Lesetagebuch
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Bücherregal lädt …
Aufregende Zeiten
 320 Seiten

Ich frage mich, was es bedeutet, wenn Bücher wie Normal People (Sally Rooney) und dieses hier so stark mit mir resonieren. Was sagt es über feministische, bisexuelle, weiblich sozialisierte X-und-zwanzig-Jährige in dieser Generation aus, dass man sich in Büchern wiederfindet, in denen das Begehren zu (cis) Männern derart beschrieben ist, dass die Beziehung zu ihnen schon als selbstverletzendes Verhalten gelten könnte?

Nach ihrem Abschluss zieht Ava etwas lost nach HongKong und lehrt Englisch, einen typischen Expat-Beruf. Dort lernt sie Julian, einen Banker, kennen. Die beiden freunden sich an, sie zieht zu ihm, die beiden schlafen miteinander. Dann ist Julian für einige Monate in London. In dieser Zeit lernt sie Edith kennen, die beiden kommen zusammen. Aber Ava wohnt immer noch bei Julian.

In diesem Fall war es daher interessant davon zu lesen, wie Avas Beziehung zu Edith quasi einen Counterpart zu der undefinierten, eher „ungesunden“ Freundschaft+ mit Julian darstellte: eine Beziehung auf Augenhöhe, mit gegenseitiger Wertschätzung und geteilten Interessen. Eine fast „gesunde“ Beziehung, wenn Ava sie nicht selbstsabotieren würde.

Ein wenig Leben
 960 Seiten

Dieses Buch hat viele Triggerwarnungen: sexueller Missbrauch, selbstverletztendes Verhalten, Suizid, Pädophilie. Ich hab es daher immer aufgeschoben, es zu lesen. „Zu schwer gerade“, dachte ich, wenn ich es irgendwo sah oder wieder davon hörte. Sowohl die Thematik als auch die Länge. Ich könnte es gerade wahrscheinlich nicht verkraften. Aber als ich dann die Möglichkeit hatte, es als Hörbuch nun zu hören, tat ich es einfach. Und dann konnte ich kaum mehr damit aufhören. Ich habe es, seit ich es begonnen habe, jeden Tag gehört. Und obwohl es eine wirklich schwere Thematik war, hat es der Schreibstil meiner Meinung nach geschafft, daraus keinen „trauma porn“ zu machen. Das Buch ist nämlich vor allem ein Buch über Liebe oder besser gesagt übers Lieben. Ich würde sagen, es ist eines der besten Bücher übers Lieben, die ich bisher gelesen habe. Über Liebe und Lieben in einer bedingungslosen, sorgenden, aufrichtigen Art und Weise, die einen tief ergreift und berührt. Die dargestellten Freundschaften, die Wahlfamilie und generell Beziehungen - tatsächlich größtenteils platonisch - sind so komplex und einfühlsam beschrieben, dass ich wirklich jeder Person, die mit den Triggerwarnungen umgehen kann, dieses Buch ans Herz lege. Insbesondere aber (cis) Männern, weil es auch nochmal besonders ist, diese Emotionalität so ausgeschrieben zu sehen und die Protagonisten alle männlich sind, was die Erzählperspektiven auch nochmal anders spannend dabei machten.

Wie schön wir waren
 442 Seiten

In einem (fiktiven) afrikanischen Land werden die Ölressourcen des kleinen Dorfes Kosawa von einem amerikanischen Konzern namens Pexton ausgebeutet. Generationen an Kindern werden aufgrund der dabei entstehenden Verunreinigungen immer wieder vergiftet und begraben. Eines Tages stellt sich das Dorf gegen den Ölkonzern. Vor allem das kleine Mädchen Thula wächst dabei zur Revolutionärin heran. Ein jahrzehntelanger Kampf gegen den Konzern, gegen die Verstrickung von Staat und Kapital sowie Neokolonialismus beginnt.

Was hier Fiktion ist, könnte beispielhaft für verschiedene Kämpfe auf dem afrikanischen Kontinent stehen - gerade die Parallele zu den tatsächlich stattfindenden Kämpfen der Ogoni in Nigeria gegen den echten Ölkonzern Shell fällt einem ein. Beschrieben wird hier ein Widerstand, dem man nah sein kann. Ich mag Romane, die von Aufständen erzählen, weil sie dabei einen Blick in die individuelle Auseinandersetzung geben. In diesem Fall wurde aber auch eine kollektive Auseinandersetzung durch die verschiedenen Perspektiven der Dorfbewohner*innen dabei aufgezeigt. Stellenweise war es mir kurz etwas zu zäh, sodass ich länger brauchte, um weiterhören zu wollen. Die Kapitel sind auch relativ lang im Gegensatz zum letzten Hörbuch, daher konnte ich es nicht so gut einfach nebenbei hören, weil ich mitten im Kapitel abbrach und beim nächsten Mal wieder reinkommen musste. Hängt aber auch mit meiner kurzen Aufmerksamkeitsspanne zusammen. Das Ende war leider ernüchternd, aber im Sinne dass es wohl einfach sehr realistisch war. Damit aber ein Roman, der aktueller den je ist. Denn auch wenn es nie explizit ausgeschrieben ist, ist das ein Roman über Klimagerechtigkeit. Über die Kämpfe im globalen Süden, die am meisten darunter leiden, dass wir global in einem kapitalistischen System leben, das inhärent die Klimakrise hervorbringt.

