Lange zwischen drei und vier Sternen geschwankt. Lange Zeit war es mir zu sehr auf Extreme ausgerichtet, stellte reine Devotion und Egoismus gegenüber, um beide als untauglich erkennen zu können. Das sind sicher interessante Gedankenexperimente, aber die Erkenntnis könnte schneller gefasst sein. Immerhin: die literarischen Beispiele, allen voran Fernando Soares aus dem Buch der Unruhe, waren allesamt aufschlussreich und machten neugierig. Und: die Synthese am Ende, wie ein glückliches Leben gelingen kann, aus einer Symbiose von Authentizität, Erkennen der eigenen Rollen und Aufgaben und Hingabe auf selbige, las sich ermutigend. Das Buch ist sicher nicht für jede und jeden geeignet, zunächst hoch theoretisch, und führt dazu literarische Beispiele zur Argumentation an (über die Zulässigkeit dieser Vorgehensweise kann man diskutieren). Wer sich darauf einlassen kann und Interesse an dem Thema verspürt, findet ein Buch mit seltenen Fokus.
Ein paar Mal schon hatte ich das Buch im Laden liegen, stehen, auch beworben gesehen. Klar, ein Spiegel-Bestseller. Gekauft habe ich es dann bei der Buchhandlung im Hamburger Hauptbahnhof, da die Regionalbahn nach Lübeck aufgrund einer (doppelten) Streckensperrung erst mit über einer Stunde Verspätung losgefahren ist und ich mein Buch vergessen hatte einzupacken. Was für ein Glück! Ich habe das Buch von Anfang an genossen, hatte mehrfach Tränen in den Augen und auch viele Anregungen für weitere Lektüre erhalten; und es wurden ein paar Scheite auf die Leseglut gelegt. Es ist ein sehr offenes Buch, in dem sich Frau Hustvedt wie auch ihren Mann, Paul Auster, auch sehr verletzlich und klein zeigt. Sicherlich bleiben unschöne Momente auch außen vor, und im Rahmen der Krebstherapie und seiner Leidensgeschichte wird es davon einige gegeben haben, aber man fühlt sich trotzdem so nah. Und lernt beide Menschen mit ihren Marotten lieben. Die Briefe, die Paul noch an seinen Enkel geschrieben hat, waren immer wieder Höhepunkte, genauso wie as Herantasten von Siri Hustvedt an ihre Trauer, an die Leere, das Schemenhafte. In der zweiten Hälfte gab es teilweise der suchenden Einträge zu viele; zumindest fehlte mir dabei das Ziel der Sätze, es bewegte sich zwar fort, aber v.a. auf der Stelle. Aber das hat den Lesegenuss nur vorübergehend getrübt. Eine uneingeschränkte Empfehlung.