Mit diesem Roman erzählt Usama Al Shahmani erstmals eine Geschichte, die nicht unmittelbar autobiografisch geprägt wirkt. Im Zentrum steht Gadi, in Israel aufgewachsen und heute in der Schweiz lebend. Er wird an das Sterbebett seines Vaters Zakai gerufen, zu dem seit der Kindheit kein Kontakt mehr besteht. Zakai hatte die Familie verlassen, Gadi hat ihm das nie verziehen. Widerwillig reist er nach Jerusalem, doch der Vater stirbt kurz nach seiner Ankunft, eine Aussprache ist nicht mehr möglich.
Im Testament verfügt Zakai, seine Asche solle im Tigris in Bagdad verstreut werden. Für Gadi ist dieser Wunsch zunächst rätselhaft. Zugleich hinterlässt der Vater Tagebücher, aus denen sich die Familiengeschichte erschliesst, und die Erklärung dafür, weshalb Bagdad und der Tigris in Zakaïs Leben eine solche Rolle spielen.
Gadis Grosseltern lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bagdad, wo eine grosse jüdische Gemeinde ansässig war. Der Roman zeichnet ein Bild des Alltags in einer vielfältigen Stadt, in der Jüdinnen und Juden lange Zeit sichtbar zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben gehörten. In den späten 1930er Jahren nahm jedoch der politische Druck zu: Nationalistische Strömungen und antijüdische Stimmung wurden stärker. Im Zweiten Weltkrieg spitzte sich die Situation weiter zu. 1941 kam es zum Farhud, einem Pogrom in Bagdad am 1. und 2. Juni: Es gab Tote und Verletzte, zudem kam es zu Plünderungen, ein Einschnitt, der das Sicherheitsgefühl der jüdischen Bevölkerung nachhaltig zerstörte. Auch die Geschichte von Gadis Mutter wird verknüpft mit der europäischen Katastrophe jener Jahre, sie flieht aus Wien vor den Nationalsozialisten.
Gadi macht sich schliesslich zusammen mit seinem Freund Nedim, der Araber ist und aus dem Irak stammt, auf den Weg nach Bagdad, um den letzten Wunsch des Vaters zu erfüllen. In der Stadt begegnet er Nedims Verwandten, und es zeigt sich, dass Nedims Tante Jüdin ist, ein Familienwissen, das verborgen blieb. Mit Nedim streift Gadi durch Bagdad und sucht nach Spuren einer einst florierenden jüdischen Gemeinschaft, die heute fast nur noch in Erinnerungen, Gebäuden und Erzählungen greifbar ist.
Al Shahmani hat mit In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied ein wichtiges Buch über ein Thema geschrieben, das hierzulande wenig präsent ist. Die Sprache bleibt, wie man es von ihm kennt, poetisch und präzise. Ob die Rückblenden über Tagebucheinträge als Stilmittel überzeugen, ist Geschmackssache: Eigentlich sollen sie Nähe herstellen, stellenweise wirken sie jedoch eher wie sachbuchartige Passagen.
Trotz dieser Einschränkung ist es ein sehr lesenswertes Buch. Und am Schluss bleibt tatsächlich Neugier: Man möchte weiterverfolgen, wie es mit Nedim, Gadis Schwester und den Verwandten in Bagdad weitergeht.
Das Buch „Rassismus im Rückspiegel“ der bekannten Radio- und Fernsehjournalistin Angélique Beldner berichtet in einer Rückblende, wie sie persönlich Rassismus in der Schweiz erlebt hat. Als Schwarze Frau,der Vater stammt aus der Côte d’Ivoire, die Mutter aus dem Berner Oberland, wo sie selbst auch aufgewachsen ist, schildert sie ihre Erfahrungen aus einer sehr persönlichen Perspektive und nimmt mich als Leserin oder Leser mit auf eine Reise von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart.
Angélique Beldner reflektiert dabei sorgfältig ihre eigene Situation. Einerseits ist sie in einem behüteten und privilegierten Umfeld aufgewachsen, andererseits musste sie immer wieder mit Situationen umgehen, in denen sie offenem, aber vor allem auch strukturellem Rassismus begegnete.
Das Buch eignet sich besonders gut für Personen, die sich bisher noch nicht eingehend mit dem Thema beschäftigt haben. Beldner erklärt präzise und in feiner Sprache, warum niemand von uns gegen Rassismus gefeit ist, was Begriffe wie Fremdenfeindlichkeit und Rassismus bedeuten und weshalb bestimmte Bezeichnungen angebracht sind – oder eben besser nicht. Ein Anhang mit zusätzlichen Erklärungen ergänzt das Buch sinnvoll.
Auch wenn die Lektüre betroffen macht, versucht Beldner, die Entwicklungen positiv zu betrachten. Vor allem im Rückspiegel zeigt sich, dass sich vieles verbessert hat. Wenn wir dranbleiben und mutig sind, können wir zuversichtlich in die Zukunft blicken.
Ich war gespannt auf das Buch. Die Erwartungen an ein Werk, das so hochgelobt wurde, waren naturgemäss sehr hoch, und entsprechend ist die Gefahr einer Enttäuschung gross. Gefallen hat mir die bildreiche Sprache, die gut zur Geschichte passt und beim Lesen Freude macht. Doch schwieriger war für mich der Anspruch dieses Romans: Er möchte die Geschichte Ungarns vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts darstellen.Dieser Versuch gelingt meines Erachtens nicht völlig.
