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Darm mit Charme: Alles über ein unterschätztes Organ
288 Seiten

Giulia Enders schafft es in diesem Buch, komplexe(re) anatomische, medizinische, biologische Vorgänge verständlich und mit viel Humor zu erklären, ihr Fachwissen runterzubrechen auf eine leichte Sprache, die Laien wie ich gut verstehen. Ergänzt wurde das Buch mit liebevollen Illustrationen von der Schwester der Autorin. Ich habe durch dieses Buch sehr viel gelernt und werde entsprechend viel für mich mitnehmen. Ein sehr unterhaltsames und lehrreiches Buch, welches ich schon vor Jahren hätte lesen sollen. Auf jeden Fall weiterzuempfehlen!

Das Ausatmen passiert ganz von selbst. Wären wir durchsichtig, könnten wir sehen, wie schön sie aussieht: wie ein Aufziehauto in Gross und weich und lungig. Während manchmal einer von uns dasitzt und denkt: "Keiner mag mich", legt sein Herz gerade die siebzehntausendste 24-Stundenschicht für ihn ein - und hätte jedes Recht, sich bei solchen Gedanken ein bisschen aussen vor gelassen zu fühlen. (S.18)

Jeder hat seinen Haushälter schon einmal gehört: Es ist das Magenknurren, und das kommt nicht nur aus dem Magen, sondern vor allem aus dem Dünndarm. Wir knurren nicht, weil wir Hunger haben, sondern weil nur zwischen dem Verdauen endlich mal Zeit fürs Putzen ist. Wenn Magen und Dünndarm leer sind, ist die Bahn frei, und der Haushälter kann loslegen. [...] Wenn man in dieser Zeit etwas isst, wird die Putzaktion sofort abgebrochen. Es soll schliesslich in Ruhe verdaut - und nicht durchgefegt werden. Wer also immer etwas nascht, lässt keine Zeit für Sauberkeit. Diese Beobachtung trägt dazu bei, dass einige Ernährungswissenschaftler empfehlen, fünf Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten zu machen. Ob es bei jedem genau fünf Stunden sein müssen, ist allerdings nicht bewiesen. Wer ordentlich kaut, lässt weniger Arbeit für seinen Haushälter liegen und kann auch mal auf seinen Bauch hören, wenn es um das nächste Essen geht. (S.98-99)

Stress ist vermutlich einer der wichtigsten Reize, die Hirn und Darm miteinander besprechen. Wenn unser Gehirn ein grosses Problem (wie Zeitdruck oder Ärger) fühlt, dann will es dieses Problem lösen. Dafür braucht es Energie. Die leiht es sich vor allem vom Darm. Der Darm bekommt über sogenannte sympathische Nervenfasern mitgeteilt, dass hier gerade eine Notsituation herrscht und er ausnahmsweise gehorchen muss. Er spart kollegialerweise Energie beim Verdauen ein, produziert weniger Schleimstoffe und fährt seine eigene Durchblutung herunter. Dieses System ist allerdings nicht für die Daueranwendung gebaut. Wenn das Gehirn permanent Ausnahmesituationen meldet, nutzt es die Gutmütigkeit des Darms aus. In so einem Moment muss der Darm auch mal unschöne Signale zum Gehirn schicken - sonst ginge es ja immer so weiter. Wir können uns dann abgeschlagener fühlen oder unter Appetitlosigkeit, Unwohlsein oder Durchfall leiden. (S.141)

Wie können Bakterien dick machen? [...] Moppelbakterien sind effiziente Kohlenhydrat-Aufspalter. Nehmen die Moppelbakterien überhand, haben wir ein Problem. [...] Manche. kriegen lästige Fettpolster, obwohl sie nicht mehr essen als andere - ihre Darmflora holt eventuell einfach mehr aus dem Essen heraus. Wie ist das möglich? Aus unverdaulichen Kohlenhydraten können Bakterien verschiedene Fettsäuren herstellen: gemüseliebende Bakterien mache eher Fettsäuren für Darm und Leber, andere Bakterien produzieren Fettsäuren, die auch noch den Rest unseres Körpers mitfüttern. Eine Banane kann deshalb weniger dick machen als ein halber Schokoriegel mit derselben Kalorienanzahl - pflanzliche Kohlenhydrate erregen eher die Aufmerksamkeit der Lokalversorger als die der Ganzkörper-Fütterer. (S.195)

