(Ich traue mich gar nicht hier meinen üblichen Witzesenf dazuzugeben, weil ich die Autorin höchstpersönlich kenne und das dem Buchthema nicht gerecht werden würde und ganz und gar unpassend ist... Aber ich bin hier ja auch quasi undercover und mit Decknamen unterwegs... Vielleicht schreibe ich später was seriöses! Ich habs auf jeden Fall innerhalb von 24 h gelesen, soviel sei gesagt! Da haben sich mein Jahresende-und-das-Leseziel-ist-nicht-erreicht-Ehrgeiz mit der Buchqualität zu Turbogeschwindigkeit exponentiell gesteigert/vermengt! ach jetzt ist es doch quatschig:()
Voll spannend und informativ!
Ich muss zugeben, dass ich trotz Claras Empfehlung lange nicht richtig in das Buch reingekommen bin und ein paar Monate festhing. Jetzt, wo sich das Jahr zu Ende neigt, aber mein Leseziel noch nicht, habe ich es wieder in die Hand genommen und gemerkt, dass es offenbar doch so gut ist, dass man die letzten 200 Seiten am Stück lesen kann. Es war nicht komplett mein Buch, aber das Ende ist perfekt.
„Vielleicht suche ich mir einen Job. Damit ich nicht die ganze Zeit an dich denke, weißt du?“ „Ich will aber, dass du an mich denkst.“
Ich glaub, ich muss mich erstmal ein bisschen hinlegen.
Eigentlich wollte ich nur ein anderes Buch aus dem Buchladen abholen, aber mir fiel dieses hier Dank des roten Umschlags und guten Klappentexts ins Auge. An der Kasse sagt mir die Buchhändlerin, dass sie die Theaterfassung im Berliner Ensemble gesehen hätte. Eigentlich wäre sie misstrauisch gewesen, weil es von einer jungen Frau aus dem Westen geschrieben wurde. Im Theater hätte sie es dann aber realistisch und bedrückend gefunden. „Ja, so hat sich das damals angefühlt.“
Wenn ich ein Deutschlehrer wäre, würde es sich vermutlich wie ein Sechser im Lotto anfühlen, dieses Buch in die Finger zu bekommen. Es ist so gut geschrieben, manchmal konnte ich es gar nicht glauben oder weglegen. Es gibt so viele Absätze, mit denen sich problemlos eine Doppelstunde füllen ließe.
Rita wollte als Sekretärin arbeiten. Mit eigenem Tisch und eigenen Stempeln. Bestimmt, weil man mit Stempeln alles verbieten kann.
Oder:
Mutters Brief lag auf dem Kopfkissen. Daneben eine rote Rose, sicher einfach von der Hecke geknipst. Beim Berühren fiel gleich ein Blatt aus der Blüte, rutschte zur Seite und landete auf dem Laken. Überhaupt sehr still im Zimmer.
Aber irgendwie auch okay, kein Deutschlehrer zu sein, denn so habe ich den großartigen Text ganz für mich alleine. Wie wichtig hier alles war, was nicht gesagt wurde, und wie respektvoll es sich für mich als Leser anfühlte, dass mir diese ganzen Auslassungen zugetraut wurden, war so wunderbar.
Vielleicht muss ich jetzt auch ins Berliner Ensemble.
Ich habe die ersten paar Kapitel gehört, aber dann abgebrochen. Die Kolumnen waren mir zu gewollt lustig und zu vorhersehbar. Der Trick, sich immer über das lustig zu machen, was normale Leute machen und niemandem schadet, hätte mir als Teenager bestimmt besser gefallen (Wanderstöcke, was für ein amüsantes Thema!), aber jetzt fand ich es zu unmotiviert.
Giulia finde ich trotzdem gut und ihren Podcast Drinnies höre ich sehr gerne, aber dieses Buch schafft es nicht auf das gleiche Level.
Außerdem hatte ich bereits die Folgen Drinnies gehört, in denen Giulia erklärt hatte, wie sie unbedingt noch das Buch vollkriegen musste. Vielleicht bekam ich dadurch das Gefühl, genau das aus dem Schreibstil herauslesen zu können, mehrere ähnliche Sätze das gleiche erklären oder es von Auflistungen nur so wimmelt.
