Nachtfröste seien zu erwarten und Sturm, Stärke soundso, aus Nordost. »Schöne Aussichten sind das«, hatte Paul gesagt und das Radio ausgeschaltet.
Jahreswechsel 1978/79. Über Norddeutschland tobt ein Schneesturm. In einem nordfriesischen Dorf an der deutsch-dänischen Grenze bricht Paul Tamm, der Wirt des „Grenzkrugs“, plötzlich zusammen. Es beginnen ungewisse Tage, in denen Pauls Ziehsohn Jannis sich an die vergangenen gemeinsamen Jahrzehnte erinnert: wie er selbst nach dem Zweiten Weltkrieg als kleiner Junge in die Familie kam, wie Paul aus dem Lager zurückkehrte, beim Wiederaufbau der Gastwirtschaft half. Bei Pauls Jagd nach den Spuren einer versunkenen Stadt im Watt begleitet ihn Jannis, der dabei auf die Geschichte eines englischen Soldaten stößt. Auf geheimnisvolle Weise scheint diese mit Jannis’ Herkunft verknüpft zu sein.
Ein kleiner Fleck im Nirgendwo, die Handlung wirkt wie nebenbei, dafür viel Atmosphäre. Für mich ein besonderes Buch.
Bremen im 18. Jahrhundert: Die Altendiecks sind eine der angesehensten Handwerksfamilien der Stadt. In ihrer Werkstatt entstehen kunstvolle Uhren für Ratsherren, Kaufleute und Seekapitäne. Johann Altendieck wird von der Konkurrenz ausgetrickst, seine Tochter Gesche ist talentiert, aber als Frau ohne Rechte, Enkel Nicolaus wird einen Krieg erleben, der den ganzen Kontinent zerreißt. 100 Jahre auf knapp 800 Seiten zu bündeln ist bestimmt nicht leicht, aber über manche Phasen dieser 100jährigen Familiengeschichte hätte ich gern mehr erfahren.
Julika taucht als Bernsteinforscherin in längst vergangene Welten ein, Farne, Echsen, alles Leben, das vor Millionen von Jahren vom Harz der Urzeitwälder eingeschlossen wurde. Am Abend, bei der Pflege ihrer kranken Mutter, steht ihr eigenes Leben still. Bis Julika in einem Bernstein einen außergewöhnlichen Fund macht, der sie an die Ostsee führt, zu Ebba, einer Frau, die immer ihren eigenen Weg gesucht hat.
Leichte Lektüre, man erfährt etwas über Bernsteinforschung, Touristik an der Ostsee in den 60er Jahren, gesellschaftliche Einschränkungen der Frauen, weil ihre "Verpflichtungen" eigene Wünsche ins Hintertreffen geraten lassen.
Lous zweiter Ehemann Sergej ist Pianist und jüdisch, genau wie Lou. Trotzdem ist ihre Tochter Rosa noch nie in einer Synagoge gewesen - eine ganz normale jüdische Familie in Berlin. Aber sind sie noch eine Familie, und was ist das überhaupt? Um das herauszufinden, folgt Lou der Einladung zum 90. Geburtstag ihrer Tante. In einem abgehalfterten Resort auf Gran Canaria trifft der ganze ex-sowjetische Clan aus Israel zusammen, verbunden nur noch durch wechselseitige Missgunst. Gegen die kleinen Bösartigkeiten und die vage Leere in sich trinkt Lou systematisch an und weiß plötzlich, dass die Antwort auf all ihre Fragen in der glühenden Hitze Tel Avivs zu finden ist.
Verstörendes Thema, passt leider in die Zeit
Larry Stack, ein Lehrer und Gewerkschaftsführer aus Dublin, wird bei einer Demonstration gegen das neue Regime verhaftet und ohne Anklage festgehalten. Kurz darauf verliert er jeglichen Kontakt zu seiner Familie. Seine Frau Eilish versucht zunächst, die Freilassung ihres Mannes zu erwirken, doch bald wird klar, dass Larry spurlos verschwunden ist. Sie ist überzeugt, dass das Regime nicht lange an der Macht bleiben und durch internationale Empörung und Wirtschaftssanktionen, wie ausländische Nachrichten berichten, gestürzt werden wird. Eilish muss sich aber auch um ihren Vater Simon kümmern, der an Demenz leidet und gelegentlich lichte Momente hat, in denen er sie anfleht, das Land zu verlassen. Sie weigert sich und ist überzeugt, dass sich die Situation bessern und Larry zurückkehren wird.
Erfahrungsbuch über LongCovid ..der neue Alltag
Nach dem Tod der alkoholkranken Mutter fährt Ida nicht wie geplant zu ihrer Schwester Tilda nach Hamburg, sondern landet schließlich auf Rügen bei dem älteren Ehepaar Marianne und Knut. In deren Kneipe und Alltag findet Ida eine erste Form von Halt und versucht, die Vergangenheit auszublenden, die sie in Form von Albträumen heimsucht. Auf der Insel begegnet sie auch Leif, einem jungen Mann mit eigener schwieriger Geschichte. Zwischen beiden entsteht eine vorsichtige Nähe, die Ida zum ersten Mal wieder Hoffnung gibt. Die Besonderheit bei den Dialogen den gleichen Text als Gedanken voran zu setzten, stört mich etwas im Lesefluß bzw Hörgenuß. Sie schreibt, was sie Protagonistin denkt, dann kommt der Dialog mit "Ich": und dem gleichen Text.
