Bücherregal lädt …
Vatertage
431 Seiten

In „Die Postkarte“ hat Anne Berest die Familie ihrer Mutter beleuchtet, in „Vatertage“ geht es nun um die Familie ihres Vaters. Vom Urgroßvater Eugène, zum Großvater desselben Namens, bis zu ihrem Vater Pierre: Drei Generationen, die Teil ihrer eigenen Revolutionen waren, sich für ihre Rechte einsetzten und doch nicht immer wussten, was sie vom Leben wollten. Anne Berest möchte gerne mehr zu ihrer aller Leben erfahren, doch als ihr Vater krank wird, wird ihr bewusst, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt, um die Geschichte ihrer väterlichen Familie aufzuschreiben …

„Vatertage“ ist definitiv anders geschrieben als „Die Postkarte“, denn während letzteres eine mehr oder weniger lange, lineare Geschichte erzählte, besteht dieser Roman aus vielen sehr kurzen Kapiteln, die eher Momentaufnahmen festhalten: Teile einer größeren Geschichte, die man letztendlich nicht vollständig liest, aber sehr gut erspüren kann. Allerdings bin ich mir nicht sicher, wie mir dieser Erzählstil gefällt; einerseits liebte ich es, wie schnell der Roman sich auf diese Weise las, wie gut man von Kapitel zu Kapitel sprang und wie viele der Momente geschrieben waren. Andererseits war es sehr kurzweilig, ich habe mehr Momente vergessen, als ich im Kopf behielt und ich war nie emotional investiert, weil nie genug Zeit blieb, um tiefgreifende Gefühle zu entwickeln.

Es war trotzdem interessant, die Geschichte von Großvater Eugène und noch interessanter, die Geschichte von Vater Pierre zu erfahren, weil beide so einiges erlebten und ich mir nur gewünscht hätte, ihre Erlebnisse wären ausführlicher erzählt worden; so gut es mir gefiel, das Buch aufgrund der kurzen Kapitel so schnell lesen zu können, hätte es meiner Meinung nach mehr davon profitiert, sich auf die wichtigsten Erlebnisse zu konzentrieren. Statt die volle Geschichte der drei Generationen in so vielen kurzen Kapiteln zu erzählen, wäre es, finde ich, besser gewesen, lieber detailliert auf einige wenige Momente einzugehen, um sich wirklich in diese fallen lassen zu können.

Diejenigen, die einen Roman aus Momentaufnahmen und kurze Kapitel lieben, werden „Vatertage“ sicher mögen, doch für mich bot die Geschichte leider nicht genug, um in sie investiert zu werden.

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
240 Seiten

Die Urgroßmutter Henrike, die Schafe aufschneidet und ihren Mann während des Geburtstags des Kaisers kennenlernt. Die Großmutter Hilde, die den Krieg mit erhobenen Armen begrüßt, dann aber nie wieder etwas über ihn erzählt. Die Mutter Miriam, die sich der Studentenrevolution anschließt und in späteren Jahren in Depressionen versinkt. Und Alma, die die Familiengeschichte aufdröseln will, vom Großonkel Benedikt, der die ersten fünfzehn Jahre schläft, über ihren Onkel David, der komplett aus Holz besteht, und den Menschen, die sie über die Jahre und Jahrzehnte begleiten …

Ich habe das Buch bereits vorab lesen dürfen (hier meine erste Rezension), wollte es jedoch unbedingt noch einmal lesen, um die Szenen, Stilmittel und die Magie, die in ihnen liegt, noch mehr wertschätzen zu können. Ich bin immer noch beeindruckt von Anna Maschiks Schreibstil und der Art und Weise, wie sie mit wenigen Worten ganze Bilder und Geschichten erschuf, wie sie sogar ohne Worte einen bleibenden Eindruck hinterließ. Ich liebe es, wie diese Familiengeschichte in Momentaufnahmen erzählt wurde, die sich mir schon seit Monaten ins Gedächtnis brannten und mit der Erfrischung der Lektüre sogar noch mehr.

Dieses Mal habe ich mir auch einen kleinen Stammbaum erstellt, um den Überblick über die Familienmitglieder zu behalten, was tatsächlich sehr geholfen hat. Henrike, Hilde, Miriam und Alma sind die Protagonistinnen, doch auch die Männer der Familie bekommen denkwürdige Rollen, wobei mir sowohl Benedikt als auch David sehr gefielen.

Noch mehr als beim ersten Mal empfand ich die Szenen, die als magischer Realismus interpretiert werden können, als Szenen, die man realistisch interpretieren soll – nur, auf welche Weise, bleibt den jeweiligen Leser:innen überlassen. Es machte mir sehr großen Spaß, mir zu überlegen, wofür gewisse Bilder wohl stehen.

Neben den Szenen, die eine wichtige Wiederholung der Familiengeschichte zeigten, mochte ich besonders diejenigen, die nicht aus klassischem Erzähltext, sondern aus Auflistungen bestanden, weil es so eindrucksvoll war, wie so wenige Worte einen so starken Effekt haben konnten.

Insgesamt also ein wunderbarer literarischer Roman, der durch seinen metaphorischen Schreibstil überzeugt!

Ellis
152 Seiten

Nachdem die Ehe ihrer Eltern zerbricht, zieht Ellis mit ihrer Mutter von Italien nach Deutschland. Dort findet sie in dem Mädchen Grace bald eine gute Freundin. Nach einem Ereignis leben sie sich auseinander, treffen aber mehrere Jahre später wieder zusammen. Ellis beschließt, mit Grace Urlaub bei ihrer Familie in Italien zu machen. Dort muss sie sich nicht nur fragen, wer sie selbst eigentlich ist, sondern auch, welche Gefühle sie für Grace hat ...

In Momentaufnahmen erzählt Selene Mariani von Ellis' und Grace' Freundschaft, aber auch von Ellis' Leben allgemein. Die Kapitel sind allesamt kurz, wodurch sich dieses Buch in weniger als zwei Stunden durchliest, sofern man sich nicht die Zeit nimmt, die einzelnen Szenen auf sich wirken zu lassen. Allein deshalb plane ich, das Buch noch einmal zu lesen, weil es trotz seiner Kürze erfolgreich darin war, mir sowohl Ellis' Innenleben als auch ihre komplizierte Freundschaft zu Grace zu beschreiben.

Die einzige Kritik sehe ich in der achronistischen Erzählweise. Die Kapitel springen regelmäßig zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin und her, was es aufgrund ihrer Kürze manchmal schwer machte, einzuordnen, wo man sich befindet. Auch deshalb lohnt sich ein zweiter Lesedurchgang.

Aus diesem Grund empfehle ich allen, die das Buch zum ersten Mal lesen, sich ruhig Zeit damit zu lassen, damit die Geschichte ihre volle Wirkung entfalten kann!