Bücherregal lädt …
Theo in Golden
448 Seiten

Eines Tages taucht er einfach in Golden auf: Theo, ein 86-jähriger Mann, von dem niemand weiß, wer er eigentlich ist und was er hier tut. Auch er scheint zunächst keine spezifische Idee zu haben – bis er im Café Chalice zahlreiche Porträts an den Wänden sieht, die der residente Künstler Asher von Freunden, Fremden und Besuchern gezeichnet hat. Theo entschließt sich, die Porträts zu kaufen und den Abgebildeten zu schenken, um ihnen eine kleine Freude zu bereiten und dabei ihre Geschichte zu erfahren. Nur seine eigene hält er stets unter Verschluss …

Diese Geschichte ist durchaus ein gutes Wohlfühlbuch – für mich aber tatsächlich etwas ZU cozy. Ich mochte das Prinzip sehr (Theo, der durch das Verschenken der Porträts die Geschichte der Menschen auf ihnen erfährt) und war immer dann besonders investiert, wenn ich auf diese Weise mehr zu den Charakteren erfuhr. Das machte sie zu dreidimensionalen Figuren und verband sie zudem großartig miteinander.

Doch nach den anfänglichen Austäuschen verlangsamt sich die Geschichte ganz schön und obwohl es durchaus erinnerungswürdige Szenen gibt, fühlt es sich insgesamt so an, als würde nicht viel passieren. Das einzige Highlight in der Mitte des Romans waren meine Lieblingscharaktere: Ellen und Tony. Vor allem Ellen war eine erfrischende Persönlichkeit und ihre Freundschaft mit Theo mochte ich unglaublich gern. Aber auch Tony, den ich zunächst unsympathisch fand, wuchs mir ans Herz, sobald ich seine Geschichte erfahren hatte. Ansonsten geht die Handlung aber sehr, sehr schleppend voran und selbst die Szenen, die sich positiv hervorhoben, reichten nicht aus, um mich interessiert zu halten.

Nach dem sehr langsamen und sehr langen Mittelteil folgt ein erstaunlich brutales Finale, aber dafür auch ein überraschend zufriedenstellendes Ende, das sogar noch ein paar letzte Überraschungen bietet. Diese Twists waren echt gut, weil sie die bisherige Handlung in einem anderen Licht erscheinen ließen, vollkommen logisch und doch überraschend waren. Sie machen leider nicht den sehr langsamen Mittelteil wett, ließen mich die Geschichte dafür aber mit einem positiven Gefühl beenden.

Die einzige Kritik, die ich abgesehen vom Mittelteil habe, ist, dass die Botschaft des Romans, anderen zu helfen und sie zu unterstützen, zwar richtig und wichtig ist, aber dadurch dezimiert wird, dass Theo so reich war. Hätte er nicht das Geld gehabt, um die vielen Porträts zu kaufen, wäre die gesamte Handlung nicht passiert – einschließlich der Hilfe, die er anderen bot. Der Roman ermuntert einen, so wie Theo zu werden, erwähnt aber nie, dass sein Reichtum, den viele andere schließlich nicht haben, dabei eine wesentliche Rolle spielte. Es ist allerdings immer noch eine gute Botschaft, zumal Theo den Menschen auch durch sein Zuhören hilft, weshalb es keine allzu große Kritik ist, sondern nur eine, die ich erwähnen wollte.

Insgesamt also ein guter Wohlfühlroman, der mir persönlich zwar zu entspannt war, der für andere aber gerade deshalb perfekt sein könnte.

Der Zopf
288 Seiten

Smita, Giulia und Sarah leben drei sehr unterschiedliche Leben. In Indien gilt Smita als Unberührbare als Abschaum der Gesellschaft, weshalb sie umso entschlossener ist, ihrer Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen. In Sizilien arbeit Giulia in einer Fabrik, die Perücken herstellt, bis ein Unfall ihres Vaters ihr bewusst macht, dass die Fabrik kurz vor dem Ruin steht. Und in Kanada hat Sarah einen sehr erfolgreichen Job als Anwältin, bis eine Diagnose ihr Leben komplett auf den Kopf stellt. Die drei Frauen wissen nichts voneinander, doch dennoch sind ihre Schicksale eng miteinander verbunden ...

"Der Zopf" gehört zu den Büchern, von denen ich sehr viel gehört, aber nie selbst gelesen habe – bis jetzt. Denn nach dieser wundervollen Lektüre ist mir jetzt endlich klar, warum dieses Buch so beliebt ist: Weil es schafft, trotz der recht schweren Thematiken eine absolut wunderschöne Geschichte zu erzählen. Ich bin regelrecht in Smitas, Giulias und Sarahs Leben versunken, so eindringlich beschreibt Laetitia Colombani ihr Schicksal.

Am meisten habe ich mit Smita mitgefiebert, weil ihre Lebenssituation besonders furchtbar war, sie aber nie aufgegeben hat. Aber auch Sarah, deren Geschichte zeigte, wie leicht man aufgrund einer Krankheit ausgeschlossen werden kann, war absolut herzzerreißend und hat am Ende doch Hoffnung geweckt. Nur bei Giulia habe ich mich manchmal schwer getan, mit ihr mitzuleiden, weil ihre Zeit des Leids vergleichsweise kurz und größtenteils durch eine schöne Romanze gedämpft ist.

Die Geschichte insgesamt jedoch war nach wie vor wunderschön zu lesen und ich kann sie allen empfehlen, die einen kurzen, mitreißenden Roman suchen!