Jeder, der einen Mund und einen Finger hat, kann diese Madenwürmer kriegen. Finger- und Mundlose sind hier also endlich mal im Vorteil. (S.229)

Bei der Angsthygiene geht es darum, alles wegzuputzen oder abzutöten. [...] Je höher die Hygienestandards in einem Land sind, desto mehr Allergien udn Autoimmunkrankheiten gibt es dort. [...] Mehr als 95 Prozent aller Bakterien auf dieser Welt tun uns nichts. Viele helfen uns sehr. Desinfektion hat im normalen Haushalt nichts zu suchen - ausser jemand in der Familie ist krank oder der Hund hat auf den Wohnzimmerboden gekackt. [...] Wenn der Boden voller Schuhabdrücke ist, dann reicht allerdings Wasser ein Tropfen Reinigungsmittel. Die beiden reduzieren die Bodenbakterien bereits um bis zu 90 Prozent. Die normal Fussbodenbevölkerung hat so die Chance, wieder zurückzukehren - vom schlechten Rest ist dafür einfach zu wenig übrig. Beim Saubermachen sollte es darum gehen, weniger Bakterien zu haben - nicht gar keine. Auch schlechte Bakterien können gut für uns sein, solange unser Körper sie zum Trainieren benutzen kann. (S.237)

Sauberkeit bedeutet nicht, alles Bakterielle auszulöschen. Sauberkeit ist ein gesundes Gleichgewicht aus genügend guten Bakterien und wenigen schlechten. Das bedeutet: kluger Schutz vor wahren Gefahren und manchmal das gezielte Ausbreiten von Gutem. (S.242-243)

Wer sich aus unnötigen Antibiotika-Darmkriegen raushalten möchte, ist mit diesen vier Punkten gut beraten: [...] 3. Gemüse und Obst gut waschen. Das hat auch mit der Tierhaltung zu tun. Denn der Kot unserer Tiere wird gerne als Dünger benutzt. Die Gülle kommt aufs Feld. Obst und Gemüse werden in Deutschland nicht auf Antibiotika-Rückstände getestet - auf resistente Darmbakterien schon gar nicht. In Milch, bei Eiern und Fleisch werden zumindest bestimmte Grenzwerte kontrolliert. Also lieber einmal zu viel waschen als einmal zu wenig. Schon geringe Mengen Antibiotika können bei Bakterien Resistenzen fördern. (S.247-248)

Spielen
256 Seiten

Spielen ist ein Verb und wir können uns ihm nur nähern, indem wir ins Handeln kommen, indem wir gemeinsam spielen. (S.9)

Es wird immer so oberflächlich gesagt, Kreativität käme aus der rechten Hemisphäre, das stimmt aber nur bedingt: Ja, hier erfahren wir zentrale Impulse für Kreativität. Um aber ins kreative Handeln zu gelangen, brauchen wir beide Gehirnhälften. Rechts erfindet quasi und links setzt um. Dominierte nur die rechte Seite, würden wir im ganzheitlichen, sphärischen Empfinden verweilen, aber nicht ins Handeln kommen. Dominierte die linke Seite, würden wir nichts Neues erschaffen und in der Entwicklung stagnieren. Nur im ausgewogenen Zusammenspiel beider Hirnhälften erlangen wir Kreativität, die sich auch ausdrückt. (S.145)

Karen Köhler lädt ein in die Welt des Spielens. Sie schreibt, was Spielen bewegen kann, sie schreibt über die Wichtigkeit des Spielens in der Entwicklung, über Stressabbau und Entspannung, soziale Bindung. Sie beschreibt, wie Spielen das Gehirn antreibt, wo und wie Kreativität entsteht und und und. All das macht sie sehr spielend und interaktiv: Jedes Kapitel ist ein eigenes Spiel-Level, in jedem Kapitel gibt es Spielaufgaben, mit denen Punkte gesammelt werden. Das Buch zeigt, Karen Köhler ist durch und durch ein Spielmensch, und lässt uns daran teilhaben und profitieren.

Ich muss gestehen, dass ich keine einzige Aufgabe im Buch gelöst habe. Ich wollte über das Spielen lesen, aber mochte das Lesen nicht mit Spielen unterbrechen. Im Gegenteil, ich hätte es als störend empfunden. Ich fand die Idee zwar sehr witzig und gut umgesetzt, aber ich konnte mich nicht genug begeistern lassen, um direkt mitzumachen. Nichtsdestotrotz habe ich vieles gelernt und viel Inspiration mitgenommen.

Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit
478 Seiten

Entgegen der weitverbreiteten Meinung, dass der Mensch grundsätzlich bös sei, zeigt Rutger Bregman anhand vieler Beispiele auf, warum im Gegenteil die meisten Menschen im Grunde gut sind und dass eine bessere Welt (gerechter, menschlicher) möglich wäre, wenn wir dies nur erkennen würden.

Lange schon lag das Buch bei mir, zum Glück habe ich mich nun endlich dazu aufgerafft es zu lesen. Das Buch hat seine Längen und vielen Dingen kann ich trotz seinen überzeugenden Worten nicht so optimistisch entgegenschauen, wie er wohl gerne hätte. Auf der anderen Seite vermisste ich auch gewisse Themen. Wieso geht Bregman nicht auf den Kolonialismus ein? Auch den Holocaust, finde ich, wurde zu wenig thematisiert. Aber: Nichtsdestotrotz war es sehr lehrreich und spannend, auch überraschend und sehr oft erfreulich, was Bregman schrieb. Gerade das Kapitel über das Geheimnis der Osterinsel oder die Recherche zu "der Herr der Fliegen" in Echt. Auch die Fassadentheorie fand ich einen sehr interessanten Ansatz. Sie besagt, dass unsere moderne Gesellschaft (mit ihren Regeln, Institutionen und Normen), wie eine dünne Fassade ist – eine künstliche Schicht, die unser wahres, grundlegend gutes Wesen oft verdeckt. Bregman argumentiert, dass der Mensch von Natur aus kooperativ und hilfsbereit ist, aber diese Eigenschaften durch Misstrauen, Konkurrenzdenken und ungerechte Systeme unterdrückt werden. Die Fassade (z.B. Hierarchien, Strafe, Kontrolle) soll Ordnung schaffen, doch sie basiert oft auf einem pessimistischen Menschenbild. Wenn die Fassade bröckelt (z.B. in Krisen), kommt nicht das Schlechte, sondern das Gute im Menschen zum Vorschein – Solidarität, Mitgefühl, Zusammenhalt. Bregman plädiert dafür, Systeme zu schaffen, die dieses Grundvertrauen stärken, statt es zu ersticken.

Ich habe viel mitgenommen aus diesem Buch und versuche zukünftig, auch wenn es mir nicht leicht fallen wird, mehr an das Gute im Menschen zu glauben.

Dies ist ein Buch über eine radikale Idee. Es ist eine Idee, die Machthabern seit Jahrhunderten Angst einjagt, gegen die sich unzählige Religionen und Ideologien gewandt haben. Über die die Medien eher selten berichten, deren Geschichte durch eine unaufhörliche Verneinung geprägt zu sein scheint. Gleichzeitig ist es eine Idee, die von nahezu allen Wissenschaftsbereichen untermauert, die von der Evolution erhärtet und im Alltag bestätigt wird. Eine Idee, die so eng mit der menschlichen Natur verknüpft ist, dass sie kaum auffällt. Wenn wir den Mut hätten, sie ernst zu nehmen, würde sich herausstellen: Diese Idee könnte eine Revolution entfesseln. Die Gesellschaft auf den Kopf stellen. Wenn sie tatsächlich in unsere Köpfe vordränge, wäre sie vergleichbar mit einer lebensverändernden Medizin, nach deren Einnahme man nie mehr in der gleichen Art und Weise auf die Welt blickt. Worin besteht diese Idee? Dass die meisten Menschen im Grunde gut sind. (S.19)

Dass Menschen von Natur aus egoistisch, panisch und aggressiv sind, ist ein hartnäckiger Mythos. Der Biologe Frans de Waal spricht deshalb von einer "Fassadentheorie". Die Zivilisation wäre demnach eine dünne Fassade, die beim geringsten Anlass einstürzen würde. Die Geschichte lehrt uns aber das genaue Gegenteil: Gerade, wenn Bomben vom Himmel fallen oder Deiche brechen, kommt das Beste in uns zum Vorschein. (S.21)

Ein Grossvater sagte einst zu seinem Enkel: "In mir findet ein Kampf statt, ein Kampf zwischen zwei Wölfen. Einer ist schlecht, böse, habgierig, eifersüchtig, arrogant und feige. Der andere ist gut - er ist ruhig, liebevoll, bescheiden, grosszügig, ehrlich und vertrauenswürdig. Diese Wölfe kämpfen auch in dir und in jeder anderen Person." Der Junge dachte einen Moment nach und fragte dann: "Welcher Wolf wird gewinnen?" Der alte Mann lächelte. "Der Wolf, den du fütterst." (S.28)