„Knots and Crosses“ ist das erste Buch mit Inspector John Rebus und spielt die ganze Zeit relativ offensichtlich mit einer „Jekyll und Hyde“-Situation. Die war zum Erscheinungstermin wahrscheinlich noch spannender, denn inzwischen sind schon 24 weitere Rebus-Bücher erschienen und darum kam in mir nie ganz das Gefühl auf, dass er im ersten Buch ein Serienmörder ist. (Aber was für ein Plot Twist das gewesen wäre, wenn doch!)
An sich fand ich es ganz gut, auch wenn man manchmal merkt, dass es von einem jungen Mann geschrieben wurde, der vielleicht etwas zu stark beweisen wollte, wie schlau er ist. (Das sagt Ian Rankin aber auch in seinem viele Jahre später geschriebenen Vorwort.)
Ich muss sagen, dass ich bei weitem nicht so begeistert war, wie die Leute, die auf Bookbeat Kommentare hinterlassen haben. Dort wurde das Buch als "extrem wichtig" bezeichnet – ich persönlich fand, vieles von dem, was angesprochen wurde, sehr allgemein und oberflächlich. Aber Tara bezeichnet sich selbst ja auch als "Einstiegsfeministin", vielleicht ist es also in Ordnung? Die geschichtlichen Beispiele fand ich teilweise gelungen (Giulia Tofana zum Beispiel), teils weniger (große Stücke über die Hexenverfolgung). Ich verstehe nicht genau, warum sie so betont, dass "Hexenjagd" heutzutage vollkommen falsch verwendet wird, weil das von den Frauen damals erlebte Leid unmöglich nachzuvollziehen ist, aber dann auch immer wieder betont, Frauen heute sind die Hexen von Algorithmen und Pilates? Allgemein finde ich, dass Tara sich oft selbst widersprochen hat, was in meinen Augen dazu beiträgt, dass sie sich selbst untergräbt. Das Buch befasst sich mit Wut und ihre eigene Lesung bringt diesen wütenden Ton auch rüber, aber deswegen wirkt es ein bisschen wie ein unstrukturierter Rant. Als ich während des Hörens erfuhr, dass sie außerdem Literaturwissenschaft studiert hat, war ich schockiert. Die literaturwissenschaftlichen Abschnitte, die sie Analysen nennt, haben damit kaum was gemeinsam und sind oft von falschen Annahmen geprägt. (Warum ist Athene ein pick me-girl, wenn sie Orest unterstützt, obwohl sie doch nur eine Figur in einem von einem Mann geschriebenen Theaterstück ist, das ja auch Gedankengut reproduziert? Warum ist es schockierend, dass am Ende einer griechischen Tragödie die Götter gewinnen?). Auch bei der 'Analyse' von The Substance ist mir klargeworden: Medien werden mit dem echten Leben gleichgesetzt und The Substance handelt vor allem von Demi Moores eigenem Umgang mit der Preisverleihung hinterher. Oder so.
Am Anfang haben mich sehr viele Dinge sehr aufgeregt, gegen Ende – die letzten 20% vielleicht – weniger, aber das liegt ja hoffentlich nicht daran, dass ich so lange gebraucht habe, mich an Taras Stil zu gewöhnen. Ich weiß nicht. Von einem Buch, das mir eine 3000-jährige Geschichtsreise versprochen hat, habe ich mir eigentlich... mehr Geschichte erwähnt und weniger Auflistungen von sexistischen Mikroaggressionen. Außerdem hätte ich mir eine sehr viel intersektionalere Herangehensweise gewünscht, die kam mir hier vor allem wie ein Afterthought vor. Man kann es wichtig finden, aber ein wirklich geschichtlicher Einblick ist es nicht, und bahnbrechend wohl genauso wenig.
Finde das ist richtige Schreibkunst, die Erzählstränge aus unterschiedlichen Epochen und verschiedenen Perspektiven so kunstvoll zusammenzubringen dass man trotzdem nicht den Überblick über die Figuren verliert, nicht permanent genervt von unnötigen Cliffhangern ist und es trotzdem so spannend ist, dass man es nicht weglegen kann. Ein top Buch für mich