Bücherregal lädt …
Hundesohn
162 Seiten

I think I'm too tired to fuck tonight, schrieb Matteo. But we can do other stuff. Eine halbe Stunde später klingelte ich an seiner Tür, viertes Obergeschoss, Tür links. Eine WG, aber ausser Matteo war niemand da. Wir haben other stuff gemacht. Filzläuse kriegt man auch durch other stuff. (S.12)

Baba sagt immer, bir lisan, bir insan. Iki lisan, iki insan. Eine Sprache, ein Mensch. Zwei Sprachen, zwei Menschen. Das bedeutet, je mehr Sprachen du sprichst, desto grösser ist deine Welt, desto mehr bist du. Aber nicht alle Menschen sind gleich, auch wenn sie es immer behaupten. Und nicht jeder altert mit der Sprache auf dieselbe Weise. (S.24)

Ich hatte Pari versprochen, nicht auf Social Media herumzuscrollen. Ich hatte versprochen, wirklich weg zu sein. Aber überall lauert die Welt mir auf. (S.195)

Wenn ich deinen Namen auf das Meer schreiben würde, Hassan, würde er bleiben? Und die Tränen, Hassan, würde sich das Salz vermischen mit dem Salz des Wassers? Und würdest du es schmecken, ob es meine Tränen sind auf deiner Zunge oder das Meer, in das wir uns werfen? (S.213)

Zeko wohnt in Berlin und ist fleissig auf Grindr unterwegs. Er trifft sich mit vielen Männern. Aber er denkt immer nur an Hassan, wenn er andere Männer küsst oder mit ihnen schläft. Hassan ist der Nachbarsjunge in Adana, wo sein Grossvater wohnt. Dieser nannte Hassan immer nur den "Hundesohn". Zu Beginn des Buches geht es neun Tagen, bis Zeko Hassan endlich wiedersehen wird. Im Laufe des Romans werden die Tage langsam heruntergezählt. Während dieser Countdown läuft, geht es viel um schwulen Sex, um Sprache (sowohl der deutschen als auch der türkischen, arabischen, französischen), um den Islam (Zeko ist praktizierender Muslim), um Freundschaft, um Rassismus.

Ozan Zakariya Keskinkılıç schreibt wunderschön poetisch und stellt die Sprache auch immer wieder in den Vordergrund, was mir sehr gefiel. Mir fehlte letzten Endes aber doch ein wenig eine fassbarere Handlung.

Fucking fucking schön
176 Seiten

10 verschiedene Geschichten erzählen differenziert über diverse erste Male: den ersten Kuss, das erste Masturbieren, den ersten Kontakt mit einem Porno, die ersten ungewollten Berührungen, den ersten Sex etc.

Die Autorin schafft es, sehr authentisch und auf Augenhöhe der Jugendlichen zu schreiben. Die Geschichten sind packend und lesen sich schnell. Ich hätte mir ein solches Buch gewünscht, als ich selbst ein Teenager war. Das hätte mir sicherlich bei vielen Unsicherheiten geholfen. Es ermutigt, den eigenen Gefühlen zu vertrauen.

Blessings
288 Seiten

How ridiculous, how callous and absurd to expect perfection from a child. He was only eight years old, unaware of what ‘proper’ behaviour entailed. But, as she put out the light in the room, having managed to subdue his tears and put him to sleep, she wished he would be a little more conventional. (S.14)

‚It‘s one thing to love a child, but it’s an entirely different thing for the same child to feel loved. The boy is young. He‘ll get a lot of ‚buts‘ in his lifetime. A home is the last place a child should feel conditionally loved.‘ (S.153)

Eine Coming-of-Age Geschichte über einen homosexuellen Jungen in Nigeria. Nachdem sein Vater ihn in einem innigen Moment mit Vaters Lehrling erwischt, wird er in ein strenges christliches Internat geschickt und der Lehrling verliert seine Stelle.