Was sagte Rousseau doch gleich dazu? "Der Erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen liess zu sagen: dies ist mein" - damit ging es schief. Es muss eine grosse Aufgabe gewesen sein, die Menschen davon zu überzeugen, dass Land, Tiere oder selbst Menschen Eigentum von jemand anderem sein könnten. Denn Jäger und Sammler teilten immer so ziemlich alles. Ausserdem begann mit der Erfindung des Besitzes die Ungleichheit zwischen den Menschen zuzunehmen. Nach dem Tod wurde das Eigentum sogar an die nächste Generation weitergegeben. So wurde das Erbe erfunden, das die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vergrösserte. Faszinierend ist, dass in genau dieser Periode nach dem Ende der Eiszeit auch die ersten Kriege ausbrachen. Genau zu der Zeit, als wir uns an einem Ort niederliessen, errichteten wir auch die ersten militärischen Befestigungen, zeigt sich an archäologischen Untersuchungen. [...] Wie konnte es soweit kommen? Wissenschaftler vermuten wenigstens zwei Ursachen. An erster Stelle gab es jetzt Besitz, um den man kämpfen konnte, vor allem um Land. An zweiter Stelle hat uns das sesshafte Leben misstrauischer gegenüber Fremden gemacht. (S.124-125)

Mit der ersten Siedlungen und der Erfindung des Privateigentums begann eine neue Ära in der Menschheitsgeschichte. Ein Prozent würde die restlichen 99 Prozent unterdrücken. Grossmäuler wurden zuerst Kapitäne, dann Generäle, erst Häuptlinge, dann Könige. Die Ära der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war dahin. (S.126)

Vor allem Frauen zahlten einen hohen Preis für das Sesshaftwerden an einem Ort. Mit der Erfindung des Privateigentums und der Landwirtschaft ging die Zeit des Proto-Feminismus zu Ende. [...] Im Laufe der Jahrhunderte wurden heiratsfähige Töchter auf verhandelbare Güter reduziert, als wären sie Kühe und Schafe. [...] Während Frauen in der Urgeschichte frei herumliefen, wurden sie nun verschleiert und ans Haus gebunden. Das Patriarchat wurde geboren. (S.127-128)

Um ein Fazit bezüglich der Osterinsel zu ziehen: Was bleibt von der alten Geschichte? Der Geschichte von egoistischen Inselbewohnern, die ihre eigene Zivilisation vernichteten? Praktisch gar nichts. Es gab keinen Krieg, keine Hungersnot, keinen Kannibalismus. Die Abholzung des Waldes machte die Insel nicht ärmer, sondern produktiver. Das Massaker um 1680 hat nie stattgefunden, die eigentliche Zerstörung erfolgte erst nach 1860. Die Ausländer fanden kein Chaos vor, sie richteten eines an. [...] Kurz gesagt, die wahre Geschichte der Osterinsel ist eine Geschichte von Widerstandsfähigkeit und Einfallsreichtum. Es ist keine Botschaft einer Katastrophe, es ist eine Quelle der Hoffnung. (S.160-161)

Mehr Emotionen, mehr Gefühl, mehr Empathie! Aber das ist unmöglich. Probieren Sie es aus: Versetzen Sie sich in die Lage einer Person. Und dann von hundert. Und dann von einer Million. Und dann von sieben Milliarden. Unmöglich. In Wirklichkeit ist Empathie ein hoffnungslos eingeschränktes Gefühl, so Professor Bloom. Empathie empfinden wir vor allem für Menschen, die uns nahestehen. [...] Als ich das Buch von Bloom las, dämmerte mir, was der Empathie ähnelt. Die Nachrichten. Bereits im 1. Kapitel habe ich gezeigt, dass die Nachrichten ebenfalls wie ein Scheinwerfer funktionieren. Und wie Empathie täuschen. Indem sie auf den Einzelnen heranzoomen, täuschen die Nachrichten, indem sie sich vor allem auf die Ausnahme fokussieren (Unfall! Anschlag! Krieg!). Eines ist sicher: Wer sich nach einer besseren Welt sehnt, kommt mit ein bisschen Empathie nicht weit. Schlimmer noch: Empathie kann der Vergebung im Wege stehen, denn Menschen, die sich stärker in die Opfer einfühlen, verallgemeiners auch ihre Feinde stärker. Der Mechanismus ist immer derselbe: Wir setzen unsere Lieben ins rechte Licht und werden blind für die Perspektive unserer Gegner, die ausserhalb unseres Blickfeldes stehen. Das ist der Mechanismus, von dem Brian Hare [...] gesprochen hat. Der Mechanismus, der uns in die netteste und grausamste Spezies auf dem Planeten verwandelt hat. Es ist ein unbequeme Wahrheit: Empathie und Fremdenfeindlichkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Warum tun gute Menschen also böse Dinge? Ich denke, wir können jetzt den Anfang einer Antwort formulieren. Die Soldaten der Wehrmacht kämpften in erster Linie füreinander. Die meisten von ihnen wurden nicht von Blutgier oder Sadismus angetrieben, sondern in erster Linie von Kameradschaft. Es hat sich weiterhin herausgestellt, dass es Soldaten schwerfällt, zu töten. (S.243-244)

