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Corpus Delicti
 264 Seiten
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„Jung, attraktiv, begabt und unabhängig: Das ist Mia Holl, eine Frau von dreißig Jahren, die sich vor einem Schwurgericht verantworten muss. Zur Last gelegt wird ihr ein Zuviel an Liebe (zu ihrem Bruder), ein Zuviel an Verstand (sie denkt naturwissenschaftlich) und ein Übermaß an geistiger Unabhängigkeit. In einer Gesellschaft, in der die Sorge um den Körper alle geistigen Werte verdrängt hat, reicht das aus, um als gefährliches Subjekt eingestuft zu werden…“ Tatsächlich war diese Kurzbeschreibung des Buches auch schon das Beste daran. Statt „jung, attraktiv, begabt und unabhängig“ wäre „steril, nervtötend, weinerlich und geisteskrank“ eine treffendere Beschreibung der Hauptperson, mit der ich über das gesamte Buch nicht wirklich warm werden konnte. Gerade die Abschnitte, in denen sie mit der imaginären idealen Geliebten (einer Hinterlassenschaft ihres Bruders) redet, waren einfach nur unrealistisch und anstrengend. Nicht nur, weil die ideale Geliebte sich oft nur wenig geistreich zeigt, sondern auch, weil andere anwesende Personen meist nur mit einem betretenen Schweigen reagieren. In einer Welt, in der körperliche und geistige Gesundheit zur Staatsform erklärt wurden, könnte man durchaus anderes erwarten. Stattdessen wirkt der gesamte Roman als wäre er eigentlich lieber ein Theaterstück geworden. Die schon in Plädoyers abdriftenden gestelzten Dialoge hätten sich auf einer Bühne definitiv besser gemacht. In einem einigermaßen realistisch geschriebenen Gespräch wirken sie allerdings eher fehl am Platz. Auch die auftauchenden Personen, von denen ich leider keine einzige liebgewinnen konnte, sind so sehr in ihrer Rolle festgelegt, wie es eigentlich für einen Roman eher peinlich ist. Der Einblick in die Gedanken einer Person wäre der Autorin durchaus möglich gewesen, um Hintergründe näher zu beleuchten, aber wozu zu solchen Mitteln greifen, wenn man doch Monologe über das Leben oder Fortschrittsdrang halten kann oder wenn man herrlich seltsame Dinge in die Welt schreit wie: „Sie können mein Leben zu ihrem Schlachtfeld machen. Sie können mich an der Leine ihrer Prozessstrategie wie ein wildes Tier in den Kampf führen. Aber ich habe ein Recht zu erfahren, warum!“ Die Sterilität zieht sich nicht nur durch die beschriebene Welt, sondern auch durch das gesamte Buch. Leider auch sprachlich, was auf mich nicht wie ein Stilmittel wirkte, sondern schlicht schlecht geschrieben. Man kann die Dinge auch differenzierter ausdrücken, als die Personen immer nur etwas „sagen“ zu lassen. Sagt er, sagt sie, sagt er, sagt ein anderer und immer so weiter. Ab und an schreit mal wer, meist Mia, aber das ist dann auch schon das höchste der Gefühle. Aber über all das könnte ich hinweg sehen, wäre die Geschichte an sich gut genug, um mich zu unterhalten. Auch wenn die Idee nicht gerade die neuste ist, so besitzt sie doch eine gewisse Aktualität und im Allgemeinen ist nicht falsches daran, eine schon gegebene Idee neu umzusetzen. Ansonsten hätten eine ganze Menge Menschen, die sich z.B. auf Remakes oder Comicverfilmungen spezialisiert haben, schlechte Karten. Leider ist das hier nicht gut gelungen. Gerade das wichtigste Detail, genau dieses eine Detail, durch das die gesamte Geschichte ihren Lauf nimmt, dieser eine Auslöser für alles, ist schlicht falsch. Schlecht recherchiert oder unwissend interpretiert, ich kann es nicht sagen, aber falsch bleibt es und führt alles folgende damit ad absurdum. Normalerweise bin ich jemand, der anderen Menschen lieber gute Bücher ans Herz legt, als ihnen von schlechten abzuraten. Aber hier rate ich deutlich ab. Tatsächlich bin ich das erste Mal seit langem wirklich froh, nicht mehr in der Schule zu sein, und das nur, weil dieses Buch an manchen mittlerweile als Lektüre gelesen wird.