Lesetagebuch
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Klara and the Sun
 320 Seiten

Können wir Maschinen das Denken und Fühlen beibringen? Wir versuchen es zumindest. Klara ist so ein Versuch, ein solarbetriebener, artifizieller Kompagnon für einsame Menschenkinder. Klara ist die Erzählerin des Buchs. Sie denkt, sie fühlt, vor allem beobachtet und imitiert sie uns. Dabei ist sie unaufgeregt und berechenbar, geradezu langweilig. Immerhin entwickelt sie als Nebeneffekt einen eigenen Sonnenglauben, kann und will das aber nicht näher erklären. Klaras Intelligenz, ihr Bewusstsein, ist letztlich unerklärlich wie bei Menschen.

Das Buch spielt in einer nicht all zu fernen Zukunft, es wird nicht viel erklärt, eigentlich gar nichts. Was wir mitkriegen: Die Mittelschicht lässt ihre Kinder genetisch optimieren, »anheben«, damit sie es zu etwas bringen. Was schief gehen kann. Außerdem sind viele Menschen sind durch Digitalisierung (KI? Roboter?) arbeitslos geworden.

Klara wird Josie an die Seite gestellt, bei der das »Anheben« zu Komplikationen geführt hat. Ihre Schwester ist bereits an solchen Komplikationen gestorben. Frühzeitig warnt Josie ihre Klara: Seltsames geht in ihrem Zuhause vor. Als der Plan der alleinerziehenden Mutter aufgedeckt wird, fühlt sich das nach Horrorstory an.

Klara muss sich entscheiden: Wem gegenüber ist sie loyal und welchen Preis ist sie bereit zu zahlen? Wir dürfen entscheiden, ob die lange Zeit langweilige Maschine durch einen Akt der Selbstaufgabe Mensch geworden ist – und ob das noch einen Unterschied macht.

This Is How They Tell Me the World Ends
 528 Seiten

Sicherheitslücken sind ein Geschäft. Halbseidene Broker und Hacker ohne Gewissen verkaufen Bugs an Geheimdienste, Militärs und Behörden. Wie kaum jemand sonst ist NYT-Reporterin Nicole Perlroth in diese Welt eingetaucht und kann beschreiben, wie dieser Markt funktioniert und wozu die Sicherheitslücken genutzt werden: Für einen asymmetrischen Krieg, der Zivilisten trifft und sich an keine Konvention hält. In ihrer epischen Erzählung verknüpft sie den Hackerangriff auf iranische Uran-Zentrifugen, die Snowden-Enthüllungen, den Angriff auf die Reederei Maersk, Stromausfälle in der Ukraine und russische Kampagnen gegen die Wahl in den USA. Sie zeigt, wie Staaten, allen voran die USA, mit dem Kauf von Sicherheitslücken ein Problem eskaliert haben: Die Schwachstellen gehören gefixt, nicht ausgenutzt. Denn niemand kann garantieren, dass eine Lücke nicht gefunden wird - von wem auch immer. Zuletzt sind der NSA eine ganz Batterie streng geheimer und hoch gefährlicher Exploits geklaut worden - die Folgen waren weltweit zu spüren, die Schäden gigantisch. Was dieses Buch auszeichnet: Es basiert auf jahrelanger, gründlicher Recherche, nicht auf Unkenrufen oder akademischen Überlegungen. Gleichzeitig liest es sich wie ein Thriller.

(Die SPIEGEL-Enthüllungen über die NSA-Hackertruppe Tailored Access Operations und ihre Zero-Day-Werkzeuge kommen natürlich auch vor.)

No One Is Talking About This
 224 Seiten

»No One Is Talking About This« von Patricia Lockwood. Ähnlich wie »Fake Accounts«, liest sich aber erwachsener, schlauer, umgreifender. Die Erzählerin lebt auf Twitter, das hier »Portal« heißt, ist für ein Mem bekannt – »Can a dog be twins?» – und fragt sich, inwiefern ihre Welt das Ergebnis russischer Cyberoperationen ist. Die erste Hälfte ist wahnsinnig komisch, richtig gut beobachtet – so fühlt es sich an, online zu sein. Die zweite Hälfte handelt von einer familiären Krise und Aufenthalten in der Intensivstation eines Krankenhauses. Wenn schon Kontrast, dann richtig. Weil die Erzählerin aber mit dem Internet groß geworden ist, ihr Denken vom Hivemind geprägt ist, von Mems, von den Gesetzen der Aufmerksamkeit, zerfließt die Trennung: Offline gibt es nicht mehr. Es ist erst Februar, aber dieses Buch zu toppen, scheint kaum möglich.

Fake Accounts
 272 Seiten

»Fake Accounts« von Lauren Oyler. Die Millennial-Erzählerin lebt in Brooklyn, ist extremely online, arbeitet bei »BuzzFeed«, das so nicht heißt, und will sich von ihrem Freund trennen, weil sie sein digitales Doppelleben als schlimmer Verschwörungstheoretiker entdeckt hat. Aber dann stirbt er vorher. Sie reist nach Berlin, wo sie ihn einst kennengelernt hatte, und ist viel auf OkCupid. Ihren Dates erfindet sie immer neue Geschichten. Zum Teil erzählt in Absätzen von der Länge eines Facebook-Postings - aber ironisch, klar. Alles sehr Zeitgeist und postmodern, toll beobachtet und eingefangen. Die Millennial-Vertreterin merkt auch, das ihre distanzierte Haltung mit der neuen Ernsthaftigkeit der Gen Y clasht. Letztlich bleibt die Frage, was überhaupt noch Bedeutung hat, wo alles ausgedacht ist.

↑ 2021
2020 ↓
Stop Reading the News
 176 Seiten

Rolf Dobelli liest keine News, weil andere es tun und ihm Bescheid sagen, wenn es wichtig wird. Rolf Dobelli richtet seinen Laserfokus auf höchsten zwei Themen. Alles andere lenkt ab. Er hat das bei Warren Buffett gelesen. Sein Verzicht spart ihm zwei Monate Lebenszeit im Jahr. Dass News wertlos sind, macht er am niedrigen Lohn von Journalistinnen und Journalisten fest. Und dass sein Kontostand nicht steigt, wenn er News liest. Ich dachte, da kommt mehr - stattdessen nur dreiseitige Kapitel, kurze Gedanken, schnelle Sätze. Fantasielos, egozentrisch, verbohrt. Hier schreibt jemand, der alles weiß und doch nichts wissen will. "Stop reading the news" hat mich weder reicher noch schlauer werden lassen. Liegt sicher nicht am Autor.