Die Postkarte
544 Seiten

Zutiefst berührt. Die Geschichte der Familie Rabinowicz, die sich ausgehend von den 1920er Jahren, mit dem Wunsch nach einem sicheren Leben über mehrere Stationen in Frankreich niederlässt. Die wahre Geschichte der deportierten Geschwister und Eltern wird vier Generationen später anhand der Gespräche zwischen Enkelin und deren Tochter erzählt. Sie recherchieren mit Hilfe von Forschungsberichten, finden die Veröffentlichung einer früheren Lagerärztin, auch Zeitungsartikel und bringen Stück für Stück den Weg von Geschwister und Eltern der einzig überlebenden Großmutter ans Licht. Es zeigt auf, dass die vermeintliche Sicherheit in Frankreich ein Trugschluss war und wie die französischen Behörden an den Deportationen mitgewirkt hatten. Was ich noch nie so gelesen habe ist die Beschreibung, wie die Pariser auf die Rückkehr der Überlebenden unmittelbar nach der Befreiung reagiert haben. Sehr beeindruckt hat mich auch, wie Anne Berest den Bogen aufgebaut hat, indem sie die Rekonstruktion der Ereignisse anhand der dokumentarischen Fundstücke mit Rückblenden verknüpft. Ich las Rezensionen, die das Buch langatmig fanden. Ich fand es angesichts der tragischen Thematik, die bis in die heutige Generation wirkt, angemessen.

Vaterländer
283 Seiten

Sabin Tambrea erzählt seine eigene Familiengeschichte. Wir erfahren, wie er als Kleinkind die politischen Bedrohungen wahrgenommen hat. Auszüge aus den Briefen der Eltern berichten über die seelischen Nöte, über die Ereignisse im Alltag und den Weg der Familie nach Deutschland. Der Großvater hinterlässt ein Tagebuch, dass seine Zeit in politischer Gefangenschaft beschreibt und noch einmal deutlicher macht, wie brutal die Repressionen in Rumänien stattfanden. Trotz aller Tragik spürte man den Zusammenhalt der Familie, liebevoll und tröstend kümmern sie sich umeinander. Das tut auch dem Leser gut. Lieblingsbuch, weil ich bislang nur wenig über Rumänien und die politischen Verhältnisse wusste und weil Sabin Tambrea nicht nur als Schauspieler die Charaktere gut vermitteln kann.

Auf der Straße heißen wir anders
178 Seiten

Vertreibung und Völkermord. Bis in die heutige Zeit hinein gibt es Teile der Gesellschaft, die dem Drang folgen, Feinde zu markieren und diese zu bekämpfen. Die Überlebenden versuchen, für sich und die folgenden Generationen eine sichere Zukunft aufzubauen. Was bleibt, ist oft das Schweigen in den Familien. Das wird in diesem Buch am Beispiel Armenien erzählt. Wir alle sollten lernen, uns für diese Schicksale zu interessieren. Ich habe "Auf der Straße heißen wir anders" deshalb sehr gern gelesen, denn es weckt die Neugier auf die Menschen, die um uns herum keinen Platz finden, um von sich zu erzählen und die oft versuchen, unsichtbar zu bleiben.

Radio Activity
351 Seiten

Kein leichtes Thema. Faszinierend, wie Karin Kalisa diese Geschichte entwickelt. Zu Beginn die Rückkehr der Tochter in die alte Heimatstadt, nachdem sie von der schweren Erkrankung der Mutter erfährt. Sie trifft alte und neue Weggefährten und gemeinsam plant man, einen neues Radioformat aufzubauen. Ab dem zweiten Kapitel wird es dann extrem emotional. Die Mutter erzählt über ein Geschehen, das kein Kind erleben sollte und bei dem selbst das nächste Umfeld weggesehen hat. Zum Schluss die Reflektion. Wie geht man damit um? Welche juristischen Wege bestehen? Eine Lektüre, die nachwirkt.

Das verborgene Lied
375 Seiten

Ein Backfisch umschwärmt zu intensiv einen verheirateten Maler, ein bisschen Spuk, ein Galerist auf der Suche nach seinen Wurzeln, eine spröde Farmerin, die etwas verbirgt. Ich hatte wenig Sympathien für diese Geschichte und die meisten der beteiligten Personen.

Die Burg der Könige
944 Seiten

Ein neuer Versuch, in die Geschichte des Mittelalters einzutauchen. Ein unterhaltsamer Roman, der dazu einlädt, etwas tiefer über die Staufer, dem Dom in Speyer oder die Burg Trifels zu recherchieren. In der letzten Viertelstunde wurde es leider etwas gefühlsduselig. Professionell gelesen von Johannes Steck

Schwebende Lasten
271 Seiten

Eine, die das Leben nimmt, wie es kommt. Die Geschichte beschreibt sehr anschaulich, mit welchen Problemen die Frauen zu Beginn des letzten Jahrhunderts zurecht kommen mussten: funktionieren und überleben. Mich hat die Resilienz der Protagonistin sehr beeindruckt. Die Zeiten waren, wie wir wissen, besonders hart. Ich denke, die wenigsten Großmütter haben so ausführlich aus ihrem Leben berichtet. So hat Annett Gröschner mit diesem dramatischen wie auch poetischen Roman die kargen Antworten meiner Großmütter ergänzt.

Die karierten Mädchen
342 Seiten

Auf 150 Cassetten hat die Großmutter Klara aus ihrem Leben erzählt. Möglicherweise ein Fundus für einen eindrucksvollen Roman. So ist aus diesen Berichten dann auch eine Trilogie entstanden. Für mein Empfinden sind die politischen Auswirkungen und Konflikte zu knapp thematisiert. Stattdessen werden endlos die Gedanken über die personelle Besetzung, Brautschau und die sonstige Organisation im Kinderheim beschrieben. So ist daraus eine eher flache Story entstanden.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert
660 Seiten

Nach den "Baltimores" las ich gleich in einen weiteren Roman von Joël Dicker und lernte eine ganze Kleinstadt kennen und wie es für Schriftsteller so im Verlagswesen ablaufen kann. Gut beschriebene Charaktere und eine Geschichte, die mich zeitweise an die Fernsehserie TwinPeaks erinnerte. Auf jeden Fall blieb es durchgehend spannend und zum Ende wurde auch (zum Glück) meine Frage aufgelöst, warum die Art der Dialoge zwischen Nola und Harry Quebert mich so irritierten.

Die Geschichte der Baltimores
512 Seiten

Es war mein erstes Buch von Joel Dicker und sein Erzählstil hat mich gleich gepackt, erst recht, weil Torben Kessler vorgelesen hat.

Es beginnt recht entspannt und harmonisch mit dem Aufwachsen dreier Cousins, erzählt in Rückblenden. Dabei deutet der Autor mehrmals eine kommende Katastrophe an. So blitzte immer wieder der Satz in meine Gedanken: 'Na, da bin ich ja mal gespannt. '