Tolles Buch! Im Vergleich zum "Handbuch Ultrawandern" deutlich besser geschrieben, sowohl sprachlich als auch von Aufbau und Struktur her. Die Anekdoten sind immer auch informativ und werden nicht langweilig. Der Fokus ist auf wirklich sehr spartanische und extreme Wanderungen (Wüsten, Sümpfe mit Alligatoren...) gelegt, aber auch weniger anspruchsvolle Wander*innen können viel daraus ziehen und Respekt vor den Distanzen und Herausforderungen abbauen. Alles geht.
Anregende, kurze Gedankenimpulse zu verschiedenen Themen, Fragen und Überlegungen aus Naturwissenschaft und Philosophie. Synthesen und Rekapitulierungen wären schön gewesen. Und vermutlich hätte ich mich auch zu mehr Gedanken ermutigen können. So ist leider auch vieles durch mich hindurch gerauscht.
Liest sich einfach so weg. Trotz der Variationen auf bekannte Elemente von Krimis immer kurzweilig und immer wieder auch überraschend. Dazu ist vor allem die Atmosphäre dicht und saugt einen ein, und die Charaktere überzeugen ebenso wie die Inszenierung und das schrittweise Fallenlassen von Hinweisen und (manchmal falschen) Fährten.
Neben plausiblen Ansätzen für einen besseren zwischenmenschlichen Umgang, zwei wesentliche Kritikpunkte: der sprachlich-textliche betrifft die fehlenden Einleitungen, Überleitungen, Konjunktionen und Konklusionen. Zu oft wirkt es so, als wäre die bei einem Paper "Introduction" betitelte Hinführung gestrichen worden, fehlen der Brückenschlag zu Vorangesagtem, die Erklärungen für Auswahl und Ordnung der Texte. Zweiten, inhaltlich, werden zu viele pauschalisierende Aussagen getätigt. Dass in jeder und jedem Übergewichtigen eigentlich eine Stimme wohnt, die sagt, dünner wäre besser, ist von der Aussage als auch ihrer Absolutheit her für mich schwer vermittelbar. Unter dieser Argumentationsführung leidet die Glaubwürdigkeit des gesamten Textes. Man sollte es sich an keiner Stelle so einfach machen, und dort schon gar nicht.
Bis zu "A Promised Land" habe ich noch kaum eine Biographie gelesen. Und auch nach Lektüre dieser Autobiographie kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, dass ich eine gelesen hätte. Zu schwer liegt der Fokus auf der Politik und der Präsidentschaft. Und zu besonders ist auch der Mensch, der diese Chronologie der Ereignisse aufgeschrieben hat. Was so fasziniert: der Detailgrad, mit dem alle Erinnerungen, Gespräche, Gedanken, Entscheidungen widergegeben werden. Die Werte, die dabei immer wieder betont werden: die Demut, der Anspruch an sich selbst, die Gemeinschaft, die Lockerheit, Humor, Familie. Das Überwinden von allem Trennenden. Es schmerzt aber auch, jetzt, fünfzehn Jahre später, davon zu lesen, wie sehr Bestrebungen für mehr Klimaschutz von Wirtschaft und Politik verhindert wurden, wie sich die politische, diskursive Lage in den USA noch weiter verschlimmern konnte über ein bereits Anfang der 10er Jahre kaum erträgliches Maß an Blockade und persönlichem Machtstreben hinaus.
Was etwas schade ist: so sehr Obama auch gerade die ihm Nahestehenden lobt, so fällt doch auf, wie sehr das Lob abnimmt, je weiter entfernt jemand steht. Dass in den beschriebenen Jahren, insbesondere den ersten drei seiner Präsidentschaft, quasi kein Vorschlag von anderen Regierungschef zitiert wird, der den eigenen Überlegungen überlegen war, gleichwohl mehrere konkrete Vorkommnisse genannt werden, bei denen er den - offensichtlich - weniger fähigen Europäer*innen aus Finanzkrise und Libyenkrise hinaushelfen musste, wirft allerdings Fragen auf. Gerade auch hinsichtlich seiner von ihm selbst kritisierten Neigung zum "Big Mouth" und "Machosphere", wo es durchaus darum ging, dominant zu sein, sich argumentativ die Oberhand zu verschaffen, aber vielleicht nicht immer darum, am Ende auch für das beste wenngleich leise Argument zu stimmen. Dennoch: diese Einblicke, diese Inspiration und Motivation erfahren zu dürfen, war eine ganz besondere Lektüre. Ich hoffe sehr, Band 2 wird demnächst veröffentlicht.
Bei Gelegenheit mehr zu diesen unwahrscheinlichen Geschichten aus England