Gewaltloser Widerstand ist sehr viel effektiver als gewaltsamer Widerstand. [...] Es zeigte sich, dass über 50 Prozent der friedlichen Kampagnen erfolgreich waren, gegenüber 26 Prozent der gewaltsamen. Der wichtigste Grund hierfür, hielt Chenoweth fest, bestände darin, dass sich mehr Menschen an dem gewaltlosen Widerstand beteiligten. Durchschnittlich mehr als elfmal so viele, um genau zu sein. Und dabei handelte es sich nicht nur um junge Männer mit zu viel Testosteron, sondern auch um Frauen und Kinder, Ältere und Menschen mit Behinderungen. Regime sind solchen Menschenmassen nicht gewachsen. Das Gute besiegt das Böse durch seine schiere Überzahl. (S.393)

Der Umgang mit Fremden ist etwas, das wir lernen müssen, am besten von klein auf. Sollte nicht jeder in jungen Jahren, so wie Abraham Viljoen während seines Studiums, eine Reise machen müssen? "Reisen ist für Vorurteile, Bigotterie und Engherzigkeit lebensgefährlich", schrieb Mark Twan bereits 1869. Das bedeutet nicht, dass wir nicht wir selbst sein dürfen. Im Gegenteil, eine der wichtigsten Erkenntnisse der "Kontakt"-Wissenschaftler lautet, dass sich Vorurteile nur beseitigen lassen, wenn wir unsere Identität bewahren. Wir dürfen die Erfahrung machen, dass wir anders sind und dass daran nichts Falsches ist. Unsere Identität darf ein Haus mit starkem Fundament sein. Und dann können wir die Türen öffnen. (S.396-397)

Was ich dir nicht sage
298 Seiten

Die meisten in diesem Buch beschriebenen Situationen sind keine offensichtlich rassistisch motivierten physischen Angriffe, sondern Mikroaggressionen. Die Wirkung von Mikroaggressionen lässt sich beschreiben wie die Last von Schneeflocken auf einem Baumast. Eine einzelne Schneeflocke ist verkraftbar, aber in der Masse führen sie dazu, dass der Ast irgendwann abbricht, weil die Last zu schwer wird. Genauso mögen auch Mikroaggressionen einzeln betrachtet nicht schlimm erscheinen, doch das Problem ist, dass sie ständig da sind, nie aufhören und immer mehr werden. (S.38)

Du möchtest keine Unterschiede sehen, weil du gelernt hast, diese als Grund unserer Trennung zu betrachten. Aber es sind nicht die Unterschiede, die uns trennen, sondern die Wertung, die wir diesen Unterschieden aufzwingen. (S.69)

Die meisten haben keine Ahnung davon, was der Begriff [woke] eigentlich bedeutet und weshalb sie ihn verwenden. Der englische Begriff "woke" bedeutet "aufgewacht" oder "wachsam". Seinen Ursprung hat er im frühen 20. Jahrhundert, als er von Schwarzen Menschen in afroamerikanischen Communities in den USA verwendet wurde, damit sie sich gegenseitig warnen konnten: Auch wenn das System an manchen Orten den Eindruck von Sicherheit vermittelt, bleibe wachsam und aufmerksam, denn es ist gefährlich. In der Öffentlichkeit ist der Begriff ab 2014 bekannt geworden, nachdem Michael Brown, ein 18-jähriger Afroamerikaner, von Polizisten ermodet wurde. "Stay woke" wurde zu einem wichtigen Bestandteil der Black Lives Matter-Bewegung und fand so auch den Weg nach Europa. Das Konzept weitete sich dann von anti-Schwarzem Rassismus auf weitere Diskriminierungsformen und unterdrückerische Systeme aus und wird inzwischen etwa auch im Kampf für Klimagerechtigkeit verwendet. Sehr schnell wurde der Begriff aber auch von Gegner*innen der Befreiungsbewegungen aufgenommen. Rechte Konservative in den USA, stark vertreten durch Donald Trump, begannen vom "Woke-Wahnsinn" als etwas Negatives zu sprechen, als moralisierend und übertrieben. So wurde der Begriff zu einer rhetorischen Waffe, die sich gegen Menschen richtet, die sich gegen Ungerechtigkeiten einsetzen. Das Ziel dieser Waffe ist es, diese Menschen und ihre Aktivitäten zu disqualifizieren. (S.137)

