Zwischen zwei Leben
272 Seiten

Sie hatten darüber gesprochen, dass man noch immer nicht wusste, was die Hitzewallungen verursacht, ist das nicht seltsam, stell dir vor, der Mensch war auf dem Mond, und man kann sein Kind auf der anderen Seit der Erdkugel sprechen und dabei sehen, man kann jedoch nicht erklären, woher dieser Hitzeschwall kommt, warum sich die oberflächlichen Blutgefässe weiten, warum das Herz zu pochen beginnt, aber so ist es eben, und ist das natürlich, soll man das einfach ertragen, überlegt Jenny Hill in ihrem Bett. (S. 31-32)

Dornröschen: Ach Jenny, du kleine, widerstandsfähige Frau! Jede Nacht ist eine Zaubernacht, solange der Mensch auf Erden sein darf, aber das bedenkt und begreift niemand. Jeder Tag ist ein Wunder, jeder Atemzug, der Mensch an sich, das Leben! Jeder funkelt wie ein Stern am Himmel der Existenz und ist wichtig, einzigartig, ganz besonders, und verdient deshalb alle Liebe, Anerkennung und Wärme der Welt. [...] Du bist vollkommen, so wie du bist, einzigartig wie eine Schneeflocke, und wie du aus der Höhe zur Erde gleitest, ist ganz allein deine Sache. (S.92-93)

Rotkäppchen: Ich hasse es, dass man aus mir ein warnendes Beispiel gemacht hat. ich hasse es, dass Angstmache ein konventioneller Weg ist, um den äussersten Enden des Binärsystems toxische Cis-Privilegien zu vermitteln. Du musst gehorchen, sonst dringt ein fremder Mann in einem unbekannte Wald in deinen unschuldigen Schlüpfer ein. Sei nicht dumm, sonst wirst du vergewaltigt. (S.185)

Jenni Mäki ist Ende 40. Ihre beiden Kinder sind ausgeflogen. Sie trennt sich von ihrem Mann, bricht aus ihrem unglücklichen Leben aus und fängt mit einem neuen Namen, Jenny Hill, von vorne an. Ihre Therapeutin rät ihr, ihre Gedanken zu verschriftlichen, weil es ihr schwer fällt, über ihr Inneres zu sprechen. Sie beginnt, Briefe an Brigitte Macron zu schreiben (die sie natürlich nicht verschickt).

Begleitet wird Jenny von weiblichen Märchenfiguren, die ich als ihre inneren Stimmen verstand. Sie brechen mit den traditionellen Verhaltensmustern, die den Frauen über Jahrhunderte auferlegt wurden und kommunizieren mit Jenny, sprechen ihr gut zu, oder rügen sie auch.

Ich brauchte etwas Zeit, um in den Roman reinzukommen. Die Kapitel von den Märchenfiguren verwirrten mich zu Beginn stark und ich empfand die Kapitelwechsel als störend, aber schon bald begrüsste ich diese Perspektivenwechsel und ab da gefiel mir die Geschichte sehr. Besonders die Briefe an Brigitte Macron fand ich schön, die Entwicklung, die sich darin bei Jenny abzeichnete, wie sie zu Beginn kaum weiss, was sie schreiben soll und wie es ihr von Brief zu Brief immer leichter fällt, ihre Gedanken festzuhalten. Wie sie der Empfehlung der Theraupeut erst gar nicht traut und eher widerwillig damit beginnt, das Schreiben ihre Therapie aber schliesslich deutlich unterstützt. Ihren Weg zur Emanzipation ist von Kapitel zu Kapitel spürbar. Schön auch, wie das Hadern mit den Wechseljahren thematisiert wurde, gar nicht aber verteufelt wird. Ich mag Minna Rytisalos Sprache. Und ich mochte es sehr, wie auch dieser Roman (wie auch "Lempi") wieder aus drei Ebenen besteht (die Erzählweise von Jenny Hill, die Briefe an Macron, die inneren Stimmen der Märchenfiguren). Auch wenn es für mich zuerst eine Angewöhnung brauchte.

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