Das Buch gibt Einblick in das homosexuellenfeindliche Nigeria. Es ist erschütternd und macht traurig und wütend zugleich. Ein mutiges Buch, in einer schönen Sprache.

Gender Queer
240 Seiten

Ich will kein Mädchen sein. Ich will auch kein Junge sein. Ich will nur ich selbst sein. (S.71)

Ein berührender und sehr ansprechend illustrierter Graphic Novel, welcher das Aufwachsen, die Identitiätsfindung, das Coming-Out von Maia Kobabe, Autor*in des Buches, darstellt.

Ich bin mir sicher, dieser Graphic Novel kann vielen jungen Menschen helfen, die auf der Suche nach sich selbst sind und sich in ihrer Rolle, in die sie von der Gesellschaft von Kleinauf reingedrückt werden, verloren und fehl am Platz fühlen.

WIR KOMMEN
224 Seiten

Viele Jahre lang habe ich jeden Monat aufs Neue die erste Periode bekommen, weil ich nach jeder Blutung verdrängt habe, dass mein Körper das kann. (S.16)

Seitdem ich denken kann, wird mein Körper bewertet. Ich habe diese Stimmen verinnerlicht, und ich werde sie nicht los, auch heute nicht. Es schmerzt mich, wie viel Zeit ich damit zugebracht habe und zubringe, darüber nachzudenken, was an meinem Körper alles nicht richtig ist. (S.60)

Eine wenig ältere Kollegin [...] äusserte neulich ihr Unverständnis dafür, dass viele Frauen mit ihrem Aussehen und dem Altern hadern. Die Fixierung auf den eigenen Körper finde sie eindimensional und uninteressant. Als wäre das selbst gewählt, als wäre das etwas, das wir uns im Kapitalismus aussuchen könnten, denke ich, und dass es wenig gibt, was ich mehr verachte als das Beschämtwerden durch eine andere Frau. (S.62-63)

Denn ich feiere zwar die Frauen, die auf Instagram ihre nicht normschönen Körper zeigen, aber ich denke auch immer wieder, wenn ich besipsielsweise einen von Schwangerschaftsstreifen marmorierten Bauchlappen über das Bündchen eines Stringtangas hängen sehe: Hey, ja, cool, ja, das ist irgendwie empowernd, dass du das machst, aber ICH will nicht so aussehen. Und dann sehe ich die Frauen mit den haarigen Beinen und den haarigen Oberlippen und der Cellulitis unter der Radlerhose und denke, hey, ja, cool, ABER ICH WILL NICHT SO AUSSEHEN. Und dann komme ich mir wie ein Arschloch vor, weil ich das denke. Und dann komme ich mir wie ein Loser vor, weil ich es immer noch nicht geschafft habe, diesen ganzen Mist zu überwinden und meinen Körper zu lieben, wie er ist. (S.64-65)

18 Autor*innen schreiben anonym in Form eines Kollektivromans über die Weiblichkeit, über das sexuelle Begehren, die Beziehung zum eigenen Körper, das Altern, aber auch über sexuelle Gewalt und Suizidversuche.

Mit sehr viel Neugier und Interesse habe ich mich durch diesen Roman, diese verschiedenen Kapitel, gelesen. Erschütternd, von wie vielen Autorinnen sexuelle Gewalt thematisiert wurde, von wie vielen Autorinnen die Selbstbeziehung als schwierig dargestellt wurde und welche Kindheitsereignisse zu dieser angeknackten Selbstbeziehung führten. Einerseits tröstlich zu lesen, dass das eigene Erlebte auch das Erlebte vieler anderen Frauen* ist. Aber eben auch erschütternd. Klingt jetzt sehr destruktiv, aber der Roman hält auch sehr viel Lustiges, Anregendes bereit. Nicht alle Kapitel haben mich aber gleichermassen angesprochen, manchmal war es mir auch etwas zu langatmig.