Anja Nunyola Glover setzt sich in diesem Buch mit ihrer persönlichen Geschichte und den Strukturen von Rassismus auseinander. Es ist stark autobiografisch geprägt und zeigt auf, wie tief Rassismus (auch in der Schweiz!) verankert ist. Sie ist sehr direkt und das von ihr konsequent angewendete "Du" (wenn sie über Begegnungen mit Bekannten, Lehrpersonen, Therapeutinnen, Workshop-Teilnehmenden schreibt) bewirkt, dass ihre Worte noch radikaler eindringen und zum Nachdenken anregen. Sie fordert ihre Leserinnen explizit dazu auf, ihre eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Sie beschreibt im Buch nicht, was Rassismus ist, sondern was Rassismus macht. Es ist also eher für Menschen geeignet, die sich bereits mit Rassismus auseindergesetzt haben.

Was das Buch aufzeigt: Mensch kann es gut meinen und trotzdem Rassismus reproduzieren. Die Annahme viele in der Schweiz lebenden Menschen, dass Rassismus ein rechtsextremes Phänomen sei, mit dem niemand etwas zu tun hat – ausser Nazis, ist kompletter Blödsinn.

Ein starkes Buch, welches betroffen macht und nachhallt. Ich fühlte mich darin immer wieder ertappt.

Wann kommt das Salz ins Nudelwasser?
175 Seiten

74 Antworten auf Fragen rund um Kochen, Ernährung und Gesundheit. Zum Beispiel: Verdampft Alkohol wirklich beim Kochen? Warum werden Bananen so schnell braun? Helfen heisse Getränke. bei grosser Hitze? Ist Essen im Gehen wirklich ungesund? Wodurch unterscheiden sich Guide Michelin und Gault-Millau? Ist Rohkost gesünder als gegartes Gemüse? Warum essen wir im Advent Lebkuchen?

Naja, nicht alle Fragen haben mich gleichermassen interessiert. Ich habe mir vom Buch auch mehr AHA-Momente gewünscht. Aber ein (mir) grosses Geheimnis ("Wieso gibt es Arschlocheier, die sich nicht richtig schälen lassen?") wurde mithilfe des Buchs gelüftet. :) Die Frage war: Wofür dient das Abschrecken von Eiern. Die Antwort kurz und knackig = mit dem Abschrecken wird der Garprozess gestoppt. Aber weiter steht da:

Eine weit verbreitete Annahme ist, dass sich abgeschreckte Eier leichter pellen lassen. Ob man ein gekochtes Ei gut oder schlecht schälen kann, hat aber nichts mit kaltem Wasser zu tun. Die Schälbarkeit hängt vielmehr mit dem Alter des Eis zusammen. Bei gerade frisch gelegten Eiern halten Proteine an der Innenhaut Eierschale und Eiweiss zusammen. Bei älteren Eiern steigt der pH-Wert im Eiweiss an, was das Ankleben verhindert. Je älter das Ei ist, desto leichter lässt es sich also schälen. Um gekochte Eier gut schälen zu können, sollte man sie also zwei bis drei Wochen lagern. (S.50)

Kokainjahre
288 Seiten

Marina Jungs Sohn hat mit 22 Jahren zum ersten Mal Kokain konsumiert. Es folgen vier Jahre der Sucht. Mit 26 verliert ihr Sohn den Kampf gegen die Droge.

Die Autorin erzählt schonungslos vom vierjährigen Kampf gegen die Sucht, was diese mit ihrem Sohn und auch mit ihr und ihrem Mann als Eltern gemacht haben. Sie untermalt ihre persönlichen Erfahrungen mit fundierten Fakten und macht auch Verweise zu anderen Betroffenen.

