Bücherregal lädt …
Lügen über meine Mutter
399 Seiten

Das Buch erzählt von einem Mädchen, Ela, und ihrem Aufwachsen in den 1980er Jahren. In der Familie herrscht ein Thema über allem: Das Körpergewicht der Mutter. Ihr Vater findet, sie ist zu dick. Und er sagt ihr das täglich. Es geht so weit, dass ihr Vater das Übergewicht der Mutter für alles verantwortlich macht, was er nicht erreicht: eine Beförderung, genügend Anerkennung im Dorf. Als erwachsene Frau blickt Ela zurück und fragt sich, was damals wirklich passiert ist, was verheimlicht wurde, worüber gelogen wurde.

Das Buch hat mich so wütend gemacht, was für ein Ar*** dieser Vater doch ist. Seine Art, wie er mit seiner Frau umgeht, ist unter aller Sau. Er macht sie klein, Tag für Tag, beschimpft sie, lässt sie alle Arbeiten machen. Er macht sie krank und gibt ihr zuletzt auch dafür die Schuld - wie für alles andere, was nicht läuft. Zeitweise konnte ich kaum mehr hinhören, sein Verhalten machte mich richtiggehend agressiv, die Familiensituation zu oft nur schwer erträglich. Die Mutter, die in aller Selbstverständlichkeit ihre kranke Mutter pflegt, Elas Freundin bei sich aufnimmt und für die gesamte Familie sorgt. Ich wünschte ihr, sie hätte sich früher von ihrem Mann emanzipieren können. Das Buch zeichnet ein Bild davon, wie das Patriarchat in den 1980er noch so selbstverständlich gelebt und, so scheint es, gar nicht hinterfragt wurde.

Zwischen zwei Leben
272 Seiten

Sie hatten darüber gesprochen, dass man noch immer nicht wusste, was die Hitzewallungen verursacht, ist das nicht seltsam, stell dir vor, der Mensch war auf dem Mond, und man kann sein Kind auf der anderen Seit der Erdkugel sprechen und dabei sehen, man kann jedoch nicht erklären, woher dieser Hitzeschwall kommt, warum sich die oberflächlichen Blutgefässe weiten, warum das Herz zu pochen beginnt, aber so ist es eben, und ist das natürlich, soll man das einfach ertragen, überlegt Jenny Hill in ihrem Bett. (S. 31-32)

Dornröschen: Ach Jenny, du kleine, widerstandsfähige Frau! Jede Nacht ist eine Zaubernacht, solange der Mensch auf Erden sein darf, aber das bedenkt und begreift niemand. Jeder Tag ist ein Wunder, jeder Atemzug, der Mensch an sich, das Leben! Jeder funkelt wie ein Stern am Himmel der Existenz und ist wichtig, einzigartig, ganz besonders, und verdient deshalb alle Liebe, Anerkennung und Wärme der Welt. [...] Du bist vollkommen, so wie du bist, einzigartig wie eine Schneeflocke, und wie du aus der Höhe zur Erde gleitest, ist ganz allein deine Sache. (S.92-93)

Rotkäppchen: Ich hasse es, dass man aus mir ein warnendes Beispiel gemacht hat. ich hasse es, dass Angstmache ein konventioneller Weg ist, um den äussersten Enden des Binärsystems toxische Cis-Privilegien zu vermitteln. Du musst gehorchen, sonst dringt ein fremder Mann in einem unbekannte Wald in deinen unschuldigen Schlüpfer ein. Sei nicht dumm, sonst wirst du vergewaltigt. (S.185)

Jenni Mäki ist Ende 40. Ihre beiden Kinder sind ausgeflogen. Sie trennt sich von ihrem Mann, bricht aus ihrem unglücklichen Leben aus und fängt mit einem neuen Namen, Jenny Hill, von vorne an. Ihre Therapeutin rät ihr, ihre Gedanken zu verschriftlichen, weil es ihr schwer fällt, über ihr Inneres zu sprechen. Sie beginnt, Briefe an Brigitte Macron zu schreiben (die sie natürlich nicht verschickt).

Begleitet wird Jenny von weiblichen Märchenfiguren, die ich als ihre inneren Stimmen verstand. Sie brechen mit den traditionellen Verhaltensmustern, die den Frauen über Jahrhunderte auferlegt wurden und kommunizieren mit Jenny, sprechen ihr gut zu, oder rügen sie auch.

Ich brauchte etwas Zeit, um in den Roman reinzukommen. Die Kapitel von den Märchenfiguren verwirrten mich zu Beginn stark und ich empfand die Kapitelwechsel als störend, aber schon bald begrüsste ich diese Perspektivenwechsel und ab da gefiel mir die Geschichte sehr. Besonders die Briefe an Brigitte Macron fand ich schön, die Entwicklung, die sich darin bei Jenny abzeichnete, wie sie zu Beginn kaum weiss, was sie schreiben soll und wie es ihr von Brief zu Brief immer leichter fällt, ihre Gedanken festzuhalten. Wie sie der Empfehlung der Theraupeut erst gar nicht traut und eher widerwillig damit beginnt, das Schreiben ihre Therapie aber schliesslich deutlich unterstützt. Ihren Weg zur Emanzipation ist von Kapitel zu Kapitel spürbar. Schön auch, wie das Hadern mit den Wechseljahren thematisiert wurde, gar nicht aber verteufelt wird. Ich mag Minna Rytisalos Sprache. Und ich mochte es sehr, wie auch dieser Roman (wie auch "Lempi") wieder aus drei Ebenen besteht (die Erzählweise von Jenny Hill, die Briefe an Macron, die inneren Stimmen der Märchenfiguren). Auch wenn es für mich zuerst eine Angewöhnung brauchte.