Bücherregal lädt …
Alexander
160 Seiten

Nachdem Kalistes tyrannischer König gestürzt wurde, sucht die Bevölkerung nach einem Weg, gerechte Gesetze zu etablieren. Die Bewohner kommen zu dem Schluss, dass nur ein Kind eine Lösung finden kann und wählen Alexander aus, nachdem dieser das Sphinx-Rätsel gelöst hat. Er macht sich auf eine Reise auf und begegnet dabei vielen verschiedenen Gestalten. Ob nun ein Modeschöpfer, ein Philosoph, ein Orakel oder eine Leserin: Sie alle haben ihre eigene Sichtweise, die Alexander zeigt, was wirklich wichtig ist …

Dieses schöne Kinderbuch erzählt ganz wunderbar davon, welche Werte in einer Demokratie vonnöten sind, um diese zu erhalten und das auf eine Art und Weise, die sowohl für Kinder als auch für Erwachsene gut zu lesen ist. Für Erwachsene sind die Gesetze, die Alexander vorgeschlagen werden, natürlich offensichtlich, aber trotzdem wertvoll und für Kinder ohnehin wichtig. Zudem war es so oder so schön, sich selbst daran zu erinnern, welche Gesetze in einer Demokratie gelten sollten. Aber das, was mir wirklich gefiel, waren die viele subtilen Momente und Anmerkungen, die nur Erwachsene in ihrer Vollständigkeit verstehen (z.B. als Alexander auf den Philosophen Diogenes trifft).

Jeder Charakter hinterlässt hierbei einen starken Eindruck, was vor allem wegen ihrer begrenzten Screentime sehr beeindruckend ist. Mein persönlicher Liebling war das Orakel, aber sicher wird jeder seinen eigenen Lieblingscharakter finden können, weil sie alle nicht nur wichtige Lektionen mitgeben, sondern allgemein erinnerungswürdig geschrieben sind.

Den besten Vergleich, den ich bringen kann, ist „Der kleine Prinz“, weil speziell Alexanders Reise und sein Treffen auf verschiedene Charaktere mich ein wenig an die Reise des kleinen Prinzen erinnerte – mit dem Unterschied, dass Alexander tatsächlich wichtige Informationen erhält. Meine einzige Kritik besteht daraus, dass ich mir gerne noch mehr Diversität von den Charakteren gewünscht hätte, weil gerade Randgruppen die Vorzüge der Demokratie nicht so sehr genießen, wie sie es verdienen; hier finde ich, dass es noch effektiver gewesen wäre, ebenjene Randgruppen zu Alexander sprechen zu lassen (obwohl die Lektionen natürlich unabhängig von der Person, die sie vorträgt, wichtig sind).

Insgesamt eine schöne, kurzweilige Geschichte über Demokratie, die nicht nur für Kinder geeignet ist!

Beklaute Frauen
411 Seiten

Mileva Marić, Clara Immerwahr, Eleanor Marx, Elisabeth Hauptmann, Rosalind Franklin, Lise Meitner, Jocelyn Bell Burnell, Noor Inayat Khan und noch viele mehr: Frauen, die Geschichte schrieben, deren Leistungen allerdings Männern zugeschrieben wurden. Männer, an deren Namen man sich bis heute erinnert, während die Frauen in Vergessenheit gerieten.

Doch das ist noch nicht einmal das Schlimmste: Das Schlimmste ist, dass die Vorurteile und Abhängigkeiten, mit denen sich die damaligen Frauen auseinandersetzten, bis heute Bestand haben. Und nicht nur sie: Auch queere Personen, BIPOCs, religiöse Minderheiten und im Grunde jede Person, die kein heterosexueller, weißer cis Mann ist, kämpft bis heute darum, gesehen, akzeptiert und gewürdigt zu werden. Denn so sehr sich die Situation verbessert hat, ist gleichzeitig vieles erschreckend gleich geblieben. Immer noch werden Menschen, die nicht dem perfekten Bild der westlichen Gesellschaft entsprechen, benachteiligt, diskriminiert und bedroht.

Die Art und Weise, wie Leonie Schöler das Leben der vergessenen Frauen beschrieb, war fesselnd und frustrierend zugleich, weil die vielen Fakten nur allzu sehr betonten, wie furchtbar das Leben der Frauen früher war – und stellenweise heute noch ist. So sehr sie auch darum kämpften, Anerkennung für ihre Taten zu bekommen, scheiterten sie in der Regel und bekamen sie nur lange nach ihrem Tod, standen aber selbst dann im Schatten der bekannteren Männer, mit denen sie forschten. Ob es nun Einsteins erste Frau, Marx’ Tochter oder Brechts Mitarbeiterin ist: Im Gegensatz zu den Männern sind ihre Namen so gut wie unbekannt und auch ich muss zugeben, dass ich vor der Lektüre dieses Sachbuchs noch nie von ihnen gehört hatte. Umso wichtiger ist es, sich dieser Frauen zu vergegenwärtigen, damit sie nie wieder vergessen werden.