Das Buch zeigt deutlich auf, mit wie vielen falschen Vorurteilen die Gesellschaft Suchterkrankten gegenübertreten, mit wie vielen Stigmatisierungen die Betroffenen sowie die Angehörigen zu kämpfen haben. Ich habe unglaublich viel gelernt über die zerstörerische Wirkung von Kokain und über den schwierigen Weg, aus einer Abhängigkeit wieder herauszukommen.

Die für mich wohl wichtigste Message aus diesem Buch:

Sucht hat nichts mit Willensschwäche zu tun, Sucht ist eine Krankheit. (S.17)

Sucht ist eine anerkannte Krankheit. Sucht als Willens- oder als Charakterschwäche zu qualifizieren ist nicht nur grundlegend falsch, sondern auch diskriminierend. (S.39)

Oder genauer:

So glauben viele Menschen nach wie vor, Sucht sei ein Zeichen Charakter- oder Willensschwäche. Manchmal wird sogar die Meinung vertreten, die von einer Konsumstörung betroffenen Personen hätten es nicht besser verdient, weil sie ihren Zustand letztendlich sich selbst zuzuschreiben hätten. Diese Annahmen sind grundlegend falsch, denn Substanzkonsumstörungen sind biopsychosozial herleitbare psychiatrische Erkrankungen, die meist chronisch verlaufen und eine hohe Morbidität und Mortalität aufweisen. (S.10)

Spannend fand ich zudem auch das:

Neurobiologisch wird eine ADHS oft mit einem Ungleichgewicht im Dopaminsystem erklärt. [...] Dopamin [ist] ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle spielt bei der Regulation von Aufmerksamkeit, Motivation und Belohnung. Bei Menschen mit einer ADHS ist die Dopaminaktivität im Gehirn eingeschränkt, was unter anderem zu Unaufmerksamkeit und Impulsivität führen kann. Auf Basis dieser Dopmaindefizit-Hypothese haben Menschen mit einer ADHS ein deutlich erhöhtes Abhängigkeitsrisiko, weil sie empfänglich sind für die Wirkung von psychoaktiven Substanzen. [...] Es mag daher nicht erstaunen, dass bei Personen mit einer ADHS eine Kokainabhängigkeit vergleichsweise häufiger auftritt als bei Personen ohne ADHS. In Fachkreisen gilt eine konsequente ADHS-Behandlung bereits ab dem Kindes- und Jugendalter als eine der sinnvollsten Präventionsmassnahmen für Suchterkrankungen. Kinder mit einer ADHS haben ein doppelt so hohes Risiko für eine Kokainabhängigkeit als andere, unter anderem, weil sie unbekümmerter, neugieriger und begeisterungsfähiger unterwegs sind. (S.187)

Mich hinterlässt das Buch fassungslos zurück, es wird bei mir wohl noch lange nachhallen. Ich bin erschüttert über das, was die Autorin und vor allem ihr Sohn durchgemacht haben. Und ich bin unglaublich beeindruckt, dass Marina Jung diese vier Jahre nie aufgegeben hat, ihrem Sohn beizustehen und zu kämpfen für ein Leben ohne Drogen, auch wenn das unvorstellbar kräftezehrend gewesen sein musste - für alle. Grossen Respekt an sie, auch dafür, dass sie ihre ganzen Erfahrungen ungeschönt und absolut transparent in diesem Buch gesammelt hat, um anderen Suchterkrankten und Angehörigen von Suchterkrankten zu helfen.

Klima-Bullshit-Bingo (SPIEGEL-Bestseller)
240 Seiten

Aber [Physik-Nobelpreisträger von 2022, John F. Clauser, Klimaleugner] ist doch schlau, der wird so was doch nicht sagen, wenn es kompletter Unsinn ist! Ja, doch. Leider ist Intelligenz etwas anderes als Unfehlbarkeit und so reden auch überdurchschnittlich intelligente Menschen gern mal ausnehmend törichten Blödsinn, wenn ihr Primatengehirn nur clever genug ausgetrickst wurde. (S.26)

