Die Manufaktur der magischen Worte
512 Seiten

Als Monicas Großmutter Yun beiläufig ihre Cousine Meng erwähnt, die sie seit mehreren Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, ist Monica entschlossen, wieder Kontakt zwischen den beiden zu knüpfen. Sie nimmt Verbindung zu einer Bekannten Mengs auf, der Studentin Louise. Diese übergibt ihr eine Nachricht von Meng an Yun: Ein einzelner Bleistift. Monica ist zunächst enttäuscht, bis sie schließlich ihr Familiengeheimnis herausfindet: Damals besaßen Yuns und Mengs Mütter die Phoenix Pencil Company in Shanghai, mit ganz besonderen Bleistiften, aus denen sie das Geschriebene wieder hervorlocken konnten. Bisher schwieg Yun über diese düstere Vergangenheit, denn damals war sie wie auch ihre Mutter dazu gezwungen, mit ihren Kräften unzählige Landsleute zu verraten …

Diese Geschichte ist recht gemächlich, erzählt aber eine einnehmende Familiengeschichte. Dabei ist der magische Realismus zwar ein wichtige Teil davon, aber auf eine Art und Weise geschrieben, die auch für Nicht-Fantasyleser:innen gut zu lesen sein sollte.

Zum einen geht es um Yun und Meng, die als Jugendliche in das Familiengeschäft der Bleistifte eingeführt werden, sich aber auch bemühen müssen, miteinander zurechtzukommen. Und dann geht es um Monica, die sich um ihre Großmutter Yun und ihren Großvater Torou kümmert, aber auch durch ihre wachsenden Gefühle zu Louise verunsichert wird.

Gerade diese Familienbindungen waren großartig umgesetzt: Ich liebte die langsame Romanze zwischen Monica und Louise, die viel Zeit miteinander verbringen und eine absolut großartige Chemie miteinander haben. Monicas Großeltern waren beide sehr sympathisch und auch ihre Liebe zu ihnen hat man deutlich gespürt. Die Bindung zwischen Yun und Meng war da schon komplexer, denn obwohl sie sich definitiv mögen, spielen auch viele Neid- und Schuldgefühle mit hinein.

Kommunikation spielt eine wichtige Rolle: Während Monica ein Programm benutzt, um ihren Teil der Geschichte aufzuschreiben, tut Yun es mit einem Bleistift. Mir machte es vor allem Spaß, die Magie der Bleistifte zu lesen und Monicas Nachrichten mit Louise zu lesen, denn beide Aspekte waren kreativ umgesetzt und bereicherten die Geschichte.

Was ich jedoch als Kritik empfunden habe, war die fehlende Spannung. Obwohl durchaus etwas passiert und Personen in Gefahr geraten, bekommen wir so wenig von letzterem mit und fokussieren und so sehr auf die persönlichen Beziehungen, dass die Handlung stellenweise auf der Strecke bleibt. Ich hatte das Gefühl, es würde nur wenig passieren und habe hauptsächlich wegen den Charakteren weitergelesen und nicht wegen der Handlung, in der sie sich befinden.

Aufgrund der Tatsache, dass die Geschichte quasi in Tagebucheinträgen erzählt ist, die Charaktere also rückblickend auf die Geschehnisse zurückblicken, fehlten ab und an tiefe emotionale Momente, aber dafür kamen umso mehr die vielen kleinen Szenen hervor, in denen sowohl die Familienbindungen als auch die Romanze glänzen konnte.

Letztendlich würde ich den Roman denjenigen empfehlen, die charakterfokussierte Geschichten mögen und nichts gegen eine langsame Handlung haben – denn so sehr mit die Charakterinteraktionen gefielen, hat mir ein Funken Spannung durchaus gefehlt!

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