Darm mit Charme: Alles über ein unterschätztes Organ
288 Seiten

Giulia Enders schafft es in diesem Buch, komplexe(re) anatomische, medizinische, biologische Vorgänge verständlich und mit viel Humor zu erklären, ihr Fachwissen runterzubrechen auf eine leichte Sprache, die Laien wie ich gut verstehen. Ergänzt wurde das Buch mit liebevollen Illustrationen von der Schwester der Autorin. Ich habe durch dieses Buch sehr viel gelernt und werde entsprechend viel für mich mitnehmen. Ein sehr unterhaltsames und lehrreiches Buch, welches ich schon vor Jahren hätte lesen sollen. Auf jeden Fall weiterzuempfehlen!

Das Ausatmen passiert ganz von selbst. Wären wir durchsichtig, könnten wir sehen, wie schön sie aussieht: wie ein Aufziehauto in Gross und weich und lungig. Während manchmal einer von uns dasitzt und denkt: "Keiner mag mich", legt sein Herz gerade die siebzehntausendste 24-Stundenschicht für ihn ein - und hätte jedes Recht, sich bei solchen Gedanken ein bisschen aussen vor gelassen zu fühlen. (S.18)

Jeder hat seinen Haushälter schon einmal gehört: Es ist das Magenknurren, und das kommt nicht nur aus dem Magen, sondern vor allem aus dem Dünndarm. Wir knurren nicht, weil wir Hunger haben, sondern weil nur zwischen dem Verdauen endlich mal Zeit fürs Putzen ist. Wenn Magen und Dünndarm leer sind, ist die Bahn frei, und der Haushälter kann loslegen. [...] Wenn man in dieser Zeit etwas isst, wird die Putzaktion sofort abgebrochen. Es soll schliesslich in Ruhe verdaut - und nicht durchgefegt werden. Wer also immer etwas nascht, lässt keine Zeit für Sauberkeit. Diese Beobachtung trägt dazu bei, dass einige Ernährungswissenschaftler empfehlen, fünf Stunden Pause zwischen den Mahlzeiten zu machen. Ob es bei jedem genau fünf Stunden sein müssen, ist allerdings nicht bewiesen. Wer ordentlich kaut, lässt weniger Arbeit für seinen Haushälter liegen und kann auch mal auf seinen Bauch hören, wenn es um das nächste Essen geht. (S.98-99)

Stress ist vermutlich einer der wichtigsten Reize, die Hirn und Darm miteinander besprechen. Wenn unser Gehirn ein grosses Problem (wie Zeitdruck oder Ärger) fühlt, dann will es dieses Problem lösen. Dafür braucht es Energie. Die leiht es sich vor allem vom Darm. Der Darm bekommt über sogenannte sympathische Nervenfasern mitgeteilt, dass hier gerade eine Notsituation herrscht und er ausnahmsweise gehorchen muss. Er spart kollegialerweise Energie beim Verdauen ein, produziert weniger Schleimstoffe und fährt seine eigene Durchblutung herunter. Dieses System ist allerdings nicht für die Daueranwendung gebaut. Wenn das Gehirn permanent Ausnahmesituationen meldet, nutzt es die Gutmütigkeit des Darms aus. In so einem Moment muss der Darm auch mal unschöne Signale zum Gehirn schicken - sonst ginge es ja immer so weiter. Wir können uns dann abgeschlagener fühlen oder unter Appetitlosigkeit, Unwohlsein oder Durchfall leiden. (S.141)

Wie können Bakterien dick machen? [...] Moppelbakterien sind effiziente Kohlenhydrat-Aufspalter. Nehmen die Moppelbakterien überhand, haben wir ein Problem. [...] Manche. kriegen lästige Fettpolster, obwohl sie nicht mehr essen als andere - ihre Darmflora holt eventuell einfach mehr aus dem Essen heraus. Wie ist das möglich? Aus unverdaulichen Kohlenhydraten können Bakterien verschiedene Fettsäuren herstellen: gemüseliebende Bakterien mache eher Fettsäuren für Darm und Leber, andere Bakterien produzieren Fettsäuren, die auch noch den Rest unseres Körpers mitfüttern. Eine Banane kann deshalb weniger dick machen als ein halber Schokoriegel mit derselben Kalorienanzahl - pflanzliche Kohlenhydrate erregen eher die Aufmerksamkeit der Lokalversorger als die der Ganzkörper-Fütterer. (S.195)

Jeder, der einen Mund und einen Finger hat, kann diese Madenwürmer kriegen. Finger- und Mundlose sind hier also endlich mal im Vorteil. (S.229)

Bei der Angsthygiene geht es darum, alles wegzuputzen oder abzutöten. [...] Je höher die Hygienestandards in einem Land sind, desto mehr Allergien udn Autoimmunkrankheiten gibt es dort. [...] Mehr als 95 Prozent aller Bakterien auf dieser Welt tun uns nichts. Viele helfen uns sehr. Desinfektion hat im normalen Haushalt nichts zu suchen - ausser jemand in der Familie ist krank oder der Hund hat auf den Wohnzimmerboden gekackt. [...] Wenn der Boden voller Schuhabdrücke ist, dann reicht allerdings Wasser ein Tropfen Reinigungsmittel. Die beiden reduzieren die Bodenbakterien bereits um bis zu 90 Prozent. Die normal Fussbodenbevölkerung hat so die Chance, wieder zurückzukehren - vom schlechten Rest ist dafür einfach zu wenig übrig. Beim Saubermachen sollte es darum gehen, weniger Bakterien zu haben - nicht gar keine. Auch schlechte Bakterien können gut für uns sein, solange unser Körper sie zum Trainieren benutzen kann. (S.237)

Sauberkeit bedeutet nicht, alles Bakterielle auszulöschen. Sauberkeit ist ein gesundes Gleichgewicht aus genügend guten Bakterien und wenigen schlechten. Das bedeutet: kluger Schutz vor wahren Gefahren und manchmal das gezielte Ausbreiten von Gutem. (S.242-243)

Wer sich aus unnötigen Antibiotika-Darmkriegen raushalten möchte, ist mit diesen vier Punkten gut beraten: [...] 3. Gemüse und Obst gut waschen. Das hat auch mit der Tierhaltung zu tun. Denn der Kot unserer Tiere wird gerne als Dünger benutzt. Die Gülle kommt aufs Feld. Obst und Gemüse werden in Deutschland nicht auf Antibiotika-Rückstände getestet - auf resistente Darmbakterien schon gar nicht. In Milch, bei Eiern und Fleisch werden zumindest bestimmte Grenzwerte kontrolliert. Also lieber einmal zu viel waschen als einmal zu wenig. Schon geringe Mengen Antibiotika können bei Bakterien Resistenzen fördern. (S.247-248)

← alle Einträge von humble_bee