The Facemaker
221 Seiten

Ein sehr informatives Buch über den Chirurgen, der während des Ersten Weltkriegs das Feld der plastischen Chirurgie begründet hat.

Ich persönlich fand einige der Beschreibungen der Kriegsverletzungen zu detailliert, andererseits verstehe ich, dass sie nötig sind, um die Arbeit, die Harold Gillies geleistet hat, zu kontextualisieren. Ich bin schon froh, dass ich das Hörbuch gehört habe, bei dem offensichtlich keine Fotos dabei waren. Dann wiederum ist das eine zentrale Aussage des Buchs: Verletzungen im Gesicht werden sozial anders behandelt als andere Verletzungen. Gillies war für viele dieser Männer eine der einzigen Personen, die ihnen vorurteilsfrei und völlig ohne jegliche Scheu gegenübergetreten sind.

Auch den Abschnitt über die Masken, die manchmal anstelle von Operationen gewählt wurden, fand ich sehr spannend. Und den Epilog, in dem erzählt wird, dass Gillies die erste Phalloplastie an einem trans Mann durchgeführt hat, und so viel für ihn getan hat, dass er sich sicher und wohl fühlt, hat mich extrem gerührt.

Auf jeden Fall ein sehr gutes Buch über eine sehr beeindruckende Persönlichkeit!

Gottes Werk und Teufels Beitrag
848 Seiten

Mir fällt es schwer in wenigen Worten zusammenzufassen, was dieses Buch mit mir macht. Es ist berührend, lustig, umfassend und leicht nach einer Pause wieder in die Hand zu nehmen. Ich fühle mich als hätte ich ein meisterhaft komponiertes 11-Gänge-Menü zu mir genommen, an dessen Feinheiten ich mich kaum erinnern kann. Aber lecker war es allemal! Interessant finde ich, dass der deutsche Titel dem Buch einen völlig anderen Schwerpunkt gibt, als das englische "The Cider House Rules". Was will uns der Übersetzer damit sagen?

Femina
448 Seiten

Ich habe irgendwo auf einer schlechteren Plattform ein Review gesehen, das meinte, das Buch beschäftigt sich zu viel mit allgemeiner Geschichte und nicht genug mit der Geschichte der Frauen. Dieses Review hat nicht unbedingt unrecht. Es wird immer sehr viel außenrum erklärt, so dass es manchmal aufhört, Kontext zu sein und halt einfach Geschichte wird. Aber ich fand das, wenn ich ehrlich bin, auch nicht so schlimm, weil es eigentlich immer interessant war. Mein liebstes Kapitel war das über Jadwiga von Polen.

Die Tage in L. - darüber, dass die ddr und die brd sich niemals verständigen können, geschweige mittels ihrer literatur
213 Seiten

Ich wünschte, jemand hätte dem Autor eine Umschalttaste geschenkt. Aber vielleicht muss das so bei naturalistischen Essays...

Eine meiner Lieblingsstellen:

es gab eine zeit, da trainierte ich abhärten. ich hängte über meinen schreibtisch ein bild des geliebten meines freundes, das tat weh, und ich hängte über meinen schreibtisch ein bild von nina hagen. wenn meine freunde an diesen schreibtisch traten, dann sagten sie: oh, nina hagen, dufte! aber warum hängst du dir ein bild des geliebten deines freundes auf? das sagten sie, weil sie nicht wußten, wie sehr das bild von nina hagen mich schmerzte.

Eine Geschichte des Römischen Reiches in 21 Frauen
433 Seiten

Ich war zu Beginn des Hörbuchs, als angefangen wurde, Witze zu machen und etwas derbe Formulierungen zu benutzen, sehr skeptisch. Ich reagiere wohl allergisch auf polemische pop-feministische Bücher. Aber Gott sei Dank war das hier gar nicht so eines! Emma Southon erzählt eine chronologische Geschichte des römischen Reiches aus der Perspektive von Kaiserinnen, Müttern, Ehefrauen, Schwestern, Töchtern, heiligen Jungfrauen, Sexarbeiterinnen, Christinnen und so weiter.

Dabei habe ich besonders ihre Quellennähe bewundert. Es wird nie irgendetwas dazugedichtet, was nicht da ist, ohne es als Spekulation darzustellen. Es war so gut recherchiert und aufgearbeitet, dass ich persönlich die lustig-freche Note im Erzählstil gar nicht gebraucht hätte, aber ich verstehe, dass sie vermutlich ein weiteres Publikum ansprechen wollte. An manchen Stellen musste ich wirklich laut lachen!

Mein einziges Problem war, dass es sich, trotz der ausführlichen Einordnung in den historischen Kontext, nicht unbedingt um ein Einsteiger-Werk handelt, aber dafür, dass ich nicht jeden Tag ans römische Reich denke, kann ja die gute Frau auch nichts.