Bücherregal lädt …
Blood over bright haven
480 Seiten

Sciona ist fest entschlossen, als erste Frau die Magierprüfung zu bestehen, ein Ziel, auf das sie ihr ganzes bisheriges Leben hingearbeitet hat. Doch nie hätte sie geahnt, dass mit dem Status der Hochmagierin die Probleme nur größer werden: Nicht nur wird sie immer noch nicht ernst genommen, sondern bekommt für die Aufgabe, den Schutzschild um die Stadt zu erweitern, den Hausmeister Thomil als Assistenten. Sciona, die gegenüber ihm und seinem Volk Vorurteile hat, stellt bald fest, dass mehr hinter Thomil steckt, als es zunächst den Anschein hatte. Und dann macht Sciona eine furchtbare Entdeckung, die ihr ganzes Weltbild auf den Kopf stellt und sie dazu zwingt, ihrer eigenen Ignoranz ins Gesicht zu sehen …

Dieser Fantasy-Einzelband ist eine so großartige Empfehlung, dass ich es mit jedem Kapitel mehr bereut habe, ihn nicht schon vorher gelesen zu haben. Zugegeben hatte ich bei der Kurzbeschreibung die Befürchtung, dass er wie so viele andere Fantasyromane mit Misogynie als Thema in klischeehafte Bahnen abrutschen wird, aber zu meiner Freude war Sciona tatsächlich die geniale Magierin, als die sie dargestellt wird, ohne beim Anblick des ersten gutaussehenden Mannes ihre Prinzipien zu verraten. Gleichzeitig ist sie vorurteilsbehaftet und ignorant in ihrem Optimismus, lernt aber auch aus ihren Fehlern und büßt nie die Kompetenz ein, die ihr ihre Stellung einbrachte. Ihre Stärken und Schwächen haben sie zu einem einnehmenden Charakter gemacht, mit dem ich sehr mitgefiebert habe.

Auch Thomil war wunderbar und stellte Scionas Weltbild mit seinen scharfen Argumenten infrage. Ihre Dynamik hat mir sehr gefallen, weil sie nicht nur allgemein eine gute Chemie miteinander haben, sondern so erfolgreich zeigten, wie wichtig es ist, jemanden zu haben, der einen herausfordert, statt in allem zuzustimmen. Wichtig ist es für Leser:innen nur zu wissen, dass die beiden zwar Anflüge einer Romanze haben, es im Roman aber um so viel mehr geht. Ihre Szenen waren stets wunderbar zu lesen, aber erfrischenderweise nicht das Zentrum des Romans.

Andere Charaktere kommen nicht ganz so stark hervor, ihre Ansichten dafür umso stärker. Nicht nur, was die Misogynie betrifft, sondern allgemein die Art und Weise, wie man sich so sehr an ein Weltbild klammern kann, dass man für logische Argumente nicht mehr offen ist – etwas, an dem wir vermutlich alle mitschuldig sind. Tatsächlich hat der Roman in einem bestimmten Aspekt mein eigenes Weltbild verändert, so erfolgreich zeigte M. L. Wang diejenigen in ihrem Roman. Besonders gut fand ich auch, dass für uns Leser:innen die Ungerechtigkeit und fehlende Logik gewisser Sichtweisen offensichtlich ist, ohne dass das extra angesprochen werden musste.

Die Welt, die Magie, die Handlung und die Charaktere haben wunderbar miteinander harmoniert. Gerade das Worldbuilding hat mir sehr gefallen, weil die Welt sich so real anfühlt, die Handlung sich realistisch entwickelt und die Magie so ausgearbeitet ist, und das alles in einem einzigen Band! Der Twist, der alles noch einmal in eine andere Perspektive rückt, war schockierend und gleichzeitig logisch, das Ende sowohl tragisch als auch hoffnungsfroh und gerade deshalb perfekt. Rundherum ein Roman, der mich mit jedem Kapitel mehr beeindruckt hat!

Meine einzige kleine Kritik betrifft die deutsche Übersetzung, denn ich fand ungewöhnliche viele kleine Rechtschreibfehler. Kleine Tippfehler an sich sind durchaus verständlich, aber die Anzahl hier war dann doch hoch genug, dass ich sie hier ansprechen wollte. Meiner Freude an der Handlung hat das glücklicherweise keinen Abbruch getan, aber bei einer Wiederauflage hoffe ich, dass diese vielen kleinen Fehler verbessert werden.

Ein eindeutiges Highlight, von dem ich wirklich wünschte, ich hätte es schon früher entdeckt!

Witches, Bitches, It-Girls
464 Seiten

Witches, Bitches, It-Girls: Frauenbilder, die wegen des Patriarchats schon so lange herrschen, dass es selbst als cis Frau manchmal schwierig ist, sie als misogyn zu erkennen. Überall dort, wo Frauen zentrale Stellen einnehmen, ist es für Männer besonders leicht, sie zu diskreditieren. Ob nun die „Normalität wiederhergestellt“ werden soll, in dem auf eine Vergangenheit verwiesen wird, die es so nicht gab, oder ob eine Gegenwart kreiert wird, die bestenfalls unvollständig ist – Frauen haben es überall schwer, weil ihre Aktionen von Männern negativ bewertet werden, außer, wenn sie passiv zulassen, dass Männer über sie entscheiden.

Wie genau das geschieht, führt Rebekka Endler in ihrem Sachbuch aus. Im Gegensatz zu „Das Patriarchat der Dinge“ ist diese Lektüre ernster, denn auch, wenn sie ihren lockeren Schreibstil behält, erzählt sie von Dingen, die auf erschütternde Weise zeigen, wie problematisch das Patriarchat wirklich ist. Demnach ist diese Lektüre auch nicht gerade angenehm zu lesen, weil uns Leser.innen Dinge bewusst gemacht werden, von denen ich in der Regel noch nie gehört hatte, aber gerade deshalb ich es natürlich auch eine sehr wichtige Lektüre.

Insgesamt ist dieses Sachbuch ein Weckruf – und eine schmerzliche Erinnerung daran, dass in den letzten Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten zwar Fortschritte gemacht wurden, wir aber niemals aufhören dürfen, für sie zu kämpfen. Ich fand speziell das Kapitel zur Heroisierung interessant; wie problematisch es ist, Held:innenfiguren zu erschaffen, statt die Komplexität jedes Menschen zu akzeptieren, war speziell für mich eine wichtige Botschaft. Ich bin sicher, dass auch andere Leser:innen hier so einiges finden werden, dessen sie sich noch nicht bewusst waren, sich aber dringend bewusst machen sollten.