Durch den lockeren Schreibstil war es leicht, Leonie Schölers Ausführungen zu folgen, sodass selbst Menschen, die normalerweise keine Sachbücher lesen, hier gut zurechtkommen werden. Selbstverständlich ist dieses Sachbuch nicht nur für Frauen geeignet – tatsächlich finde ich, dass Männer vermutlich noch mehr von der Lektüre profitieren können. Denn obwohl die Ungerechtigkeit, die zwischen Männern und Frauen (und anderen Gruppen) besteht, durchaus bekannt ist, realisiert man sie selten so stark wie hier. Deshalb würde ich dieses Sachbuch allen Personengruppen empfehlen, die etwas verändern wollen!

Babel
736 Seiten

Robin Swift ist einer der wenigen Überlebenden einer Cholera-Epidemie im chinesischen Kanton. Gerettet wird er von Professor Lovell, der ihn nach England bringt, um dort verschiedene Sprachen zu lernen. Mit dem erlernten Wissen kommt er schließlich nach Babel, dem Königlichen Institut für Übersetzung, um dort sein Studium anzufangen. Zusammen mit seinen Freunden Ramy, Victoire und Letty genießt er seine Studienzeit. Bis er unerwartet auf seinen Halbbruder Griffin stößt, der Teil des Hermes-Bunds ist, um für die Gerechtigkeit in England zu kämpfen. Robin beschließt, ihm zu helfen. Doch wie soll er sich allein gegen eine ganze Gesellschaft stellen – vor allem, wenn er selbst zu denen gehört, die ihre Vorzüge genießen?

Dieser Roman hat durch die magischen Wortpaare, die verschiedene Fähigkeiten haben, einen leicht fantastischen Einschlag, ist davon abgesehen aber ein Roman, der auch für Nicht-Fantasy-Fans geschrieben ist. Das liegt vor allem daran, dass nicht die Magie, sondern die Wörter, Spannungen und Themen es sind, die das eigentliche Zentrum der Handlung bilden – und mithilfe des flüssigen Schreibstils einen Roman erschaffen, der nicht nur gut zu lesen ist, sondern auch sehr zum Nachdenken anregt.

Sehr faszinierend fand ich den Fokus auf Sprachen und Übersetzungen. Die Magie in dieser alternativen Welt wird dadurch bewirkt, dass auf Silberbarren Wortpaare eingraviert werden, die ein Wort und dessen Übersetzung in einer anderen Sprache bilden, wobei ihre kombinierte Bedeutung einen magischen Effekt auslöst. Dabei geht die Autorin stark auf den Ursprung der jeweiligen Wörter ein, wie vielschichtig scheinbare offensichtliche Übersetzungen sind und auf welche Weise ähnliche Wörter miteinander verwandt sind. Die Tiefe, die R. F. Kuang dem Übersetzungsinstitut gibt, war unglaublich faszinierend – obwohl ich selbst nur ein marginales Interesse an verschiedenen Sprachen bzw. Übersetzungen habe, habe ich die Informationen gierig in mich aufgesaugt. Dadurch, dass ich selbst die Übersetzung dieses Buches lese, wurden die Diskussion zu Übersetzungen richtig meta, was mir ebenfalls sehr gefallen hat.

Davon abgesehen spricht die Autorin auch andere, wichtige Themen an, speziell die Ungerechtigkeit zwischen Menschen verschiedener Herkünfte, Geschlechter und Hautfarben. Sie hat sehr deutlich gemacht, wie leicht es ist, als privilegierte weiße Person wegzusehen und die Missstände zu ignorieren, und wie schwer es ist, sich als benachteiligte Schwarze Person nicht nur Gehör, sondern tatsächliche Rechte zu verschaffen. Die Art und Weise, wie diese Themen in ihrem Roman eingebaut sind, hat mich sehr berührt und daran erinnert, wie wichtig es ist, dass jeder und jede Einzelne gegen die Ungerechtigkeit kämpft.

Nur eine Kritik habe ich: Nämlich die Fußnoten, die nebenbei erwähnte Details ausführlicher erklären, mich aber auch sehr aus dem Lesefluss gerissen haben. Hier hätte ich mir gerne gewünscht, dass die Autorin einen Weg gefunden hätte, die Informationen irgendwie in ihre Geschichte einzubauen, weil ich einen beträchtlichen Teil durchaus interessant fand. So, wie die Fußnoten sind, ist es leider besser, sie für einen ununterbrochenen Lesefluss einfach zu ignorieren.

Doch mit Ausnahme dieses Manko hat der Roman alles, was es braucht, um seine Leserinnen und Leser in eine tiefgründige Geschichte zu entführen – und ihnen gleichzeitig die harsche Realität aufzuzeigen. Von mir gibt es auf jeden Fall eine Leseempfehlung!