Makarionissi oder Die Insel der Seligen
460 Seiten

In einer Rezension im Feuilleton las ich, Vea Kaiser schreibe hier "Buttercremeprosa". Klingt etwas abwertend, oder? Mir hat das Buch dagegen gut gefallen. Es beschreibt Umbrüche. Zum einen das sehr einfache Leben in der griechisch-albanischen Grenzregion, die Kindheit und die familiären Bindungen. Durch politische Veränderungen werden Lebensentwürfe auf den Kopf gestellt. Die beiden Hauptakteure, die streitbare Eleni und ihr Cousin Lefti finden sich als Ehepaar in einer deutschen Kleinstadt wieder und auch am neuen Ort läuft es nicht in ruhigeren Bahnen weiter. Der Bogen spannt sich von amüsant bis dramatisch, oft unerwartet.

Die Reise ans Ende der Geschichte
288 Seiten

Ein Doppelagent will in Kasachstan ein letztes großes Ding drehen, ein Dichter hofft auf das Abenteuer seines Lebens und eine Italienischlehrerin versucht, das Schlimmste zu verhindern. Und das ist, was Saša Stanišić sehr treffend dazu sagt: »Wäre Kristof Magnussons Literatur ein Wetterphänomen, wären wir im April: erst Heiterkeit, dann ein Donner, dann Kälteeinbruch, und am Ende sitzt man da mit kurzen Ärmeln und findet es die fantastischste Zeit des Jahres.«

& Else
272 Seiten

Ein Blick in ein Familienleben der 60er Jahre mit den damals klassischen Rollenbildern. Else emanzipiert sich und macht als erste Frau in Hessen einen Taxischein. Familie und Freunde erfahren davon lange Jahre nichts. Eine interessante Rückblende, wenn man bei den eigenen Eltern ähnliches erlebt hat. Für mich blieb die Person Else allerdings etwas blass.

Grenzwall - Anne in Berlin
302 Seiten

1941 - Anne lebt in der Kleinstadt Friedeberg in Pommern bei ihren Eltern. Bei einem Badeausflug lernt sie Wilhelm kennen und folgt ihm nach Berlin. Was Anne nicht weiß - Wilhelm ist in der Waffen-SS und arbeitet für die Gestapo. Es kommt zu einem brutalen Streit und Anne flieht zu ihrer Freundin Elsie. ......Kein Verglich zu "Marseille 1940", Sätze wiederholen sich. Ich habe das Gefühl, der Autor hat sich nicht genug Zeit genommen.

Für Angst blieb keine Zeit
439 Seiten

Nach realen Erlebnissen von Betty Oudkerk als Betreuerin in einem jüdischen Kindergarten in Amsterdam. Die Geschichte wird einem nahe gehen, denn es geht um Kinder, die 1941 deportiert werden sollen. Es geht um Kollaboteure und ein Netzwerk im Untergrund, die einigen wenigen helfen, einen sicheren Platz bei Pflege- oder Adoptiveltern zu finden. In einer Szene beschreibt Betty, wie sie sich angesichts der Grausamkeiten von ihren Gefühlen abkoppelt, damit sie weiter ihre Aufgaben erfüllen kann. Vielleicht ist es diese Distanziertheit, die ich auch im Schreibstil empfinde. Die Charaktere in diesem Buch bleiben für mich eher fremd.

Der Zug der Waisen
352 Seiten

USA: Die Geschichte der Waisenzüge ist historisch belegt: Zwischen 1853 und 1929 brachten Sozialorganisationen Kinder von den übervölkerten Großstädten im Osten der USA per Zug in den Mittleren Westen zu Pflegefamilien. Die junge Molly heuert im Rahmen einer sozialen Auflage bei der betagten Vivian an, um deren Speicher aufzuräumen. Beide haben ihre Kindheit und Jugend in Pflegefamilien erlebt. Es schafft die Verbindung, dass Vivian von ihrer Vergangenheit erzählt. Christina Baker Kline beschreibt in ihrem Buch sehr bewegend von dem oft steinigen Weg der Kinder.

Ansichten eines Clowns
288 Seiten

Etwas anstrengende Lektüre, wenn einem der Protagonist nicht so sympathisch ist. Dennoch bietet der Stoff einen guten Einblick in die Zeit der 1970er Jahre, die gesellschaftlichen und moralischen Ansprüche und Konflikte, besonders im katholischen Umfeld.

Das Echo der Gezeiten
810 Seiten

Die Charaktere und Zeitgeschehen waren fiktiv mit Episoden, die tatsächlich, aber in anderer Konstellation ähnlich stattgefunden haben. Mit zwei Geschichten, jeweils in zwei Jahrhunderten werden die Erlebnisse der Frauen betrachtet und wie sie der Verleumdung, Geringschätzung und Aneignung ihrer Ideen ausgesetzt waren.

Die Postkarte
544 Seiten

Zutiefst berührt. Die Geschichte der Familie Rabinowicz, die sich ausgehend von den 1920er Jahren, mit dem Wunsch nach einem sicheren Leben über mehrere Stationen in Frankreich niederlässt. Die wahre Geschichte der deportierten Geschwister und Eltern wird vier Generationen später anhand der Gespräche zwischen Enkelin und deren Tochter erzählt. Sie recherchieren mit Hilfe von Forschungsberichten, finden die Veröffentlichung einer früheren Lagerärztin, auch Zeitungsartikel und bringen Stück für Stück den Weg von Geschwister und Eltern der einzig überlebenden Großmutter ans Licht. Es zeigt auf, dass die vermeintliche Sicherheit in Frankreich ein Trugschluss war und wie die französischen Behörden an den Deportationen mitgewirkt hatten. Was ich noch nie so gelesen habe ist die Beschreibung, wie die Pariser auf die Rückkehr der Überlebenden unmittelbar nach der Befreiung reagiert haben. Sehr beeindruckt hat mich auch, wie Anne Berest den Bogen aufgebaut hat, indem sie die Rekonstruktion der Ereignisse anhand der dokumentarischen Fundstücke mit Rückblenden verknüpft. Ich las Rezensionen, die das Buch langatmig fanden. Ich fand es angesichts der tragischen Thematik, die bis in die heutige Generation wirkt, angemessen.