Bevor es KI-generierte Romane auf der Basis von Real-Character gab, übernahmen Schriftsteller-Genies das Schreiben von Romanen. Sie brauchten dafür viele Jahre, nicht wenige Sekunden. Ein paar Jahrzehnte lang wurden neben Schriftsteller-Genies auch Schriftstellerinnen geduldet, sie schrieben Texte über Randthemen wie Mutterschaft, Wechseljahre oder patriarchale Gewalt und gewannen damit sogar Literatur(!)preise. Ende der 2020er-Jahre wurde das Schreiben und Lesen von seichter Frauenliteratur verboten. (S.43)
Traumprinz_66 fragt den HappySystemBot: Haben alle Modelle mehrere Lächel-Modi? - Vielen Dank für Ihre interessante Live-Frage! Ja, alle unsere in diesem Liebesroman vorgestellten Modelle verfügen über siebzehn Lächel-Modi wie zum Beispiel: interessiertes Lächeln, verführerisches Lächeln, verschämtes Lächeln, höfliches Lächeln, herzliches oder tiefenentspanntes Lächeln, das im vorigen Kapitel im Rahmen der künstlerischen Freiheit Post-Orgasmus-Lächeln genannt wurde. Ein Lächeln gehört seit jeher zur Grundausstattung einer Frau. Frauen, die nicht auf Knopfdruck lächelten, mussten immer wieder daran erinnert werden. JETZT LÄCHLE DOCH EINMAL. LIEB, WIE DU LÄCHELST. SO GEFÄLLST DU MIR SCHON BESSER. Ab den 2000er-Jahren gab es eine Anti-Lächeln-Bewegung. Eine Frau lächelte nicht mehr automatisch, wenn ihr ein Mann ein Kompliment machte, ihr hinterherpfiff oder unter den Rock griff. Es waren verwirrende und harte Zeiten für Männer, denen das Lächeln einer Frau immer schon viel bedeutete. Die neuen Frauen lächeln wieder auf Knopfdruck, wie es sich für eine Frau gehört. Auf siebzehn verschiedene Arten. (S.168)
WOW, was für ein Leseerlebnis! In diesem Buch steckt so viel drin: Feministische Gesellschaftskritik, düstere Dystopie (im Jahre 2031). Es geht um toxische Männlichkeit, Gaslighting, verschwindende Frauenrechte, Misogynie, künstliche Intelligenz und deren wachsende Entwicklung wie auch grundsätzlich neuen Technologien, wie z.B. Fembots, die reale Frauen ersetzen sollen.
Das Buch ist zudem sehr originell (zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig) geschrieben, als wäre mensch als Leser*in live mit dabei, es gibt Werbeunterbrüche und die Mitleser (bewusst nicht gegendert) stellen dem HappySystemBot zwischendurch Fragen, die sogleich "live" vom Bot beantwortet werden. Es ist bitterböse und zugleich voller (schwarzem) Humor. Das Lachen blieb mir oft fast im Hals stecken, denn so vieles, was die Autorin aufgreift, kommt leider nicht von ungefähr. Ihre Figurenzeichnung ist sehr stark und glaubwürdig. Die männliche Hauptcharaktere machte mich permament wahnsinnig und wütend.
Die Geschichte zog mich richtiggehend in einen Sog und ich konnte das Buch je länger je weniger aus der Hand legen. Die Geschichte hätte auch durchaus ein Yorgos Lanthimos-Drehbuch sein können, ich sehe Emma Stone bereits vor mir. :) Und sie erinnert auch stark an The Handmaids Tale.
Grosse, satirische Unterhaltung, die zum Nachdenken anregt.
