Bücherregal lädt …
Hotel Love
256 Seiten

Bevor es KI-generierte Romane auf der Basis von Real-Character gab, übernahmen Schriftsteller-Genies das Schreiben von Romanen. Sie brauchten dafür viele Jahre, nicht wenige Sekunden. Ein paar Jahrzehnte lang wurden neben Schriftsteller-Genies auch Schriftstellerinnen geduldet, sie schrieben Texte über Randthemen wie Mutterschaft, Wechseljahre oder patriarchale Gewalt und gewannen damit sogar Literatur(!)preise. Ende der 2020er-Jahre wurde das Schreiben und Lesen von seichter Frauenliteratur verboten. (S.43)

Traumprinz_66 fragt den HappySystemBot: Haben alle Modelle mehrere Lächel-Modi? - Vielen Dank für Ihre interessante Live-Frage! Ja, alle unsere in diesem Liebesroman vorgestellten Modelle verfügen über siebzehn Lächel-Modi wie zum Beispiel: interessiertes Lächeln, verführerisches Lächeln, verschämtes Lächeln, höfliches Lächeln, herzliches oder tiefenentspanntes Lächeln, das im vorigen Kapitel im Rahmen der künstlerischen Freiheit Post-Orgasmus-Lächeln genannt wurde. Ein Lächeln gehört seit jeher zur Grundausstattung einer Frau. Frauen, die nicht auf Knopfdruck lächelten, mussten immer wieder daran erinnert werden. JETZT LÄCHLE DOCH EINMAL. LIEB, WIE DU LÄCHELST. SO GEFÄLLST DU MIR SCHON BESSER. Ab den 2000er-Jahren gab es eine Anti-Lächeln-Bewegung. Eine Frau lächelte nicht mehr automatisch, wenn ihr ein Mann ein Kompliment machte, ihr hinterherpfiff oder unter den Rock griff. Es waren verwirrende und harte Zeiten für Männer, denen das Lächeln einer Frau immer schon viel bedeutete. Die neuen Frauen lächeln wieder auf Knopfdruck, wie es sich für eine Frau gehört. Auf siebzehn verschiedene Arten. (S.168)

WOW, was für ein Leseerlebnis! In diesem Buch steckt so viel drin: Feministische Gesellschaftskritik, düstere Dystopie (im Jahre 2031). Es geht um toxische Männlichkeit, Gaslighting, verschwindende Frauenrechte, Misogynie, künstliche Intelligenz und deren wachsende Entwicklung wie auch grundsätzlich neuen Technologien, wie z.B. Fembots, die reale Frauen ersetzen sollen.

Das Buch ist zudem sehr originell (zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig) geschrieben, als wäre mensch als Leser*in live mit dabei, es gibt Werbeunterbrüche und die Mitleser (bewusst nicht gegendert) stellen dem HappySystemBot zwischendurch Fragen, die sogleich "live" vom Bot beantwortet werden. Es ist bitterböse und zugleich voller (schwarzem) Humor. Das Lachen blieb mir oft fast im Hals stecken, denn so vieles, was die Autorin aufgreift, kommt leider nicht von ungefähr. Ihre Figurenzeichnung ist sehr stark und glaubwürdig. Die männliche Hauptcharaktere machte mich permament wahnsinnig und wütend.

Die Geschichte zog mich richtiggehend in einen Sog und ich konnte das Buch je länger je weniger aus der Hand legen. Die Geschichte hätte auch durchaus ein Yorgos Lanthimos-Drehbuch sein können, ich sehe Emma Stone bereits vor mir. :) Und sie erinnert auch stark an The Handmaids Tale.

Grosse, satirische Unterhaltung, die zum Nachdenken anregt.

Und Federn überall
300 Seiten

Sechs Menschen aus einer Kleinstadt in Deutschland, die sich nicht kennen und doch im Laufe des Buches irgendwie alle zusammenfinden. Die Geschichte dauert ein paar wenige Tage und sie wechselt kapitelweise die Perspektive von einer Person zur nächsten dieser sechs Menschen. Im Zentrum steht der Geflügelschlachtbetrieb Möllring, einer der grössten weltweit. Es geht mitunter um Flucht/Migration, Erschöpfung, Kritik an die Gesellschaft. Sehr unterhaltsam, irgendwie düster und ausweglos. Aber irgendwie schaffte der Roman es dann doch nicht, mich ganz von ihm zu überzeugen, ich kann nicht mal genau sagen, wieso. Die Figuren blieben mir egal. Die Struktur des Buches hat mir wiederum sehr gefallen, die Verschachtelung der einzelnen Geschichten in eine.

Die spürst du nicht
304 Seiten

Zwei befreundete, wohlhabende Familien fahren in die Sommerferien in die Toskana. Die 14jährige Tochter Sophie-Luise der einen Familie (deren Mutter, Elisa Strobl-Marinek, als linke Politikerin bekannt ist), darf Aayana, eine Schulfreundin von ihr, mitnehmen. Aayana hat mit ihrem Bruder und ihren Eltern nach ihrer Flucht aus Somalia vor 2 Jahren in Wien den Asylstatus erhalten. Schon am ersten Tag in der Toskana kommt es zu einer Tragödie. Aayana ertrinkt im Pool, alle Hilfe kommt zu spät. Als wäre dies für alle Betroffenen nicht schlimm genug, gelangt der Unfall in die Öffentlichkeit und wird in den Berichterstattungen und sozialen Medien ausgeschlachtet. Elisa Strobl-Marinek gerät unter Druck, ihr Amt in der Politik ist gefährdet.

Ein gesellschaftskritischer Roman, bei dem vor allem folgende Frage aufgeworfen wird: Was ist ein Menschenleben wert? Und gibt es Menschenleben, die weniger wert sind? Er zeigt die verschiedenen Welten von hochgradig privilegierten sowie geflüchteten Menschen auf - und wie letztere kaum eine Stimme erhalten. Die Geschichte wird immer wieder mit Berichterstattungen über diesen Fall unterbrochen. Mit dabei jeweils Auszüge von Kommentaren, die gespickt sind von Alltagsrassismus, Ignoranz und Empathielosigkeit.

Es ist ein gewollt unangenehmes Buch, es hinterlässt ein beklemmendes Gefühl. Mir hat es sehr gut gefallen und mich zum Nachdenken angeregt. Die Geschichte mit der Tochter Sophie-Luise und Pierre empfand ich jedoch als bisschen zu konstruiert.