Bücherregal lädt …
Solange ein Streichholz brennt
358 Seiten

Bohm ist 35 seit Jahren auf der Strasse. Alles, was er besitzt, passt in einen alten Rucksack: ein paar selbst geschnitzte Holzmäuse und ein Brief, den er sich weigert zu öffnen.

Alina arbeitet als Journalistin bei einem Kölner Fernsehsender, der Stellen abbaut. Die Angst, als Nächste gehen zu müssen, treibt sie um. Eine Reportage über Obdachlose scheint ihre letzte Chance auf eine Karriere vor der Kamera zu sein und sie lässt sich auf eine Zusammenarbeit mit einem zwielichtigen Star-Journalisten ein.

Als Alina auf Bohm trifft, stösst sie zunächst auf Widerstand. Er will nicht darüber reden, was ihn aus dem Leben geworfen hat. Erst als ein kleiner Hund auftaucht, ändert sich für Bohm alles.

Mir hat das Buch gut gefallen. Es liest sich einfach und flott, auch wenn die Liebesgeschichte mit ihrer „Liebe überwindet alle Grenzen“-Formel an einen Sonntagabendfilm erinnert. Aber fünf Sterne weil es eine Geschichte ist, die man gut allen zum Lesen geben kann.

Odysseus
272 Seiten

Mein Bild vom Helden Odysseus war von den alten Hollywood-Filmen geprägt. Nach der Lektüre ist davon nichts mehr übrig geblieben: «Lügen, Täuschen und Betrügen sind die Waffen des kleinen Mannes, und kleine Männer waren die homerischen Helden […]: oft nicht mehr als unzivilisierte Raufbolde.» Odysseus erweist sich dabei als ihr grösster Vertreter.

Zugwind
301 Seiten

Iryna Fingerovas Protagonistin ist Mira Zehmann, eine junge ukrainische Ärztin, die noch vor der russischen Invasion nach Deutschland kam. Die ukrainischen und russischen „Landsleute" stehen Schlange bei ihr und möchten behandelt werden. Die unterschiedlichsten Verletzungen und Krankheiten sind da zu versorgen, der Krieg hinterlässt seine Spuren bei Körper, Seele und Geist. Und manchmal greift Mira auch zu unkonventionellen Mitteln.

Neben all dem Leid fragt sich Mira, wie sie ein normales Leben führen kann und ob sie das überhaupt darf. Denn neben ihrem Beruf als Ärztin sind da auch noch ihr Mann und ihre Tochter. Zudem schlägt ihr Herz für die Literatur. So schwankt sie hin und her zwischen der Angst und Hilflosigkeit angesichts des Krieges, der Fremdenfeindlichkeit und dem Rassismus, wovon sie als Jüdin doppelt betroffen ist, einerseits und trotz allem dem Wunsch nach Liebe, Freude und Leben andererseits. Und gerade die Reise nach Odesa, in ihre Heimatstadt, wo ständig mit Bomben zu rechnen ist, öffnet ihr die Augen.

Ein Roman, dem auch eine Prise Humor nicht abgeht. Man spürt, dass viel von Iryna Fingerova, die selbst als Ärztin in Deutschland lebt, in der Figur Mira Zehmann steckt. Das gibt dem Buch eine hohe Glaubwürdigkeit.

Im ersten Licht

Der Protagonist dieses Romans heisst Adrian Reiter. Er wird 1901 in die österreichische Monarchie hineingeboren. Sein Vater, ein bekennender Sozialist, zertrümmert ihm kurz vor dem 1. Weltkrieg mit einer Axt sein Bein, so dass er dienstuntauglich ist. So erleben wir die Geschichte Österreichs, beginnend mit den beiden Weltkriegen bis in die 80er Jahre aus den Augen eines „Verschonten“, der nicht im Krieg stirbt. Die Geschichte zeigt aber auf, dass im Krieg nicht nur auf dem Feld Menschen sterben und verstümmelt werden, auch die Heimkehrer und die Daheimgebliebenen und die ganze Gesellschaft sind Geschädigte. Gstrein zeigt den Krieg in seinem ganzen Schrecken, und vor allem im Bild des Österreichischen Kaisers mit seiner Kavallerie auch in seiner Absurdität. Ein eindrücklicher und sehr lesenswerter Roman, wenn auch düster und wenig aufmunternd.

In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied
224 Seiten

Mit diesem Roman erzählt Usama Al Shahmani erstmals eine Geschichte, die nicht unmittelbar autobiografisch geprägt wirkt. Im Zentrum steht Gadi, in Israel aufgewachsen und heute in der Schweiz lebend. Er wird an das Sterbebett seines Vaters Zakai gerufen, zu dem seit der Kindheit kein Kontakt mehr besteht. Zakai hatte die Familie verlassen, Gadi hat ihm das nie verziehen. Widerwillig reist er nach Jerusalem, doch der Vater stirbt kurz nach seiner Ankunft, eine Aussprache ist nicht mehr möglich.

Im Testament verfügt Zakai, seine Asche solle im Tigris in Bagdad verstreut werden. Für Gadi ist dieser Wunsch zunächst rätselhaft. Zugleich hinterlässt der Vater Tagebücher, aus denen sich die Familiengeschichte erschliesst, und die Erklärung dafür, weshalb Bagdad und der Tigris in Zakaïs Leben eine solche Rolle spielen.

Gadis Grosseltern lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bagdad, wo eine grosse jüdische Gemeinde ansässig war. Der Roman zeichnet ein Bild des Alltags in einer vielfältigen Stadt, in der Jüdinnen und Juden lange Zeit sichtbar zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben gehörten. In den späten 1930er Jahren nahm jedoch der politische Druck zu: Nationalistische Strömungen und antijüdische Stimmung wurden stärker. Im Zweiten Weltkrieg spitzte sich die Situation weiter zu. 1941 kam es zum Farhud, einem Pogrom in Bagdad am 1. und 2. Juni: Es gab Tote und Verletzte, zudem kam es zu Plünderungen, ein Einschnitt, der das Sicherheitsgefühl der jüdischen Bevölkerung nachhaltig zerstörte. Auch die Geschichte von Gadis Mutter wird verknüpft mit der europäischen Katastrophe jener Jahre, sie flieht aus Wien vor den Nationalsozialisten.

Gadi macht sich schliesslich zusammen mit seinem Freund Nedim, der Araber ist und aus dem Irak stammt, auf den Weg nach Bagdad, um den letzten Wunsch des Vaters zu erfüllen. In der Stadt begegnet er Nedims Verwandten, und es zeigt sich, dass Nedims Tante Jüdin ist, ein Familienwissen, das verborgen blieb. Mit Nedim streift Gadi durch Bagdad und sucht nach Spuren einer einst florierenden jüdischen Gemeinschaft, die heute fast nur noch in Erinnerungen, Gebäuden und Erzählungen greifbar ist.

Al Shahmani hat mit In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied ein wichtiges Buch über ein Thema geschrieben, das hierzulande wenig präsent ist. Die Sprache bleibt, wie man es von ihm kennt, poetisch und präzise. Ob die Rückblenden über Tagebucheinträge als Stilmittel überzeugen, ist Geschmackssache: Eigentlich sollen sie Nähe herstellen, stellenweise wirken sie jedoch eher wie sachbuchartige Passagen.

Trotz dieser Einschränkung ist es ein sehr lesenswertes Buch. Und am Schluss bleibt tatsächlich Neugier: Man möchte weiterverfolgen, wie es mit Nedim, Gadis Schwester und den Verwandten in Bagdad weitergeht.