Lesetagebuch
Jetzt anmelden Zum Login
Bücherregal lädt …
Der Kastanienmann
 608 Seiten

Auf der einen Seite ein typischer Vertreter des Nordic-Noir, auf der anderen Seite hat mich aber die Komplexität dieses Falles doch überrascht. Ja, es war düster und teilweise brutal, allerdings ohne dabei effekthascherisch zu wirken, und dieses Buch entwickelte sich zu einem wahren Page-Turner. An einigen Stellen schien mir aber zu sehr Sveistrups Dasein als Drehbuchautor durch und es las sich etwas holprig und gerade nach dem rasanten Beginn war ich von dem etwas langsameren Mittelteil enttäuscht. Insgesamt aber für mich einer der besten Thriller der letzten Jahre. Der Griff dazu lohnt.

Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl
 320 Seiten

Ich habe gemischte Gefühle, was dieses Buch angeht, was daran liegen mag, dass ich keine wirkliche Laiin auf dem Gebiet bin. Mein Beweggrund, zu diesem Buch zu greifen, war der Blick in den soziainformatischen Bereich, den allein schon der Titel verspricht. Dass das Buch ohne Grundlagenvermittlung nicht auskommt, steht außer Frage. Meines Erachtens nach gelingt das Katharina Zweig gerade aufgrund der anschaulichen Beispiele sehr gut und weniger trocken wie das in Teilen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung passiert. Entsprechend war das wirklich erfrischend zu lesen, allerdings war der Anteil der Grundlagen gemessen am Gesamtwerk doch etwas zu hoch. Der Teil, in dem das Feld der Sozioinformatik näher beleuchtet wird, gibt einen groben Überblick anhand wirklich gut gewählter Beispiele, blieb mir persönlich aber in einigen Beobachtungen und Auseinandersetzung zu sehr an der Oberfläche, einige Punkten hatten sogar etwas redundantes. Insgesamt ist es ein wirklich gutes und zugängliches Einführungsbuch in die Welt von Algorithmen und künstlicher Intelligenz, an dem vor allem Einsteiger:innen Gefallen finden werden. Für fortgeschrittenere Leser:innen lohnt sich eher der Blick in fachspezifische Artikel und/oder Lehrbücher.

Der Untertan
 669 Seiten

Heinrich Mann liefert eine interessante Perspektive auf die wilhelminische Zeit. Mit Diederich hat Mann eine schreckliche Hauptfigur geschaffen, aber die Art und Weise, in der er mit dem Charakter spielt, wie er ihn vorführt, hat das Buch in meinen Augen erst lesenswert gemacht. Wirklich gutes Buch, dessen Lektüre sich (vielleicht auch gerade) heute noch lohnt.

Wir können alles sein, Baby
 96 Seiten

Vielleicht fehlt die Poetry-Slam-Atmosphäre, vielleicht sind die Texte in dieser Sammlung auch einfach einander (thematisch) viel zu ähnlich, um auch nur im Ansatz überzeugen zu können und in Erinnerung zu bleiben. Ein Text gefiel mir, einer ihrer (Nicht-)Haikus auch. Wortgewandt ist Julia Engelmann, aber am Ende war mir das etwas zu einfach für den Hype.

The Bullet Journal Method
 336 Seiten

Seit Ende 2016 führe ich nun schon ein Bullet Journal. Die Basics habe ich mir damals auf Ryder Carrolls Website angeeignet und ich würde behaupten, dass das für den Anfang und für einen ersten Versuch mehr als genügt. In dem Punkt bietet Ryder Carrolls Buch nämlich nichts wirklich Neues. Was er hier im Gegensatz zu seinen kurzen Einführungsvideos macht ist eine Brücke zwischen der Methode, menschlicher Psychologie und Philosophie aufzubauen. Über weite Teile liest sich das gut und eröffnet auch einige Konzepte, die mir bis dahin unbekannt waren und in adaptierter Form Einzug in mein Notizbuch finden werden. Was ich allerdings etwas störend (und in gewisser Weise auch überheblich fand), war der Grundton, dass allein das Führen eines Bullet Journals der Garant für ein gutes Leben ist. (Ist es nicht.) Mit seiner Methode hat Carroll ein gutes Werkzeug geschaffen, was ich insbesondere aufgrund seiner Flexibilität nicht mehr missen möchte, aber um am Ende des Tages meine Sachen im Griff zu haben, bedarf es doch etwas mehr als eines Notizbuchs.

Desintegriert euch!
 192 Seiten

Mit Max Czollek meldet sich ein Vertreter der jungen Generation zu Wort und die Auseinandersetzung mit dem Leben von Jüdinnen und Juden im Deutschland der Gegenwart, die er damit anstößt, halte ich für sehr wichtig. Und Czollek liefert mit diesem Buch auch einige sehr gute Denkanstöße, analysiert das von Y. Michael Bodemann begründete "Gedächtnistheater" verständlich und erweitert es, liefert gute Argumente für manche auf den ersten Blick doch sehr steile These. Man muss nicht immer mit Czollek einer Meinung sein und ich denke, dieses Buch wird bei seiner Leserinnenschaft die unterschiedlichsten Emotionen auslösen: Zustimmung, Verständnis, Erkenntnis ebenso wie Ablehnung, Zweifel und vielleicht auch ein wenig Wut. Das ist legitim. Zugegebenermaßen, einfach macht es Czollek den Leserinnen auf dem Weg durch seine Essays auch nicht unbedingt. An manchen Punkten fiel es mir schwer, ihm direkt zu folgen: Einiges wirkte unnötig verkompliziert, in anderen Punkten fehlte mir schlicht der rote Faden (oder das Vorwissen, um sich diesem bewusst zu werden). Am Ende bleibt mir persönlich seine Forderung nach Desintegration doch zu vage.

Ich halte dieses Buch nicht für schlecht, aber die Art und Weise, wie Czollek den Inhalt verkauft, ist in meinen Augen nicht unbedingt gelungen. Das größte Problem, dass ich sehe, ist, dass Menschen, die dieses Buch dringend lesen sollten, vermutlich die ersten sein werden, die dieses Buch ob seiner Polemik in die Ecke pfeffern - und irgendwie kann ich sie verstehen. Das Durchhalten lohnt sich aber; auch, wenn ich am Ende nicht komplett überzeugt bin, habe ich einige Abschnitte, zu denen ich zurückkommen werde, und die ich so gerne weitergeben werde.

Als gäbe es mich nicht
 208 Seiten

Dieser Roman ist unglaublich stark. Mit S. hat Drakulić eine Protagonistin geschaffen, die sehr sachlich, fast schon distanziert, über das, was ihr während des Jugoslawienkriegs widerfahren ist, berichtet. Die Gewalt, die sie erlebt, ist vielfältig und wird teilweise auch sehr explizit dargestellt, allerdings in einem für den Roman notwendigem Maß. Auch, wenn dieser Roman die dunkle Seite der Menschheit zeigt, gibt es Stellen, die Hoffnung erwecken: Die kleinen Gesten zwischen den Frauen im Lager, die Unterstützung außerhalb und zum Schluss auch das Ende, was vielleicht nicht das glücklichste, aber auf jeden Fall ein sehr passendes ist.

Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht
 272 Seiten

Andrea Petković liefert mit diesem Erzählband ein wirklich starkes Debüt. Es ist kein literarisches Meisterwerk, aber besticht durch den emotionalen und ehrlichen Blick auf ihr Leben als Tochter bosnisch-serbischer Eltern in Deutschland, als Profi-Tennisspielerin sowie als Literatur- und Musikliebhaberin. Das Buch ist gerade dann stark, wenn Petković über den Tennissport oder Literatur schreibt. Dafür brennt ihr Herz; und das spürt man auch. In anderen Abschnitten, gerade, wenn sie über New York und ihre Freundschaften dort schreibt, fehlt einem diese Offenheit, man könnte es fast schon Begeisterung nennen. Gerade in diesen Passagen wirkt dann auch einiges doch relativ redundant. Insgesamt aber das lesenswerte autobiografische Werk einer sympathischen Frau. Ich bin gespannt auf mehr.

Die Dame mit der bemalten Hand
 168 Seiten

In meinen Augen ist dieser Roman nicht mehr als eine kurzweilige, gut - phasenweise auch sehr anspruchsvoll - geschriebene Geschichte. Der Roman war schlicht zu kurz, um sich richtig entfalten zu können: Die Charaktere, in meinen Augen etwas überzeichnet, hatten kaum Raum zur Entwicklung, die Beziehung zwischen dem Perser Musa und dem Europäer Niebuhr, die tragend für das Buch ist, kam doch recht kurz, der Handlungsstrang um Malik ist mir noch immer ein Rätsel - gerade im Kontext des Rests. Die Kernaussage, eine Art universelle Ringparabel, konnte das Buch für mich am Ende auch nicht retten.

V is for Virgin
 336 Seiten

Ich habe wirklich überlegt, ob ich das Buch überhaupt bewerten sollte, denn irgendwie erschien mir selbst ein Stern zu gnädig.

Es gibt zwei Dinge, die mich an diesem Buch wirklich fuchsig machen:

1) Für mich ist das, was dort beschrieben wird, ein Sinnbild toxischer Beziehungen - sowohl auf freundschaftlicher als auch romantischer Ebene. Die Darstellung an sich ist weniger problematisch, allerdings habe ich absolut kein Verständnis für Bücher, die sowas, insbesondere auch in der heutigen Zeit, als fast schon erstrebenswert darstellen. Kritische Auseinandersetzung? Fehlanzeige. Im Hinblick auf die Zielgruppe (14+) bekomme ich da irgendwie Bauchschmerzen.