Familie Redlich flüchtet im Jahr 1938 mit einer kleinen Tochter vor dem NS-Regime aus dem Deutschen Reich nach Kenia. Der ehemalige Rechtsanwalt Walter Redlich arbeitet dort als Verwalter auf der kümmerlichen Farm eines Briten. Seine Frau Jettel kann sich nur schwer an das Leben in dem ganz anderen Land gewöhnen. Die Tochter Regina hingegen blüht in dem fremden Land förmlich auf. Sie lernt die Sprache, interessiert sich für die Bräuche des Landes und besucht erfolgreich eine englische Schule. In dem Koch Owuor findet sie einen guten väterlichen Freund. Im Exil erfahren die Eltern von den NS-Verfolgungen im November 1938 gegen Juden überall in Deutschland und später von der Ermordung der Eltern Jettels sowie des Vaters und der Schwester Walters in einem Konzentrationslager „im Osten“. Walter Redlich, der nun bei der britischen Armee dient, bewirbt sich nach dem Ende des Krieges um eine staatliche Anstellung als Jurist im zerstörten Deutschland; ihm wird daraufhin ein Richteramt angeboten.
Die Sprecherin Franziska Pigulla hat eine sensationelle Stimme. Leider werden die Fortsetzungen von Gaby Dohm gelesen, die einen vollkommen anderen Sprachklang hat. Wie immer bei diesem Thema erfährt man aus unterschiedlichen Perspektiven und Orten viel über Hintergründe. Es hat mich überrascht, dass gerade die jüdischen Refugees, die schon länger im Land waren, durchaus ablehnend auf die neuen Zuwanderer reagiert haben. Teile der Menschheit werden wohl immer und überall ihre Ressentiments "pflegen"
Sophie im Hamsterrad aus Studium und Leistung, in einem sterbenslangweiligen Praktikum. Dann folgt sie einem Impuls und kauft per Klick im Internet für einen Spottbetrag ein altes, verfallenes Haus in der ostdeutschen Provinz und beginnt mit Renovierungsarbeiten, die nicht so einfach sind wie es auf YouTube dargestellt wird. Dort, wo nur weite Felder und flirrendes Licht sind, beginnt Sophie endlich, die Erwartungen anderer abzustreifen und sich zu fragen: Was will ich eigentlich? Und warum?“
Unerwartet gut. Wo ich einen belanglosen SelbstfindungsJugendroman (Coming of Age) erwartet hatte, überraschte mich Sophie mit ihren reflektierenden Gedanken. Mir hat gefallen, dass sie sich die Zeit ohne Ablenkung durch ihre sozialen Verbindungen für das "was, wie und mit wem" genommen hat.
Sara Harmsen betreibt eine kleine Fähre, die das Dorf Erlengrund mit dem Rest der Welt verbindet und lebt in einem abgelegenen Haus am Fluss. Eines Tages taucht ein junger Mann, der verletzte Leon, auf der Fähre auf. Im weiteren Verlauf geht es um eine geplante Brücke, Protestcamps im Wald und ein großes Unwetter. Urlaubslektüre ohne verreisen aber mit Erinnerungen an eine Radtour entlang der Elbe
Die Biologin Zoe reist mit ihrer Schwester Hanna und Tante Auguste durch Europa, um nach Augustes verschwundener Freundin Sophie zu suchen. Die Geschichte findet 2041 statt und thematisiert die gesellschaftlichen Verwerfungen und das Artensterben. Daneben werden auch die individuellen Eigenarten und Konflikte im Familienkonstrukt geschildert.
Pikay Mahanandia erfuhr Bekanntheit durch seine Fahrt im Jahr 1977 mit dem Fahrrad von Neu-Delhi in Indien nach Göteborg in Schweden, um dort seine Liebe Charlotte (Lotta) von Schedvin wiederzusehen.
Längen in der Mitte, aber ein guter Einstieg, um mehr über das politische und private Leben in Indien zu erfahren.
Wie die Familie ten Boom in den Niederlanden während der Zeit des Naziregimes vielen Verfolgten Schutz bot.
Im Original „Upward Bound“, erzählt Woody Brown vom Alltag in der gleichnamigen Tagesstätte für Erwachsene in Südkalifornien. Hier begegnen sich Schicksale, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da ist Carlos, der Pfleger mit dem unerschütterlichen Optimismus, der junge Tom, der sich wortlos nach einer Liebe verzehrt, die unerreichbar scheint. Und da ist Walter, der nach einem schweren Schicksalsschlag versucht, die Scherben seines Lebens wieder zusammenzusetzen.
Ein berührendes Porträt, dass nachdenklich macht. Über fehlende Teilhabe von Menschen, die meist missverstanden werden, weil sie nicht den "Normen" entsprechend kommunizieren können. Ein inspirierendes Buch über Möglichkeiten, wie es trotzdem zu einer Verständigung kommen kann.