Bücherregal lädt …
Geschichte zum Anfassen
573 Seiten

Wie haben die Menschen vergangener Zeiten tatsächlich gelebt? Archäologie stellt sich diese Frage in der Regel theoretisch, doch Sam Kean möchte mithilfe eigener Experimente zeigen, wie alltägliche Aufgaben in verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern tatsächlich aussahen. Von der Zeit der Jäger und Sammler bis zum Untergang der Azteken beschreibt und testet er mithilfe von Experten so ziemlich alles: Das Werfen mit einer Speerschleuder, das Mumifizieren von Tieren, das Herstellen antiker Frisuren und Tätowierungen, sogar das Aufschneiden eines Gehirns. Gleichzeitig erzählt er von möglichen Erlebnissen, die ein Mensch damals gemacht haben könnte, mit all den Strapazen, die damit einhergingen …

Die Struktur dieses Sachbuchs ist das, was es besonders macht: In elf Kapiteln folgt nach einer kurzen Einleitung abwechselnd eine fiktive Erzählung, die sich auf wahre Fakten stützt, und Sam Keans Erläuterungen und Experimente, die in den jeweiligen Erzählungen beschrieben wurden. Das sorgte für eine angenehme Abwechslung, durch die ich sowohl in die Erzählung als auch in seine Experimente investiert war. Tatsächlich war ich überrascht, wie sehr ich darauf brannte, zu erfahren, wie verschiedene Geschichten und Versuche ausgehen, obwohl ich ja wusste, dass die Geschichten fiktiv und die Versuche sicher waren!

Zugegeben stellt sich Sam Kean bei den meisten Experimenten mehr schlecht als recht an, aber gerade das macht die Versuche erstaunlich charmant und demonstriert gleichzeitig, wie schwer sie wirklich sind. Allerdings braucht man stellenweise einen stabilen Magen für manche der Versuche – schon die Beschreibung des Mumifizierens war nicht leicht zu lesen, aber das Kapitel mit dem Aufschneiden des Gehirns war wirklich nichts für schwache Nerven.

Weil ich die halb-fiktiven Erzählungen so mochte, möchte ich ihnen allen einen kurzen Satz widmen:

  • Kayate im prähistorischen Afrika investierte mich gleich von Anfang an, weil mit jedem Scheitern immer mehr für ihn auf den Spiel stand;
  • die Jägerin Asana in Südamerika konnte mich ebenfalls fesseln, weil das Mysterium um eine Fremde zusammen mit einer gefährlichen Jagd für eine spannende Mischung sorgte;
  • Darga in der Türkei hat sich mir nicht allzu eingebrannt, aber dafür war die Szenerie der Stadt Çatalhöyük mit Abstand die erinnerungswürdigste Ortschaft;
  • Amon im antiken Ägypten hatte den Vorteil, dass ich das antike Ägypten allgemein mag, weshalb mir auch seine Geschichte sehr gut gefiel;
  • Loa, Navigatorin in Polynesien, hatte einen besonders coolen Charakter, aber handlungstechnisch passierte leider nicht allzu viel;
  • die Sklavin Zyrmina in Rom war wohl meine liebste Geschichte, weil ihr Charakter, die Handlung und die Ortschaft gleichermaßen großartig waren;
  • bei Nadu in Kalifornien erinnere ich mich zugegeben nur noch an das überraschend zufriedenstellende Ende;
  • auch von Ciaran bei den Wikingern habe ich nicht mehr viel in Erinnerung, weil das das Kapitel war, indem Sam Kean sich dem Aufschneiden eines Gehirns widmete;
  • dafür konnte mich Amaruq in Nordalaska wieder fesseln, weil ihre Situation so drängend und risikoreich war;
  • der Eunuch Jiaolong im alten China konnte durch eine einnehmende Liebesgeschichte überzeugen;
  • und schließlich haben wir Huehmac in Mexiko, bei dem ich mich eher an Sam Keans Ullamaliztli-Spiel erinnere als an die erzählte Geschichte.

Insgesamt also eine Sammlung an vielen guten Geschichten, die, wie Sam Kean betont, zwar fiktiv sind, aber so oder so ähnlich durchaus hätten passiert sein können, weil sie sich auf überlieferte Fakten stützen, die auch während den Geschichten selbst eingestreut werden. Sollte ich das Buch noch einmal lesen, kann ich mir gut vorstellen, mich ganz auf die Erzählungen zu fokussieren!

Ein letztes kleines Lob, das nichts mit dem Inhalt selbst zu tun hat, ich aber unbedingt erwähnen möchte: die Erzählungen und Keans Erläuterungen werden durch verschiedene Symbole voneinander abgegrenzt, die nicht nur zur Geschichte passen, sondern stets unterschiedlich sind: So haben wir bei Zyrmina in Rom zum Beispiel vier Erzählungs- und drei Erklärungsabschnitte, die durch sechs verschiedene Symbole voneinander abgetrennt werden: Pflanzen, Tempel, Frisuren, Nadel und Faden, Vulkane und Halsbänder. Die Tatsache, dass nicht einfach dasselbe Symbol für jede Abgrenzung benutzt wird und die Symbole zudem immer zum jeweiligen Abschnitt passen, war bei jeder Geschichte ein kleines, aber unglaublich charmantes Detail. Großes Lob an die Person, die dafür verantwortlich ist, denn obwohl es nur ein visueller Aspekt war, trug er so einiges zur Lesefreude bei!

Insgesamt also ein Sachbuch, das vor allem durch seine Erzählkunst überzeugt und allein deshalb empfehlenswert ist, aber auch wegen der sehr anschaulichen Experimente, bei denen der Autor an seine Grenzen geht!