde es toll, konnte Gimma durch den Tod seiner Mutter, durch das Schreiben dieser Zeilen seine Vergangenheit aufarbeiten. Literarisch hat mich das Buch aber gar nicht abgeholt. Ich fand es sehr schwach in der Sprache.
Ein Buch, das eindrücklich veranschaulicht, was Helfer:innen auf einem Rettungsschiff auf dem Mittelmeer sehen und erleben. Das Buch zeigt das ganze Leid der Flüchtenden und die fehlende Hilfe, die von Europas Politik zu erwarten wäre. Der Autor und Zeichner Adrian Pourviseh war auf einem Rettungsschiff unterwegs, fotografierte, führte Interviews und half mit. Aus seinen Erlebnissen entstand dieser berührende, schonungslose Graphic Novel über ein sehr schwarzes und trauriges Kapitel der europäischen Geschichte.
Es hat mich beelendet, gleichermassen traurig und wütend gemacht. Schockierend, durch diesen Erfahrungsbericht hautnah miterleben zu können, was da eigentlich los ist auf dem Mittelmeer. Ein sehr wichtiges Buch zur Debatte um Asyl und den Umgang mit fliehenden Menschen!
Rika und Michael. Sie wuchsen miteinander auf, sie verehrte ihn seit Kindheit, er sie genauso, ignorierte sie aber konsequent. Dann kommt die Devil's Night, die für Michaels Freunde verheerende Konsequenzen hat. Und Rika soll schuld daran sein. Michael und seine Freunde möchten sie dafür bezahlen lassen und er beginnt ein böses Spiel mit ihr. Und sie kontert. Und eigentlich geht es in diesem Buch nur darum, irgendwelche Spielchen zu spielen und die eigenen sexuellen Verlangen zu unterdrücken und manchmal dann doch ausleben zu können. Böse, gefährlich und leidenschaftlich.
"Ich schnappte nach Luft..." / ..."mit zusammengekniffenen Augen..." / "Verdammt!" / "Ich biss mir auf die Unterlippe..." / "Mir wurde es ganz schwindlig..."
...Ich habe nicht gezählt, wie oft diese und noch viele andere Ausdrücke im Buch vorkamen, aber es war soooo oft, dass ich sie nicht mehr hören kann. Sprachlich sehr schwach. Und grundsätzlich nicht mein Genre. Ich verstehe den Hype darum nicht. Aber muss ich auch nicht. :)
Der Abschluss der Thriller-Trilogie rund um das Verschwinden der 19jährigen Lilli. In diesem Band werden alle Fäden zusammengefügt, alle Morde aufgeklärt, alle Geheimnisse enthüllt. Kriminalhauptkommissar Tom und Kryptologin Mascha geben nochmals alles. Bis zum Schluss voller Spannung, mir hat auch der dritte Teil gut gefallen, auch wenn sich leider noch der eine oder andere Kitsch eingeschlichen hat, der meiner Meinung nach gar nicht nötig gewesen wäre.
Die Trilogie baut aufeinander auf, also unbedingt der Reihe nach lesen!
Nach wie vor sehr angenehm gesprochen von Oliver Siebeck.