Das Ministerium für die Zukunft
 716 Seiten

Im Jahr 2025 bringt die bisher größte Hitzewelle innerhalb einer Woche 20 Mio. Menschen in Indien um. Aufgrund des Pariser Abkommens wird in Zürich ein neues Ministerium der UN aufgebaut. Man nennt es das "Ministerium für die Zukunft". Es hat den Auftrag, etwas gegen die Klimakrise zu tun. Doch es ist nicht der einzige Akteur auf der Welt, der sich das zur Aufgabe macht.

Dieser Roman hat mir bezüglich der nächsten Jahre tatsächlich etwas Hoffnung gegeben. Ich konnte mir bisher nie wirklich vorstellen, wie die Zukunft aussehen könnte, „climate anxiety“ und Ohnmacht kamen ansonsten in mir auf. Ich mag, wie das Buch aufzeigte, dass es nicht einfach eine Revolution braucht, um den Klimawandel zu bewältigen, sondern mehrere, unterschiedliche Arten von Interventionen, überall auf der Welt, dass es nicht die eine Lösung geben wird, sondern verschiedene, die jeweils gleichermaßen notwendig sind. Ich habe es in nahezu jeder Minute gehört, in der ich kochte, abwusch oder anderen Haushaltstätigkeiten nachging. Nach den ersten paar Kapiteln war ich bereits überzeugt, dass es großartig ist, und wurde nicht enttäuscht. Es stellt - wie es in dieser Zeit auch nötig ist - Grundsätzliches in Frage, es erklärte mir historische, wirtschaftliche und technische Dinge, von denen ich nicht allzu viel oder gar nichts bisher wusste, und es regte mich immer wieder zum Nachdenken an - was will man von einem guten Buch mehr? Und gleichzeitig gewöhnt man sich so sehr an die Charaktere, dass man am Ende echt wehmütig wird. Ich weiß leider wirklich nicht, was ich dazu schreiben soll, mir ging so vieles währenddessen durch den Kopf. Aber für mich ist es definitiv jetzt schon eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr konsumiert habe. Einzig fragwürdig finde ich, dass ausgerechnet Barack Obama es ebenfalls so toll fand LOL haben wir das gleiche Buch gelesen….

Unsichtbare Frauen
 496 Seiten

Sollte kritisch gelesen werden, was die Nicht-Inklusivität trans-, inter- und nicht-binärer Geschlechtlichkeit und damit einhergehender struktureller Diskriminierung angeht. Dazu gibt es auch Blogartikel, die sich damit auseinandersetzen. Aber solange man das im Hinterkopf hat, finde ich es trotzdem lesenswert, um einen Überblick zur Faktenlage der strukturellen Benachteiligung von (cis) Frauen zu bekommen. Bei der Analyse, wie es zu dieser Benachteiligung kommt, gehe ich nicht ganz mit. Dass es an der reinen Ignoranz liegt, ist zu verkürzt. Aber ich glaube, für ein solches Buch ist es auch okay, das nicht tiefer zu ergründen, sondern erst mal den Ist-Zustand zu beschreiben, der an sich schon bereits geleugnet wird. Für die Ursachen und Analyse kann man sich auch anderer feministischer Literatur bedienen.

↑ 2022
2021 ↓
Klimagerechtigkeit
 128 Seiten

Ich bin wahrscheinlich etwas biased, weil ich von dem Autor viel halte, aber für die ca. 120 Seiten, die es nur hat, ist es wirklich ein hervorragendes Buch, wenn man in kompakter Weise den roten Faden (der wortwörtlich von dem Auto gezogen wird) von Kolonialismus und Kapitalismus in unserer Geschichte hin zur Klimakrise verstehen will. Es ist ein super Einstieg, um einen Überblick über die heutigen Verhältnisse zu bekommen, weshalb ich es wirklich jeder Person ans Herz legen würde, die sich bisher nur oberflächlich mit der Klimakrise bzw. rein vom wissenschaftlichen Standpunkt heraus beschäftigt hat. Das Buch räumt in Kürze mit Versprechen des „Grünen Wachstum“ bzw. „Grünen Kapitalismus“ auf, zeigt die vielfältige Geschichte von Umwelt- und Klimagerechtigkeitsbewegungen, die nicht nur hier im globalen Norden aktiv sind, und verknüpft dementsprechend nicht nur geschichtlich sondern auch global die Geschehnisse miteinander.

↑ 2021
2020 ↓
Ich fühl's nicht
 169 Seiten

Über Liebe im Spätkapitalismus. Wollte mir eh noch Eva Illouz dazu reinziehen, aber wie immer bietet Liv Strömquist eine unterhaltsamen Überblick verschiedener, kontemporärer Theorien (darunter eben auch Eva Illouz). Vieles war schmerzhaft nachzuvollziehen, allerdings würde ich noch anbringen, dass die ganzen beschrieben Verhältnisse aus einer recht heteronormativen Perspektive betrachtet werden. Aber dennoch sehr lesens- und sehenswert, was Selbstoptimierung und (ver)Lieben miteinander zu tun haben.

↑ 2020
2019 ↓