"Klimaschutz bringt gar nichts, wenn die Überbevölkerung nicht gestoppt wird!" --> [...] Wenn wir den Begriff "Nachhaltigkeit" nicht nur als ökologischen Begriff verstehen, sondern auch eine gewisse soziale Nachhaltigkeit anstreben, durch die es allen Menschen auf dem Planeten einigermassen gut geht, setzen wir ganz neue Massstäbe. So was gab es noch nie. Wir sind die ersten Menschen mit der Möglichkeit, so eine Welt zu erschaffen. Ich würde gerne in einer Welt leben, die die planetarischen Grenzen achtet und gleichzeitig allen Menschen ein würdevolles Leben ermöglicht. Ob das nun 8 Milliarden oder 10 Milliarden sind, macht am Ende keinen grossen Unterschied mehr, wenn wir den ökologischen Fussabdruck jedes Menschen auf ein vertretbares Mass senken. (S.68-69)

"Ich trenne doch schon Müll!" --> [...] Palmöl ist in die Kritik geraten, weil es die Nutzpflanze mit der höchsten Zuwachsrate in tropischen Gebieten mit besonders schützenswerten Wäldern ist. Es sind aber meist nur wenige Gramm pro Gericht und der Austausch gegen Kokosöl macht es oft nur schlimmer. Kokosöl benötigt für die gleiche Menge noch mehr Anbaufläche in der gleichen Klimazone, also genau dort, wo auch der Palmölanbau für schlechte Schlagzeilen gesorgt hat. Das meiste Palmöl landet bei uns ohnehin in Diesel-Autos als "Biosprit". (S.116)

"Veggie-Burger sind reine Chemie, ich esse Fleisch für die Umwelt" --> [...] Es ist viel entscheidender, was wir essen, als wo es herkommt oder was gerade Saison hat. Die eventuell enthaltenen Zusatzstoffe haben auf die Umwelt- und Klimabilanz so gut wie keine Auswirkung, denn selbst ein Veggieburger mit chemisch klingenden Inhaltsstoffen aus Übersee verbraucht deutlich weniger Fläche, Energie und Pflanzen als das noch so frische Original aus Rindfleisch. Es gibt ausserdem auch bei der Pflanzensparte Produkte mit viel, wenig oder gar keinen Zusätzen - letztere sind dann halt keine vier Wochen haltbar. Wer aber glaubt, er habe dem Klima geholfen, weil sich die Zutatenliste nur auf die Position "Rindfleisch" beschränkt, irrt. (S. 129)

Jan Hegenberg hat in diesem Buch 25 Klima-„Stammtisch“-Parolen gesammelt (z.B. „Aber heute hat es geschneit“, „Klimaschutz zerstört die Wirtschaft“, „Aber China!“, „Ich trenne doch schon Müll“, „Pflanzt doch einfach mehr Bäume“ etc.) und erklärt mit grossem Fachwissen und in verständlicher und sehr humorvoller Sprache, wieso diese Argumente falsch sind. Das Buch liefert hilfreiche Fakten, die für zukünftige Klimadiskussionen genutzt werden können, wenn einem selbst die Argumente ausgehen.

Sehr nützlich, gut recherchiert und aufschlussreich! Sein Humor wurde mir jedoch teilweise (und vor allem auf Dauer) zu viel und machte es für mir ab der Hälfte des Buches anstrengend zu lesen.

Hässlichkeit
224 Seiten

Selbst die als schön markierten Körper sind nicht unbedingt die signifikanten Profiteure dieser Ökonomie. Eher sind es damals wie heute jene, die die Standards setzen, regulieren, verkaufen. Es sind jene, die profitieren von "den Hässlichen", indem sie die Angst vor und den Spott über Hässlichkeit aufrechterhalten, sodass Menschen alles tun würden, um "dem Hässlichen" nicht zu nahe zu kommen. (S.94)

Wenn "hässlich" bedeutet, alt, krank und ungeliebt zu sein, dann hassen wir nicht wirklich die Hässlichen, sondern fürchten unsere eigene Vergänglichkeit, Zerbrechlichkeit und Einsamkeit. (S. 175)

Hässlichkeit ist ein Instrument gegen jene, die existieren, aber aus denen das System keinen gewünschten Nutzen zu gewinnen glaubt, ausser in ihrer Ablehnung. (S.201)

Die Autorin setzt sich mit diversen Schönheitsidealen und Körperbilder auseinander, die oft auch kolonial und rassistisch geprägt sind, sie setzt sich mit ihrem eigenen Aussehen auseinander, mit dem Altern und Tod. Und sie gibt einen sehr intimen Einblick in ihren Umgang mit ihrem Körper, unter dem sie aufgrund ihrer grossen Nase und starker Körperbehaarung als Kind sehr litt. Manchmal poetisch, manchmal essayistisch, biografisch, mit Bildern und eigenen Zeichnungen angereichert: Ein wichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt.