Bücherregal lädt …
Die Nacht der Schildkröten
240 Seiten

Livia leidet von klein auf an einer Augenkrankheit, die sie nach und nach erblinden lässt. Für sie ist diese Diagnose verständlicherweise sehr schwierig, möchte sie doch weiterhin an ihren Sportwettkämpfen teilnehmen (sie ist eine der schnellsten Mädchen in ihrer Region), mit Freund*innen ausgehen, ein normales Leben führen und ja nicht auffallen möchte. Entsprechend handelt sie auch nicht immer vernünftig und nach den Empfehlungen ihrer Ärzten bzw ihrer Eltern.

Ein feinfühliges Buch über das Aufwachsen eines Mädchens mit einer Krankheit und über den Prozess, seine Krankheit anzunehmen und einen guten Umgang damit zu finden. Mich hat die Geschichte berührt und ich konnte Livia mit meiner starken Kurzsichtigkeit ein bisschen nachfühlen. Als Kind plagten mich manchmal auch Ängste, dass ich irgendwann erblinden werde. Bei Livia ist aber bald klar, dass es wirklich so kommen wird. Für mich eine furchtbare Vorstellung. Die Geschichte hat seine Längen und hätte durchaus etwas gestrafft werden können, ohne an Inhalt zu verlieren. Aber grundsätzlich ist die Geschichte schön und für mich authentisch erzählt.

Gesichter
160 Seiten

"Sie schliefen, und ihre Gesichter waren friedlich und fern und würden erst morgen wieder gebraucht. Vielleicht hatten sie ihre Gesichter sogar sorgfältig auf ihrer Kleidung abgelegt, denn Gesichter mussten sich ausruhen und waren beim Schlafen auch nicht dringend notwendig." (S.5)

Lise ist Autorin, Ehefrau und Mutter. Sie kommt in die Klinik, weil sie Stimmen hört und Wahnvorstellungen hat. Und immer diese Gesichter, die sie sieht... Gegen sie scheinen sich alle verschworen zu haben, meint sie. Die Angst, nicht mehr schreiben zu können, ist gross. Auch die Angst, dass ihr Mann sie verlassen wird.

Auch in diesem Buch nutzt Ditlevsen eine starke Bildsprache, wenn mir auch ihre Trilogie "Kindheit-Jugend-Abhängigkeit" besser gefallen hat. Die Frage: "Was ist Realität, was Wahn?" begleitete mich durch die gesamte Geschichte. Ich fragte mich auch oft, wie viel dieser Geschichte sich (wieder) mit ihrer eigenen deckt. Ein bedrückendes Buch.

Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an
224 Seiten

Man stirbt. Man steht morgens auf, macht seine Arbeit und stirbt. Man träumt, man stirbt. Man giesst Blumen, geht einkaufen, schüttelt Decken aus und stirbt. Man liest. Man liebt. Man stirbt. Vögel zwitschern, Narzissen springen mit einem leisen Rascheln auf - was folgt, ist Sterben. Zwecklos, sich damit anzulegen, man stirbt. Man stirbt. Man stirbt. (S.7)

Der Hass braucht nur eine Minute, um seinen Weg ins Herz zu finden, aber Generationen, um diesen Ort wieder zu verlassen. (S.35)

Innerlich wandere ich von einem Entsetzen zum nächsten. Äusserlich bin ich eine Tochter, die jeden Tag ihren Vater besucht. (S.63)

Herr Kiyak, der Vater der Autorin, hat Krebs. Die Tochter begleitet ihn im Kampf gegen die Krankheit, versucht alles, um ihn zu retten. Währenddessen ihr Vater ihr immer wieder Geschichten aus seiner Vergangenheit erzählt.

Ich habe beim Lesen schon lange nicht mehr (wenn überhaupt) so fest geweint, wie bei diesem Buch. Gleichzeitig musste ich auch immer wieder lachen. Wunderbar erzählt, geschrieben. Sehr zu empfehlen!