There was of course no way of knowing whether you were being watched at any given moment. How often, or on what system, the Thought Police plugged in on any individual wire was guesswork. It was even conceivable that they watched everybody all the time. But at any rate they could plug in your wire whenever they wanted to. You had to live - did live, from habit that became instinct - in the assumption that every sound you made was overheard, and, except in darkness, every movement scrutinized. (S.4)
He was not certain that he would use the razor blade even if he got the chance. It was more natural to exist from moment to moment, accepting another ten minutes' life even with the certainty that there was torture at the end of it. (S.165)
Es ist das Jahr 1984. In der Welt bestimmt ein totalitärer Überwachungsstaat das Leben aller Menschen. Es ist eine Welt, in der "Big Brother" ständig zusieht und die Thought Police auch die privatesten Gedanken überwacht. "War is Peace", "Freedom is Slavery", "Ignorance is Strenght" sind die Slogans der Partei. Die Partei entwickelte eine neue Sprache ("Newspeak"), um durch die reduzierten Anzahl Wörter auch die rebellischen Gedanken zu eliminieren. Winston Smith arbeitet im Ministry of Truth. Seine Aufgabe besteht darin, historische Aufzeichnungen im Sinne der Partei umzuformulieren und die wahre Vergangenheit somit auszulöschen. Trauen kann er keiner Person, Winston lebt in ständiger Angst und Unruhe. Er hinterfragt die Realität, die die Partei vorgibt und verachtet das Regime. Als er sich in Julia verliebt, träumen sie vom Ende der Unterdrückung. Auch sie verachtet das Regime. Ihre Beziehung ist ein Akt der Rebellion. Sie werden verraten und kommen in Haft, wo sie gefoltert und manipuliert werden. Im berüchtigten Raum 101 werden sie mit ihren schlimmsten Ängsten konfrontiert - was dazu führt, dass er letztlich phsysisch und psychisch gebrochen wird.
Endlich habe ich mich dem Klassiker angenommen. Erschreckend, wie die Relevanz dieses Buches bis heute anhält. Besonders das Kapitel über die Newspeak fand ich sehr spannend. Mir gefiel es, dass sich Orwell die Zeit dafür nahm, seiner erfundenen Sprache im Buch so viel Raum zu geben. Das Kapitel, welches Einblick in "The book" gibt, fand ich hingegen etwas langatmig. An gewissen Stellen fragte ich mich, wie realistisch Winstons Handeln war (als Julia ihm den Zettel zusteckt, verfliegt bei ihm jegliches Misstrauen gegen sie, das er vorgängig noch hatte - zum Beispiel). Aber das sind Details. Beeindruckend fand ich, wie brutal sich das Ende liest, ohne dass das Foltern gross detailliert beschrieben wird. Ein Buch, das noch lange nachhallen wird.
He was filled with despair and a desire to hide away, but at the same time was infused with a yearning to survive, to start life anew and experience again every moment of sadness and joy and absurdity. (S. 94)
In einem Land im Nahen Osten herrscht seit den Disgraceful Events eine menschenunwürdige Diktaktur. Die Bevölkerung braucht für jede Kleinigkeit (sei es ein Arztbesuch oder gar Einkäufe) eine Bewilligung. Die Anträge müssen die Menschen beim Tor stellen, die Schlange davor ist gross und wird von Tag zu Tag grösser. Denn: das Tor öffnet nie, um die Anträge entgegenzunehmen. Es vergehen Monate, die Menschen verzweifeln und der Gesundheitszustand einiger verschlechtert sich dramatisch. Die Hoffnung unter ihnen wird aber nicht aufgegeben, dass das Tor nicht doch einmal aufgehen wird.
Ein dystopischer Roman über ein Militärregime, die Unterdrückung einer gesamten Bevölkerung, über Hoffnung und Widerstand. Mir hat das Buch sehr gefallen, es gab aber einige Punkte darin, die ich unglaubwürdig fand (z.B. ein Mensch mit einer Kugel im Becken, der monatelang blutet und nicht stirbt?). Das Ende war mir zudem ein Rätsel, das kann aber auch daran liegen, dass ich es sprachlich nicht verstand. Ich müsste die letzten Seiten vielleicht nochmals in der deutschen Übersetzung lesen.
"Waffen sind ein Teufelszeug. Erleichtern aber die Umsetzung des im Menschen verankerten Bedürfnisses, andere Menschen zu entfernen." (S.49)
"Das Erwachsensein. Das sich in der Vorstellung besser angefühlt hat. Sie sind davon ausgegangen, dass sie alle auf einmal wüssten, was zu tun wäre. Was absurd ist, denn auch Erwachsene sind meist nur gewachsene Kinder, die meinen, wenn sie sich unbeholfen in beige Kleidung hüllen und mit Kristallgläsern zuprosten und Wein im Mund rollen, komme so ein Erwachsenenwissen über sie." (S.255)
"Den Armen steht die Freiheit theoretisch zu, sie haben einfach nur zu wenig Geld, um sie auszuleben, die Freiheit. " (S.415)
Eine dystopische Welt mit Totalüberwachung, einer weiter zugespitzten Klimakrise, gefährlicher Armut. Vier Jugendliche, die sich zusammentun, in London versuchen, ausserhalb des Systems zu überleben und ihre Revolution starten, gegen alle, die ihnen jemals Leid angetan haben.
