Yesteryear
464 Seiten

Das war ein echter Pageturner. Offensichtlich ist es eine Gegenschrift an die MAGA-Leute und Tradwifeinfluencer, aber es gibt noch andere Themen, über die man nachdenken kann. So wird bspw Natalie immer beobachtet, das ist eigentlich ein Hauptthema. Hier spiegelt sie eigentlich ihre älteste Tochter wider. Wenn einem das auffällt, dann kann man auch herauslesen, dass alles, was sie tut, distanziert und performativ ist, es erklärt eventuell auch ihren Empathie-Skill von 0% (gipfelt in der Bratenspritzenszene). Sie liest in ihrem Collegezimmer nicht, weil sie unbedingt intrinsisch motiviert ist, sondern um sich von den anderen abzuheben. Und das Christentum scheint sie auch "einfach so" zu machen und nicht aus innerer Überzeugung, ihr ganzes Tun ist hierbei ein einziges actum performans. Hierin eifert sie eigentlich ihrer Mutter nach (einzige richtige positive Bezugsperson), ironischerweise wird eine ihrer Hauptwahrheiten gegen Ende als Lüge, als unchristliche Lüge, entlarvt.

Anderes Thema ist natürlich die Zeit, darüber kann man auch denken wie man will. Ich finde es gut, dass es nicht mit genauen Zahlen benannt wird. Das Kennenlernen von Natalie und Caleb kann man vielleicht auf Anfang der 10er Jahre eingrenzen, weil sie da kurz danach den Wechsel von Klapphandy zu Smartphone vollziehen, auf der anderen Seite ist die Monetarisierung von Instagram und die Podcasterei etwas zu "früh".

Feminismus lässt sich mit dem Roman natürlich auch vielseitig denken, allein durch die verschiedenen Frauenfiguren (Mutter, Natalie, Schwiegermutter, Produzentin, Nannys, Saisonarbeiter, "Fans").

Sie ist jedem Menschen gegenüber unempathisch und sie ist im doppelten Sinn unreliabel. Man muss nur drauf achten, wie und was die anderen immer antworten. Wie sie mit ihrer Schwester spricht, ist abartig (mehrfach), wie sie über ihre Mitbewohnerin denkt ebenfalls, die Konfrontation mit ihrer Mutter ist satisfying und das Ausmaß von Cope unglaublich.

Der Twist war sehr gut.

Prinzipiell wäre mein Take: Eine Person, die nur schaut, aber nicht sieht (durch Beobachtung), hält uns spannend bei der Stange und nebenbei belustigen wir uns über (die leider sehr reale) MAGA- und Manospherewelt und können darüber nachdenken, was heutzutage eigentlich vom Feminismus übrig ist. Ein Roman, der zurecht gehyped wird.

Der Baader-Meinhof-Komplex
672 Seiten

Für mich ist der Deutsche Herbst eine der Top 5 Epochen in der deutschen Geschichte. Sehr spannend von einem Zeitzeugen niedergeschrieben, beginnend von Anti-Vietnam und Apo bis zum Ende in den 80ern. Zwischendurch nur ganz kleine Längen, die zu Aufzählungen verkommen, aber meistens ist es so spannend, dass man auch vermeintlich langweiligen Passagen angeregt lauscht.

Das gute Benehmen
276 Seiten

Der Roman ist sehr gut und interessant zu lesen. Man sympathisiert mit keinem richtig, erst recht nicht mit der Erzählerin Aroon.

Was ich eher amüsant fand ist das Vorwort von Tara-Louise Wittwer. Meiner Meinung nach (und dem Deutschlandfunk auch) hat sie den Charakter nicht verstanden, bzw ihn in eine sehr eigene Sichtweise gepackt, sie will sie in eine feminist icon packen. Das ergibt aber halt leider null Sinn. Sie leidet nicht primär an den starren Strukturen des Patriarchats und der Regeln und Normen des irischen Landadels, sondern vor allem an ihrer eigenen Unfähigkeit, sozialen Inkompetenz und, sorry, Dümmlichkeit. Deswegen irritiert sie und stößt die anderen ab. Die denken sich halt "WTF". Das hat nicht mit der Rolle als Frau zu tun.

Alle glücklich: Roman
288 Seiten

4 Menschen.

Der Vater ist ein sexuell übergriffiger Oberarzt ohne Selbstreflexion, er kann nichts falsch machen. Ekelhafter Typ.

Die Mutter gab ihr Selbst für die Kinder auf, entdeckt in ihrem geheimen Nebenjob als Kassiererin die Liebe zu einer anderen Frau.

Die Tochter (16) hat einen Freund (18), der sie zu einem Dreier drängt und fallen lässt. Am Ende Genugtuung, da er geshamed wird.

Der Sohn (19) ist ein Loser, gerät in die Fänge eines Alpha-Coaches, der aber kein Alpha-Coach ist; nachdem er (ganz normal und nett) seinen Crush anspricht und brüsk abgewiesen wird, will er sich zu Tode fahren und scheitert.

Am Ende ist die Mutter in Aufbruchstimmung und will sich trennen, die Tochter hält zu ihr und der Sohn wacht grad aus seiner Katatonie auf. Für den Vater besteht keine Hoffnung.

434 Tage
200 Seiten

So ausführlich und genüsslich über die Affäre berichtet wird, würde ich mir als Ehemann/Freund/Ehefrau/Freundin von Anne Freytag ehrlich Sorgen machen...

Hat mir nicht so gefallen, war ein unlikable female character, wie es seit neuestem heißt. Das Ende war auch etwas naja.