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Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit
478 Seiten

Entgegen der weitverbreiteten Meinung, dass der Mensch grundsätzlich bös sei, zeigt Rutger Bregman anhand vieler Beispiele auf, warum im Gegenteil die meisten Menschen im Grunde gut sind und dass eine bessere Welt (gerechter, menschlicher) möglich wäre, wenn wir dies nur erkennen würden.

Lange schon lag das Buch bei mir, zum Glück habe ich mich nun endlich dazu aufgerafft es zu lesen. Das Buch hat seine Längen und vielen Dingen kann ich trotz seinen überzeugenden Worten nicht so optimistisch entgegenschauen, wie er wohl gerne hätte. Auf der anderen Seite vermisste ich auch gewisse Themen. Wieso geht Bregman nicht auf den Kolonialismus ein? Auch den Holocaust, finde ich, wurde zu wenig thematisiert. Aber: Nichtsdestotrotz war es sehr lehrreich und spannend, auch überraschend und sehr oft erfreulich, was Bregman schrieb. Gerade das Kapitel über das Geheimnis der Osterinsel oder die Recherche zu "der Herr der Fliegen" in Echt. Auch die Fassadentheorie fand ich einen sehr interessanten Ansatz. Sie besagt, dass unsere moderne Gesellschaft (mit ihren Regeln, Institutionen und Normen), wie eine dünne Fassade ist – eine künstliche Schicht, die unser wahres, grundlegend gutes Wesen oft verdeckt. Bregman argumentiert, dass der Mensch von Natur aus kooperativ und hilfsbereit ist, aber diese Eigenschaften durch Misstrauen, Konkurrenzdenken und ungerechte Systeme unterdrückt werden. Die Fassade (z.B. Hierarchien, Strafe, Kontrolle) soll Ordnung schaffen, doch sie basiert oft auf einem pessimistischen Menschenbild. Wenn die Fassade bröckelt (z.B. in Krisen), kommt nicht das Schlechte, sondern das Gute im Menschen zum Vorschein – Solidarität, Mitgefühl, Zusammenhalt. Bregman plädiert dafür, Systeme zu schaffen, die dieses Grundvertrauen stärken, statt es zu ersticken.

Ich habe viel mitgenommen aus diesem Buch und versuche zukünftig, auch wenn es mir nicht leicht fallen wird, mehr an das Gute im Menschen zu glauben.

Was sagte Rousseau doch gleich dazu? "Der Erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und es sich einfallen liess zu sagen: dies ist mein" - damit ging es schief. Es muss eine grosse Aufgabe gewesen sein, die Menschen davon zu überzeugen, dass Land, Tiere oder selbst Menschen Eigentum von jemand anderem sein könnten. Denn Jäger und Sammler teilten immer so ziemlich alles. Ausserdem begann mit der Erfindung des Besitzes die Ungleichheit zwischen den Menschen zuzunehmen. Nach dem Tod wurde das Eigentum sogar an die nächste Generation weitergegeben. So wurde das Erbe erfunden, das die Kluft zwischen Arm und Reich weiter vergrösserte. Faszinierend ist, dass in genau dieser Periode nach dem Ende der Eiszeit auch die ersten Kriege ausbrachen. Genau zu der Zeit, als wir uns an einem Ort niederliessen, errichteten wir auch die ersten militärischen Befestigungen, zeigt sich an archäologischen Untersuchungen. [...] Wie konnte es soweit kommen? Wissenschaftler vermuten wenigstens zwei Ursachen. An erster Stelle gab es jetzt Besitz, um den man kämpfen konnte, vor allem um Land. An zweiter Stelle hat uns das sesshafte Leben misstrauischer gegenüber Fremden gemacht. (S.124-125)

Mit der ersten Siedlungen und der Erfindung des Privateigentums begann eine neue Ära in der Menschheitsgeschichte. Ein Prozent würde die restlichen 99 Prozent unterdrücken. Grossmäuler wurden zuerst Kapitäne, dann Generäle, erst Häuptlinge, dann Könige. Die Ära der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war dahin. (S.126)

Vor allem Frauen zahlten einen hohen Preis für das Sesshaftwerden an einem Ort. Mit der Erfindung des Privateigentums und der Landwirtschaft ging die Zeit des Proto-Feminismus zu Ende. [...] Im Laufe der Jahrhunderte wurden heiratsfähige Töchter auf verhandelbare Güter reduziert, als wären sie Kühe und Schafe. [...] Während Frauen in der Urgeschichte frei herumliefen, wurden sie nun verschleiert und ans Haus gebunden. Das Patriarchat wurde geboren. (S.127-128)

