Bücherregal lädt …
Vilhelms Zimmer
224 Seiten

Als das Telefon klingelte, ging ein Ruck durch Lise wie durch einen Zug, der sich holprig und unrhythmisch wieder in Bewegung setzt, nachdem er ein wenig zu lange am Bahnhof gehalten hat. Sie hatte schon immer zu lange in allen möglichen Zuständen verharrt, selbst in den unglücklichsten. (S.89)

Und dann tat es ihr doch weh, seine Freude zu sehen, das Leben tat weh, es war unnormal zu leben, schliesslich waren die meisten Menschen tot - und, mein Schatz, dachte sie, ich bin so müde, wie schön wir es heute Abend hatten, nicht wahr? [...] Man möchte einen Menschen kennenlernen, der anders ist als alle anderen, und wenn man diese Erwartung in sich trägt, wird sie vom Erstbesten erfüllt. Denn der Gegenstand der Liebe ist vollkommen gleichgültig, man stülpt ihm die Eigenschaften über, die man braucht, und ein seltenes Mal fügt er sich auch in sie ein und tut genau dasselbe; sieht etwas in einem, was man nicht ist - und näher als das, mein Junge, können wir der Liebe nicht kommen. (S.161)

Der Grossvater deiner Mutter erhängte sich im Gefängnis. Ihre Mutter, deine Grossmutter, war damals vier Jahre alt und erinnerte sich noch an den Tag, als die blauen Gendarmen kamen und ihn abholten. Ich hätte ihn gern kennengelernt, ganz gleich, was für ein ungeheures Verbrechen er auch begangen haben mochte. Denn so wie ich trug er den Tod in seinem Herzen, und so wie ich hatte er den Zeitpunkt zuvor bestimmt. Es sollte der Tag sein, an dem er seine Freiheit verlor. Genau wie mir jetzt keine andere Freiheit mehr bleibt als die Freiheit zu sterben, wann immer es mir passt. Und das ist schön. Man verliert das Recht zu sterben nicht, weil man Mutter ist. (S.162)

Der letzte Roman, den Tove Ditlevsen schrieb. Darin erzählt sie besonders von ihrer letzten (gescheiterten) Beziehung (ihr Mann verlässt sie für eine jüngere Frau), aber auch von der Wahrnehmung ihrer Person in der Öffentlichkeit sowie von ihrem Ziel des Suizids.

Ein äusserst bedrückendes Buch, oft wirr und literarisch anspruchsvoll. Ditlevsen wechselt regelmässig von der dritten Person in die Ich-Erzählung, wenn sie von Lise schreibt. Das verwirrte mich zu Beginn sehr, ermöglicht aber einen interessanten Perspektivenwechsel auf die Figur. Auch brauchte ich einen Moment, um alle Figuren zu verstehen (wer ist wer?). Schonungslos gibt Ditlevsen auch in diesem Buch Einblick in ihr schwieriges Leben, mir ging das alles sehr nahe, es ist keine leichte Kost. Literarisch wie immer sehr stark!

Die Wut, die bleibt
384 Seiten

Die Müdigkeit ist zu einem Hintergrundgeräusch geworden, einem Dauerbrummen. [...] Und wer zu den Schlafenden gehört, weiss gar nicht, wie lang die Nächte in Wahrheit sind. Das ist Wissen, das die Schlaflosen teilen (bei ca. 1:17:00)

Helene ist Mutter von drei Kindern. Eines Abends steht sie während dem Abendessen mit der Familie auf, geht zum Balkon und springt. Der Schock, die Trauer, die Überforderung ist gross. Sarah, Helenes beste Freundin, springt für sie ein und übernimmt die Kinderbetreuung, den Haushalt. Johannes, Helenes Mann, nimmt Sarahs Hilfe dankbar an und entzieht sich seiner Verantwortung, selbst für die Familie zu sorgen. Die 15 jährige Lola, Helenes älteste Tochter, versucht durch Kampfsport, mit ihren Emotionen, ihrer Wut - die nicht nur gegen den Suizid ihrer Mutter, sondern besonders auch gegen das Patriarchat gerichtet ist - zurechtzukommen. Mit drei feministischen Freundinnen zusammen beginnt sie, sich bei Männern, die Frauen jemals unrecht getan haben, zu rächen.

Die Autorin kritisiert mit dem Buch ganz klar die patriarchalischen Strukturen, die sich hartnäckig in unserer Gesellschaft halten. Die unbezahlte Care-Arbeit, die noch immer hauptsächlich von Frauen verrichtet wird und kaum eine Wertschätzung erhält. Die Gefahren, denen Frauen noch immer ausgesetzt sind und die so oft von Männern ausgehen. Die Wut, die in diesem Buch steckt, schwappt beim Lesen über. Ein wichtiges Thema in eine tolle, packende Geschichte verpackt. Manches mag vielleicht überzeichnet sein, aber darum geht's nicht. Auch wenn Lolas Racheakt mit ihrer Frauengruppe realitätsfremd scheinen mag, der Gedanke daran gefällt.