Nach einem missglückten Diebstahl wird Reito gerade noch rechtzeitig vor dem Gefängnis bewahrt, als seine ihm unbekannte Tante Chifune ihn rettet - gegen eine Gegenleistung: Er soll der zukünftige Wächter des Kampferbaums werden. Der Baum soll angeblich Wünsche erfüllen, weshalb Besucher speziell zu Neumond und Vollmond Andachten in seinem Inneren halten. Was genau vor sich geht, bleibt Reito verborgen, doch er ist entschlossen, den Menschen, die ihn besuchen, zu helfen: Sôki Ôba, der einfach keinen Erfolg mit seiner Andacht zu haben scheint, und Yumi, dessen Vater seltsame summende Geräusche von sich gibt, wenn er seine Andacht hält. Was genau dahintersteckt, muss Reito herausfinden ...
Vor wenigen Jahren hatte ich "Kleine Wunder um Mitternacht" gelesen, was mir damals sehr gefallen hat. In seinem neuesten Roman erzählt Keigo Higashino ebenfalls eine mystische Geschichte, die über die Grenzen des Realen hinausgeht, insgesamt aber gut zu lesen ist.
Die größte Stärke – und Schwäche – des Romans ist das aufbauende Mysterium des Kampferbaums. Reito wird mehrmals gesagt, dass er das Geheimnis selbst herausfinden soll und andere ihm nicht verraten dürfen, was es mit den Andachten auf sich hat. Im Normalfall ein starker Aufhänger, der dazu anleitet, sich selbst Gedanken zu machen.
Doch das große Problem dabei ist, dass dieses große Geheimnis bereits im Titel UND in der Kurzbeschreibung des Romans verraten wird. In der Geschichte selbst werden die Fähigkeiten des Baums erst nach über 330 Seiten (!) gelüftet (das sind fast 70% des Buches!), sodass das ganze Mysterium für alle, die die Kurzbeschreibung lesen, ruiniert ist. Dabei war der Aufbau selbst so schön, zusammen mit den Theorien, die Reito erstellt hat – doch man kann nicht mitfiebern, weil man das Geheimnis von Anfang an wusste. Zwar gibt es auch ein paar andere Mysterien, aber das ausgerechnet das wichtigste vorweggenommen wurde, fand ich unverzeihlich.
In der Geschichte selbst gibt es ein paar Längen und Reitos Tante Chifune kam mir nicht unbedingt sympathisch vor; zudem hatte ich nie den Eindruck, dass das Wächtersein Reitos Bestimmung ist, obwohl es als solche gehandhabt wird.
Doch eine große Stärke hat der Roman noch: Die Familiengeschichten. Speziell die Andachten und die Geschichten, die hinter ihnen stecken, waren fantastisch umgesetzt und die emotionalsten Szenen des Romans; aber auch außerhalb der Andachten mochte ich es, mehr zum Leben der Charaktere zu erfahren. Zwar werden die meisten Geschichten natürlich erst nach dem großen Geheimnis gelüftet, doch gerade deshalb gewannen sie an Stärke.
Insgesamt also ein guter Roman, dessen einzige große Schwäche nicht mit dessen Inhalt zusammenhängt, sondern mit der Entscheidung, seinen Twist bereits vorher zu verraten.
Mit achtzehn Jahren wird Kleopatra Pharaonin, doch fühlt sie sich unsicher, wie sie ihre Herrschaft sichern und führen soll. Ihre göttliche Gabe hat sich nie gezeigt und üble Gerüchte bedrohen ihren Posten zusätzlich. Doch ist Kleopatra entschlossen, Ägypten zu beschützen – was es sie auch kosten mag ...
Dieser Roman hat mich realisieren lassen, dass mein Wissen über Kleopatra nicht über die Oberfläche hinausreicht, aber obwohl Saara El-Arifi sich natürlich Freiheiten nimmt (speziell dadurch, dass die Geschichte einen Hauch von magischem Realismus hat), habe ich das Gefühl, Kleopatra mit diesem Roman tatsächlich kennengelernt zu haben.
Die Geschichte ist zunächst ungewöhnlich erzählt, denn Kleopatra als Erzählerin ist sich ihres eigenen Todes und ihren Darstellungen in der Moderne bewusst, wodurch es so wirkte, als würde sie die Geschichte aus dem Jenseits heraus erzählen. Das war zunächst gewöhnungsbedürftig, denn obwohl diese Referenzen an die Zukunft nicht übermäßig benutzt werden, verwirrten sie mich trotzdem.
Der eigentliche Schreibstil ist aber ausgesprochen angenehm zu lesen, sodass ich richtig durch die Seiten flog. Am meisten packte mich Kleopatras Entwicklung: Am Anfang ist sie eine unsichere junge Frau, die durch ihre Erlebnisse oft gezwungen ist, unmoralische Dinge zu tun, die sie aber auch selbstbewusster und entschlossener machen, bis sie zu einer würdevollen Pharaonin wird. Diese Entwicklung findet langsam und gemächlich statt, was sie sehr nachvollziehbar und realistisch machte – definitiv die größte Stärke des Romans!
Von den anderen Charakteren hoben sich Charmion (Kleopatras Vertraute) sowie Caesar und Marcus Antonius hervor. Charmion war ein unglaublich hilfsbereiter Charakter, die mir schnell ans Herz gewachsen ist; und auch Caesars und Marcus' Darstellung mochte ich sehr, obwohl sie im Vergleich nicht mal so viele Szenen haben (doch definitiv genug, um sich hervorzuheben). Ich verstand auf jeden Fall, warum Kleopatra alle drei so liebte.
Insgesamt ein schöner Roman, der Kleopatras Lebensgeschichte auf erfrischende Weise neu interpretiert!