Zu schnell reihen sich die Episoden aneinander, sie erscheinen eher als lose Folge von Szenen denn als dichtes Gesellschaftspanorama. Eigentlich hätte man bei einer solchen Geschichte abtauchen müssen in eine andere Zeit, in eine andere Welt. Das ist mir nicht gelungen. Ich habe das Gefühl, dass vieles an der Oberfläche geblieben ist. Wer also wie ich eine umfassende, tief durchdrungene historische Erzählung erwartet, könnte - so wie ich - etwas enttäuscht sein.
Rabenthron von Rebecca Gablé entführt die Lesenden in das England des Jahres 1013, eine Zeit des Umbruchs, in der Wikingerüberfälle, Machtkämpfe und politische Unsicherheit das Land prägen. König Æthelred II. („der Unberatene“) ist zu schwach, um sein Reich zu schützen. In dieser gefährlichen Zeit begegnen sich der junge Engländer Ælfric of Helmsby und der dänische Gefangene Hakon. Aus ihrer ungewöhnlichen Freundschaft entsteht eine Geschichte von Loyalität, Verrat und Hoffnung, die sie in den Einflussbereich der machtbewussten Königin Emma von der Normandie führt.
Die Autorin verknüpft persönliche Schicksale mit grossen historischen Ereignissen. England steht zwischen Angelsachsen, Dänen und Normannen, und Emma wird zur Schlüsselfigur dieser Übergangszeit: zweimal Königin von England, Mutter zweier Könige und eine Frau, die in einer von Männern dominierten Welt politischen Einfluss gewinnt.
Wie stets überzeugt Rebecca Gablé durch gründliche Recherche und atmosphärische Dichte. Man erfährt viel über die Geschichte Englands im 11. Jahrhundert; insgesamt bleiben die Figuren jedoch recht schematisch, und es ist meist klar, wer die Guten und wer die Bösen sind. Grosser Pluspunkt: Der wunderschön gestaltete farbige Buchschnitt, mit dem man im Zug lesend die Menschen rundherum beeindrucken kann.
Charlotte tritt die Stelle als Assistentin bei dem angesehenen Verleger Ugo Maise an. Schnell zeigt sich: Er überschreitet Grenzen, kontrolliert sie und stellt übergriffige Anforderungen. Zunächst erfüllt Charlotte fast alles, erst am Schluss findet sie ihren eigenen Weg. Das Thema ist aktuell: Wo verlaufen die Grenzen zwischen Arbeits- und Privatleben? Wie viel bin ich bereit zu geben für Karriere und Anerkennung. Wo bleiben meine eigenen Träume? Typisch für einen Coming-of-Age-Roman. Dazu passt die Erzählweise: Die auktoriale Erzählerin unterbricht immer wieder den Fluss der Geschichte, schaut in die Zukunft, kommentiert, und kehrt dann mit einem „Zurück zur Geschichte“ wieder zum Geschehen zurück. Dadurch entsteht eine gewisse ironische Distanz und gleichzeitig Vertrautheit. Das Buch liest sich leicht, die Sprache ist nah an der Alltagssprache. Das macht es leicht zugänglich, aber für mich bleibt die Geschichte an der Oberfläche. Die Nebenfiguren, der Vater, die Mutter, der Freund, bleiben skizzenhaft. Insgesamt bleibt der Eindruck eines locker geschriebenen, leicht lesbaren Romans, der aktuelle Themen aufgreift, aber nicht in die Tiefe geht.
Ich habe das Buch mit hohen Erwartungen gelesen – wohl zu hohen. Der Beginn ist vielversprechend, mit spannenden Figuren. Doch diese entwickeln sich kaum weiter, die Handlung bietet wenig Überraschendes und nichts wirklich Neues. Die Verstrickungen der Schweiz im Zweiten Weltkrieg sind bekannt, auch wenn es sicher wichtig ist, sie immer wieder zu erzählen. Insgesamt hat mich das Buch jedoch wenig begeistert. Auch sprachlich konnte es mich nicht überzeugen: Die Sprache wirkt zu sehr aufgesetzt. Nach der Lektüre von Dorothee Elmigers Werk habe ich die Klarheit vermisst.
Eine anspruchsvolle, aber lohnende Lektüre. Macht Lust darauf, Joseph Conrads Herz der Finsternis (nochmals) zu lesen. Kommt zur Liste meiner Lieblingsbücher.
Ich fand das Buch ausgesprochen spannend: eine gelungene Mischung aus Science-Fiction, Thriller, historischem Roman und Liebesgeschichte, durchsetzt mit vielen witzigen Momenten. Der Stil ist flott und mitreissend, sodass man schnell in die Handlung hineingezogen wird. Besonders reizvoll sind die Bezüge zu aktuellen Themen wie Umweltschutz oder Migration. Interessant ist auch die Frage, was den Zeitreisenden aus dem 19. Jahrhundert mit der Ich-Erzählerin, die kambodschanische Wurzeln hat, verbindet. Sie sind ja beide Migranten. Und wie so oft bei Geschichten mit Zeitreisen stellt sich am Schluss die Frage, ob die innere Logik aufgeht – also ob Eingriffe in die Vergangenheit und ihre Auswirkungen auf Gegenwart und Zukunft nachvollziehbar bleiben. Für mich funktioniert das hier sehr gut.
Fulminant erzählt und gut geschrieben. Lässt sich in einem Zug lesen. Aber auch etwas verstörend.