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In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied
224 Seiten

Mit diesem Roman erzählt Usama Al Shahmani erstmals eine Geschichte, die nicht unmittelbar autobiografisch geprägt wirkt. Im Zentrum steht Gadi, in Israel aufgewachsen und heute in der Schweiz lebend. Er wird an das Sterbebett seines Vaters Zakai gerufen, zu dem seit der Kindheit kein Kontakt mehr besteht. Zakai hatte die Familie verlassen, Gadi hat ihm das nie verziehen. Widerwillig reist er nach Jerusalem, doch der Vater stirbt kurz nach seiner Ankunft, eine Aussprache ist nicht mehr möglich.

Im Testament verfügt Zakai, seine Asche solle im Tigris in Bagdad verstreut werden. Für Gadi ist dieser Wunsch zunächst rätselhaft. Zugleich hinterlässt der Vater Tagebücher, aus denen sich die Familiengeschichte erschliesst, und die Erklärung dafür, weshalb Bagdad und der Tigris in Zakaïs Leben eine solche Rolle spielen.

Gadis Grosseltern lebten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Bagdad, wo eine grosse jüdische Gemeinde ansässig war. Der Roman zeichnet ein Bild des Alltags in einer vielfältigen Stadt, in der Jüdinnen und Juden lange Zeit sichtbar zum gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben gehörten. In den späten 1930er Jahren nahm jedoch der politische Druck zu: Nationalistische Strömungen und antijüdische Stimmung wurden stärker. Im Zweiten Weltkrieg spitzte sich die Situation weiter zu. 1941 kam es zum Farhud, einem Pogrom in Bagdad am 1. und 2. Juni: Es gab Tote und Verletzte, zudem kam es zu Plünderungen, ein Einschnitt, der das Sicherheitsgefühl der jüdischen Bevölkerung nachhaltig zerstörte. Auch die Geschichte von Gadis Mutter wird verknüpft mit der europäischen Katastrophe jener Jahre, sie flieht aus Wien vor den Nationalsozialisten.

Gadi macht sich schliesslich zusammen mit seinem Freund Nedim, der Araber ist und aus dem Irak stammt, auf den Weg nach Bagdad, um den letzten Wunsch des Vaters zu erfüllen. In der Stadt begegnet er Nedims Verwandten, und es zeigt sich, dass Nedims Tante Jüdin ist, ein Familienwissen, das verborgen blieb. Mit Nedim streift Gadi durch Bagdad und sucht nach Spuren einer einst florierenden jüdischen Gemeinschaft, die heute fast nur noch in Erinnerungen, Gebäuden und Erzählungen greifbar ist.

Al Shahmani hat mit In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied ein wichtiges Buch über ein Thema geschrieben, das hierzulande wenig präsent ist. Die Sprache bleibt, wie man es von ihm kennt, poetisch und präzise. Ob die Rückblenden über Tagebucheinträge als Stilmittel überzeugen, ist Geschmackssache: Eigentlich sollen sie Nähe herstellen, stellenweise wirken sie jedoch eher wie sachbuchartige Passagen.

Trotz dieser Einschränkung ist es ein sehr lesenswertes Buch. Und am Schluss bleibt tatsächlich Neugier: Man möchte weiterverfolgen, wie es mit Nedim, Gadis Schwester und den Verwandten in Bagdad weitergeht.