Um ein Fazit bezüglich der Osterinsel zu ziehen: Was bleibt von der alten Geschichte? Der Geschichte von egoistischen Inselbewohnern, die ihre eigene Zivilisation vernichteten? Praktisch gar nichts. Es gab keinen Krieg, keine Hungersnot, keinen Kannibalismus. Die Abholzung des Waldes machte die Insel nicht ärmer, sondern produktiver. Das Massaker um 1680 hat nie stattgefunden, die eigentliche Zerstörung erfolgte erst nach 1860. Die Ausländer fanden kein Chaos vor, sie richteten eines an. [...] Kurz gesagt, die wahre Geschichte der Osterinsel ist eine Geschichte von Widerstandsfähigkeit und Einfallsreichtum. Es ist keine Botschaft einer Katastrophe, es ist eine Quelle der Hoffnung. (S.160-161)

Mehr Emotionen, mehr Gefühl, mehr Empathie! Aber das ist unmöglich. Probieren Sie es aus: Versetzen Sie sich in die Lage einer Person. Und dann von hundert. Und dann von einer Million. Und dann von sieben Milliarden. Unmöglich. In Wirklichkeit ist Empathie ein hoffnungslos eingeschränktes Gefühl, so Professor Bloom. Empathie empfinden wir vor allem für Menschen, die uns nahestehen. [...] Als ich das Buch von Bloom las, dämmerte mir, was der Empathie ähnelt. Die Nachrichten. Bereits im 1. Kapitel habe ich gezeigt, dass die Nachrichten ebenfalls wie ein Scheinwerfer funktionieren. Und wie Empathie täuschen. Indem sie auf den Einzelnen heranzoomen, täuschen die Nachrichten, indem sie sich vor allem auf die Ausnahme fokussieren (Unfall! Anschlag! Krieg!). Eines ist sicher: Wer sich nach einer besseren Welt sehnt, kommt mit ein bisschen Empathie nicht weit. Schlimmer noch: Empathie kann der Vergebung im Wege stehen, denn Menschen, die sich stärker in die Opfer einfühlen, verallgemeiners auch ihre Feinde stärker. Der Mechanismus ist immer derselbe: Wir setzen unsere Lieben ins rechte Licht und werden blind für die Perspektive unserer Gegner, die ausserhalb unseres Blickfeldes stehen. Das ist der Mechanismus, von dem Brian Hare [...] gesprochen hat. Der Mechanismus, der uns in die netteste und grausamste Spezies auf dem Planeten verwandelt hat. Es ist ein unbequeme Wahrheit: Empathie und Fremdenfeindlichkeit sind zwei Seiten derselben Medaille. Warum tun gute Menschen also böse Dinge? Ich denke, wir können jetzt den Anfang einer Antwort formulieren. Die Soldaten der Wehrmacht kämpften in erster Linie füreinander. Die meisten von ihnen wurden nicht von Blutgier oder Sadismus angetrieben, sondern in erster Linie von Kameradschaft. Es hat sich weiterhin herausgestellt, dass es Soldaten schwerfällt, zu töten. (S.243-244)

Gewaltloser Widerstand ist sehr viel effektiver als gewaltsamer Widerstand. [...] Es zeigte sich, dass über 50 Prozent der friedlichen Kampagnen erfolgreich waren, gegenüber 26 Prozent der gewaltsamen. Der wichtigste Grund hierfür, hielt Chenoweth fest, bestände darin, dass sich mehr Menschen an dem gewaltlosen Widerstand beteiligten. Durchschnittlich mehr als elfmal so viele, um genau zu sein. Und dabei handelte es sich nicht nur um junge Männer mit zu viel Testosteron, sondern auch um Frauen und Kinder, Ältere und Menschen mit Behinderungen. Regime sind solchen Menschenmassen nicht gewachsen. Das Gute besiegt das Böse durch seine schiere Überzahl. (S.393)

Der Umgang mit Fremden ist etwas, das wir lernen müssen, am besten von klein auf. Sollte nicht jeder in jungen Jahren, so wie Abraham Viljoen während seines Studiums, eine Reise machen müssen? "Reisen ist für Vorurteile, Bigotterie und Engherzigkeit lebensgefährlich", schrieb Mark Twan bereits 1869. Das bedeutet nicht, dass wir nicht wir selbst sein dürfen. Im Gegenteil, eine der wichtigsten Erkenntnisse der "Kontakt"-Wissenschaftler lautet, dass sich Vorurteile nur beseitigen lassen, wenn wir unsere Identität bewahren. Wir dürfen die Erfahrung machen, dass wir anders sind und dass daran nichts Falsches ist. Unsere Identität darf ein Haus mit starkem Fundament sein. Und dann können wir die Türen öffnen. (S.396-397)