2) Die Darstellung von vorehelichem Sex. Val, die Protagonistin, hat sich entschieden, keinen Sex vor der Ehe haben zu wollen, weshalb sie zu Beginn des Buches von ihrem Freund verlassen wird. An sich eine gute Grundlage und auch eine Einstellung, die ihre Daseins-Berechtigung hat. Allerdings verkommt das in diesem Buch dazu, dass Sex außerhalb der Ehe permanent als schlecht dargestellt wird. Es wird unglaublich viel und hart verurteilt; alles, was nicht dem Standpunkt der Protagonistin entspricht, ist irgendwie schlecht - und das wird irgendwie auch als Message des Buches verkauft. Ganz ehrlich: Ich möchte sowas in der heutigen Zeit einfach nicht mehr lesen.

Daneben absolut unerträgliche, nur so vor Klischees triefende Nebencharaktere. Einziger (klitzekleine) Pluspunkt ist vielleicht die Tatsache, dass sich Val nicht von ihrem Standpunkt abbringen lässt. Mehr kann ich dem Buch wirklich nicht abgewinnen.

↑ 2021
2020 ↓
Der Russe ist einer, der Birken liebt
 288 Seiten

Olga Grjasnowa hat mit ihrem Debütroman eine eindrucksvolle Geschichte über Trauer und die Suche nach Zugehörigkeit geschrieben. In sehr klarer und präziser Sprache begleiten wir Mascha, eine junge Frau, erst durch Berlin, später durch Tel Aviv. An einigen Stellen lebendig, an anderen eher distanziert, beschreibt die Autorin das Gefühlsleben der Protagonistin und je weiter das Buch voranschreitet, umso deutlicher wird die Tragik: Der Spielraum ist groß, aber die Ohnmacht, bedingt durch die Vergangenheit, überwiegt. Ein Buch, das gerade wegen dem hoffnungslosen Grundton, berührt und nochmal ein Gefühl für die eigenen Privilegien gibt.

Herzfaden
 288 Seiten

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mich dieses dermaßen verzaubern würde. Es ist unglaublich gut geschrieben, überzeugt durch Tiefe, gleichzeitig bleibt es aber unglaublich zugänglich. Die Verknüpfung zwischen der Familiengeschichte der Oehmichens, geprägt vom zweiten Weltkrieg, und dem zweiten, eher märchenhaften, Handlungsstrang, angesiedelt in der Gegenwart, in der die Puppen vor den Augen eines namenlosen Mädchens erwachen, hat in meinen Augen perfekt funktioniert und dem Buch einen besonderen Charme verliehen.

Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord
 212 Seiten

Ich bin mir nicht sicher, ob es Fred Vargas Stil oder dem Dasein als Auftaktband einer Reihe geschuldet ist, dass einige Passagen doch etwas langatmig wirken. Der Charaktervorstellung wurde sehr viel Raum gegeben, was nötig war, um die Charaktere und ihre doch sonderbaren Züge zu verstehen, andererseits rückte der Fall dadurch aus dem Fokus. Der Teil, der sich mit dem Kriminalfall beschäftigt hat, war allerdings bis zum Ende spannend, zugegeben etwas bizarr, aber das passte sehr gut ins Gesamtbild. Phasenweise las es sich leider mehr als holprig, vermutlich der Übersetzung geschuldet, und für meinen Geschmack war es am Ende doch etwas zu dialoglastig. Solider Krimi.

Der Gesang der Flusskrebse
 464 Seiten

Es war eines der Bücher, die ich dieses Jahr unbedingt lesen wollte, und hätte ich nicht zum Hörbuch gegriffen, hätte ich vermutlich auch ziemlich schnell abgebrochen. In meinen Augen wollte das Buch zu viel: Es ist ein wildes Potpourri aus Coming-of-Age-Roman, der für mich zu sehr das YA-Genre bediente, Naturbeobachtung, Kriminalfall, Gerichtssaal-Drama und einer Liebesgeschichte, die in ihrer Gänze an ein modernes Märchen erinnert. In dieser Fülle gepaart mit der nicht-chronologischen Erzählweise ging für mich das Potential, das die Geschichte hat, leider komplett verloren. Ich fand es schwer, eine Bindung zur Protagonistin aufzubauen, weil für mich an vielen Stellen die charakterliche Tiefe fehlte. Die Wendungen, die sich im Laufe des Romans ergeben, wirken sehr konstruiert und zu losgelöst von dem Vorangegangenen. Die sehr guten Naturbeschreibungen, für mich wirklich die große Stärke des Buches, konnten den Roman am Ende für mich allerdings auch nicht wirklich retten, irgendwann wirkten selbst die redundant.