Brutal, hart, düster, sarkastisch. Ein starkes Buch, aber auch lang (zeitweise gar langatmig) und anstrengend in seiner Sprache.
"Das ungezeugte Kind lag zwischen ihnen, wenn sie schliefen, es brüllte in der Nacht und riss ihn aus seinen Träumen. Es verhedderte sich in seinen Gedankenfäden und verdorrte ihm die Zunge." (S.25)
Wir befinden uns in der Zukunft, der Klimawandel schon weit fortgeschritten, ein Paar auf einem Luxus-Kreuzfahrtschiff in der Arktis auf dem Weg nach Tokyo. Erst ein Streit des Paares, dann das Verschwinden der Frau und damit beginnt die Welt des Protagonisten auch immer mehr zu bröckeln. Wie in einem Computerspiel, welches er immer wieder spielt, scheinen auch in seinem Leben Glitches aufzutauchen. Er verwahrlost immer mehr auf diesem Schiff, seine Spuren scheinen langsam zu verwischen, er scheint zu entgleiten, die Crew behandelt ihn wie einen Hochstapler, einen blinden Passagier. Nebenher plötzlich das Auftauchen einer sektiererischen Gruppe.
Hat das Buch für mich sehr spannend und vielversprechend begonnen, verlor ich spätestens ab der ersten Erwähnung dieser Sektengruppe zunehmend das Interesse. Zu vollgepackt, zu wirr. Nebenher störten mich auch die vielen Fehler, das mangelhafte Lektorat.
"Die Decke dämpft Körperschichten,
Da liegen Baumwolle
über Daunenfedern
über Baumwolle
über nackter Haut.
Darunter die Seele im Schlummer." (S.180)
Eine Familiengeschichte über drei Generationen. Die Geschichte erzählt, wie die Frauen dieser Familie die Herausforderungen der dystopischen Verhältnisse ihres Alltags (Bürgerkrieg, Unruhen) angehen bzw. überstehen.
Das Buch zeigt ein sehr ungewöhnliches "Schriftbild" für einen Roman, die Sprache ist äusserst poetisch. Ich fand sie zu Beginn gewöhnungsbedürftig, fand mich dann aber doch relativ schnell zurecht in diesen speziellen Rhythmus. Auf die Länge überzeugte mich ihr Stil aber trotzdem nicht, er lenkte mich zu fest von der Geschichte ab.
"As all historians know, the past is a great darkness, and filled with echoes voices may reach us from it; but what they say to us is imbuel with the obscurity of the matrix out of which they come; and, try as we may, we cannot always decipher them precisely in the clearer light of our own day."
Grossartiges Buch. Die Serie mochte ich aber noch etwas mehr.
Wie auch schon die Känguru-Chroniken (etc.), hat mich nun auch QualityLand super begeistert. Die Dystopie, die hier gezeichnet wird, scheint gar nicht mehr so weit weg von unserer aktuellen Realität zu sein, umso beängstigender wirkte sie demnach auf mich. Die Figuren sind grandios, das Buch gefüllt mit kleinen, feinen Details, die, angelehnt an das Heute, super herausgearbeitet und ummodelliert sind für eine skurille Zukunftsvision. Doch ist das alles wirklich skurill? Die Geschichte erinnerte mich immer wieder stark an einzelne Black Mirror-Folgen sowie an 1984 von George Orwell.
Eine herrliche Satire und grossartige Gesellschaftskritik, die nachdenklich macht, aber gleichzeitig wahnsinnig lustig ist. Besonders als Hörbuch. Marc-Uwe Klings Bücher sollten meiner Meinung nach sowieso immer gehört werden, sein Sprechen ist das i-Tüpfelchen und macht einfach nur Spass. Gegen Ende gab es teilweise Stellen, denen ich nicht mehr so aufmerksam folgen konnte, da verlor mich der Autor hin und wieder ein bisschen. Nichtsdestotrotz: ein grossartiges Buch!