Bücherregal lädt …
A Promised Land
768 Seiten

Bis zu "A Promised Land" habe ich noch kaum eine Biographie gelesen. Und auch nach Lektüre dieser Autobiographie kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, dass ich eine gelesen hätte. Zu schwer liegt der Fokus auf der Politik und der Präsidentschaft. Und zu besonders ist auch der Mensch, der diese Chronologie der Ereignisse aufgeschrieben hat. Was so fasziniert: der Detailgrad, mit dem alle Erinnerungen, Gespräche, Gedanken, Entscheidungen widergegeben werden. Die Werte, die dabei immer wieder betont werden: die Demut, der Anspruch an sich selbst, die Gemeinschaft, die Lockerheit, Humor, Familie. Das Überwinden von allem Trennenden. Es schmerzt aber auch, jetzt, fünfzehn Jahre später, davon zu lesen, wie sehr Bestrebungen für mehr Klimaschutz von Wirtschaft und Politik verhindert wurden, wie sich die politische, diskursive Lage in den USA noch weiter verschlimmern konnte über ein bereits Anfang der 10er Jahre kaum erträgliches Maß an Blockade und persönlichem Machtstreben hinaus.

Was etwas schade ist: so sehr Obama auch gerade die ihm Nahestehenden lobt, so fällt doch auf, wie sehr das Lob abnimmt, je weiter entfernt jemand steht. Dass in den beschriebenen Jahren, insbesondere den ersten drei seiner Präsidentschaft, quasi kein Vorschlag von anderen Regierungschef zitiert wird, der den eigenen Überlegungen überlegen war, gleichwohl mehrere konkrete Vorkommnisse genannt werden, bei denen er den - offensichtlich - weniger fähigen Europäer*innen aus Finanzkrise und Libyenkrise hinaushelfen musste, wirft allerdings Fragen auf. Gerade auch hinsichtlich seiner von ihm selbst kritisierten Neigung zum "Big Mouth" und "Machosphere", wo es durchaus darum ging, dominant zu sein, sich argumentativ die Oberhand zu verschaffen, aber vielleicht nicht immer darum, am Ende auch für das beste wenngleich leise Argument zu stimmen. Dennoch: diese Einblicke, diese Inspiration und Motivation erfahren zu dürfen, war eine ganz besondere Lektüre. Ich hoffe sehr, Band 2 wird demnächst veröffentlicht.

Ghost Stories
387 Seiten

Ein paar Mal schon hatte ich das Buch im Laden liegen, stehen, auch beworben gesehen. Klar, ein Spiegel-Bestseller. Gekauft habe ich es dann bei der Buchhandlung im Hamburger Hauptbahnhof, da die Regionalbahn nach Lübeck aufgrund einer (doppelten) Streckensperrung erst mit über einer Stunde Verspätung losgefahren ist und ich mein Buch vergessen hatte einzupacken. Was für ein Glück! Ich habe das Buch von Anfang an genossen, hatte mehrfach Tränen in den Augen und auch viele Anregungen für weitere Lektüre erhalten; und es wurden ein paar Scheite auf die Leseglut gelegt. Es ist ein sehr offenes Buch, in dem sich Frau Hustvedt wie auch ihren Mann, Paul Auster, auch sehr verletzlich und klein zeigt. Sicherlich bleiben unschöne Momente auch außen vor, und im Rahmen der Krebstherapie und seiner Leidensgeschichte wird es davon einige gegeben haben, aber man fühlt sich trotzdem so nah. Und lernt beide Menschen mit ihren Marotten lieben. Die Briefe, die Paul noch an seinen Enkel geschrieben hat, waren immer wieder Höhepunkte, genauso wie as Herantasten von Siri Hustvedt an ihre Trauer, an die Leere, das Schemenhafte. In der zweiten Hälfte gab es teilweise der suchenden Einträge zu viele; zumindest fehlte mir dabei das Ziel der Sätze, es bewegte sich zwar fort, aber v.a. auf der Stelle. Aber das hat den Lesegenuss nur vorübergehend getrübt. Eine uneingeschränkte Empfehlung.

Hingabe. Warum wir uns auf die Welt einlassen
286 Seiten

Lange zwischen drei und vier Sternen geschwankt. Lange Zeit war es mir zu sehr auf Extreme ausgerichtet, stellte reine Devotion und Egoismus gegenüber, um beide als untauglich erkennen zu können. Das sind sicher interessante Gedankenexperimente, aber die Erkenntnis könnte schneller gefasst sein. Immerhin: die literarischen Beispiele, allen voran Fernando Soares aus dem Buch der Unruhe, waren allesamt aufschlussreich und machten neugierig. Und: die Synthese am Ende, wie ein glückliches Leben gelingen kann, aus einer Symbiose von Authentizität, Erkennen der eigenen Rollen und Aufgaben und Hingabe auf selbige, las sich ermutigend. Das Buch ist sicher nicht für jede und jeden geeignet, zunächst hoch theoretisch, und führt dazu literarische Beispiele zur Argumentation an (über die Zulässigkeit dieser Vorgehensweise kann man diskutieren). Wer sich darauf einlassen kann und Interesse an dem Thema verspürt, findet ein Buch mit seltenen Fokus.

& Wofür stehst Du?
248 Seiten

Das Buch ist natürlich toll geschrieben, sprachlich ein Vergnügen. Auch die Geschichten, Erfahrungen und Gedanken, die sie teilen, sind häufig interessant, treffend, und manchmal, insbesondere bei dir Lorenzo, auch aus einer eigenen Perspektive neu. Dazu ist natürlich einiges aus dem Alltag gegriffen. Ich hätte mir allerdings gewünscht, weniger Anekdoten und mehr Auseinandersetzung zu finden, so wie es manchmal bei gegenseitigen Bezügen (sie schreiben die Absätze abwechselnd) aufkommt. Das Buch ist so eine ehrliche Reflexion geworden, aus der man für sich selbst etwas ziehen kann. Hätte aber mehr Diskurs und weniger Deskription sein dürfen. Eigentlich 3,5*

Schluss mit dem täglichen Weltuntergang
224 Seiten

Enthält viele Anregungen für den eigenen Umgang mit den Medien, viele interessante Studien und Fakten zu Verzerrungen der Wahrnehmung und des Denkens, auch und insbesondere in den Medien selbst (Fokus auf Negativ-Berichterstattung). Hätte mir allerdings mehr Klarheit gewünscht, was das Buch sein will. Teils Überblick über unseren Medienkonsum, teils Vorstellung von "Perspective Daily", teils kurze Beschreibung mehrerer kognitiver Verzerrungen ohne klaren Rückbezug auf den Umgang damit auf der eigenen Plattform oder zum Medienkonsum. Das letzte Kapitel wirkt damit wie ein Nachklappt, nicht gut integriert. Für an dem Thema interessierte aber eine gute Lektüre.